grübelte angestrengt vor sich hin. Auf einmal hob er den Kopf und wagte einen schüchternen Einwand. , „ , ,
Ja aber dieser Kerl, dieser Fuchs, hat uns doch angelogen! Er hat doch jede Bekanntschaft mit Grau glatt geleugnet. Das sieht doch verdammt nach bösem Gewissen aus!"
Kling blieb vor ihm stehen. , , , ..
Darin haben Sie recht, Reuter. Nur mit unserer Sache hat das leider nichts zu tun. Vir bearbeiten die „Mordsachs Grau'^Und zu einer Mordsache gehört doch logischerweise in erster Linie ein Mord — nicht wahr t
Wachtmeister Reuter wiegte seinen runden Schädel eine Weile sinnend hin und her. Dann kam es zögernd aus ihm heraus:
„Gewiß, Herr Kommissar. Aber vielleicht — wenn man Fuchs endlich mal" festnehmen würde. Vielleicht käme dann auch irgendwo — der Ermordete zum Vorschein!"
Der Kommissar sah ihn überrascht an.
„Was soll das heißen, Reuter?" . . ...
„Nun, ich meine — wenn dieser Fuchs auch nicht der Ermordete ist, so würde ihn das ja nicht hindern, vielleicht der — Mörder zu sein!'
Er stockte, von der Kühnheit seiner eigenen Behauptung erschreckt, und bekam einen roten Kopf. Unter den gesenkten Lidern hervor schielte er mit einem raschen, scheuen Seitenblick nach seinem Vorgesetzten. Der stand einen Augenblick wie angedonnert und riß nervös an seinem Bärtchen. Diese Wendung der Sache schlug wie ein zündender Funke in ihm hoch und benahm ihm für Sekunden fast den Atem.
„Teufel noch eins", stammelte er erregt, „das ist gar keine schlechte Idee' Faul ist der Kunde jedenfalls, soviel ist klar! Und in die mysteriöse Mordaffäre ist er auf alle Fälle verwickelt, was durch die Postquittung einwandfrei erwiesen ist. Das muß genügen! Ich will meinen Kopf verwetten, daß wir schon manch einen mit weniger Grund festgenommen haben als diesen ehrenwerten Bürger!"
Er war mit einem Schritt am Schreibtisch und griff nach dem Telephon. „Ist umgeschaltet?"
„Jawohl, Herr Kommistar."
„Bitte dringende Verbindung mit Berlin, Polizeipräsidium!"
Klings Augen blitzten kampfbereit. Seine Wangenmuskeln spannten sich in eigensinniger Energie.
„Vielleicht gelingt es mir jetzt, ihnen Beine zu machen!
14.
Diesmal war es ein Samstagabend, als Inspektor Scharf und Jensen zum zweitenmal die vier schlechtbeleuchteten Treppen in der Jnvaliden- straße hinaufstiegen. Auch heute Samstag war das alte Geschäftshaus schon zur Ruhe gegangen. Die Büros hatten geschloffen, und nur hier und dort war hinter einer Tür das Getöse einer verspäteten Scheuerfrau zu hören.
Auf dem letzten Treppenabsatz machten die beiden Kriminalbeamten unwillkürlich halt und lauschten nach oben. Sie hatten die Entreetür der Fuchsschen Wohnung gehen hören. Und gleich darauf kamen zwei Personen die Treppe herab. Es war Caspar Fuchs mit einer schwarzgekleideten Dame. Beide waren augenscheinlich in bester Laune, denn Fuchs pfiff einen Gassenhauer, und seine Begleiterin imitierte geschickt das nasale Quäken des Saxophons.
Da vertrag ihnen an der Biegung der Treppe plötzlich Jensen den Weg. Er hätte viel darum gegeben, wenn er das Gesicht der Dame hätte sehen können. Aber der schwarze Schleier ließ kaum die Umrisse erkennen, und außerdem drehte sie es sogleich ostentativ zur Seite und schlüpft^ schnell an ihm vorbei die Treppe hinab. Es blieb ihm nichts übrig, als wenigstens Fuchs am Weitergehen zu verhindern. Er pflanzte sich breit vor ihm hin, lüftete den Hut und sagte in seinem zutraulichen Ton: „<^ie scheinen uns nicht mehr zu erkennen, Herr Fuchs! Wir hatten bereits vergangenen Sonntag das Vergnügen. Wollen Sie sich, bitte, mit uns in Ihre Wohnung zurückbemühen!"
Es hatte ihm geschienen, als ob Fuchs bei der unerwarteten Begegnung blaß geworden wäre und als fei es kein Zufall, daß er nach dem Stiegengeländer faßte. Ein wenig heiser antwortete er: „Es tut mir leid, meine Herren, aber ich kann Sie jetzt nicht empfangen. Wie Sie sehen, bin ich im Weggehen begriffen. Ich kann die Seme doch nicht auf der Straße warten lassen!"
„Das ist auch gar nicht nötig", legte sich Scharf ins Mittel. „Wir sind riesig neugierig, die Dame kennenzulernenI Sie kann bei unserer Unterredung ruhig dabei sein."
„Die Dame geht Sie gar nichts an! Lassen Sie sie in Frieden!" Caspar Fuchs funkelte die beiden Männer mit dem feindseligen Blick eines umstellten Tieres an. „Wenn Sie mich sprechen wollen — gut, ich stehe Ihnen zur Verfügung. Aber ..." Er beugte sich hastig über das Treppengeländer und rief hinunter: „Geh, bitte, voraus — ich komme gleich nach!"
Von unten kam eine unverständliche Antwort. Und die flinken Frauen- fchrikte verhallten allmählich in der Tiefe.
Fuchs machte wortlos kehrt und schloß seine Wohnungstür auf. Seine Lippen waren in verbissener Wut zusammengepreßt. Mit einer Geste der Ungeduld forderte er die Beamten auf, einzutreten. Er wollte sie durch den langen Korridor führen. Aber Jnsen griff entschlossen nach der nächsten Türklinke.
„Keine Umstände, Herr Fuchs. Wir können die Sache ja gleich hier besprechen. Ihr Empfangszimmer, wie es scheint?"
Er hatte mit einem Griff den Lichtschalter erreicht. Ein roter Lampenschirm füllte den Raum mit warmem Licht. Es war ein kleiner Wohnraum mit Polstermöbeln und ein paar pikanten Bildern an den Wänden. Es roch stark nach parfümierten Zigaretten. Und auf dem Rauchtisch neben der Chaiselongue stand noch ein benutztes Teegeschirr mit zwei Tassen.
• Caspar Fuchs ließ sich in Hut und Ueberkleidern auf das Fußende des Divans fallen und zündete sich mit unsicheren Fingern eine Zigarette an. Jedes noch so ungeübte Auge hätte der übertriebenen Gleichgültigkeit
feiner Pose die Gezwungenheil änmerten müssen. „Darf ich jetzt fragen, was Sie eir""“1"1" "
gewicht bringen. . ...
„Nun, wir dachten, daß Ihnen vielleicht inzwischen ihre Bekanntschaft mit Grau eingefallen sei. Und wir wollten Ihnen noch einmal Gelegenheit geben, Ihren — Irrtum von damals wieder auszugleichen."
Fuchs lachte spöttisch auf. „Das klingt ja beinahe nach Staatsexamen! Aber machen Sie sich keine Hoffnungen, Herr Inspektor. An mir ist Hopfen und Malz verloren! Senn ich kenne den Mann tatsächlich nicht. Ich habe nie auch nur das geringste mit ihm zu tun gehabt. Sas muß Ihnen doch genügen!" .rr
Scharf nahm den Kneifer ab und schob ihn bedächtig m cm abgerissenes Futteral. „Leider, Herr Fuchs — leider genügt uns das durchaus nicht! Um so weniger, als wir bereits wissen, daß Sie mit Grau in Verbindung gestanden haben!" Er sah Caspar Fuchs scharf ins Gesicht. Sieser machte eine rasche Wendung, um seine Zigarette auszudrücken und entgegnete mit hochmütigem Achselzucken: .
Bedaure — hier muß ein Irrtum vorliegen! Vermutlich ein ähnlicher, roie'er Ihnen betreffs meiner „Ermordung" unterlaufen ist! Oder wollen Sie vielleicht auch noch behaupten, daß Sie auch in bezug auf mein Nachvorhandensein anders unterrichtet sind?" Er grinste die beiden Beamten herausfordernd an. Jensen trat im Hintergrund ungeduldig von einem Fuß auf den andern. Es kribbelte ihn in allen Fingern, diesen dreisten Burschen endlich beim Kragen packen zu dürfen. Aber Scharf bewahrte seine Ruhe.
„Nein, Herr Fuchs, das wollen wir nicht. Aber vielleicht wäre es tm Augenblick sogar günstiger für Sie, wenn Sie uns beweisen könnten, daß Sie gar nicht — Caspar Fuchs sind. Senn es ist uns bekannt, daß ein Herr Caspar Fuchs, wohnhaft Jnvalidenstraße 113, eine am 11. November von Sonald Grau in Stralsund ausgestellte Nachnahme über tausend Mark eingelöst hat. Was haben Sie dazu zu sagen?"
Ein paar Sekunden blieb es still im Zimmer. Fuchs starrte unbeweglich vor sich auf den Teppich. Sann sagte er kalt:
„Ich behaupte, daß es ein Irrtum ist! Sie überschätzen meine fman- zielten Verhältnisse, Herr Inspektor. Ich wäre gar nicht in der Sage, eine derartige Summe auf einmal hinzulegen. Senn ich habe keine ande- ren Einkünfte, als mein Gehalt, das ich jeden Monat von den Färb- werken beziehe."
Er stand auf und wollte nach der Tür. Aber Jensen stellte sich ihm wie ein Schlagbaum in den Weg.
„Wohin, Herr Fuchs?
„Sie werden mir wohl gestatten, in meiner Wohnung zu telephonieren!
Jensen lächelte freundlich. „Gewiß, Herr Fuchs — wenn Sie mir ge- statten, Sie zu begleiten und das Gespräch mitanzuhören!"
Fuchs wurde plötzlich weiß vor Wut. Aber er zwang sich zu einer geringschätzigen (Brinfaffe. „Lächerlich! Ich wollte mir nur telephonisch ein Auto bestellen."
Jetzt erhob sich auch Scharf. Langsam und ohne jede Hast kam er auf Fuchs zu und legte ihm seine große Tatze auf den Arm. „Sas ist ganz überflüssig, Herr Fuchs. Es wartet bereits ein Wagen vor der Tür. Haben Sie die Güte, uns ohne Widerstand zu folgen. Im Namen des Gesetzes erkläre ich Sie für verhaftet!" Er griff in seine Tasche und hielt Fuchs den Haftbefehl vor die Augen.
Einen Augenblick stand dieser, als habe er einen betäubenden Schlag bekommen. Ader schon in der nächsten Sekunde zeigte er sich vollkommen gefaßt. Achselzuckend knöpfte er seinen Mantel zu und wandte sich zur Tür. „Gut — gehen wir also! Aber die Herren von der Polizei werden an dieser Geschichte noch ein Weilchen zu knabbern haben, dafür garantiere ich Ihnen! Ich habe gute Beziehungen zur Presse!"
Inspektor Schars überhörte die Drohung. Er gab Jensen einen Wink mit den Augen. Dieser hatte soeben eine Entdeckung gemacht, die ihn sichtlich vergnügt stimmte Denn er lächelte Fuchs spitzfindig an und deutete auf ein beiseitegerücktes Tischchen. „Richtig, Herr Fuchs, beinahe hätte ich vergessen, daß Sie ja ein passionierter Schachspieler sind! Erst jetzt, da ich das Schachbrett dort sehe, fällt es mir wieder ein. Wie es scheint, haben Sie vorhin gerade eine neue Partie angefangen. Hoffentlich dauert es nicht allzu lange, bis Sie sie mit Ihrer Partnerin zu Ende spielen können!"
Er weidete sich ein Weilchen an der mißtrauischen Verständnislosigkeit des Angeklagten. Dann ließ er seinen Vorgesetzten mit Fuchs vorangehen und drehte hinter ihnen das Licht aus.
Vor der Eingangstür forderte Scharf dem Verhafteten die Wohnungsschlüssel ab. Fuchs gehorchte nur zögernd und mit deutlich erkennbarer Ueberroinbung. Aber er mußte sich wohl darüber klar geworden [ein, daß jeder Widerstand seine Lage nur verschlimmern konnte. Denn er sagte fast im Ton einer Bitte: „Tun Sie mir den Gefallen, jedes Aufsehen zu vermeiden!" Scharf nickte ernst. „Sehr gern, Herr Fuchs. Aber das hängt ganz von Ihnen ab."
Schweigend stiegen die drei Herren hintereinander die Treppe hinunter. Vor dem Hause wartete ein Wagen, der sich in nichts von einer harmlosen Autodroschke unterschied. Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite patrouillierten gerade zufällig zwei Schutzleute.
Niemand hätte in den Dreien, die, ruhig und höflich einander den Vortritt lassend, das Auto bestiegen, etwas anderes vermutet, als ein paar gute Bekannte, die in bestem Einvernehmen zu irgendeiner abendlichen Unterhaltung fuhren. (Fortsetzung folgt.)
1 gentlich zu mir führt?"
Einen Augenblick, bitte!" Scharf setzte umständlich den Kneifer auf und versenkte sich eine Weile in fein Notizbuch. „Sie haben uns bei unserem ersten Besuch am 19. November gesagt, daß Ihnen ein Maler namens Donald Grau unbekannt ist. Stimmt das?"
Der Befragte setzte eine arrogante Miene auf. „Wenn ich es gesagt habe, wird es wohl auch ftimmenl Jedenfalls kann ich keinen Grund dafür einsehen, daß Sie sich wegen dieser Frage noch einmal zu mir bemühen." Er trommelte in schlecht gespielter Ueberlegenheit mit der Fußspitze auf dem Teppich. Aber Scharf ließ sich nicht aus dem Gleich-
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