Ausgabe 
16.6.1933
 
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Er rief ihn an, und der Unbekannte rückte an feiner Mütze und fragte nach dem Weg nach der Schwanenkapelle.

Der Hüttenchef wies ihm, wie er zu gehen habe, und zeigte ihm einen steilen Pfad, der durch das Dickicht geradeaus ins Tal führte.Dort steht eine Mühle", setzte er hinzu,dort fragen Sie weiter."

Der Mann dankte und verschwand in der bezeichneten Richtung.

Der Hüttenchef sah ihm nach mit der unklaren Empfindung: der Mensch führt irgend etwas im Schilde. An die Kapelle glaubte er nicht.

Ein paar Tage später wurde der Besitzer der Talmllhle im Wald er­mordet aufgefunden.

Der Alte hatte, wie gewöhnlich des Sonntag morgens, seinen Früh- spaziergang in den Wald gemacht und war nicht zurllckgekehrt. Man schickte sich erst am nächsten Morgen an, ihn zu suchen, denn an dem Sonntag hatte der Knecht Urlaub gehabt, die Magd besorgte die Mühle allein und hatte die Polizei erst am anderen Morgen benachrichtigt. Viele Ausflügler hatten an dem schönen Herbsttage das Städtchen durchzogen, so daß es schwer war, die Spur des Täters zu finden. Die Tat war an einem Kreuzweg geschehen, der mitten im dichten Unterholz zwei Holzabfuhrwege vereinigte. Der Tote lag mit dem Gesicht im Grase zwischen den Bäumen. Es fand sich von dem Mörder weder eine Fußspur, noch das Instrument, das er benutzt hatte. Das ganze -Städtchen befand sich in großer Auf­regung. Der Mord brachte die Gegend in Verruf. Noch nie war hier oben etwas Aehnliches geschehen. Der alte Müller war allgemein geachtet und beliebt. Der Knecht konnte sein Alibi beweisen: er hatte Verwandte im Nachbarort besucht. Sonst wußte man keinen Menschen zu nennen, der als Täter in Betracht kommen formte. Der alte Mann hatte keinen Feind gehabt. Das Merkwürdige war auch, daß der Tote seine Uhr und seine gefüllte Geldtasche noch bei sich trug. Es war also kein Raubmord gewesen. Was hatte den Täter bewogen, diesen stillen, alten Mann im Wald anzufallen?

Hatten sie Streit miteinander bekommen?

Das war kaum anzunehmen bei der friedlichen Gesinnungsart des Müllers. Es blieb ein Rätsel.

Man durchforschte die Wälder und die umliegenden Dörfer nach Handwerksburschen oder stellungslosen Arbeitern, die häufig die Gegend durchzogen, wenn die Ernte vorbei war.

Aber niemand fand sich, der für die Tat in Betracht kam. Es waren alles harmlose Wanderer, die man sestnahm, um sie nach dem Berhör wieder lausen zu lassen.

Da blitzte dem Hüttenchef die Erinnerung auf an jenen Strolch, der ihm oben im Walde begegnet war und ihn nach der Schwanenkapelle ge­fragt hatte. Er beschrieb den Mann, [ein graues Jakett, die Mütze, das rote Halstuch, sein Bündel, die schwarzen, unsteten Augen. Einige Tage später kam ein altes Mütterchen auf dem Rathaus an, das den Steckbrief des so geschilderten Unbekannten gelesen hatte und meldete, daß ein solcher Mann in der Nacht nach dem Sonntag bei ihr gewohnt hatte. Er war bei Dunkelheit bei ihr eingetroffen, hatte nach einem Nachtquartier gefragt, und sie hatte ihm das teere Zimmer ihres Sohnes gegeben. Er hatte nichts zu efjen verlangt, war gleich auf fein Zimmer gegangen, hatte nur um Waschwasser gebeten. Des Morgens hatte er, ohne zu frühstücken, fein Zimmer bezahlt und war bei Tagesanbruch schon weitergegangen. Wohin?, wußte die alte Frau nicht. Sie bewohnte ihr Häuschen am Ausgang des Dorfes alleist, war schwerhörig und sehr alt.

Die Kommission begab sich sofort in das kleine Haus. Das Gastzimmer lag noch unaufgeräumt da, doch das Wafchwaster war fortgegoffen, der Fremde muhte es auf die Straße geschüttet haben. Das Bett, der Fuß­boden, der Schrank alles wurde genau untersucht. Aber es fand sich auch hier nichts Verdächtiges.

Der Hüttenchef war mitgegangen. Ihn hatte der plötzliche Tod feines alten Freundes erschüttert. Das der Täter so spurlos verschwunden sein sollte, wollte ihm nicht in den Sinn. Während man noch beratend in dem engen Stübchen stand, schweifte fein Blick aufmertfam im Zimmer umher. Plötzlich fiel fein Blick auf das Stückchen Seife auf dem Waschtisch. Er nahm es in die Hand und bemerkte eine kleine, seine, hellgrüne Nadel, die daran klebte. Sieh da! Es war keine Tannennadel, sondern die einer- anderen Baumsorte.Das ist eine Eibennadell" sagte der Kommissar, der sich ärgerte, daß er sie nicht entdeckt hatte.

Was wollte man damit? Solche Bäume gab es hier gar nicht.

Doch!" sagte der Hüttenches plötzlich.Es muß hier Eiben geben! Ich habe einmal davon gehört. An einem Kreuzweg sollen sie stehen!" Man rief den Förster herbei. Er war noch jung und erst kürzlich hergekornrnen. Er bestritt, daß es hier Eiben gäbe. Dann müßte er sie kennen.

Man lieh den alten Waldhüter kommen. Der betrachtete die Nadel lange, ftieh dicken Rauch aus seiner kurzen Pfeife und meinte bann: Es gibt hier Eiben. Drei Stück! Sie stehen an einem Kreuzweg im Dickicht!" Her er erbot sich, fie zu finden.

Die Kommission gefolgt von dem alten Waldhüter und dem Hutten­chef, begab sich in den Wald hinauf. Nach einem beschwerlichen Weg durch verwachsenes dunkles Tannengrün und Unterholz fand man ben streuä» weg, und nicht weit davon, verborgen von einem Schlag dunkler sichten, standen die drei Eiben, unter denen man den alten Mann, mit oem Gesicht nach der Erde, gefunden hatte. Wahrscheinlich hatte ihn der Tater nachträglich ins Dickicht geschleift. Damit hatte man den roten Faden, der aus dem Irrgarten herausleitete, gefunden.

Die Dörfer wurden alarmiert, die Wälder durchsucht. An allen Straßen klebte das weithin leuchtende rote Plakat des Steckbriefes, das nach dem verschwundenen Manne mit dem roten Halstuch fahndete.

Eines Tages brachten Holzhauer den Unbekannten aus dem Walde an. Er trug noch das graue Jackett, aber ein neuer Strohhut bedeckte feinen Kopf. Er hatte sich den fchwarzen Bort abrasiert und das Haar geschnitten. Die alte Magd des Müllers schrie bei seinem Anblick laut auf. Es war der Bruder des Müllers.

Der Richter sagte dem Manne die Tat auf den Kops zu.

Dieser sträubte sich wie ein Stier gegen die Fesselung. Er warf sich Zu Boden, spielte den wilden Mann, verweigerte jede Auskunft, «eine Papiere waren gefälscht, aber die Leute aus dem Städtchen erkannten ihn

wieder. Nach mehreren Wochen Untersuchungshaft lieh er eines Morgens den Untersuchungsrichter rufen und gestand.

Er war der Bruder des Müllers. Er hatte beim Militär einem Kameraden die Uhr gestohlen und war flüchtig geworden; der Bruder hatte ihm das Geld zur Ueberfahrt nach Amerika gegeben, Aber er hatte drüben kein Glück gehabt. Arm und abgerissen, arbeitsscheu und ver­kommen, wie er in die Fremde gezogen, war er wiedergekommen. Amerika hatte ihn ausgespien. Er hatte von dem Reichtum seines Bruders gehört und war mit der Absicht hergekommen, diesen zu beseitigen, um sich dann des Erbes zu bemächtigen. Er hatte sich an dem Sonntag hier oben in dem Walde versteckt gehalten. Er wußte, daß fein Bruder jeden Sonntag in der Frühe hier heraufkam, und hier hatte er ihn erwartet. Und [o war der Müller an jenem sonnigen Sonntagmorgen, als er, seine Pfeife rauchend, den [teilen, unbegangenen Weg zu dem Walde emporftieg, ahnungslos feinem Schicksal entgegengegangen. Sie hatten einander an jenem Kreuz­weg getroffen, und nach einem kurzen Wortwechsel hatte er sich über den alten Mann gestürzt und ihn erstochen.

Der Mörder zeigte keine Reue. Er wußte, was ihm bevorstand und leugnete nicht mehr. Er wurde hingerichtet.

Noch jetzt heißt die Stelle im WaldeDie Mordstelle". Von dem finsteren Fichtenschlag heben sich hell die seinen Zweige der Eiben ab, die an einem Sonntagmorgen der Förster vor den Augen der beiden Brüder in die Heimaterde gepflanzt ...

Die Dame mit dem Ottsfpelz.

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. iForljeßung.)

Der schwarzseidene Pompadour erwies sich als unerschöpflich. Eine Flut von Papier ergoß sich über die Tischplatte: Bleistiftskizzen, Tram­bahnkarten, Notizbücher und unquittierte Rechnungen. Reuter wühlte mit unhöflicher Neugierde in dem Haufen herum, ohne daran zu denken, der tüchtigen Frau Schnee für ihre Leistungen die gebührende An­erkennung zu zollen. Was ihm von vornherein als unwichtig erschien, fegte er einfach beiseite. Den Rest warf er in die Tischschublade. Dabei fiel aus einem Notizbuch ein schmaler Postabschnitt heraus, der jäh seins Aufmerksamkeit fesselte.

Er hielt ihn rasch gegen das Licht und fragte:

Wo haben Sie das gefunden, Frau Schnee?"

Frau Schnee führte ihn an ihre kurzsichtigen Augen.

Oh, das ist ja der braune Zettel, der aus der Tasche von Herrn Graus Arbeitskittel gefallen ist, als ich ihn einweichen wollte. Es ist nicht zu sagen, wie Herr Grau feine guten Leinenkittel zurichtet! Und besonders dieser sah aus wie ein ganzer Farbenkasten. Und da dachte ich mir: du sollst glühende Kohlen auf deines Feindes Haupt sammeln, dachte ich, und ich will ihm das Zeug noch einmal auswaschen! Na, und gerade, wie ich ihn in die Bütte stecken will, fällt der Abschnitt heraus. Er schwamm schon auf dem Wasser, sehen Sie, die Schrift hat schon ein wenig gelitten, aber"

Schon gut, geben Sie her! Ein Glück, daß Sie doch soviel Verstand hatten, das Ding nicht wegzuwerfen! Denn das, glaube ich, ist gerade das, was wir suchen."

Frau Schnee schwamm in Selbstbewußtsein.Sehen Sie, Herr Reuter, man ist doch auch noch zu etwas gut!"

Der Wachtmeister hielt es für geraten, der Redseligkeit der Alten keine neuen Schleusen zu öffnen. Mit ehrfürchtigem Bückling komplimen­tierte er sie zur Tür hinaus:Also leben Sie wohl, liebe Frau Schnee, und wenn wir Sie wieder brauchen sollten, werden wir uns erlauben, Sie um Ihren geschätzten Besuch zu bitten. Ihre Privatadresse haben wir uns ja schon notiert."

Kaum daß er allein war, eilte er mit dem Postabschnitt zum Fenster und verfuchte mit Hilfe einer Lupe die verwaschene Schrift zu entziffern. Und was er vorhin schon auf den ersten Blick zu erraten geglaubt hatte, erwies sich als Tatsache: es war der Abschnitt einer Nachnahme von eintausend Mark und lautete auf den Namen Caspar Fuchs, Jnvallden- strahe 113. Der Poststempel war vom 11. November lausenden Jahres.

Von diesem Moment an konnte der gute Reuter die Rückkehr seines Vorgesetzten kaum noch erwarten. Hätte er eine Ahnung gehabt, wo er Kling noch erreichen könnte, so würde er unverzüglich sämtliche Telephon­drähte zwischen Stralsund und Berlin in Bewegung gesetzt haben. So aber mußte er sich einstweilen auf Eigenbewegung beschränken. Vier geschlagene Stunden wanderte er wie ein gefangener Löwe in feiner Schreibstube auf und ab, und steckte immer wieder den Kopf in das Zimmer seines Chefs. Als er endlich drinnen den von ihm wohlbekannten Schritt horte, riß er, ohne anzuklopfen, die Türe auf und schwenkte Kling mit einem wahren Triumphgeheul den Postabschnitt entgegen.Wir haben ihn, Herr Kommissar! Jetzt sitzt er uns endlich im Garn der verdammte Spitzbube!"

Kommissar Kling aber schien diese Meinung nicht zu teilen. Nachdem er den Abschnitt einer ruhigen und sachlichen Prüfung unterzogen hatte, überraschte er Reuter mit der Frage:

Wer meinen Sie, sitzt uns jetzt im Garn, lieber Reuter?"

Der Wachtmeister war im Augenblick so aus allen Himmeln gerissen, daß er nur ein Gestammel hervorbringen konnte:

Nun, dieser dieser Caspar Fuchs, denke ich."

Kling gab ein trockenes Lachen von sich und klopfte Reuter ironisch auf die Schulter.

Gut gebrüllt, alter Lowe! Aber die Hauptsache ist Ihnen bet dieser Kombination entfallen. Nämlich daß wir ja gar keinenSpitzbuben" suchen, sondern einen Ermordeten!"

Reuter ließ den Kopf hängen.Verdammt, das stimmt allerdings!"

Und daß dieser Caspar Fuchs in der JnvaUdenstraße nicht der Er­mordete ist, das wissen mir ja bereits zur Genüge. Daran ändert auch dieser Postabschnitt nichts."

Während nun an Kling die Reihe war, im Zimmer auf und ab zu wandern, stand der Sergeant wie angewachsen auf seinem Platz und