Ausgabe 
16.6.1933
 
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Der Bruder.

Von Liesbeth Dill.

Das kleine Kreisstädtchen lag auf einer der Höhen der vorderen Eifel, diesem Gebirgsland links der Mosel, das sich steil zu dem Flußuser senkt.

Das Städtchen war in einer ehemalig römischen Niederlassung, in der der Sage nach Kaiser Caligula geboren sein soll, entstanden. Es befaß ein Amtsgericht und ein Lehrerseminar, eine alte Kirche, halb gotisch, halb romanisch, mit stumpfem Turm, mehrere Steinbruche und Bier­brauereien, und seine Wochenmärkte wurden von Getreide- und Vieh- Händlern ehr besucht. Es gab ausgezeichneie altmodische Gasthäuser dort, in denen man noch billig lebte, und von Zeit zu Zeit kamen Prozessionen hier durch, die nach dem nahen Wallfahrtskirchlein, der Schwanenkirche, einem gotischen Bau aus dem 16. Jahrhundert, wallfahrten, um dort vor der Dornenkrone der Mater dolorosa zu beten, einer Krone, die zur Zelt der Kreuzzüge auf dem Kalvarienberg bei Jerusalem gesunden worden und schon viele Wunder vollbracht haben soll.

Außer den Betern kamen auch während des Sommers einige Stadter herauf, um in der prickelnden, reinen Eifeler Höhenluft ihre Nerven zu stärken. Sie mieteten sich bei den Bauern ein oder in dem Gasthaus Zur römischen Villa" am Markt. , ,

Jedes Jahr im August fand sich ein großer, hagerer, brünetter Herr aus der Saargegend ein, der dort im Industriegebiet auf einem der großen Eisenwerke einen Stahlwerksbetrieb leitete und den es nach seinem hustenden, nervösen, unruhigen Berufsleben nach diesen Höhen zog auf denen eine kräftige Luft wehte und man keinen Schornstein mehr sah' Die Bahn führte eine Stunde weit von der Stadt entfernt ihre Linien über das Hochplateau. Wenn der Stahlwerkschef eintraf, waren die meisten Fremden bereits fort und die Wälder und Landstraßen leer. Das wollte er gerade.

In seinen Lodenmantel gehüllt, einen Jagdhut aus dem Kopfe, schritt er des Morgens landeinwärts. Er sprach kaum mit jemand, außer mit der Wirtin und einem alten Müller, der unterhalb des Städtchens in dem grünen Taleinschnitt, der sich am Fuß der Ruine plötzlich zwischen die hohen bewaldeten Berge schob, in seiner stillen Mühle wohnte. Er war ein Einsiedler, ein Junggeselle, der von der Geschichte der Gegend gut Bescheid wußte, und den man tagsüber mehlbestäubt, die Pseise rauchend, vor der Tür stehen sah. . .

Der Alte lebte allein mit einer Magd und einem Knechts sein einziger Bruder war nach einem abenteuerlichen Leben nach Amerika ausgewan­dert ohne wieder etwas von sich hören zu lassen. Er war immer in seiner klappernden Mühle zu sehen, weißbestäubt, mit seinem langen Bart und dem Shagpseifchen. Sonntags in der Frühe gönnte er sich einen Spazier­gang in die hochgelegenen Wälder, in denen er schon als Junge Räuber und Gendarm gespielt. Wenn jemand einen Weg wissen wollte, erfuhr er ihn am besten von dem Müller, der kannte die Wälder: er wußte ganz genau anzugeben, ob dort Tannen, Eichen, Fichten oder Buchen standen, er wußte sogar, daß an einem Kreuzweg, der jetzt längst ver­wildert und verwachsen war, drei Eiben standen. Diese seltenen Bäume hatte der Förster einst vor den Augen der beiden Brüder dort gesetzt.

Selten tras man hier oben einen Wanderer, die meisten gingen auf den Hellen, harten Eifeler Landstraßen, die sich, mit Apfelbäumen besetzt, über die Hochebene schlängelten.

Jedesmal, wenn der Hüttenchef zum ersten Male wieder in das Städt­chen ka«i, geilt fein erster Besuch dem alten Müller, und dann stieg er hier herauf, um die wundervolle Fernsicht zu genießen.

Auch in diesem Herbst war er gekommen, hatte in derRömischen Villa" sein altes, stilles Zimmer neben dem Saal bezogen und stand nun hier oben am Rande des Waldes, entzückt und berauscht von Luft und Stille, als er plötzlich hinter sich Schritte vernahm. Er sah einen Mann in grauem Anzug, der ein Bündel in der Hand trug, ein rotes Halstuch umgeschlungen und eine tarierte Reisemütze auf dem dunklen Haar, durch das Dickicht schreiten.

Es war das erste Mal, daß er hier oben einem Menschen begegnete.

Bergfahrt auf Sumatra. <

Don unserem ck. ^.-Berichterstatter (Batavia).

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) .

Padangsches Hochland! Welch entlegener Winkel der Erde! Vor eim- ( i ger Zeit führte mich mein Weg dorthin, und ich blieb zweiWochen >n i dieser sonnendurchgluhlen Well am Aequator. Dann °rw°g ich d n Plan in die Berge zu reisen, wo der Frühling ist, sei es Weihnachten oder Pfingsten. Nur zu gern betritt der Fuß des Europäers diese Ecke Nwder- ländisch-Ostindiens, denn, es ist ohnehin ein weiter Weg von den belebten Verkehrsstraßen des fernen Ostens bis nach der Sundainsel Sumatra, erst recht, wenn man jenen nordwestlichen Zipfel aufsucht, wo haupt- ^Pabang^ b'er" DrMn der Küstenebene, wo ich an Land stieg, lag ver­schlafen im Sonnenglanz. Weiße Holzhäuser, Bungalows, $rn dem tropischen Grün der orchideen- und palmenreichen Garten. Sülle braune Menschen wandeln aus nackten Fußen über Sandwege zwischen Bambushecken dahin, lieber die dicke Mauer des Forts, aus alter Zeit stammend, blicken Eingeborenensoldaten. Vier Malmen, eine getötete Pythonschlange von erstaunlicher Lange aus ihren Schultern tragend, traben schweigend durch den Ort zur Chinesensiedlung, wo der Chinese Wah-Seng wohnt, der die metallisch-glänzende Schuppenhaut des Rie­senreptils an den Händler van Dyk auf Java verkauft. Hohe Palmen werfen lange Schatten, handgroße Schmetterlinge, seidig-blau, andere gelb mit schwarzem Muster, flattern über leuchtend rote Blumen hm. Die Trockenheit ist groß, Mensch und Tier lechzt nach dem erquickenden Lab­sal des ersten Regens. Wie die Kulissen eines Theaters erheben sich grüne Höhenzüge im Osten wie im Süden, vor dem Auge des Schauenden scharf Umrissen vom stahlgrauen Himmel sich abhebend. Schwule Ruhe lagert über Padang, nur von der Küste her rauscht der uralte Sang des Meeres, das seine Fluten in leichter Dünung aus den Sand rollt

Eines Nachmittags im Oktober schüttelt heftiger Monsun die Plsang- stauden und die Waringinbäume, biegt die hohen Kokospalmen und wir­belt am Boden liegende Blätter auf. Alsbald prasselt ein Regen her­nieder als würden dort in der Höhe Schleusentüren geöffnet Das klei­nere Getier kraucht in die Erdlöcher, Vögel mit nassem Gefieder suchen Schutz in Astwinkeln, bunte Schmetterlinge fallen, von den Fluten des Himmels im Flattern getötet, entstellt zur Erde nieder. Bache lagen die Straßen des Orts entlang, Blätter, Infekten mit sich führend. Es wird unwirtlich in dieser tropischen Gartenstadt, denn die Glut hat nicht nach­gelassen, eher ist sie noch unerträglicher geworden. Eine erstickende Trew- hausAtmolphäre umgibt den nach Erquickung dürstenden Menschen, Bache von Schweiß rinnen den Körper hinab. Verglichen mit dieser Lust, schwan­ger von Feuchtigkeit, von warmen Dämpfen, war die wolkenlose Mut- periode ein Labsal. Das Prasseln der unaufhörlichen Regenmassen auf Wellblechdächer, auf die jetzt längst durchtränkte Erde, ist ohrenbetäubend. Und so nehme ich meinen chinesischen Regenschirm, den Pajong ein Oelpapierdach am Bambusstock, wate durch den aufgeweichten Schlamm der Dorsstraße betrete das leichtgezimmerte Holzgebäude des arabischen Karrenbesitzers Said Halim an der Brücke, und bitte ihn, einen seiner Karren am anderen Morgen kurz vor Sonnenaufgang für mich bereit« 3Uf)@egen sechs Uhr am anderen Morgen stehe ich abfahrtbereit, mein Koffer ist gepackt, mein langer, wasserdichter Regenmantel zugeknöpft. Da vernehme ich durch das Aufklatschen der Wolkengüsse das Knarren der Räder des herannahenden Ochsenkarrens. Rasch den Tropenhelm aufge­setzt, und ich stehe draußen. Gerade hält der malaische Fuhrknecht am Tor des (Bartens, und im Nu sitze ich drinnen unter gewölbtem Dach des niedrigeis, plumpen Wagens, der von vier starken Sappis, Ochsen, ge­zogen wird. Vor mir auf der Bank nimmt noch kurzer Begrüßung: eiamat djellan", der Malaie Platz. Ich entledige mich meines Regen­mantels hier in diesem viereckigen Wagenkasten und lege mich langhin auf das weiche Stroh.

Während der ersten halben Stunde ziehen wir auf ebenem Wege da­hin dem Fuß der Berge zu. Dann gehts hinan auf gewundenem Pfad, nachdem wir den Kali, den Fluß von Bantek, aus leichter Brücke über­quert. Ringsum standen die feltsamen Bäume dieser äquatorialen Welt wie schattenhafte ©eftalten, umwoben von dem Dämmerschein des jungen Morgens, langsam ging die Fahrt aufwärts, zur Rechten stieg der Berges­hang hoch auf, zur Linken aber senkte sich die grüne Wand steil zu Tal. Wie atme ich auf, als nun der Regen aufhörte, dieser Regen, der drunten in der Niederung noch wochenlang mit unverminderter Kraft weiter- praffclte! ,

Dann flieg strahlend die Sonne herauf. Ich blicke voll Freude auf die Landschaft ringsum: auf saftig grünen Bergwiesen standen Bananen- stauden, den Kranz der grünen und gelben Früchte tragend, hier und da biegsame, geradegewachsene Papayabäume, oben an schlankem, blatt« und zweiglosem Stamm die schirmartige Krone. Aus- den gefieberten Plättern schauten die dunkelgrünen kürbisartigen Früchte hervor. Tau­perlen blinkten an den hohen Gräsern, Orchideen, vielfarbig, mannigfaltig geformt, leuchteten aus Astlöchern. Ein grau und rot gefieberter Papagei flog kreischenb auf. Stumm sah ich unb blickte unter bem gebogenen Dach bes Karrens hervor auf biefe einfame, ferne Welt.

Höher unb höher gings. Die stellen Bergpfabe zwangen bie Ochsen, langsam zu traben, und ich ging nun neben dem Gespann her. Zur Seite aber vom Weg öffnete sich bet Abgrunb, auf besten Grund das filberne Band eines schäumenden Flusses leuchtete, indes aus den fast senkrechten Felsenwänden drüben Wasserfälle hinabstürzten, und aus allen Spalten im Gestein Lianen wie Perlenschnüre tief herabhingen.

Endlich, gegen Abend, gelangten wir auf dem ersten untern Teil des Oberlandes an, unb eine Stunbe später tauchten bie einsamen Oellichter Kampongs, eines Malaienborses, vor mir in ber Dunkelheit auf. Ad unb zu kam ein nächtlicher Wanberer vorüber, bescheiden, grüßend und laut­los weiterwandernd. Dann erblickte ich die dunklen Gestalten der ersten Hütten am Rand des Dorfes. Sie lagerten um ein Feuer, und ber süßlich,

berauschende Duft von brennendem Sandelholz umschmeichelte meine Slt23or wenigen Jahren gab es weiter südöstlich noch Menschenfresser.

Ich übernachtete in ber Herberge, bem Pasongrahan einem primitiven Holzbau, doch war das gewaltige Bett recht europäisch und zum Schutz gegen Moskitos mit einem dichten Gazenetz, durch Stangen gehalten, umgeben. Früh am anderen Morgen trabte ich auf schnellem Pony weiter über die Hochebene. Das Klima ist hier wie im Frühling in Italien.

Auf ebenen, wohlgepflegten Wegen zog ich an einem wundervoll ge­legenen See entlang. Ein Pfahldorf stand dort, nahe bem Ufer, 'm Was. [er bie einzelnen Hütten burch Stege oerbunben. An steilen Hvlzstiegen chaukelte sich ein Kanu. Das Gestade bes Sees war umgeben von Re,s- elbern, aus bereu Halmen bas sumpfige Wasser (Alliierte. 5n einigem Abstand aber zog sich eine Kette von Berghöhen hin. Aus bem Gipfel des höchsten flieg leichter Rauch in bie blaue Luft. Aus saftigen Wiesen grasten starkgehörnte Büffel, Verbauen genannt. Eine Reismuhle klapperte, und malaische Lastträger schleppten gefüllte Säcke zur Mühle, welche burch Wasserkraft getrieben wirb. Aus brauner Felsplatte am Weg lag bie mattschillernde abgestreiste Haut einer Schlange.

In raschem Trabe zog ich so durch dies herrliche Land. Hier oben leben die Menschen sorglos dahin. Sie wissen nichts von den Plagen des sich selbst so fortgeschritten dünkenden Abendlanders, nichts stört ihren

An dem Abend dieses Tages tarn ich auf der Höhe an. Ich übernach­tete bei einem Dorfhäuptling. Ein freundlicher Mann in tabakbrauner Jacke unb gewaltigem, fchirmartigen Strohhut. Seine spärlichen Bart­haare hingen über seine etwas wulstigen Lippen hinab. Wir verzehrten unser Mahl, bas aus ungemein gepuffertem Reis mit Geflügel unb Fischen beftanb, an gewaltigem runben Tisch aus Djaitiholz, bas hier wächst. Spät legte ich mich nieber. Draußen flimmerten zahllose Glüh­würmchen, unb ein Nachtvogel schrie.