Ausgabe 
16.6.1933
 
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Gießener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang M3 Freitag, den l6. Juni Hummer 45

Der Morgen kam ..

Von I.W.von Goethe.

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing, Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte Den Berg hinauf mit frischer Seele ging; Ich freute mich bei einem jeden Schritte Der neue Blume, die voll Tropfen hing; Der junge Tag erhob sich mit Entzücken Und alles ward erquickt, mich zu erquicken.

Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.

Er wich und wechselte, mich zu umfließen, Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor. Des schönen Blicks sollt ich nicht mehr genießen. Die Gegend deckte mir ein trüber Flor: Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen Und mit mir selbst in Dämm'rung eingeschlossen.

Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn.

Hier sank er leise sich hinabzuschwingen. Hier teilt er steigend sich um Wald und Hühn. Wie hofft ich ihr den ersten Gruß zu bringen! So hofst ich nach der Trübe doppelt schön. Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet. Ein Glanz umgab mich, und ich stand geblendet ...

Oie Jugendbewegung.

Von Richard Benz.

Richard Benz, der seit Jahrzehnten fürdeutsche Art und Kunst" kämpft, veröffentlicht soeben bei Eugen Diederichs in Jena ein BuchGeist und Reich". Wie schon der UntertitelUm die Bestim­mung des Deutschen" andeutet, wird die schöpferische Eigenart un­seres Volkes sichtbar gemacht, die das Reich von innen her zu er­neuern strebt. Daß dazu bereits frühere Ansätze vorhanden waren, die durch den Weltkrieg jäh unterbrochen wurden, zeigt die Be­trachtung über die Jugendbewegung, die wir hier Mitteilen.

Nieman kann sagen, wozu die Jugendbewegung sich entwickelt hätte, wenn der Krieg nicht gekommen wäre, wenn der Krieg nicht durch eine rein materialistische Revolution beendet worden wäre. Auch hier muß versucht werden, einmal zu Ende zu denken, was unsprllnglich gewollt ward, um Fäden wieder zu spinnen und anzuknüpsen, die durch ein ge­waltsames Geschehen verwirrt und abgerissen wurden.

Denn in den Anfängen der Jugendbewegung haben wir die einzig echte deutsche Revolution vor uns; um so echter, als sie sich nicht bewußt alsnational" bezeichnete, sondern das Deutsch-Sein ganz selbstverständlich in sich trug: sie war die in Deutschland und nirgends sonst spontan hervor­brechende Auflehnung gegen das fremde, nach Deutschland nur importierte, zivilisatorisch-technische Prinzip. War die erste Romantik hundert Jahre zuvor (die auch einem politischen Freiheitskampf vorausging) Auflehnung gegen diereine" Vernunft der Aufklärung, jo war diese zweite Romantik um 1900 Revolution gegen diepraktische" Vernunft der Technik, gegen Rationalisierung und Mechanisierung. Sie trägt, im Gegensatz zum selber praktischen und rationalen Sozialismus, durchaus irreale und irrationale Züge, die sie bann auf die nationale Bewegung und Gegenrevolution ver­erbt.

Jene ursprüngliche Auflehnung war alles andere als bewußt: ganz immateriell, war sie nicht gegen das Kapital, sondern gegen die Technik, gegen das Mechanische gerichtet. Sie war dabei weder vorausschauende Angst vor der drohenden Technisierung, noch stellte sie dem herrschenden Materiellen klare geistige Ziele und Forderungen entgegen: sie war ganz instinktiv und anonym: aus naturhaften Tiefen begannen die organischen Wachstumskräfte der Nation in Abwehr drohender mechanischer Erstar­rung sich einfach nur zu regen und zu bewegen. Das Leben-Tötende, Uni­formierende, Nivellierende des zivilisatorischen Einerlei wurde als un­erträglich gespürt und durchbrochen, von einem Lebensgefühl, das nichts anderes als neue Lebensformen suchte. Das formend-Mütterliche, gestalt- Haft-Organisierende, das für diese Bewegung so charakteristisch ist, bedeutet

die Entbindung von Wachstumskräften aus der Tiefe des Stofflich- Seelischen heraus, von unten empor als immer wachsendes organisches Gebilde, von der Gruppe zur Gemeinschaft, von der Gemeinschaft zum hündischen Zusammenschluß ohne den zeugenden zusammentreibenden Gedanken eines Zieles, ohne Idee, ohne männlichen Geist; aber ganz in Bereitschaft auf ihn. Kein Rousseau hat hier eineRückkehr zur Natur" gewirkt und theoretisch vorbereitet, überhaupt kein wirkliches bedeutendes Führertum irgend welchen Einfluß gehabt Führertum bedeutet hier etwas anderes, als was es sonst in der Kultur bedeutet: es bedeutete, daß alle Wirkung persönlich geschah, besser gesagt: leibhaftig, von Mensch zu Mensch. Jugend spürte in Jugend einfach die Rettung vor dem Ver­derben, sehnte sich nach Bestätigung des eignen Lebens- und Lebendig­keitsgefühls. Es trifft nicht die weibhaft schöpferischen Tiefen der Be­wegung, wenn man für entscheidend und konstituierend den mann-männ­lichen Eros hier nachzuweisen gesucht hat: denn dieser ist immer geistig- zeugend, auch aus der Ferne wirkend; während hier Nähseligkeit vom geistigen Wert ganz absah und, echt und völlig weiblich, auch das Geistige nur vom geliebten, befreundeten Menschen als gleichsam körperlich über­zeugend annahm: leibhaft verkörpert; aber gerade damit in einer Weise zufällig persönlich bedingt, wie es bei der Unordnung, Buntheit und Viel­falt moderner Bildung gar nicht anders [ein konnte. So war es möglich, daß derart heterogene Dinge wie Georgefche Dichtung und Brucknersche Musik bei denselben Gruppen von jungen Menschen Einfluß gewinnen konnten, allein durch die zufällige Bildung einzelnerFührender"; aber es war durch analogen Zufall ebenso möglich, daß Hermann Löns und Gertrud Prellitz dieWeltanschauung" bestimmten, oder daß irgendeine Atem-Technik und Ernährungs-Dogmatik die Stelle der Religion vertrat und mit all der Rigorosität weiterverkündet wurde, die das Lernen vom geliebten Menschen verleiht. Nie hat sich die Ohnmacht unsrer deutschen Bildung so erzeigt, wie hier in der Einfluhlosigkeit alles wirklich gestal­teten Großen das Fehlen jeder geistigen Norm in Erziehung und öffentlicher Geltung, das Nichtvorhandensein von Göttern zwang geradezu zum privaten Götzendienst oder gar zum Kultus derGemeinschaft an sich". Man konnte damals hören, daß man über Beethovenhinaus" fei, weil man das Gemeinschafts-Erlebnis besitze, was seiner Musik nur unerfüllte Sehnsucht gewesen sei! Gemeinschafts-Erlebnis, das war das große Wort, das nähefeligen Jünglingen und Jungfrauen eben im warmen Aneinanderfühlen die Leere verbarg, die Unausgefülltheit durch irgend welchen Wert, um deswillen man sich zusammenschlieht, durch den es erst Gemeinschaft gibt.

In den späteren Stadien der Bewegung ward das den Beteiligten selber offenbar; und nichts ist wieder so bezeichnend wie die Ratlosigkeit des Intellekts, nachträglich Ziele zu setzen und das zu nennen, wohin man sich bewegen solle und wolle. Denn eines Tages hatte die instinktive Triebhaftigkeit ihre Rolle ausgespielt, die Zeit der Negationen und Ab­lehnungen war vorbei; man hatte energisch der bürgerlichen Kultur den Rücken gekehrt, hatte der städtischen Kleidung und den Zivilisationslastern des Alkohols und Nikotins nicht weniger entsagt wie der bürgerlichen Sicherung, die auch in der wohlmeinendsten Haltung der Elternschaft und Familie gefürchtet ward. Man hatte auf geheimnisvolle Weise Formen des Zusammenlebens, Bräuche und Symbole gesunden, die um so fanati­scher behauptet wurden, je weniger man sich rational darüber Rechenschaft zu geben imstande war; vor allem jenes höchste Symbol, das Wandern, das mit dem städtischen Aufsuchen stimmunghafter Natur nichts gemein hatte, sondern ein Zurücksinden zu Natur- und Lebensquellen war, zu allen primitiven Formen naturverbundenen Lebens wie Lied und Tanz und Spiel; das sogar zu organischer Bedingtheit im Wirtschaftlichen drängte, wie es im Siedlungsgedanken zum Ausdruck kam. ImWan­dern" war das Gegensymbol zu dem Symbol der modernen technischen Welt gefunden, zumVerkehr" aber gerade dieser erreichte und durch­gesetzte organische Gewinn trug die Warnung in sich, nicht selber zum sinnlosen Selbstzweck, zur Bewegung um der Bewegung willen zu wer­den, und damit nur eine neue der zahlreichen Verdrängungen mit welt­anschaulichem Anspruch, eine neueverkappte Religion" zu sein. Die Be­wegung war auf dem rechten Weg, als sie des Erziehungsgedankens sich zu bemächtigen begann; als die Freien Schulgemeinden, von denen zum Teil die Bewegung ausgegangen war, zu Brennpunkten der Erörterung wurden, nach welchen geistigen Werten ein echtes Leben zu richten sei; als bei Ausbreitung der Bewegung auch ältere Außenstehende zu be­greifen begannen, daß hier die wahre organische Bereitschaft für allen organischen Einfluß des Geistigen gegeben sei, und daß man nur den Geist selber in seiner lebendigen Kraft beschwören müsse, um vom bloßen Ausbruch" einer Bewegung zum schöpferischen Durchbruch einer neuen Kultur zu gelangen.

Ahnt man, was es in diesem Zusammenhang bedeutet, daß Goethes Pädagogische Provinz hier als erkanntes Vorbild aufleuchtete; daß es einen Augenblick schien, als sollte das Testament derWanderjahre" diesen neuen Wanderern Sinn und Richtung geben?