Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'fche UntverfitStS-Vuch. und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.
Eine von den Domestiken vielleicht — ein Stubenmädchen oder so was.
Der Arzt schwieg. Ein Gedanke, der für einen Augenblick in ihm auf. aetaucht war. als die Schauspielerin des Barons Stimme „eine von einem ganz anderen Menschen" genannt hatte, verdichtete sich plötzlich zu einem Verdacht. Darum also das dunkle Zimmer .... darum war das nlnge Mädchen in das Zimmer eingesperrt worden!
Und jetzt werden wir ein bissel aushoren zu plaudern, weil wir auf die Mariahilfer Straße kommen, und da muß man achtgeben beim «ul» schieren, daß man keinen Pallawatsch anrichtet", sagte die Schauspielerin. Wenn Sie aussteigen wollen, melden Sie sich gesalligst an, Herr Doktor. Und jetzt schaun wir, daß wir vom Tramwaygleise wegkommen, sonst schreibt uns noch ein Wachmann auf..."
Die Ersteigung der Lima llndici.
Dr. Kircheisen war in hohem Grade Gewohnheitsmensch. Daß er erst jetzt, um els Uhr vormittags, dazu gekommen war. sein gewohntes Mor- genbad zu nehmen, störte ihn in seiner Ordnung und machte ihn ver drietzlick . Nun. dafür hab' ich's wenigstens in meiner eigenen Woh- nung gehabt und nicht in dem fremden, unbehaglichen Badezimmer der Hietzinger Billa, und kann jetzt in Ruhe über all das nachdenken, was ich feit gestern erlebt hab'... Damit tröstete er sich wahrend er in sein Schlafzimmer trat. Er nahm Kamm und Bürste und stellte sich vor den ^R^urnieren wir einmal ..., dachte er... Gehen wir die Dinge der Reihe nach durch. Der Baron wird mir als Hochtourist geschildert. Und ich finde einen alten Herrn vor mit allen^Anzeichen einer ^r^^osklerose in ihrem vorgeschrittenen Stadium. Er bekommt Besuch und versucht, sich verleugnen zu lassen, empfängt ihnschließlichinemem °Eomrnen verdunkelten Raum. Erschrickt vor ,edem Lichtstrahl, der aus, sein Gesicht fallen könnte. Er will nicht gesehen werden. Schon das ift auffaUtO genug, aber lange noch nicht alles. Seine Stimme klang dem Besuch verändert — wie die einer ganz anderen Person", hatte die Schauspielerin gesagt. Dazu kommt noch, daß die gesamte Dienerschaft Knall und Fall aus der Villa entfernt worden ist. Offenbar gibt es etwas zu verheimlichen. Nur der alte Philipp durfte bleiben — daraus folgt, daß dieses Faktotum in alles eingeweiht ist. Für das gibt es aber nur eine einzige Erklärung! ...
Dr. Kircheisen legte Kamm und Bürste aus der Hand und ging unruhig im Zimmer auf und nieder. .. , , .
Die Lösung des Rätsels ist ... setzte er seine Schlußfolgerung fort, daß der alte Herr, den ich in der Billa angetrof en habe, ruckst der Baron Vogh ist. Er gibt sich für den „tollen Baron aus - ich weih nicht aus welchem Grunde. Alles deutet daraus hin. Die Ausrede, daß er beim Ausreiten vom Pferd gestürzt sei. Dieser alte hinfällige Mann will geritten sein! Aber die Schauspielerin war gar ntot erstaunt darüber Ihr erschien das ganz selbstverständlich. Natürlich! Der wirkliche Baron Vogh ist wahrscheinlich ein ebenso glänzender Reiter wie ein hervorragender Alpinist. Und der alte Herr dort oben ist aus irgendeinem Grunde genötigt, die anstrengende Rolle des „tollen Barons zu ^^ Dr. Kircheisen blieb stehen und machte hastig ein paar Züge aus
„Na, Felix selbst natürlich. Der Varon."
„Daß er die Baronesse aufs Land geschickt hat?"
„Wer wird denn so einen Fratzen Baronesse nennen. Wir nennen sie unterelnanb’ Immer nur den ,Spatzen'. Ein herziger Kerl — ich bin ganz vernarrt in mein künftiges Töchter!! Dabei ist sie ein Spitzbub! Der Fratz hat mir vorigen Dienstag, als sie mit ihrem Later bei mir zu Mittag war, eine Bürste ins Bett gelegt — ich hab's erst am Abend beim Schlafengehen gemerkt —"
„Aber die pinge Dame, die vorhin aus dem Fenster geklettert ist, — war denn das nicht die Baronesse Gretel?"
„Wer?" fragt die Schauspielerin und verzog hochmütig die Lippen. „Aber was fällt Ihnen denn ein. wie kommen Sie auf fo was? Das war doch nicht die Gretel! Die Person hab' ich zum ersten Male gesehen.
„Herein!- antroortet ihm die Stimme .derSch°uspie'erin OhSie kommen schon, mich zu hoben. Ja was 'st 2hn°n 2,oMor' I
Kommen Sie doch herein! Wovor furchten Sie sich denn? I
Dr Kircheifen war erstaunt zurückgeprallt und ganz verwirrt in der nH-nln Tiire Heben aeblieben Das Zimmer war von tiefer Finsternis
ein breiter Lichtstreifen und ließ Helligkeit in einen kleinen Teil des 3i"r fo'toließen Sie doch die Tür!" hörte der Arzt die Stimme des Barons. „Sie haben mir doch selbst die Dunkelheit verordnet!
... Ich habe ihm gar nichts verordnet ... dachte der Arzt, zog die Tür hinter sich zu und stand ein wenig betäubt im Dunkeln.
„Ja, mein Kind, ich kann dir nicht helsenl" ertönte jetzt^ wieder die Stimme des Barons und man merkte ihm an, daß er zu scherzen bemüht war. „Der Herr Doktor ist streng. Wir müssen ihm folgen.
„Aber ich darf doch nachmittags wiederkommen? fragte die Schau ^,',Jch möckst's ja so gern!" klagte der Baron. „Aber der Doktor er- laub't’s nicht!" _ „
Aber morgen doch? Morgen um diese Zeit.
"Morgen ..." wiederholte der Baron und machte eine lange Pause. „Ja" wir wollen hoffen, daß morgen alles vorbei ist. Und nun leb wohl,
letzt bitten, gnädiges Fräulein!" sagte der Arzt und öffnete die Tür so weit, daß er und die Schauspielerin das Zimmer verlassen konnten. Melitta Ziegler schloß die Zügen und hielt die Hand wie einen schützenden Schirm vor. „Wie das Licht blendet... sagte sie. „Weshalb haben Sie das dunkle Zimmer angeordnet, Doktor? Sind denn die Augen °UDire»' ‘eigen t f kh * nidjt" antwortete der Arzt, der über das verdunkelte Zimmer elbft ganz erstaunt war. „Aber in derlei Fallen emp- siehlt man gern absolute Dunkelheit, weil ihr zugleich meist eine vollkommene Ruhe assoziiert ist."
, O Gott, — lieber Doktor — wenn nur alles rasch oorubergmge!
^Wir wollen es hassen, gnädiges Fräulein."
„Es scheint ihn doch tüchtig mitgenommen zu haben. Ich hab' ihn zwar nicht sehen können, aber seine Stimme klang ganz anders als sonst. Wie von einem ganz andern Menschen, dacht' ich anfangs
Sie finden, daß seine Stimme ungewöhnlich oder verändert geklungen bat?" fragte der Arzt interessiert. „Wie die Stimme eines Fremden?
Beinahe, ja! Es muß doch keine Kleinigkeit fein, solch ein Nerven- chok" — Sie wollen auch fort, Doktor?" fragte die Schauspielerin, als sie Hut und Stock in Öen Händen des Arztes sah.
„Ja, auf einen Sprung in meine Wohnung, gab der Arzt zur 2ÜÜISiet mahnen im ersten Bezirk? Aber, so fahren Sie doch mit mir, Herr Doktor! 'Sitte schön, ist mir ein Vergnügen... Keine Umstande ... ich setze Sie ab, wo Sie wollen. In der Nähe Ihrer Wohnung oder auf der Ringstraße. Woran denken Sie denn eigentlich, Herr Doktor. Sie hören mir ja gar nicht zu!" - ,
Dr Kircheisen war allerdings wieder einmal gar nicht bei der Sache. Verzückt starrte er auf eines der Parterrefenster, aus dem eben bie Baronesse, geschickt wie ein Akrobat, lachend und übermütig auf einem ziemlich halsbrecherischen Wege in den Garten hinab jonglierte. „Schauen Sie nur, gnädiges Fräulein!" sagte Dr. Kircheisen und wies auf Greil. „So ein Wildfang! So ein entzückender Tunichtgut!"
„Na ja!" sagte die Schauspielerin, die schon im Wagen saß, gleichgültig. „Wenn Ihnen das gesällt... Kommen Sie jetzt raus zu mir. Es wird zwar ein bissel komisch aussehen, wenn die Dame kutschiert und der Herr daneben sitzt, aber das wird Sie hoffentlich nicht weiter genieren.
... Die Baronesse und ihre künftige Stiesmama scheinen wirklich nicht zu harmonieren ... dachte der Arzt, als er neben der Schauspielerin die Allee hinuntersuhr... Wie wenn sie Lust wäre, so hat die Melitta Ziegler das arme Mädel behandelt. Die Stiefmutter, natürlich! Das alte Lied. Ein bissel eisersüchtig auf „Schneewittchen hinter den Bergen' ...
„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir die Geschichte in die Glieder gefahren ist!" jagte die Schauspielerin nach einer Weile. „Ich muß mich sofort niederlegen, wenn ich nach Hause komme. Dabei hab' ich morgen das Rautendelein zu spielen, mit einem neuen Heinrich noch dazu. Mit dem Lanterböck aus Düsseldors — kennen Sie vielleicht den Lauterböck? Ein sehr talentierter Mensch... Nur ein bissel zu viel spuken tut er, wenn er in Feuer kommt... Sie entschuldigen schon, Herr Doktor, aber Sie haben keine Ahnung, wie unangenehm das für die Partnerin ist."
„Ich kann mir's vorskellenl" sagte der Arzt zerstreut.
„Sehr gescheit sind' ich's von dem alten Philipp, daß er die Gretel rasch zur Schwester des Barons auss Land geschickt hat. So hat man ihr wenigstens die Ausregung erspart."
„Wen hat man auss Land geschickt?"
„Die Gretel, die Tochter meines Bräutigams."
„Ja, wer hat Ihnen denn das erzählt?" fragte der Arzt erstaunt.
seiner Z^garette^ irgendeines weiteren Beweises bedürfte .. -.überlegte er. ... Meine Beobachtungen auf der Fahrt hierher ..! Die Melitta Ziegler kannte das junge Mädchen gar nicht, das mir als bie Barone e ooraefteUt worden ist. „Ein Stubenmädchen wahrscheinlich , hatte sie gesagt. Und: „Ich seh die Person zum erstenmal". Natürlich, das reizende Mädchen war ebensowenig die Baronesse Vogh, wie ihr Vater der Baron. Darum war sie in ihrem Zimmer eingeschlossen worden, damit sie der Schauspielerin nicht zu Gesicht tarne. .. ......
Und jetzt erinnerte sich Dr. Kircheksen auch, in welch ängstlichem, mißtrauischem Ton der Pseudobaron ihn heute morgen gefragt hatte: „Kennen Sie meine Tochter Greil?" Natürlich, hätte er^ Dr. Kircheisen, zur Antwort gegeben: „Ich habe bereits das Vergnügen , so wäre das Mädchen vor ihm genau so versteckt gehalten worden, wie vor der Melitta
Was aber war der Sinn dieses ganzen Spiels? Lag ein Verbrechen vor? Waren der wirkliche Baron und seine Tochter aus dem Wege ge- räumt worden? Oder waren das alles erst die Vorbereitungen zu einem Verbrechen, für dessen Ausführung etwa die Hilfe des indifchen Gartners benötigt wurde? „Er hat noch etwas Wichtiges, etwas Unerläßliches zu Ende zu bringen!" hatte der Pfeudobaron gesagt. Was war es, wozu der sterbende Ulam Singh gebraucht wurde? Und wenn der alte Mann in der Villa die Rolle des Barons spielte — wo waren der wirkliche Baron und seine Tochter? Sind die beiden auf Reifen? Oder am Ende tot?
Das sind Fragen, die beantwortet werden muffen! ... sagte sich Dr Kircheisen und zog, vor dem Spiegel stehend, entschieden den Knoten seiner Krawatte zu... Daneben gibt es allerdings noch anbre buntle Punkte, zu deren Aufhellung meine Vermutung, daß der „tolle Baron und der gebrechliche alte Herr dort zwei verschiedene Personen sind, nicht hinreicht. Wie kommt die giftige Tik Paluga m bie Villa? Wie ist es überhaupt gelungen, sie lebend nach Europa zu schaffen? Der Inder soll sie aus ihrer Heimat gebracht haben - aber er hat vor anderthalb Jahren Indien verlassen, und die Schlange ist kaum drei Monate alt. Das ist mehr als ich begreifen kann. Und bann ber zerschlagene Spiegel. „Hwi- mel ’ben hab' ich vergessen!" hatte ber Baron geschrien. Wahrhaftig, ich habe auch in ber ganzen Wohnung keinen Spiegel bemerkt. Eine recht änderbare Schrulle, daß feine Tochter niemals ihr Spiegelbild sehen darf!
Seine Tochter ... wie furchtbar, wenn auch sie in diese dunkle Sache verwickelt wäre. Etwas Schlimmes ist dort oben geschehen, etwas Fürchterliches vielleicht ... die Unruhe des Pseudobarons, die Verzweiflung des alten Dieners, bie ganze büfterc unb angstvolle Stimmung in bem teeren Haus läßt es befürchten. Wollte Gott, bas Mädchen wüßte nichts davon, wäre unschuldig an allem was immer geschehen sein mag.
(Fortsetzung folgt.)


