seitdem ich mich entschlossen habe, bescheiden zu sein und seitdem ich weiß, daß majestätisch und unsehlbar zu cheinen, keine Notwendigkeit ist. Ich bin sehr lustig, Gott gebe, daß die e Lustigkeit ihren Ursprung in mir selbst hat. Dann wäre ich immer lustig und immer glücklich. Vormittags entschloß ich mich, zu Haus zu bleiben und zu arbeiten. Es wurde nichts Rechtes daraus, und so mußte ich abends ein bißchen herumschlendern. Ich mache mir dennoch Vorwürse wegen Charakterlosigkeit und wegen des Nichtstuns während des ganzen Tages.
1. August: Ich bin spät aufgestanden und habe den ganzen Vormittag Schiller gelesen, jedoch ohne Vergnügen und ohne Begeisterung. Nachmittags war ich wieder faul und habe nur sehr wenig geschrieben. Den ganzen Abend verbrachte ich im cherumschlendern. Ich mache mir zum letzten Mal Vorwürfe wegen meiner Faulheit. Wenn ich morgen wieder nichts tue, werde ich mich erschießen.
4. August: Den ganzen Vormittag habe ich geschrieben und mich gut benommen. Nachmittags habe ich wieder nichts getan. Bei einem Kameraden habe ich Geld gepumpt und ein Pserd gekauft. Ich mache mir etwas Vorwürfe wegen Faulheit, böser Zunge und übereilter Meinungen.
5. August: Bin früh aufgestanden und habe mit Freude geschrieben. Deshalb ist mir auch das Ende einer Erzählung gut gelungen. Gegen Mittag habe ich leider die Entdeckung gemacht, daß ich noch nicht kuriert bin. Diese Entdeckung hat mich so deprimiert, daß ich wieder nichts anfangen konnte. Noch eine Regel, die ich in der letzten Zeit ausgearbeitet habe: Urteile nicht und sag nicht deine Meinung von anderen Menschen! Ich mache mir Vorwürfe wegen Faulheit am Abend.
6. August: Habe den ganzen Tag nichts getan und Karten gespielt. Zwei wichtige Vorwürfe.
7. , 8., 9., 10. und 11. August: Ich bin in dienstlicher Angelegenheit nach Verlad gefahren und habe den Auftrag gut ausgesührt. Zwei Abende habe ich beim Kartenspiel verbracht. Für die erste Leistung bin ich mir dankbar, für die zweite mache ich mir Vorwürfe, zumal ich in der ganzen Zeit nicht geschrieben habe.
12. August: Der Vormittag fing gut an — in Arbeit: aber der Abend! Großer Gott! Werde ich mich denn nie bestem? Ich habe nicht nur mein ganzes Geld, sondern soviel verspielt, daß ich es gar nicht bezahlen kann, im ganzen 3000 Rubel. Morgen muß ich mein Pserd verkaufen.
15. August: Bin früh aufgestanden und habe einen Spaziergang gemacht. Er gelang nicht, Habe ein wenig geschrieben, und zwar sehr schlecht. Ich wiederhole das, was ich schon notiert habe: Ich mache mir Vorwürfe wegen dreier Fehler 1.) Charakterlosigkeit, 2.) Reizbarkeit und 3.) Faulheit. Werde mit der erdenklichsten Mühe diese drei Fehler kontrollieren und notieren. Später, wenn ich sie los bin, werde ich zwei Aufgaben !laben: die Liebe meiner Nächsten zu gewinnen und mit mir sehr zufrieden ein, aber auch jetzt will ich diese Regeln nicht vergessen.
16. August: Bin um 7 Uhr aufgestanden, habe ziemlich gut, aber wenig geschrieben, saß bei Stolypin, dann habe ich in ekelhaftester Weise über den Sündenfall gestritten und bin deshalb schlecht gelaunt schlafen gegangen, habe meinen Burschen angebrüllt, bin reizbar. Das Wichtigste im Leben ist für mich die Befreiung von meinen Fehlern. Ich werde mit diesem Satz jeden Tag die Eintragungen ins Tagebuch schließen.
19. August: Habe ziemlich viel geschrieben, war abends zu Gast und habe ein unangenehmes Gefühl nach Hause mitgenommen. Ich bin mit dem Tag zufrieden, außer der Faulheit während der Arbeit. Ich könnte noch mehr arbeiten und zufrieden fein, habe mir aber während der Arbeit eine Rast erlaubt. Am wichtigsten ist für mich die Befreiung von drei Lastern — Charakterlosigkeit, Reizbarkeit und Faulheit.
20. August: Habe meine Novelle beendet. Schwach! Am wichtigsten ist für mich die Befreiung von meinen drei Lastern.
21. August. Den ganzen Tag hak mir Zahnschmerz verdorben. Ich mache mir Vorwürse wegen Faulheit, Unschlüssigkeit und Reizbarkeit.
24. August: Habe heute zwei angenehme Empfindungen. Einen Brief von Nekrassow, der meine „Jugend" lobt, und habe ein gutes Buch gelesen. Es ist sonderbar. Je höher man den Menschen erscheinen will, um so mehr sinkt man in ihren Augen. Alle Wabrheiten sind paradox. Direkte Folgerringen der Vernunft sind sehlerhafk. Unlogische Folgerungen eines Experiments sind fehlerlos. Am wichtigsten ist für mich die Befreiung von meinen drei Lastern.
27. August: War böse mit Aliofcha. Den ganzen Tag außer Schreiben und Lesen eines vortrefflichen Romans von George Sand nichts getan. Habe meinen Burschen geschlagen. Meine Stimmung ist schwarz. Ein schlechter, schwerer Tag. Am wichtigsten ist für mich die Befreiung von meinen drei Lastern.
28. August: Ich bin 26 Jahre alt geworden, habe mich heute zweimal über den Burschen geärgert, Herrn Golynsky schlecht beurteilt.
1., 2. September: Ich habe gestern gesündigt, habe einen Kameraden angepumpt.
3.September: Habe zweimal versucht zu schreiben — es ging nicht. Abends habe ich Karten gespielt. Geldmangel und meine Beziehungen zu Bekannten drücken mich.
5. September: Ich und mein Tagebuch werden immer dünner. Meine literarische Arbeit will nicht gehen. Habe heute einen gereizten Brief geschrieben.
17. September: Habe mich schlecht benommen, nichts getan und bin Mädchen nachgelaufen. Ich muß mich von Faulheit, Charakterlosigkeit und Reizbarkeit befreien.
22. September: Ich bin sehr heruntergekommen. Bin mit meiner Besserung unzufrieden.
6 bis 10 Oktober: f)abe Geld erhalten, viel für Kleinigkeiten aus- gegeben, Karten gespielt. Habe ein Pferd gekauft und bin in eine neue Wohnung umgezogen. Mein Tagebuch geht langsam, dafür fange ich an, mich zu bessern... _____
006 Mangova'iwwunder.
Roman von Leo Perutz und Paul F r a nk.
Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München,
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Die Schauspielerin hatte den Arzt bisher nicht beachtet. Jetzt erst hatte sie die Fütterung des Pferdes beendet und warf dem Lakaien die Zügel zu. Dabei fiel ihr Blick auf Dr. Kircheifen, der sich leicht vor ihr verbeugte. Erstaunt sah sie ihn an.
„Ich bitte um Vergebung, mein Fräulein", sagte der Arzt. „Wenn ich Sie heute hier empfange."
„Wo ist denn der Felix...?" fragte sie ungeduldig. „Wo ist der Baron?"
„Das ist es ja eben ... Erlauben Sie, daß ich mich vorstelle, Dr. Kircheifen... Ich bin Arzt."
„Melitta Ziegler. Mitglied des Burgtheaters."
„Sehr erfreut, meine Gnädige. Der Herr Baron hat mich zu sich rufen lassen ..."
„Es ist doch um Himmels willen nichts passiert?" rief die Schauspielerin.
... Donnerwetter — dachte der Arzt... Ordentlich blaß ist sie geworden. Die scheint sehr besorgt um ihn zu fein, ober sie spielt glänzend Theater...
„Nur eine Kleinigkeit. Nichts von Belang", gab er zur Antwort.
Die Hand der Schauspielerin haschte nach seinem Arm. „Es ist ihm etwas zugestoßen!" schrie Melitta Ziegler verzweifelt. „Er ist krank! Was fehlt ihm? Sprechen Sie doch, Herr Doktor."
„Ein kleiner Unfall beim Reiten. Er ist vom Pferd gestürzt", sagte der Arzt zögernd, denn diese Lüge klang ihm allzu unwahrscheinlich und es kostete ihn Ueberminbung. sie über die Sippen zu bringen.
Doch — wie sonderbar, Melitta Ziegler schien ihm zu glauben. Daß der hinfällige, alte Herr sich unmöglich auch nur eine Sekunde lang im Sattel halten konnte, das schien ihr ganz und gar nicht einzufallen.
„Er ist verletzt! Er ist gefährlich verletzt!" Ihre Stimme zitterte.
„Aber gar nicht. Verletzt ist er überhaupt nicht", beruhigte sie der Arzt. „Nur ein kleiner Nervenchok, das ist alles."
Die Hand ließ ihn los. Der Arm fiel schlaff herab.
„Gott fei Dank!" flüsterte sie und lehnte sich gegen das Torgitter. „Jetzt kommen Sie, Doktor. Ich will zu ihm. Wie ist bas Unglück geschehen?"
... Du lieber Gott! ... buchte der Arzt... Ja, wie ist das Unglück geschehen? Wenn ich's nur selber wüßte. Aber irgend etwas mutz ich ihr doch erzählen! Ich hab's schließlich dem Baron versprochen...
„Ja, ... also gestern abenb!\ begann er seinen Bericht, und gleich darauf sprach er fließend, denn er hatte sich rasch irgendeine Art von Reikunsall zurechtgelegt. „Zu Anfang der Allee soll's gewesen sein. Die Straßenlaterne brannte nicht."
„Sa eine Wirtschaft!" rief die Schauspielerin. „Diese Wiener Verwaltung! Als ob jemals irgend etwas in Ordnung wär'."
„Wie der Unfall eigentlich geschehen ist, weiß ich nicht. Es scheint, daß das Läuten eines Radfahrers das Pferd so erschreckt hat. Dieser Radsahrer Hai, als er herankam den Herrn Baron auf der Erde liegend 1 in leichter Ohnmacht gesunden. Er ist bann rasch ins nächste Kaffeehaus gefahren, um nach einem Arzt zu telephonieren. Das war aber nicht nötig, da ich zufällig in dem Kaffeehaus faß. Ich hab' den Herrn Baron schon bei Bewußtsein gefunden — ein paar Hautabschürfungen und ein leichter Nervenchok, das war alles. Morgen wird er fein Zimmer wieder verlassen können."
„Bitte, führen Sie mich jetzt"zu ihm! Er liegt im Schlafzimmer?"
„Nein, in seinem Arbeitszimmer. Ich muß Sie aber aufmerksam machen, daß der Patient strengste Ruhe nötig hat."
„Dann ist es also doch gefährlich! Hat er nicht nach mir verlangt? Warum hat man mir nicht sofort telephoniert? Noch gestern abend!"
„Das war wirklich nicht notwendig. Es lag kein Anlaß vor, Sie in Unruhe zu versetzen. Es ist bestimmt nichts Ernstes."
„Dann lassen Sie mich zu ihm!"
„Gewiß, wenn Sie das beruhigt. Eine Unterredung von fünf Minuten kann ich Ihnen gestatten, wenn Sie mir versprechen, alles zu ver- meiden, was den Herrn Baron aufregen und feinen Zustand verschlimmern konnte."
„Natürlich! Ich verspreche es Ihnen, Herr Doktor!
An der Tür des Pseudo Krankenzimmers verabschiedete sich Dr. Kircheisen von der Schauspielerin. Er wollte inzwischen noch ein wenig nach dem Kranken schauen, sich die Sicherheit verschaffen, ob er bas Haus auf eine ober zwei Stunden verlassen konnte, denn er hatte allerlei aus seiner Wohnung zu holen. Leise trat er an des Inders Bett. Ulam Singh lag bewegungslos und schlies... Das ist kein ungünstiges Symptom ... sagte er sich... Solange er nicht deliriert, ist wohl keine unmittelbare Gefahr. Das ist eigentlich etwas sehr Merkwürdiges, dieser gewaltige, beinahe heroische Kamps des menschlichen Körpers gegen das attackierende Gift. Freilich, in diesem Fall ist der Kampf vergeblich: das Gift wird Sieger bleiben. Aber bis dahin: alle Wechselfälle des Krieges zwischen Gift und menschlichem Körper. Langsames Vordringen des tückischen Feindes, zähe Verteidigung, der jähe Versuch einer raschen Ueberrump- lung — abgeroiefen für den Augenblick! Jetzt herrscht so etwas wie ein Waffenstillstand: Ulam Singh schläft.
Dr. Kircheifen sah auf die Uhr: ... Die fünf Minuten sind um... Jetzt muh ich die beiden stören: sie wirb ungehalten fein. Sie scheint ihn wirklich unb aufrichtig gern zu haben, ben alten Mann. Wie sie erschrocken war, unb wie ängstlich besorgt. Dieses blühenbe Geschöpf liebt ben grauhaarigen, hinfälligen Greis, ber ihr Vater, wenn nicht gar ihr Großvater | sein könnte! Frauen sinb oft sckwer verstänblich in ihren Neigungen... I Er klopft an die Tür des Arbeitszimmers.


