nach Hause. Dort erfuhr ich genaue Einzelheiten,, wie das Unglück zustande gekommen war. Ich ltctz mir die betreffenden Werk- fuhrer kommen, und nach deren Aussagen formte sich das klare Bild, wie alles entstanden war. Es herrschte eine außerordentlich starke Kalte (minus 21 Grab Celsius), so daß die Leitung des flüssigen Trinitroluols vom Vorratsbassin zum Füllraum zuae- frorcn war. Ein Aufseher will möglichst rasch Luft schaffen, steckt einen Messlngstift in die Leitung und schlägt mit einem Folz- Hammer dagegen. Nun erfolgt zunächst eine kleine Explosion, die dem Aufseher den Kopf abrcißt. Durch die Detonation aufmerksam gemacht, eilt meine Frau an das Fenster unseres Hauses. Sie konnte genau beobachten, wie alles zu brennen anfing. Dann aber erfolgte eine kleine Explosion, durch die sämtliche Fensterscheiben in Leverkusen und den umliegenden Ortschaften zerplatzten. Ja selbst in Köln, Düsseldorf und Krefeld gingen viele Ladenfensterschetben entzwei. Vier Minuten lagen zwischen der ersten und der zweiten Detonation. In meinem Hause, das in nächster Nähe der Explosionsstätte, etwa ein Kilometer davon entfernt, lag, war außerordentlich viel zerstört und zertrümmert worden. Tie Türen waren eingedrückt, die Verkleidung von den Wanden gerissen. Ein Mädchen war verletzt, und auch meine einzige Tochter Hildegard hatte durch ein Oberlicht, das ihr auf den Kopf fiel, einen doppelten Schäöclbruch erlitten. Acht brave Arbeiter mußten ihr Leben lassen, und Hunderte von Verletzten zeugten für die Schwere des Unglücks.
In einem Lazarett, das wir in unserem Verwaltungsgebäude eingerichtet hatten, lagen 450 Kriegsverletzte, die nun auf einmal, da alle Fensterscheiben zerstört worden waren, in völlig unge- u,m ’tcit Zimmern liegen mußten. Es ging um das Leben dieser Vaterlandsverteidiger, die teilweise in Lebensgefahr schwebten. In höchstmöglicher Eile wurden sie nach den umliegenden Hospitälern abtransportiert, damit die Wunden vor der schlimmen Einwirkung der Kälte geschützt waren.
Die Zerstörung von Leverkusen.
Die Farbenfabriken von Leverkusen waren die erste Fabrik, die von der Interalliierten militärischen Kontrollkommission aufs Korn genommen wurde, und zwar schon während der Zeit des Waffenstillstandes. Wir sollten das Musterbeispiel dafür sein, wie die Gegenseite vorzugehcn hatte. Man hat bei uns in unseren Werken in Leverkusen und Worringen Werte von weit über 50 Millionen Goldmark zerstört. Man hat ganze Abteilungen der Fabriken dazu verurteilt, bis auf den Grund abgerissen zu werden, so z. B. die Salpeterfabrik. Man hat andere Werkteile bis auf den letzten Apparat ausgeräumt. Man hat ferner Gebäude mit Umwallungen vollkommen der Zerstörung anheimgcgeben, lediglich weil in ihnen einmal Sprengstoffe herqestcllt worden waren. Unsere Bitte, daß wir uns wenigstens mit dieser Apparatur auf Friedenszwecke umstellten, hat man uns abgeschlagen.
Nun aber, begannen nicht militärische, sondern wirtschaftliche Kreise der Entente bei der dort herrschenden Arbeitsnot sich zu regen. Sie wiesen darauf hin, daß die chemische Industrie Deutschlands imstande sei, sich im Falle eines Krieges wiederum genau so leicht wie seinerzeit auf die Fabrikation von Sprengstoffen umzustellen.
Die Militärkonkrollkommtssion forderte, daß wir ihr nicht nur die Verfahren zur Herstellung von Pulver und Sprengstoffen sowie die Gaskampfstoffe mitteiltcn, was wir selbstverständlich wiederum gemäß den Vorschriften des Friedensvertrages getan haben, sondern sie hatte doch auch gefordert, ihr die Verfahren mitzuteilen, nach denen wir die Urstoffe, also z. B. die Schwefelsäure, Salpetersäure, ja selbst Ammoniak herstcllten, die bekanntlich die Grundlage jeder chemischen Fabrikation sind. Die Wirtschaftskreise der Entente wollten auf diese Weise in die Lage versetzt werden, auch die Fricdcnsprodukte ebenso billig und ebenso zweckmäßig herzustellen, wie wir dies vor dem Krieg getan haben.
Man verlangte von uns, daß wir der Entente die Verfahren in allen Einzelheiten mit Zeichnungen übermittelten. Wir sollten ihnen sagen, wie öie Oefen konstruiert und zusammengesetzt waren, in denen sich der wichtige Kontaktprozeß, die Zusammenlegung von schwefliger Säure und Sauerstoff, vollzieht. Man verlangte, daß wir ihnen sagen, wie wir in Leverkusen aus Gips Schwefelsäure machten, ein Verfahren, das zu den wenigen gehört, die während des Krieges erfunden worden waren und sich auch später nocki bewährten. Wir gewinnen dabei, ohne ans den Import ausländischer Schwefelkiese angewiesen zu sein, als Nebenprodukt Zement, und zwar überraschenderweise einen solchen, der alle Zemente der Welt an Festigkeit um 50 Prozent übertrifft. Man verlangte ferner von uns, daß wir ihnen sagen sollten, wie wir den Salpeter gemacht haben, nachdem wir von Chile abgcschnitten waren und keinen chilenischen mehr einfübren konnten, und zwar wiedernni in allen Einzelheiten. »Wir sollten ihnen sogar die Einzelheiten der mißglückten Versuche, die wir gemacht haben, — tatsächlich und richtig auch der mißglückten Versuche — mitteilen, damit sie nämlich selbst nicht ö>e gleichen Irrwege gehen mußten, die wir gegangen sind, bis es nns gelang, aus Ammoniak Salpeter bzw. Salpetersäure hcrzustcllcn. Damit aber nicht genug, nein, man wollte auch das Haber-Voschsche Verfahren der Herstellung von Ammoniak'aus dem Stickstoff der Luft und °dem Wasserstoff des Wassergascs ebenfalls in allen Einzelheiten überliefert haben. Daß es mit Kricgsrüstung und vor allen Dingen mit Sprengstoffen und Gaskampfstoffen nichts zu tun batte, wenn wir die Fabrikation von Düngemitteln auf diesem Wege betrieben, war ihnen nur schwer beiznbringen. Dieie Forderung war nur erhoben worden, um io aus rein wirtschaftlichen Gründen in einfachster und billigster Weise diese Verfahren kennen , au lernen. ~ ~ 1
Der Mann, der mit d'eser Zeit fertig wird.
Roman von Walter Julius B l o e m sGDS.j.
(Fortsetzung.)
Sind die Briefe an die Gläubiger erledigt?"
„Alle vierzehn, Herr Doktor. Hier ist ein Durchschlag. Sie lauten alle gleich."
Anton liest, blickt er schräg über die Schulter zu Elli, ganz fluchtig. „Sie sind so vergnügt?"
. "^?vAnden Sie? Keine Ursache." Sie brachte ihm einen Teil der Geschaftspost, immer noch Stapel von Anfragen und wenig Bestellungen. Anton zieht seine Schublade auf und holt drei Zeitschriften hervor. „Ansehen!" befiehlt er.
Wieso?
„Ansehen, Elli!"
Sie beugt sich über seinen Schreibtisch und studiert von vorn bis hinten die Bilder, Tagesereigniffe werden abgeschildcrt, Stimmungsbilder von den ersten Sprungbewerben der Skiläufer, Elli blättert herum und sucht nach der Witzecke. „Das tägliche Fest" schreit ein Riesentnserat vor ihren Augen, den Untergrund bedeckt tausendfach das Wort Wagenschanz. Sie stößt einen kleinen Schrei aus. „Aber haben Sie denn — — aber dürfen Sie denn —?"
Wagenschanz schiebt seine Unterlippe vor und pufft geringschätzig, „pfs", macht er. Er hat die Schultern eines Keilers. Ja, er weiß keine andere Richtung als diese eine und verfolgt sie blindlings bis in sein Verderben hinein. Ohne Wissen ihrer Gläubiger inseriert die untergehende Fabrik noch dreimal, und ihr Ruf an die Käufer klingt nicht nach SOS. Er sagt nicht, kauft mir ab, um Gottes willen, ich verkrache sonst, er zeichnet keinen Tannenzweig mit sinnigem Christbaumschmuck, wie es die zahllosen anderen Anzeigen tun. In vollendet guter Wiedergabe setzen die drei ganzen Seiten den Gedanken fort, daß man den Tag mit einem Fest einleiten soll: wie die Müdigkeit verfliegt, Glied um Glied wird der Schläfrigkeit entrissen. Wagenschanz' bewährtes Haarwasser legt eine Eisklappe um die Kopfhaut, eine wunderbare Sauberkeit verwandelt den, der vor wenigen Minuten gähnte und sich streckte, in einen Menschen voll Unternehmungslust. „Das Fest, das an jedem Tage dem Erwachen folgt, wird von den meisten für ein paar Minuten mehr Schlaf vergeudet, sie überhetzen sich, grämlich und unwirsch beginnt ihr Tag. Aber wer die Wagenschanz-Erzeugnisse verbraucht, gönnt sich eine Wohltat, die seinen Arbeitstag zuversichtlich beginnen läßt."
Man sieht es dem Doktor Wagenschanz an, daß er in der vergangenen Nacht schlecht geschlafen hat. „Machen Sie sich fein", spöttelt Elli, „Sie bekommen heute sicher eine Menge Besuch."
„Glaub' ich auch." Anton zieht die Keilerschultern ein und begibt sich in sein Schlafgemach, in den Lagerraum, dort hängt ein Nasierspiegel an einer Kiste nahe dem Fenster, dort rasiert er sich, mit langen und beruhigenden Bewegungen. Das tut gut. Sie sollen nur kommen. Er freut sich über seine Rasierseife, die aus unzähligen Versuchen hervorging, die Tuben liegen fertig bedruckt, die Schachteln, die Verpackungen, da legen ihm diese Idioten die Fabrikation lahm. Abwarten. Geduld haben, wenn eigentlich dreißig Bullen losarbeiten müßten.
Er steht vor der verstaubten Kiste und schabt sich aalglatt, einen seltsamen Mut gibt das. Hinten in der Baracke liegen die Waren aufgestapelt, drei neue Anzeigen schwärmen in dieser Stunde millionenfach über ganz Deutschland, Züge rollen in allen Richtungen und tragen verschnürte Pakete, in denen es auf nichts ankommt als auf die Wagenschanzseite, jeder kleine verfrorene Ausrufer macht sich zum Helfer für Antons Not. Zuerst sind die Leute aufmerksam geworden: wer ist denn das, hast du den Namen je gehört? Sie haben ihn wieder vergessen über die Woche, jetzt erinnern sie sich, da ist schon wieder der Mann mit dem „Täglichen Fest", sie werden nach Wagenschanz-Erzeugniffen fragen und sich überlegen, ob man diese hübschen Packungen nicht der Frau oder der Geliebten auf den Weihnachtstisch legen soll.
Ruhe und Kampfeslust ziehen in Antons Gemüt über dieser wohltuenden Beschäftigung. Er macht sich sein, der graue Anzug kleidet ihn, auch wenn der Schneider noch nicht ausbezahlt ist, das soll Vorkommen. Die Wagenschanz-Werke haben ungehindert zwei ihrer Bomben schleudern können,' wenn die nun nicht zünden, so komme der Acheron verdientermaßen über uns!
Es ist wie vor einem erwarteten Sturmangriff, die Besatzung begibt sich auf ihre Posten. Anton findet Rosemarie in ihrem Zimmer, Stühle und Tische sind bedeckt mit den unwichtigen Blättern illustrierter Zeitschriften. Ihre Hand ist ganz kalt. „Angst?" fragt er lächelnd.
„Schrecklich. Sie nicht?"
„Nein. Ich bin zufrieden."
„Aber Sie können ins Gefängnis kommen."
„Kaum", wehrt er ab, „das werden meine Gläubiger sich ein- bildcn. So einfach ist das nicht. Ich habe mich selber auf die Schanze gewagt." Er lacht über seinen Witz.
Sie haben eine häßliche Krawatte", entdeckt Rosemarie. Das gibt er zu, aber „die" gute bekam Flecken, als er experimentierte.
„Ich will Ihnen eine neue kaufen " Sie geht sofort weg und wählt in einem Herrengeschäft, eine Fülle farbiger Seide gleitet durch ihre prüfenden Finger. Dabei muß sie mit besonderer Deutlichkeit an Anton Waqenschanz denken, „Wag-Schanz" wiederholt ihr Gehirn, „kein modischer Lasse", also wählt sie nichts Ueber- ziertes für ihn.
*
Es geht in den wütenden Auseinandersetzungen darum, daß dem Doktor Wagenschanz so schnell wie möglich die Leitung seiner Fabrik entzogen wird. Er sollte seinen Gläubigern nicht übel-


