SiehenerZamilienblötter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
) ihrgang <955 Montag, den ib. Januar Nummer 5
Trost in Tränen.
Von I. W. von Goethe.
Wie kommt'», daß du so traurig bist. Da alle» froh erscheint?
Man sieht dir'» an den Augen an. Gewiß du hast geweint.
„Und hab ich einsam auch geweint. So ist'» mein eigner Schmerz, Und Tränen fließen gar so süß, Erleichtern mir das Herz."
Die frohen Freunde laden dich, O komm an unsre Brusti •
Und was du auch verloren hast, Vertraue den Verlust.
„Ihr lärmt und rauscht, und ahnet nicht, Was mich den Armen quält.
Ach nein, verloren hab ich's nicht. So sehr es mir auch fehlt."
So raffe denn dich eilig auf! Du bist ein junges Blut.
In deinen Jahren hat man Kraft Und zum Erwerben Mut.
„Ach nein, erwerben kann ich's nicht. Es steht mir gar zu fern.
Es weilt so hoch, es blinkt so schön, Wie droben jener Stern."
Die Sterne, die begehrt man nicht; Man freut sich ihrer Pracht, Und mit Entzücken blickt.man auf In jeder heitern Nacht.
„Und mit Entzücken blick ich auf So manchen lieben Tag: Aerweinen laßt die Nächte mich, So lang ich weinen mag."
Das verlorene Lachen.
Eine Bauernsage von Hans Franck.
Zu den Zetten, da in Mecklenburg noch viele Herzöge nebeneinander regierten, weil nicht der älteste Sohn das ganze Land erbte, sondern die Fürstenväter ihr Besitztum immer unter ihre männlichen Sprossen verteilten, vor mehr als fünfhundert Jahren also, wohnte auch in dem Städtchen Wittenburg, das es inzwischen immerhin aus dreitausend Seelen gebracht hat, ein Herzog.
Einer von den Wittenburger Herzögen namens Johann Ludwig hatte eine Tochter, welche die Fröhlichkeit in Person war Von der Stunde an aber, da die Mutter mit sechsunddreißig Jahren — infolge eines hitzigen giebers — am Morgen des achtzehnten Geburtstages ihr wegftarb, konnte Ludmilla — so hieß die einzige Tochter des Herzogs — nicht mehr lachen. Johann Ludwig wußte sehr bald: mein Kind muß das Lachen wieder lernen, oder es wird feine Mutter um keine achtzehn Monate, geschweige denn um achtzehn Jahre überleben. Er schickte zum Doktor. Der bestätigte dem bekümmerten Vater: Lachen! Oder Ludmilla wird vergehen wie eine Pflanze, der das Sonnenlicht fehlt. Gewiß, sie sieht schön aus, undenklich schön, und schlank ist sie auch, schlanker als irgendein Mädchen im Mecklenburger Lande. Aber erinnert die Farbe ihres Gesichtes und die Form ihres Körpers nicht schon ein wenig an die überlangen, bläßlichen Ausschüsse, welche im Frühling die Blumen dem Kellersenster entgegentreiben? Das Licht des Lachens muß wieder über dem Kind ausgehen, ober--Gut gesagt! Leicht gesagt! antwortete der Herzog bitter. Aber
wo das verlorene Lachen wiederfinden, und wie, wenn man's gefunden hat, es auf die Herzogsburg zurückholen? Der Doktor zuckte die Achseln: Nicht seine Sache, sondern Sache des Vaters!
Obwohl Herzog Johann Ludwig sich dieser Sache bei Tag und bei Nacht annahm, gelang es ihm nicht, seiner Tochter Ludmilla das abhanden gekommene Lachen wieder zu verschaffen. Auch die Hoffnung, es werde sich mit der Zeit oon selber einstellen und eines Morgens da sein, ohne daß man wußte, aus welchem Wege es von der toten Mutter, die es mit sich genommen hatte, zurückgeckommen sei, auch diese Hoffnung blieb unerfüllt. Ludmilla vermochte nicht zu lachen. Selbst zum allerleisesten Lächeln verzog sich niemals ihr schöner Mund
Da die Herzogstochter von Tag zu Tag blasser und schmaler wurde, bot Johann Ludwig öffentlich tausend" Taler aus, die derjenige erhalten solle — gleichviel ob Mann oder Frau, ob Greis oder Kind, ob Vornehm
oder Gering — welcher es fertig brachte, feine Tochter Ludmilla zum erstenmal wieder hörbar auflachen zu lassen. Aerzte und Quacksalber, Ritter und Abenteurer, Künstler und Gaukler, Gelehrte und Schäfer, schöne Frauen und alte Vetteln, machten sich nach Wittenburg aus, um die ausgebotenen tausend Taler zu verdienen. Man kurierte und zauberte an der Herzogstochter herum, man trieb Künste und Schnurrpfeifereien vor ihren Augen, man brauchte Wissenschaft und Magie, man erzählte wunderliche Geschichten und närrische Späße — Ludmilla lachte nicht.
Eines Tages steht ein Bauer aus Ziggelmark aus der Burg. Nicht zur Herzogstochter will er, sondern zu ihrem Vater. Zwar hat auch er von dem Leiden Ludmillas gehört. Ader er glaubt nicht daran Das ist wieder eine von den Geschichten, die man zurechtgemacht hat, um einen dummen Bauern zu sangen. In diese Falle geht er nicht! Denn Waak — so lautet der Name des Ziggelmarker Bauern — ist einer von den Neunmalgescheiten. Wen man ihn für dumm hält, dann ist er klüger als ein Advokat, und wenn er besonders klug sein will, dann ist er so vernagelt, daß man eine Wand mit seinem Kopf einrennen könnte, ohne daß dieser den mindesten Schaden davon hätte. Jedenfalls: daß die Tochter des Wittenburger Herzogs nicht lachen kann, glaubt Waak nicht. Er, der bei feiner Olsch wahrhaftig nichts zu lachen hat, freut sich an jedem Tag feines Lebens: und eine Herzogstochter, die doch auf der Welt weiter nichts zu tun hat, als vom Morgen bis zum Abend zu lachen, sollte — nee, glaubt er nicht! Aber wie s damit auch ist — er will zum Herzog. Mit einer verteufelt ernsten Sache. Recht soll Johann Ludwig sprechen. Zwischen ihm und — schschfch! Man wird schon hören, wenns soweit ist. '
Als der Ziggelmarker Bauer vor seinem Herzog steht, stellt er sich zunächst dumm. „Nicht wahr, Johann Ludwig," fragte er, „dem Herzog muß in feinem Land alles untertan sein, was lebendig ist? Alles, was Odern hat, wie es in Gottes Wort heißt!" „Natürlich", antwortete der Gefragte. „Wie sollte in meinem Lande mir etwas nicht dienen müssen. Sogar die toten Steine gehören mir." „Dann müssen also auch die Tiere dem Herzog untertan sein?" faßt der Bauer nach. „Selbstverständlich, Waak." „Alle Tiere?" „Jawohl, ohne Ausnahme." „Auch die Hunde? will der Bauer wissen. „Sämtliche Hunde im ganzen Lande!" bestätigte der Herzog; „ich habe es dir doch schon einmal gesagt, Waak: alle Tiere ohne jede Ausnahme. Aber was hat deine Fragerei mit dem Handel zu tun, deswegen du auf die Burg gekommen bist?"
„Alles in Ordnung!" stellt der Bauer fest. Nämlich: der Herzog soll über einen Hund zu Gericht sitzen, das heißt: soll ihm fein gutes Recht gegen das Hundebiest verschaffen. , .
Dann wolle er doch, meint der Herzog, ehe sie mit der Hundegeschichte anfangen, feine Tochter rufen lassen. Es scheine sich-ja um eine sehr verwickelte Sache zu handeln und bei knisflichen Fällen habe Ludmilla schon mehrfach einen Spruch getan, vor dem Salomo sich nicht hätte zu schämen brauchen. „Ist recht", sagte der Bauer. Ludmilla kommt — schön, bleich, kühl wie Mondenlicht, das nicht Leben aus sich, in sich selber ist — und nimmt neben ihrem Vater auf dem Richtersitz Platz.
Bauer Waak erzählt: Er ist vor zwei Tagen mit einer geschlachteten Kuh auf den Wittenburger Markt gefahren. Einen Tisch mit Klappbeinen hat er bei sich gehabt, ein leinenes Laken zum Drüberdecken, eine Waage mit Gewichten, ein scharfes Schlachtmeffer, und natürlich das Fleisch. Das ist schon in Ziggelmark zugehauen und aufgeteilt gewesen Denn die Stadtleut sind alle Zippen, die nicht wissen, was ein ausgewachsener richtiger Mensch zu sich nehmen kann und muß. Sie taufen nicht Stuck — Lende oder Schulter, Brust oder Kopf, Bauch ober Achterblatt — sondern bloß Pfund, womöglich halbe Pfund. Aber die Halbpfundgewichte hat er zu Haus gelassen. Daß er mit gutem Gewissen sagen kann: „Ho bes? Läßt sich leider nicht abwiegen mit meinen Gewichten! Die Aiik- tenburger Frauensleut haben denn auch wohl mit der Nase an seinem Fleisch gerochen: „Noch frisch?", mit dem Finger hineingepiekt: „Noch jung?" Aber gekauft haben sie nichts. v G t u
Nach einer Stunde ist ein Schlachter gekommen, der hat ihm acht Taler für die ganze Kuh geboten. Er häksts ja dafür hergegeben. Aber das ging nicht? Denn feine Olfch hat am Morgen beim Wegfahren zu ihm getagt: „Hörst du: Zehn Taler!" Er hat gemeint: „Na, wenn s denn auch bloß acht find , Nee!" hat sie geschrien: „Zehn Taler dringst du heut abend mit, keinen Dreier weniger, sonst sollst du was erleben! Er will nichts gegen feine Olfch sagen. Sie ist ein tüchtiges Frauenmensch. Aber mit dem Geld ist sie genau — nicht zu glauben! Und die rechte Hand sitzt ihr lose--Na. er hat's ja bloß gesehen: aber Die Dienst
leute die's gefühlt haben, Knecht und Deem, haben nichts bei ihr zu lachen' Also hat er den Schlachter mit seinen acht Talern laufen lassen. Denn wenn seine Olsch „Zehn Taler!" sagt, bann müssen zehn Taler her unb wenn er sie von Teufels Großmutter aus ber Holle holen soll.
Als er Drei Stunben umsonst hinter seinem Tisch mit ben Klappbeinen gelauert hat, stehen plötzlich zwei Hunbe bavor: eine große gelbe Dogge unb ein kleiner klappriger Spitz. Die Dogge sagt immerzu „Hauff! Hauff!" und der Spitz: „Hoff! Haff!" „Ich versteh euch ganz gutl lagt


