Ausgabe 
15.12.1933
 
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Weihnachtsabend in der warmen Stube mit den freundlichen, herzlichen Eltern! Aber dies war doch viel schöner! Werter Weg durch die dunkle stürmische Nacht! Wagnis! Tapferkeit! Notsache: Helfertat! Der Schwester, dte vielleicht schon unterwegs ivar, ent­gegen in die Nacht! Es war wunderbar ... das Telegramm, daß es gekommen ivar!

Hei, wie der Sturm uns packte, als wir aus der Dorfstraße ins weite Feld traten und zuerst grade gegenan mußten! War hier überhaupt ein Weg? Konnte man überhaupt vor dem dicken Treiben der Millionen Flocken irgend etwas sehen? Die kahlen rkweige der Bäume am Grabenrand bogen sich im Sturm, das war alles, was zu sehen war! Die Stiefel waren schon über und über weiß,' nun wurde es auch der ganze Körper. Großartig! Wie ein weißer Panzer! Ein weißer Ritter im Kampf mit dem Sturm in der dunklen Nacht! Und ins Gesicht fliegen die Flocken. Wir gehen im losen Schnee mühsam vorwärts. Wix erreichen die große Landstraße und gehen nordwärts weiter. Zuweilen ist eine kleine Strecke feste Straße,' aber dann müssen wir durch kniehohe Schnee­wehen. Wir gehen mutig unfern Weg, sehen in die Bäume, nach den hellen Fenstern, die spärlich hier und da aufleuchten, ver­suchen über die Felder zu sehen, horchen aus den Sturm, der dar­über hinrauscht. ~ . , . _ o ,

Nun kommt eine lange, einsame Strecke; kein Haus oder Hof weit und breit. Und an den Seiten Weidengebüsch. Ich bin noch nie im Dunkeln außerhalb des Dorfes gewesen. Es ist kein kleines Unternehmen. Was kann alles geschehen? Was kann in jedem Augenblick aus dem weißen Gewimmel austauchen! O Gott, was alles! Der Nachbar, der vor einigen Wochen drei eiskalte Nächte lang in der Feldmark umherirrte, bis er in einem Graben tot gefunden wurde; und wir sahen zu, wie sie ihn vom Wagen hoben ... das handbreite Eis saß wie ein blanker weißer Rahmen um seinen ganzen Körper! Und der Teufel ... weiß überschneit wie wir! Und wir würden ihn nicht mal erkennen, da auch sein Klumpfuß überschneit sein würde! ... Vater unser ... da steht er! Wir stolpern zur Seite; der Atem stockt. Ein Fuhrwerk, ein Brotwagen oder sowas, das Pferd ist übermüdet eine Weile stehen geblieben! Großes Atemholen und weiter! Es ist ganz gut, daß Heiliger Abend ist! Wenn Gespenster kommen, so ist anzunehmen, daß ein Engel nicht weit ist. Sind sie in der Dorfstraße von Bethlehem gewesen, werden sie auch auf der Landstraße nach Meldorf sein.

Wir erreichen wieder ein Dorf. Aber es geht weiter und immer weiter. Ein langer, mühsamer Weg. Langweilig? O nein! Sieh, ein Bild jagt das andere. Zur Linken in weiter Ferne das Leucht­feuer von Helgoland. In klaren Sommernächten erhellt es bis zu uns den Himmel. Wie es durch die Schneeluft zuckt! Große Wogen rauschen auf; Schiffe erscheinen groß und dunkel im weißen Gestöber; ich höre das Klingen der Glocken und Sirenen übers Feld. Tann fühle ich unsere Schwester nahen; sie kommt, uns noch unsichtbar, uns entgegen. Ich bin in Sorge, daß ein Geist den Schnee so dick fallen läßt, daß wir uns nicht sehen und aneinander Vorbeigehen. Nun kommen größere Bäume. Ihre kahlen Aeste biegen sich, und es rauscht in ihnen. Es kommen mir Gesänge in den Sinn:Das Rauschen großer Harfen." Ich denke, daß es mein heimlicher Wunsch ist, Geistlicher zu werden; ich sehe mich auf der Kanzel stehen; ich will gewaltig predigen. Und die ganze Welt verändern. Gleich darauf ist mir, als ob hoch über mir, mit schweren Flügelschlägen, große, weiße Vögel vorüberziehen. Ich weiß von meiner Mutter, die solche Dinge kennt, daß das die zivölf heiligen Nächte sind es liegt mir wohl von den Vorfahren her auch noch im Blut horch, das ist Wotan mit seinem wilden Heer, nach Osten zu unterwegs. Da, am Rand der Geest, liegt der Berg, der ihm heilig ist ... Nun sehe ich den Abendtisch, den großen Braten, der sonst am Weihnachtsabend auf dem Tisch sieht, wird es nicht geben, weil das Schivein begraben ist. Aber die Lampe wird freundlich brennen, und es wird ein buntes Weiß­brot geben, und die Schwester wird unter uns sitzen und erzählen, und es wird friedlich und schön sein, wie immer. Und dann werde ich müde werden und schlafen.

Ich bin wohl über solche Gedanken dabei, meine Füße etwas zu vergessen; ich stolpere. Mein Bruder muß mich anfassen. Ick' höre erst nicht auf seine Stimme. Dann versiebe ich, daß er auf unteren Vater schilt, daß er mal wieder leichtfertig gewesen sei, baß er uns in solchem Sturm auf einen so weiten Weg geschickt hätte.Was sollen wir in Meldorf, da mir zu Fuß kommen?" Und in seinem Zorn sagt er:Ich muh sagen, ich weiß wirklich nicht, wie ick, zu solch einem Vater gekommen bin!" Ich werde von diesen wunderlichen Worten wieder munter. Von dem ewigen Ausrutschcn auf dem Schnee sind Knie und Knöchel müde. Aber cs muß ja weiter geben! Es ist ja eine große Sache! Not! Kampf! Rettungswerk! Ich sebe an mir herunter, ich bin ganz eisig weiß. Eine weiße Rüstung! Ich bin wohl müde: aber mein Stolz ist viel, viel größer. Ja, er füllt die ganze Welt, daß sie mir die­nen muß!

Wir sind wohl zweieinhalb Stunden gewandert, da erreichen wir Meldorf und ziehen die lange Straße entlang; ich sehe nach jedem HanS, iedem erleuchteten Fenster. Ich bin erst einmal oder zweimal an Igbrmarktstagen in der Stadt gewesen. Aber in die­sem Teil nicht. Da ... ein großes, frohes Haus, mit einem Lickt über der Tür und großem, goldenem Namen:Die Holländerei". £>! O, wie vornehm! Nein, da sollen wir hinein? ... Wir kennen den Naiven des Hauses gut; wer in der Landschaft kennt ibn nickt? Aber mir haben nie im Traum daran aedacksi daß wir jemals im Leben in diele große Tür Eintreten sollten! Wir stoßen und schüt­

teln den Schnee von uns und öffnen leise und schmal die Tür und stehen auf der Diele ...

Ein großer älterer bartloser Mann fragt verwundert:Na, was wollt denn ihr?" ...Unsere Schwester abholen ..."Zu Fuß?" ...Ja, zu Fuß!" ...Ach, du liebe Zeit!"

Er öffnet die Tür, und da sitzt unsere Schwester, und rotr geben ihr die Hand und wir müssen eine Tasse Tee trinken, ein Getränk, das wir nicht kennen. Der große würdige Mann sagt, daß es unmöglich wäre, daß wir den Weg wieder zu Fuß machten, zumal der Wind nach Südwest drehe. Nein, das ginge nicht. Wir müßten einen Wagen nehmen.

Einen Wagen? Für uns? Es wird immer mehr ein Märchen! Es wird ungeheuerlich! Aber wer soll die Kosten bezahlen? Wer? ! Ich weiß gewiß, daß rvir alle drei sogleich an die Kosten denken, an nichts anderes als die Kosten! Der Wirt denkt sicher nicht an die Kosten, nein, man sieht ihm deutlich an, daß er die nicht er­wägt, überhaupt nicht an sie denkt! Aber wir!

Aber was soll anderes geschehen? Ja, unser Vater ist wohl wirklich etwas leichtfertig! Freilich, daß der Wind nach Südwest ginge, konnte er nicht wissen; aber er hätte sich sagen können, baß ich kleiner Kerl von zweieinhalb Stunden Schneeweg zu müde sein würde, und daß es überhaupt keinen Zweck hätte, daß statt einer nun drei auf der Landstraße wandern sollten. Nein, es gibt nun keinen anderen Rat. . ,

Der große Mann geht hinaus und bestellt den Wagen. Na ja! Hoffentlich nicht einen mit vier Pferden in Silbergeschirr und einen Kutscher auf dem Bock mit Stulphandschuhen, wie die größ­ten Bauern sie haben. Denn dann werden wir unser Haus ver­kaufen müssen! Und was dann? Dann geraten wir ins Armen­haus und kommen nie aus der Leute Mund.

Der Wagen kommt: ein kleines Halbdeck, mit einem schmalen Pferd davor, auf dem Bock ein zusammengesunkener Kutscher, der fein Wort sagt, weil er zn tief in seinem Rock und Halstuch i sitzt. Wir drei hinter ihm unters offene Lederdach.

Wir schwanken los. Wir sagen alle drei kein Wort. Der Sturm : fährt ja gegen uns an und nimmt uns den Atem. Wir beiden Jungen sind ja auch zu erstaunt und erschrocken. O, wir haben in der Familie wahrhaft keinen Mangel an Einbildungen; aber dies geht darüber! Wir ... in einem Extrawagen! Keiner aus der ganzen Dorfschule hat je in einem Extrawagen gesessen! Welche wunderbare Begebenheit! Und dabei immer von neuem die Angst, wie teuer es wohl sein wird und ob die Schwester so viel Geld hat, und wenn, nicht, ob der Vater es hat? Es kommt wohl vor, daß keine fünf Groschen im Hause find! Wie peinlich, wenn dies Geld, gerade dies Geld, von einem Nachbar geborgt werden müßte!

i Und wenn das mit dem Geld gut geht, welches Gerede wieder im | Dorf! Ach, wir sind oft im Gerede, weil unser Vater so viel ist: ! Tischler, Zimmermann, Glaser, Maler; und außerdem noch aller- i lei unternimmt. Z. B. ein wenig Landmann ist oder eine Drefch- ; maschine kaust und führt; am meisten aber, weil er mit feinen , Kindern so hoch hinaus will! Ach, immer im Gerede! Aber einer­lei: wie großartig! Wie märchenhaft! Wir fahren in einer Halb- l chaise! Sie scheint alt und wacklig, und das Leder ist rissig, und der Kutscher hat keine silbernen Knöpfe und das Pferd ist alt und steif; und es ist kalt und es friert uns. Aber es ist doch ein un­sagbares Wunder.

Das Wunder wird noch größer. Wie wir die Ecke erreichen, wo der Weg ostwärts nach unferm Dors zu biegt, tut das Pferd wohl einen Fehltritt. Ein Sturmstoß faßt es ... da liegt es!

Mein Bruder, als Dorfkind, hinunter vom Wagen. Er greift mit an. Ich stehe ocrroiutbert und etwas dumm dabei. Das Pferd kommt wieder hoch; die Deichsel hat nur einen Knick. Es geht wieder weiter. Wir erreichen das Dorf.

Wir fahren vor die Wirtschaft, die damals links vor der Kirche stand, da, wo jetzt im Gras der große Stein steht. Und nun kommt es: Der Kutscher will sechs Mark! Ich frage meine Schwe­ster leise, ob sie Geld hat; sie schüttelt den Kovf:Vater wird es haben." Ich ... mit Angst im Herzen und in den Augen ... nach unferm naben Haus und berichte! ... Gott fei Dank, der Vater hat das Geld und geht gleich mit! Auch ich gebe wieder mit. Denn ick muß die Cbaise sehen, solange sie noch sichtbar ist. Dann gehen wir alle nach Haus.

Und nun kommt das größte Wunder. Wir haben noch nie einen Tannenbaum gehabt; es war noch nicht Sitte in Arbeiter- und Handwerkerhäusern. Wir durften am Heiligen Abend in der Däm­merung ins Nachbarhaus, ins Pastorat gehen, und da den Tannen- banin bewundern. Aber nun, da wir an diesem Abend um dieie Freude gekommen sind, ist der Vater in dem böten Wetter mit seinen langen Schritten nach der Heide hinaus gegangen und bat ein Bäumchen gebolt. Als wir die Sonntagsstube betreten, hie Mutters Stube heißt, steht er da mitten aus dem gedeckten Abend- ; tisch und brennt! Er brennt mit sieben Lichtern! Mutter sagt, es müssen sieben fein; sieben ist heilig. Mutter weiß es.

lknd dann siben wir alle um den Tisch; und die Schwester er­zählt, und wir hören zu.

Und dann liege ich in meinem Bett, und der Westsiurm kommt ungehindert vorn Deich her über die Felder und stößt a-gen das : Fenster, und alles, was ick erlebt und gesehen habe. Wirkliches und Unwirkliches, gebt in langen, Zug an mir vorüber. Und ich bin, indem ich alles noch einmal sehe und erlebe, in Sorgen tavscr. So rote immer die Stimmung in unserem ganzen Hause ist. lknd wie sie nock heute ist.

Und vielleicht ist gerade dies die rechte menschliche Weihnachts- stimmung: in Sorgen tapfer.

llöeravtworilich: l)r. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'fche Univerfitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.