Ausgabe 
15.12.1933
 
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Keldweihnacht vor Bethlehem.

Von Richard E u r i n g e r. GDS.

Frühzeitig begrub ich die kleine Hoffnung, diese dritte Feldgugsweih- nachten daheim in Deutschland und im Vaterhaus zu feiern; Ende No- uember durste ich erstmals im Lazarettgarten Steh- und Gehversuche wagen, von der Schwester gestützt. Dann "bekam ich ein halbes Hähnchen Zu essen. Aber es war wohl noch zu früh damit, ich mußte es büßen.

In der ersten Dezemberwoche erhielt ich Erlaubnis, vorsichtig nach Jerusalem hinein zu wandern gegen das Versprechen, nichts zu essen, nichts zu trinken außerhalb des Lazaretts.

Andern Tags schon nahm ich Abschied von Stube, Arzt und Schwe­stern, um im Oelbergsrieüen vollends zu genesen. Mittags holte mich das kleine Abteilungsauto auf dem Wege längs der Stadtmauer. Leuchtend stieß der starke Turm des Oelberghospizes aus den romanisch ausgegua- derten burghasten Gebäuden, daß ich geblendet die Augen schloß. Kurz vor der Einfahrt machte mich mein Begleiter auf den zwischen Gesteins- und Schuttmassen freigelegten Blick aufs Tote Meer hinunter aufmerk­sam: paradiesisch funkelte aus aufgerisfener Tiefe einen Wimperschlag lang dies Erschütternde herauf, das ich nun wochenlang empfangen sollte wie täglich Brot, Ostjordanland im Blockmassiv gipselloser täfel g «birg«, Jordanwindungen in eingefressener Senkung, Samariteräde nackter, durst- spröder Gesteinshänge, Jericho in nistendem Versteck und abgründig ein- gesenkt wie ein blauer Edelstein das gebannte Meer der" Totenstille!

Am Einlaßtörchen der Umfassungsmauer nickte ein freundliches Non­nengesicht. Wir ratterten vorüber, das seingeründete Rondell der kleinen Zedern, Oleandersträuche, Ginsterstauden hin, vors trotzig klotzige Portal, wo uns die Oberin der Katferswerther Schwestern in Empfang nahm. Irgendwie kannten sie mich alle von einem ersten Flug aus Birseba herauf über die heiligen Stätten. Biet hätten sie gern gehört über Fliege­rei und Krieg, Heimat und Wüste, aber sie schonten den Pflegling. Ruhig im Liegestuhl bleiben, vorsichtig spazieren wandeln, alle paar Stunden trinken, was die Schwester brachte, wurde einzige Pflicht.

In den hohen, weiten, kühlen ritterlichen Räumen unter prächtigem Gebälk verloren sich die paar Menschen dieser Friedensburg. Zu Füßen durch die Fensterbogen greifbar nahe, jenseits des Kidrontals: die heilige Stadt, ein fensterloses Würfelgewirr, eng gepfercht in der Umklammerung der Mauer, mit flachen Kuppeln, goldenen Kirchturmspitzen, dem blanken Schachbrett des zyprefsenstolzen Tempelplätzes, vom elfenbeinzarten Okto­gon der Omarmosche«, in blauer Kuppel überwölbt. Wie «ine Herde zer­sprengter Schafe kletterten Oliven und Feigen über die ausgekochten Hänge hinunter ins Tal Josaphat, und spärlich kroch in steinichten Aeckern der Wein. Aus sattgrünem üaubdunkel strahlten di« goldenen Zwiebel­türme der Russenkirche, wo Gethsemane zu Tale stuft. Staubfahnen tän­zelten die heiße Straße hin, die zur Himmelfahrtskapelle strebt von Berg zu Berg, und nach Südwesten, gegen Bethlehem, zitterten die weichen Wellen der Judäer Berge.

Unerhört ein Glanz und Glast unter seidig blauem Himmell Wie eine weite Pilgerreise erfüllte deg Genesenden das bißchen Rundgang durch den winterlichen Garten voll blühender Narzissen, Hyazinthen und Ge­ranien mit wundersamen Gnaden. Bei dem ernsten, steingemeißelten Greisen vor der Marmormosaik-Kapelle ruhte ich, wie oft, nach ha ber Runde, immer neu ergriffen von der Herrlichkeit der Blicke nach allen Seiten dieses grandiosen Panoramas. Und doch wog nicht das Labsal auf, im Klappsessel auf der einsamen Betonplattform des unteren Pinien­gartens fitzend, aufs Tote Meer hinabzuschauen, wo in seligen Terrassen bas Gebirge sich in den Abgrund stürzt und jenseits wieder auslebt im kolossalen Säulenhockel der Moabiter Berge, unter deren Wucht das Meer erschlagen liegt in violetten Schleiern. Manchmal, in der rosigen Verzauberung der reinen Kühle, hob sich schwebend, wie durchschimmertes Rosenquarz, das Bergmassiv vom Wasserspiegel, der zum Silberstäbchen schmolz und schon wieder zum Smaragd gerann, wenn das Tafelland in kleine Dämmerungen tauchte.

Wenn ich aus meiner Stube trat, zu ebener Erde, gegen Sonnaufgang, fiel duftender Flieder über mich her in schäumenden Kaskaden! Blühen­der Flieder, im Dezember!

Winter..." sagte der schwäbische Gärtner, band Nelkenköpfchen zu Büscheln, schnitt dukatengoldenen Ginster für die Vasen.

Weihnacht..." schrieben Briefe aus Deutschland, und ich mußt« mir die Tage anmerken im Kalenderchen, um nicht irre zu werden an der Zeit. Noch acht, noch vier, noch zwei Tage bis zum Christfest .. .1 Es will nicht in den Kopf. Myrten gesäumt« Beete in einer Pracht hängender Lilien, mit schweren goldbestäubten Kelchen; Rosenstöcke, voll erblüht; und aus dem nackten Paternosterbaum das Tirili bunter kleiner Zwitscher- tinge! Weihnacht...? Es will nicht in den Sinn.

Stark fiel der Tau zur Nacht; morgens troffen alle Sträuche von blitzenden Brillanten, und wenn man mit dem Finger über di« Kakteen strich, sah es aus wie jadegrüner Samt auf Silber. Im frischen Zug der steten Höhenwinde, die das hochgelegene Jerusalem umkreisen, atmeten die Pinien, wipfelten ganz leise die Zypressen, wippt« das »eroberte Ge­zweig entlaubter Bäume.

Korngoldener Sandstein ... Piniengeruch ... und tiefe Still«... Der Schritt des Gärtners durch den Kies. Friede. Oelbergwinter...

Vom Kirchenchor herüber hörte ich die Schwestern fingen, übend, einen Christchoral:... und Friede den Menschen ..."

Friede? Acht Tage waren vergangen seit jenem Funkspruch, daß der deutsche Kaiser Frieden angeboten habe, und noch stand die Antwort aus.

Weihnacht wird Frieden", lächelte die Schwester, wenn sie mir zu­redete, zu essen.

Dann kam Gesellschaft. Ein Kamerad aus der Wüste mit zerschossenem Fuß, vom Luftkamps her. El Arisch geht nun wohl zum Teufel; mit den paar Batterien und M.Gs. läßt sich Syrien aus die Sauet nicht ver­teidigen. England kann schon heute, wenn es... Still!!!

Also doch. Die Wüste verloren nach zwei Jahren Derzweislungskampf auf verlorenem Posten!

Weihnackt wird Frieden. Uebermorgen Nacht. Es will nicht ubers Herz! Und Bethlehem so nahe, greifbar nahe, dort unten an den Hängen!

Dort Mit den Hirten zu knien in der heiligen Nacht unferm Di-chem ber Sterne! Mußte Nicht Weihnacht werden?

Mer es ist noch zu weit, zu kalt. Wir sind noch zu elend. Sie tragen eure gemalte Puppe herum in goldstrotzenden Gewändern, dort in der Reuigen Nacht. Und küssen die Puppe und balgen sich mit Geschrei.

Weihnacht? Bethlehem? Christgeburt?

Bohnenstrauch und Judendorn, Pfefferstrauch und Heliotropis, Tuja und Akazien: aber kein Tannenbaum. Im ganzen Garten keine Christ- baumtanne. Und doch läuft die arabische Dienerschaft zusammen mit Weck und Kind, sammelt sich im Burghof; kernige braune Weiber im °Een Bethlehemiten-Leinen, schwarzgekräuseste Kinder. Grinsend ein paar Manner, dürr und klapprig.

,Mommt!" winkt die Schwester: Weihnachtsbescherung!

Weber Teppiche auf bloßen Strümpfen. Die Kinder voran. Mit braunwelßen Puppenaugen, begehrlich hochgezogenen Brauen. Nähmäd- chen und Mägde. Armenierinnen.

Aus der Dämmerung des düstergoldenen Gebälkes blüht der Lichter­glanz der zartgenadelten Aleppokiefer... Deutsch und arabisch las «ine Stimme die Botschaft vom Stern, der vorherging bis an die Hütte, von den Weisen und vom Krippenkind. Aber die Augen des Volkes hingen am Mchl, am Leinen und am Mehl. Und jedes bekam ein Stück Seinen und ein Säckchen Mehl. Und es war doch Hungersnot im Lande, furcht- bare Hungersnot. Und jämmerliche Blöße, daß Greife in Lumpen froren.

Einsam in meiner Stube fand ich einen Teller Süßigkeiten, von der Lazarettschwester, die mich im Fieber gepflegt. In meiner Stube fand ich «in kleines Paket aus der deutschen Heimat von Vater und Mutter. Und wie ich es öffnete, brach Weihnacht an: ein Christbaumzweig, ein wachslichtduftender Tannenzweig ... Stille Nacht, heilige Nacht... Es ist ein Ros' entsprungen... Wachsduft und Tannengeruch und ein KinderUed...

Ich schloß die Augen und schämte mich. Und spürte das zitternde Lichtchen durch verhangene Lider. Und zog den heimallichen Ruch von Wachs und Tannen. Und schlich aus der Stube, tappte durch den dunklen Gang im Choral der Nonnen. Und schleppte mich den dunklen Glocken­turm hinauf ins mitternächtliche Gezett der Sterne. Fieberte und fror und schauerte in der Gewalt der Winde, die stürmisch rüttelten an feinem Bau und sah hinunter, tief hinunter auf die Stadt, auf beide Meere und das heilige Land, die grüne Düsternis der Berge. Und sah den Stall von Bethlehem. Und sah den Stern darüber, und fand das Kind, gold- lockig, rosig, mit den Zehlein spielend, ein liebes kleines Jesuskind...

Da wankte unter mir der Turm und Weihnachtsglocken dröhnten in den Strom der Lüfte, das Meer tat feinen Mund auf und die Festen riefen, der Himmel barst, die Länder wurden laut:Ehre fei Gott in der Höhe!"...

Zn (Sorgen tapfer.

Von Gustav F r e n f f e n, GDS.

Ich war fv zehn oder elf Jahre und es war Weihnachtsabend und wurde schon Dämmerung, da kam ein Telegramm von un­serer Schwester, daß sie gegen Abend in Meldorf wäre.

Ein Telegramm! Welch ein Aufsehen im Hause; wir hatten noch niemals eins bekommen! Wieviel Telegramme waren über­haupt schon ins Dorf gekommen, seit man dies Wunder kannte, vielleicht drei oder vier! Wie wir es umstanden und betrachteten! Und welches Aufsehen würde das nun wieder im Dors machen! O, es war schon genug Aussehen um unsere Schwester, daß sie Lehrerin werden sollte! Hatte man schon je davon gehört, daß ein Mädchen Lehrer würde, und noch dazu die Tochter eines kleinen Tischlers, der immer ein wenig verschuldet war? Und nun waren ihm auch noch die beiden Schweine im Stall an Rotlauf eingegangen, und es gab zu Hause in diesem Winte^ schmale Küche ... und dann ein Kind, ein Mädchen, auf dem Seminar? Und noch dazu ganz oben in Christiansfeld in Nordschleswig und bei einer Sekte, welche die Herrnhuter hießen, von denen man im Dorf nie gehört hatte.

Und dazu kam noch dies wir sagten es nicht; aber wir dachten es alle: es war gar nicht nötig gewesen, es zu schicken! Denn was sollte es bedeuten und nützen? Wir hatten ja doch kein Gespann, um nach Meldorf zu fahren, und sie abzuholen. Was sollte also das Telegramm, das doch wenigstens fünf Gro­schen kostete? Ach, sie hatte mit diesem Telegramm ein wenig prahlen wollen, vor uns und vor dem Dorf! Ja, so war es! Aber wir sagten es einander nicht. O, wir waren weit entfernt davon! Es ist nicht zu glauben, was so Menschen in ein und demselben Hause alles fühlen, glauben, denken; aber nicht sagen!

Was war zu tun? Unser Vater hatte noch die Bettstelle des Nachbarn zu machen. Der Nachbar, ein Arbeiter, war in der letzten Nacht damit zusammengebrochen; er hatte morgens mit­samt Frau und Kind im Kartoffelkeller gelegen, der offen unter dem Bett war. Sollten die Leute in der kommenden Nacht, der heiligen Nacht, weiter auf den Kartoffeln liegen? Unsere Mutter war schwächlich und dem Weg nicht gewachsen; sie mußte auch für das Abendbrot sorgen. Also mußten wir Jungen los. Der Kleinste ... kam nicht in Frage. Er war immer Nestkücken und Verzug... er hat noch heute etwas davon, obgleich er nun ein grauer Vor­tragender Rat im Auswärtigen Amt ist. Also der Aelteste, so um vierzehn, und ich. Eilig in die Schaftstiefel und ein wollenes Hals­tuch ... daß der Hals dicker war als der Kopf ... und die Jacke zugeknöpft; denn Mäntel hatten wir nicht. Und nun hinaus! Es war schon dämmerig, und es wehte Schneesturm von der See he.

Welche Wichtigkeit! Was sind das für Leute, die da zu beiden Seiten der Dorkstraße hinter den erleuchteten Fenstern sitzen! Stubenhocker! Warmhalter! Wir aber: in die Nacht! In den Sturm! Rettungskolonne! Wäre das Telegramm nicht gekommen, säßen auch wir in der warmen Stube. O, das war wohl schön! Am