Gewürz der heMgen ZeN. In oen vergangenen Wintern hatten sie nur einen schlichten Fichtenwedel über der Tür befestigt, zum Zeichen des Festes. Drei rote Aepfcl hingen dran, drei rote Kerzen hafteten auf dem Zweig. Heute war das anders. Ein Kind lebte im Haus, und zu ihm gehörte ein richtiges Christbäumchen.
Die Spielzeug-Gret versah es mit Schmuck. Engelshaar aus der Passauer Bude webte die Frau über die Zweige, goldene und silberne Strähnen, als entstammte die Fichte einem Mondwald. Bunte Glaskugclketten hängte sie von Zweig zu Zweig. Wie ein Bäumchen aus einem Glaswalü sah da die Fichte aus. Hofschaffer bestaunte das Wunderwerk. Rote Aepfel waren an die Aeste gebunden: eine Fichte mit Himbeeräpfeln. Kerzen darauf, rote, weiße, blaue, gelbe Kerzen: ein kleiner Baumaltar mit seinen feierlichen Sternen. Auf der grünen Spitze, wo die braungelben Knospen saßen, schwebte ein goldener Engel. Vogelgleich hatte er sich niedergelassen. Sein Mund war zum Singen geöffnet. Er sang in seine engelische Weihnachtswelt hinein.
Der Mann und die Frau sahn auf das Bäumchen. Schönes Traumbäumchcn, herrliche Kinderfichte! Sie fühlten sich plötzlich kinderjung, kaum angeschnaubt vom Lebenssturm, Kinder waren sie wieder: sie ein kleines fünfjähriges Mädchen in Böhmen, wo die Eltern eine kärgliche Landwirtschaft betrieben; er ein Junge im Bayerischne Wald droben, hinter den Wäldern, wo sein Vater in der Glashütte Gläser blies. „Fertig!" rief die Spielzeug-Gret und legte noch ein paar Fichtensprosscn kreuzweis aus das weiße Tischtuch, darauf der Christbaum stand. Die Erwachsenen schüttelten den Traum ab und gedachten vergnügt ihres Kindes.
„Wunderschön, Spielzeug-Gret!" lobte Hofschaffer. Vor den Fenstern ragten die Waldbäume in den Winterhimmel. Die Sonne verhauchte ihren Geist in kalter Röte. Schneeblau flimmerte der Wald. Schneegewölk trugen die dunkeln Stämme, Baldachine von Schnee. Silbern floß es von ihren Astschultern, golden von ihren Schneekronen und Eisspitzen. Darüber fchwang der klare Abendhimmel. Dann wurde es nachtdunkel, aber bas Bäumchen leuchtete. Alle Herzen brannten. Hell war es in der Stube und still. Es war, als leuchte die Stille. Stärker veratmete das Bäumchen seinen Waldodem. Es lebte im Licht.
Auch die Gesichter der Menschen lebten im Licht. Durch die Kammertür fiel der Schein in die Wöchnerinnenstube und über- malte die braunlackierte Bettlade. Die Mutter hielt ihr Kind. Andächtig lehnte Hofschasfer unter der Tür und schaute bald auf das Bäumchen, bald auf seinen Jungen. Die Spielzeug-Gret stand daneben. Im Ofen brauste das Feuer, die tännernen Scheite knatterten und opferten ihren Harzschatz hinter der Ofentür. Wärme hüllte die vier Menschen ein, die Alten und das Kind. Sie waren geborgen. Diamantenklar funkelten die Sterne über den Baum- spitzen durch die Fensterscheiben.
„Ehre sei Gott in der Höhe ..." begann die Spielwarenfran anfznsagen.
„Und Friede den Menschen auf Erden ..antwortete die harte Stimme des Mannes.
Die Kerzen flackten, manchmal sirrte und sott eine angeröstete Fichtennadel.
Nachts ging der Mann zur Christmette ins nächste Dorf. Auf seinen Schibrettern, die Laterne vor der Brust, zog er sternschnup- penhaft flink an den Fenstern vorbei. Einen Augenblick sahn ihn die Frauen dahinsausen. Die Spielzeug-Gret hatte den Lehnstuhl an das Bett gerückt: anfangs schwätzten sie ein wenig miteinander im dpnklen Zimmer, dann sielen der Gret die Augen zu. Das Bäumchen stand ungewiß dort, angestäubt und beglttzert vom Mondstrahl.
Stasi lag wach und lauschte dem Atem der Freundin und dem Hauch des Kindes. Auch das Feuer atmete im Ofen. Aber die Nacht über der Erde atmete nicht, der Wind war eingeschlafen. Das Mondlicht goß über die Schneehänge unwirklichen Glanz, ein bläuliches Feuer, wie es die Flügel der Engel überrinnt, wenn sie nachts durch den Himmel schweben und Traumesruhe niederfächeln auf die Menschen. Es war der Abglanz hohen Lichtes: Weihnachtsschimmer, der die Herzen durchsichtig macht. In den Frosthimmel waren die Sterne eingefroren. Es hatte den Anschein, als hingen sie an den Fichten, die seelenweiß in die Nacht horchten. Schon lange mochten die Bäume vernommen haben, was jetzt erst an das Ohr der Wöchnerin drang: fernes Glockenläuten. Hinter den Bergen erhoben sich die metallischen Stimmen, die unter den Sternen wohnen. Der Frost hatte den Mund der Glocken nicht verschließen können, mitten in der Nacht, in der Heilsnacht, waren sie bereit und sprachen. Was klingen nnd sagen sie?
Die Mutter lauscht: Sie grüßen das Kind...
Kleine und große Glocken aus den Dörfern in der Runde führen ihr feierliches Christnachtsgefpräch, und der ganze tiefe, unheimliche Hochwald, wo die Steine in ihren Herzkammern frieren und die Hirsche bis ins Mark, hört ihnen zu, samt den Bergen, den Tälern und den verstreutwohnenden Menschen darin.
Die Mutter lauscht: Die Kirchen grüßen das Kind ...
Ihre Augen verschleiern sich, die Sterne blitzen ihr aus einmal nicht mehr so klar. Doch die Glocken läuten. Fernher summt der Klang. Sie erkennt sie alle, die weite Landschaft des Waldes ent- tönt den Glockenstimmen. Neue Nufer melden sich, sie mögen nicht fehlen im Weihnachtschor. Nun sind alle versammelt, alle schwingen in ihren Glockenstühlen.
Der Schall von vielen Seiten weckte die Spielzeug-Gret.
„ES läutet ..." sagte sic, schlaftrunken auffahrend.
„Zur Christmettc ..." setzte Stasi leis hinzu.
„Mitternacht ..."
Und sie lauschten zu zweit. In der Wohnstube duftete das Bäumchen wie Nosenholz.
Das war Juppis erster Weihnachtsabend, der erste Tag seines Lebens.
Prüfungen.
Andere Weihnachten folgen. Weihnacht kam, wo kein Frieden auf Erden war und der Vater des Kiüdes in den Krieg sortmußte.
Weihnacht kam, wo die Mutter des Kindes an den fernen Vater dachte und sich mit der Schürze über die Angen wischte.
Weihnacht kain, wo der Vater auf Urlaub bei den Seinen weilte, eine Wurst mitbrachte, Schokolade für Juppi und Seife für die Mutter, die damit lange sparte.
Weihnacht kam, wo sie die Nachricht erhielten, daß der Bruder des Vaters in Rußland gefallen war, und der Vater, durch einen Lungenschuß verwundet, im Lazarett fast gestorben wäre.
Weihnacht kam, wo sie nichts zu essen hatten.
Weihnacht kam, wo die Mutter schon unter der Erde lag und die Blumen auf ihrem Grab Eisblumen wurden.
Weihnacht kam, wo der Vater krank war und die Spielzeug- Gret für sie beide sorgte und kochte.
Weihnacht kam, wo der Vater und Juppi allein waren.
Und es kam Juppis letzter Weihnachtsabend im Elternhaus.
Der Junge und der Vater saßen am gedeckten Tisch. Sie hatten sich ein Fichtenbäumchen aus dem Wald geholt, es war beinahe größer als Juppi. Auf der Spitze des Fichtlings schwebte der beständige Weihnachtseilgel, wie er in alle Ewigkeit sein unausdeutbares Weihnachtslied sang. Sein Hosianna hatte nicht gelitten, aber die Flügel waren nicht mehr so fein und schneeweiß wie einst: schon viele Jahre weilte er unter den Menschen und war oft heruntergeholt worden von seinem Hochsitz. Auch manche Glaskugel mar schadhaft, angebrochen oder von buntem Wachs betropft. Zu- sammengcstückt war die allcrschönste Kette, die mit den goldenen und den silbernen Kugeln. Doch lebcnsrot wie immer hingen die Aepfel. Und eine neue Kostbarkeit hatte sich dazugesellt: aus dem Zweig voir Juppis Gesicht saß in einem schneeglitzernden Flaumnest ein Waldfink von Watte und Federn. Seine Glaspunktaugcn lugten auf den Beschauer; in das Kerzengeleucht des Winterabends schmetterte der kurze Schnabel einen dreisten Sommergedanken.
Juppis Gesicht blühte im Christschein. Sein Haar, blond wie Fichtenholz, glich in seinem Seidenfchimmer dem Haar des Engels. Der Kamm hatte es zur linken Schläfe hingestrichen, rechts trug Juppi einen kleinen Schcitelvcrsuch. In seinen Augen, blau wie die Seen in den Etszeitwannen des Hochwaldes, spiegelte sich frommvcrzückt der Blick der Lichter, die von den untern breiten Acsten aufwärtsstiegen zu den obern schmalen, brennende Seelen, die ihre Sphären gefunden hatten. Und auf der Spitze melodeite der Engel.
Juppi hatte nicht den besten Rock an, wiewohl es Weihnachten war. Er besaß keinen besten. Die Aermel waren geflickt, der Kragen war ans andern: Stoff, aus Vaters abgelegter brauner Arbeitsjoppe geschneidert. Die Hosen, an den Knien durch Ledereinsätze verstärkt, reichten knapp bis zu den Waden, die in schafwollenen Socken staken; Holzschuhc, die der Vater gefertigt hatte, baumelten an den Füßen.
So saß Juppi da, mit seinem Geschenk beschäftigt, und der Vater schaute ihm zu.
Unter dem Weihnachtsbaum blitzte eine Mundharmonika, das Geschenk des Vaters, in rotausgeklebter Klappschachtel. Für Stunden der Unterhaltung war sie auserkoren, für die Sonntage. Eine rote Mundleiste schmückte sie und zwei silberglänzende Blechwangen, die mit Messingschrauben auf den Leistenseiten befestigt waren. Herrlich tönte das Zungenwerk. Die hohen Stimmen klangen Weihnachtsmusik, die tiefen Kirchweihspiel. In den Händen hielt Juppi einen Werkzeugkasten, das Geschenk der Spielzeug- Gret. Ein wahrer Wunderkasten, ausgestattet mit einem blitzblanken Hammer an einem gelben Stiel, einer gelenken Zange, einer scharfen Säge, einem spiüen Bohrer und einem kleinen Amboß zum Anschrauben an die Tischkante: hämmerte man darauf, schallte es: Päng, päng, päng ... genau wie beim Schmied drunten im Dorf.
Juppi liebkoste den Hammer, ließ den Finger glücklich über die Sägezähne gleiten, behauchte den Amboß, um ihn sogleich mit dem Rockärmel zu putzen — spiegelhell blinkte das Gerät.
Auf dem Tisch, abseits vom Christbaum, lag ein zweites Geschenkhäufchen: Socken, ein Binder für die Sonntage, ein Teller voll Nüsse. Zwar war dieses Häuschen nicht so reich wie die Dinge unter dem Baum, dennoch wohl zu brauchen — das war für den Geburtstag, wie alljährlich zum Heiligen Abend. Mit geheimem Stolz erfüllte es Juppi, daß er nun schon zehn Jahre zählte. In einigen Jahren kommt er aus der Werktagsschule.
Juppi hatte dem Vater einen Sticfelzieher geschenkt, damit der Vater seine Schaftstiefel nicht mehr an der Schwellenkante der Tür auszuziehen brauchte, wenn er abends von der schweren Holzarbeit im Wald heimkam. Lieber hätte er ihm ja eine Tabakspfeife etn- beschert, aber die Spielzeug-Gret, bei der er gegen kleine Dienstleistungen den Stiefelzieher erstand, wußte ibn von der Tabakspfeife abzubringen, der Vater vertrage das Rauchen nicht wegen seiner schwachen Lunge.
Ter Stiefelzieher war braun gebeizt. Da stand er unter dem Christbanm, beschienen vom Wcihnachtsglanz, wie die Harmonika, der Werkzeugkasten und die ganze Stube.
Im Ofen summte das Feuer wie all die Jahre zur Winterzeit. Vor den Fenstern knistern die Schneenacht, und die mächtigen Fichten am Hang, die mit den Kronen die Sterne berührten, waren wie aus Eis gegoßen.
(Fortsetzung folgt.)


