Ausgabe 
15.12.1933
 
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Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <933

Freitag, -en <5. Dezember

Uummer 97

Weihnachtssingen.

Von Lina Staab.

Straßenher

weht ein Lied, spielt ein Schein golden auf den Häuserreth'n: Kleine kalte Kinderhände tragen Helle Kerzenbrände gläubig in die Nacht hinein.

Wie die Sterne mild wandert Lichtchen neben Licht. Sieh, jetzt schart sich's dicht: Flämmchen, Kinderangesicht nahes weihnachtliches Sternenbild.

Kleiner warmer Mund, wie bei Engeln preisend offen, singet Lob, verheißet Hoffen, tut das Wunder kund.

Ach, wir glauben gern in der langen, kalten Nacht, sind zum Leuchten angefacht, in uns Zelber singt es sacht Weiter ziehen Lied und Stern.

Straßenhiu

weht der Wind

zarten Klang, seligen Sang von Maria und dem Kind.

Der Sternenbaum.

Roman von Friedrich S ch n a ck.

(Nachdruck verboten.) Die Geburt.

Als das Kind des Waldarbeiters Hofschasfer zur Welt kam, war es ein Knabe. Der Mann und die Frau wären glücklich über die Geburt ihres Erstlings. Sie nannten das kleine Wesen Juppi, zur Erinnerung an einen lustigen Waldfinken, den die Mutter in ihrer Mädchenzeit drüben int Böhmischen gehegt hatte. Der Name Juppi klang fröhlich, das Neugeborene sollte auch ein fröhliches Kind werden.

Heute morgen in der fünften Htunde, da es noch tiefdunkel und still ringsum war, hatte sich die kleine Menschenseele unter dem ärmlichsten Dach wett und breit, in der engen Schlafstabe aus dem Himmel der Ungeborenen niedergelassen und blinkende Augen int irdischen Tag aufgetan.

Entkitospet war er, der neue Trieb am Baum des Lebens, und nun war man zu dritt: Vater, Mutter, Kind.

An einem auserwählten Tag war das Kind gekommen, doch bei Frost und hohem Schnee, der die Wälder des Bayerischen Wal­des begrub und die Berge bedeckte: cm einem Liebe strahlenden, geheim klingenden Tag hatte sich die neue Seele eingefunden: am WeihnachtStag, in der heiligen Zeit, am Tag des schönsten Abends im Jahr.

Wie sieht das Kind aus?

Der Vater beugt sich über das Bett seiner Frau Stasi, die matt in den schneeweißen Linnenkissen liegt. Ihr Gesicht leuchtet von innigem Glück, die Stirn glänzt, wachsbleich zeichnet sie sich vom Ansatz des böhmischen Weizenhaares ab.

Gelt, es war nicht leicht, Stasi?" meint er.

Es war nicht leicht. Aber Juppi war nun aus der Welt. Wie lange hatten sie beide auf ihn gewartet. Der Mann drückt seiner Frau einen Kuß auf die Stirn, ein wenig linkisch in seiner Zärt­lichkeit. Er ist darin ungeübt, er arbeitet Tag um Tag int Wald. Früh geht er fort, abends kommt er heim. Nur in ganz schweren Wintern, wenn die Schneisen verweht und die Wege verloren sind, gibt es int Hochwald nichts zu roden, nichts zu fällen und zu backen, dann bleibt der Hofschasfer daheim und schneidet Schibölzer, büttnert Wasserschasfe und Kornmetzen. So bringt er sich durch.

Wie sieht es aus, das Kind?

Ein paar GlückSworie drängen sich dem Vater über die Seele, doch sind sie lautlos, die Lippen bleiben geschlossen. Die Spitzen seines dunkelblonden Zwirbelfchnurrbarts hängen zu beiden Seiten des Kinns, in seinen Augen lacht blaue Freude. Die magern Knochenwangen glüh».

Das kleine Würmchen, denkt sich Hofschaffer.

Endlich ist es da. Fünf Jahre hat es gebraucht, um herzukom- men. Er hatte schon int Stillen seine kinderlose Ehe beklagt. Wie groß ist nun sein Glück. Er betrachtet das Kind. Seine beiden Augenstrahlen streicheln es, hüllen es väterlich mild ein. Wie ein Eichkätzchen ist das Kind, so fein. Ein solches Bjibchen gibt's nicht ein zweites Mal. Da liegt's, eingekuschelt in sein Steckkissen,' wie ein junger Baumkauz schläft es, wie ein ganz winziger Kuckuck, dem noch keine Federn angeflogen sind.

Er schläft, atmet, der Juppi. Was er für ein Gesicht hat: ver­drießlich und befriedigt, wie einer, der eine lange Reise zurttck- gelegt und sein Ziel ereicht hat. Er wird froh sein, daß er da ist.

Schlaf dich aus, hier kannst du lang und gut schlafen, denkt der Vater. Im Bett ist's warm, bei der Mutter. Die Stube ist geheizt, draußen kracht der Winter ...

Bläulich schimmern die Adern unter der Milchhaut des Gesichts. Die Engelsfäuste liegen in den Falten der Zudecke. Mit seinem groben Finger berührt Hofschasfer behutsam die Kindeshand: weich wie Moos ist die Hand, wie das Fell einer Rehkitze. Die Anemonen haben eine so zarte, weiße Blütenhaut. Es gibt nichts Rührenderes auf der ganzen Welt als die Hand seines Kindes. Gott sei Dank, das es geboren ist.

Schritte in der Wohnstube. Hofschasfer richtete sich auf, seine Frau war eingeschlafen, draußen vor dem Tisch stand die Spiel- zeug-Gret, eine Frau in den Dreißigern.

Eine Unmenge Schnee hat es heut Nacht geworfen", sagte sie mißbilligend.Man könnte meinen, unser Herrgott möcht vor dem Kleinen die böse Welt verstecken. Droben in Finsterau steigen die Bauern durchs Bodenfenster. Der Schnee reicht bis zum Dach."

Der Doktor hat sichern schweren Heimweg gehabt", bedauerte Hofschasfer.

Schlaft die Stasi?"

Sie schläft."

Das Kind?"

Zufriedenheit verklärt die scharfen Waldarbeiterzüge. Hosschaf- fer nickt.

Hast dich ausgeruht, Spielzeug-Grct?" erkundigt er sich nach dem Befinden seiner Helferin.

Sie hatte sich ausgeruht. Das bißchen Nachtwache. Dem Doktor war sie zu Hand gegangen, als das Kind kam: sie hatte getan, was nicht Männersache war. Nun hatte sie Eßwaren einoebolt: ein Stückchen Butter, ein paar Eier, eine Taube für die Wöchnerin

Eigentlich wäre zur Stunde ihr Platz in Passau auf dem Weih- nachtsmarkt gewesen, in der Spielzeugbude, von der sie ihreit Volksnamen hatte. Dort waren, wie alljährlich, zu verkaufen: be­malte Holzpferde, geschirrt und mit Glöckchen behängt, Puppen mit Schlafaugen und blondem Kräuselhaar, Automobile mit Federan- trieb, Kreisel, Spieldosen, Hanswurste,' die mit den Beinen schlot­terten, Zelluloid-Fischchen und Holzschiffe mit Fahnen. Bälle, Rei­fen, Sparbüchsen. Feine Kleiderstoffe und bedruckte Schürzen hielt sie da feil, Lebkuchenherzen für die Bauernmädchen. Sprüche dar­auf und lustige Geständnisse, Christbaumschmuck, gläsern, silbern, golden. Engelshaar, Kerzen ... All dies hätte sie heute in Passau verkaufen müssen. Aber wie? Sie konnte doch nicht die Stasi in ihrer schweren Stunde mitten im ärgsten Winter allein lassen, mit dem guten, aber ungeschickten Mann und dem alten Doktor. So batte sie ihrer in Passau lebenden Schwester geschrieben, sie möchte diesmal für sie einspringeu und die Pferde verkaufen, die feinen Puppen, die Blechautomobile, die Lastwagen und die Herzen mit den Sprüchen. Hoffentlich war der Markt auch gut besucht. Einen besoraten Blick warf sie durchs Fenster auf den hohen Schnee und die Silbertannen. Dann machte sie sich am Herd zu schaffen, es ging auf zwölf.

Am Nachmittag, schnallte der Mann die Schibretter fest und alitt in den Winter. Am Wald schwang er sich hin in die Einöde. Er öurchfchnitt bas Spurengesäuse der Rebe und Hirsche, die auf der Suche nach Futter von Wald zu Wald gezogen waren, und rutschte in ein verschneites Dickicht. Hier wußte er ein Fichten­bäumchen. das hatte er sich schon im Sommer ausgesucht. Unter einer Schneewoge hielt es den Winterschlaf. Seine Hand durch- arub den Schnee und erweckte den jungen Fichtlina. V"n den Zweigen rauschte der Winterflor. grün wurde das kniehohe Bäum­chen und reiate sich zierlich geostet, so wie es den Sommer lang schon im Wald aeleuchtet hatte. Hofschasfer neigte sich in den Schnee und nahm es heim mit sich.

Als er in das Zimmer trat, olänzte ihm der weiche Blick seiner Fra» entgehe». Er hielt die Fichte in die Lust: dos Weihnochts- bäumchen. Ein Wald- und Harzgeruch begann milde zu duften,