Bor dem Phänomen dieser Literaturnähe eines eines urwüchsigen Volkes schwinden uns die eigentlichen Probleme des Theaters. Daß aber Bühnenbild und Darstellung weit über provinzialem Durchschnitt stehen, ist nicht mir Kompliment dem freundlichen Direktor. Dem wieder ist selbstverständlich, dah jedem Südslawen die heimischen Dichter ge-
Dem "Südslawen, dessen heroisches Zeitalter Jüngstvergangenheit ist, der kämpfte wie seine epischen Ahnen, fast mit denselben Waffen und ebenso verzweifelt. Der Guslar singt ihm vom Kraljewitsch Marko, wie vom Befreierkönig Peter. — und beides ist Gegenwart. Lieder und Gusla, die am Hose Zar Duschans klangen, haben das Radio erlebt (blinde Guslaren hörten wir aus dem Lautsprecher des „Grand Hotel", im Speifefaal, wo wir vielleicht mit Enkeln der Helden aßen, von denen sie sangen). Den Kitsch des bürgerlichen Zeitalters hat dieses glückliche Bolt verschlafen: seine homerische Phantasie ist unverdorben und den naiven Heldenaugen modernstes Theater verständlicher als das bunte Fetzenwerk der letzten Vergangenheit. — Wie etwa der Bergwanderer, der Saumtierführer sich leichter an das Auto gewöhnen konnte, als an die schienengebundene Eisenbahn.
Philosophie des Wochenendes.
Von Adolf H a l f e l d.
Wenn man Deutschlands Stellung in der Welt richtig abschätzen will, so muß man sich besonders eingehend mit dem „angelsächsischen Vetter" beschäftigen, dessen Wesen und Land sich seit dem Kriege in mancher Hinsicht gewandelt hat. Ein scharfer Beobachter, Adolf Haifeld, schildert in seinem bei Eugen Diederichs in Jena erschienenen Buch „England. Verfall oder Aufstieg?" den englischen Menschen in feinem Alltag und eröffnet dabei weite Ausblicke für die Zukunft. Da das Wochenende, diese typische Schöpfung des britischen Volkes, ja auch bei uns sich eingebürgert hat, dürfte feine psychologische Erklärung aus dem englischen Nationalcharakter besonders interessieren.
In scherzhafter Weise hat man gelegentlich sagen Horen, um seines Wochenendes willen fei der Engländer in den Weltkrieg eingetreten. Ein Wahrheitskern wird damit in überspitzter Formulierung geboten. Der ist nämlich vorhandene Vom Weltkrieg bis zum Wochenende führt irgendwie eine logische Brücke. Unschwer ist es, sich die gewaltige Bedrohung vorzustellen, die der mächtige materielle Auftrieb des deutschen Volkes und die romantische Grenzenlosigkeit seiner geistigen Zielsetzungen für die satte Statik der englischen Welt bedeuten mußten. Der Tatendrang eines verjüngten und die Bequemlichkeit eines überreifen Staatswesens, Fleiß und arbeitsscheuer Snobismus, Mangel an Besitz und ererbter Ueberfluß, Schaffenslust und Wochenende: Das waren die Antithesen, die m dem großen Völkerringen auseinanderprallten. Und wenn es im tiefsten Grunde keine Entscheidung brachte, so auch darin nicht, daß das geliebte englische Wochenende nicht anders als irgendwie zerzaust aus ihm hervorging. Genuß und Bequemlichkeit sind in England dieselben geblieben, aber der materielle Boden scheint sich manchmal unter ihnen zu lockern. Das englische Wochenende ist mehr als eine Mode wie bei den Volkern, die es nachahmen. Der Korrespondent eines Londoner Blattes („Eoening Standard") wurde von einem Deutschen gefragt: „Wie haben Sie eigentlich diese Bewegung organisiert?" „Welche Bewegung? „Nun, die Weekendbewegung." „Das ist doch gar keine Bewegung: das ist eine Gewohnheit." „Ja, ganz richtig. Aber eine Gewohnheit entsteht doch nicht aus sich selbst heraus?" — , _..
Darauf fand der Engländer keine Erwiderung mehr. Hur tf)n mar die Frage geklärt: Eine Gewohnheit läßt sich nicht organisieren. Sie ist eben da, und alle Logik versagt vor ihr. Diese geistige Haltung unterscheidet sich, wie man zugeben wird, von dem blinden Reformeifer so vieler unserer Volksgenossen, die den lebendigen Organismus des Volksganzen immer wieder in dis Schablonen von taufend Bewegungen und Moden hineinzuzwängen versuchten, nicht selten unter ergiebigster Benutzung englisch-amerikanischer Vorbilder.
Ein angestammter Brauch also ist das englische Wochenende. Es ist eine Idee eine ganz spezisische und national bedingte Einstellung zum Leben Ein weises Haushalten mit dem bißchen Erdendasein das das Schicksal dem Menschen bestimmt. Es umreißt die bukolischen Neigungen des edelsten Teiles der britischen Rasse, den die Verschandelung feiner Städte wenig bekümmert, solange die menschenferne vchonhe.t der Landschaft Flucht vor der Zivilisation und pastoraleStille verheißt. Die zwei oder drei Tage Wochenende stellen das erkleckliche Maß Naturoerbundem Helt sicher, das dem Herzen des Engländers verblieben ,st, mag es auch noch ,° sehr an dem Zwiespalt zwis-- und t.eker
Religiosität zu tragen haben. Das !
schen platter Händlermoral und tiefer vieugivziilli zu iruycil ~u= Wochenende ist der versöhnende Aus
gleich in der alten Tragödie des englischen Volkes, dieser Bauernrasse ohne Bauernhöfe und Bauerndörfer, deren Vertreibung von der väterlichen Scholle in der Hochblüte der Adelsherrschaft einsetzte und mit dem Jndustrieelend dep Großstädte endete. o ... nh.r
Berückend schön zwar ist der Garten der englischen Land chaft, aber eben nichts als ein Garten. Alles ist eingezäunt, weite Streifen Landes gehören irgendeinem großen Besitzer, und von den mit dichten Hecken eingefaßten Hauptwegen führen nicht wie bei uns freundliche, kleine Gaffen kreuz und quer diirch Aecker und Fluren. Unendliche 2stehweiden, durch Gräben abgegrenzt, die eifersüchtig den Besitz hüten, Rinder- und Schafherden, die sich in völliger Freiheit tummeln, einsame Buchen und Eichen, die aus der welligen Landschaft herausragen: Das alles wirkt wie ein Schäferidyll aus dem achtzehnten Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter der allmächtigen Landaristokraten. Denn nur zum kleineren Teile gehört diese Jdeallandschaft dem Volke und seinen Bauern. Eha- raktersttisch sind die Abzäunung, die Hecke und das allgegenwärtige Schild „Private Ground“ — als Zeugen einer feudalistischen Auffassung, die den Boden für sich und niemand anders beansprucht. Trotz der hohen Steuerlasten gibt es noch heute viele Grundherren, die auf ihren Burgen
und Schlössern sitzen und die weiten Ebenen riwwu ihr rfgefi nennen. Wer aber wird sich für den elenden Gewinn, den der Pachtzins iibrigläht, auf einem Acker abplagen wollen, der nicht seinen Kindern und Kindeskindern gehört?
Gerade die Besonderheit der historischen und sozialen Verhältnisse erklärt uns das Wochenende als einen eingewurzelten Brauch. Beinahe siebzig Prozent der englischen Bevölkerung sind in der großstädtischen Zivilisation ausgegangen. In diesen Menschen lebt die Sehnsucht nach dem Lande. Sie fliehen die Stadt, wann und wo immer sie können. Und auch in der Stadt selbst suchen sie schon bei bescheidenstem Einkommen ihr eigenes Heim zu besitzen, ihr Cottage, das ihnen das Gefühl vermittelt, Herr auf eigenem Grunde zu fein, dem sie einen hochtönenden Namen geben und das nach Möglichkeit abseits der Straße hinter Blumen und Büschen versteckt zu liegen hat. Nur in den Quartieren der wirklichen Armut gibt es Wohnkafernen — jene Tenementhäuser, deren Trostlosigkeit die Ostseite Manhattans und die Slums des Londoner Fastend in ein Inferno der Menschheit verwandelt. Das Cottage indessen ist das Signum des Mittelstandes, der bis weit in die arbeitenden Schichten hinabreicht.
Häufig genug erscheint es kümmerlich, häßlich und nüchtern. Die flachgedachten Backsteinstuben der viktorianischen Periode mit den unverkleideten Schornsteinen und zierlosen Fenstern erhoben keinen Anspruch auf Wohlansehnlichkeit. Erst seit dem Kriege beginnt sich ein Stil durchzusetzen, der auf das Steildach, das kunstvolle Fachwerk und die Grazie der alten Dudorhäufer zurückgreift. Er entspricht dem Geiste des Landes und nicht irgendeiner Epoche. So geschmacklos der Engländer auch heute noch feine Warenhäuser, seine Bankgebäude und Theater in den Großstädten baut, so erfreulich wirken die Eigenheime, die im Lause des letzten Jahrzehntes entstanden sind. Programmgerechte Zweckbauten sind sie nicht, aber sie gefallen dem Auge und weifen unverkennbar englischen Charakter auf. r ,
Wir nehmen unseren Gedankengang wieder auf. Ebensowenig wie das Landhaus entstammt das Wochenende aus einer Bewegung oder einer Mode. Man hat es vielmehr als einen unerläßlichen Bestandteil des englischen Lebens zu begreifen, als ein nach außen sichtbares Symbol der konservativen Seele dieses Volkes. Das Weekend schlägt für den Städter die Brücke zur Heimat zurück, zur menschlichen Freiheit und Mr Verbundenheit mit dem Lande, das schon die Väter umfing. Und fo erfüllen sie einen Dienst am Volke, diese kostbaren Tage nationaler Entspannung, deren wirtschaftlicher Widersinn ihrer Nutzwirkung keinesfalls im Wege steht. . .. . . m ,,
Es gelten eben nicht nur wirtschaftliche Erwägungen in der Welt. Periodische Selbstbesinnung eines ganzen Volkes ist zweifellos kein Hau^ Haltsposten für den Schatzkanzler in Whitehall. Schwerlich auch laßt sich rechnerisch der Umstand erfassen, dah das Wochenende den urbancherten englischen Massen stetig neue Lebenssäfte aus dem Erdbereich der Scholle zuführt und ihnen noch andere Zerstreuungen zu bieten weiß als den stumpfen Barbarismus profeffioneller Ballspiele und eines zu blödestem Wettfieber entarteten Sportbetriebes. Aber jene zwei oder drei Tage weifen den Weg, auf dem sich der Engländer zu den Muttern zuruck- findet Sie stellen auch für jene Millionen, die über Südwales und Lancafhire, über Birmingham und Glasgow nichts als die Rauchschwaden ihrer Fabrikschlote entdecken und die in dem schmutzigen Halbdunkel ihrer Slums zu verkommen scheinen — sogar für diese Nomaden der Weltstadt stellen sie die Liebe zwischen Mensch und Heimat wieder her, die sich in den harten, starken, bäuerlichen Zügen des echten englischen Schla- qes mit den buschigen Brauen über stahlklaren Blicken immer aufs neue bestätigt. Da mag man es immerhin glauben, daß für das Wochenende in seinem tieferen Sinn ein ganzes Volk zu den Waffen griff.
Aber der Kamps, so scheint es manchmal, war vergebens. Und dies ist das englische Problem der Gegenwart: Wird sich der ruhige Gleichtykt des englischen Lebens, die maßvolle Entfaltung seiner Politik, die aller Hetze widerstrebende Selbstverständlichkeit seines Schaffens, die Lust am eigenen Wesen und die Ablehnung alles Fremden in einer Welt behaupten lassen, die Zahlen nur auf Zahlen häuft und Stillstand mit Sterben bestraft? Dieser Zweifel drückt heute auf den Geist Englands...
Nie Dame mit dem Olle pelz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
Der ganze Raum war erfüllt von munterem Vogelgezwitscher. An die fünfzig Kanarienvögel, Wellensittiche und Stieglitze flatterten in großen Käfigen und begannen beim Eintritt des fremden Eindringlings einen zänkischen Diskurs. Aus der Fensterecke starrte ihn ein schöner roter Ara aus seinen honiggelben Augen mißtrauisch an und ließ sofort em gereiztes ^^Donnerwetter", grinste der Besucher in sich hinein, ,>r Bursche hat eine feinere Nase als die Alte!" Er hütete sich, in den Machtbereich des feindlichen Beobachters zu geraten. Aber alle übrigen Winkel des Zimmers unterzog er einer sachverständigen Musterung ein für einen erstmaligen Besucher höchst unschickliches Benehmen, das gewiß auch der harmlosen Seele von Frau Schnee verdächttg erschienen wäre, wenn sie nicht mittlerweile in der Küche draußen ihre ganze Aufmerksamkeit aus die kunstgerechte Entfaltung ihrer Lockenwickel hatte verwenden muffen. Denn obgleich sie selbst zu der Ansicht neigte daß Gott sie mit einer nicht unbedeutenden Dosis Verstand ausgerüstet habe so war diese Dosis doch nicht ausreichend, um in diesem netten und höflichen Herrn auf den ersten Blick den Geheimpolizisten zu erkennen. .
2(15 Frau Schnee zehn Minuten später mit sorgfältig geleimten Stirnlöckchen und in einer blendend sauberen Schürze 'm Zimmer erschien saß dieser Herr bescheiden und steif auf seinem Pluschsauteull und war absichtlich bemüht, seine beschmutzten Stiefel ^m farbenstrotzenden Teppich fernzuhalten. Er machte em paar liebenswürdige Sem.itun-


