deinem
Chauf- Hochtal
Altes und neues Montenegro.
Von Theodor 5- Meisels. Copyright 1933 by I. L. A., Wien.
Die Serpentinen der Lovcenstraße sind überwunden, und der seur Iaht den dampsenden Wagen verschnaufen, ehe er in das von Njeaus hinabrollt. Der Blick gleitet über unvergeßliche Wetten von Berg und Meer (Glanz- und Endpunkt jeder Dalmatienfahrt), die fo gewaltig find, daß erst die dunkle Kontur eines Geiers den Raum recht erfassen läßt, über dein sie schwebt. Im Hang klebt das erste Monte- negrinerdorf, meerwärts schauen die Fensterluken und zwischen dieser Steinwüste und der grünsatten Fruchtbarkeit da unten wird der Begriff „Bergräuber" menschlich nahe. .
Heber dem Paß die Hjeguspolje, der ttrkanton Montenegros. Durch felsiges Gewirr windet sich die Straße. Wo aber in den Mulden Fruchterde zusammengeschwemmt und geschützt sich erhalten hat, winzige Aecker, die so orgsam gepflegt sind, daß die unregelmäßigen Beete wie phantastisches Parkland wirken. Nur fanatische Heimatliebe mag den Optimismus ausbringen, diese verzweiselt karge Scholle $11 bearbeiten. Die letzte, freie Serbenerde war dieses Hochland durch Jahrhunderte.
Kurzer Aufenthalt vor dem „Grand Hotel" in Njegus. An den Wanden der Gaststube hängen die Oeldrucke russischer Zaren, dem Volke einst Inbegriff des Schutzes, fern und mächtig, Ostroms Erben. Wunderlich paßt der Name dem Häuschen. Aber es gibt viel größere „Grand Hotels , in denen der Kaffee viel schlechter ist.
Noch einmal steigt die Straße und Rückblick wird das Hochtal, das schon Ziel schien. Weit unten blinkt vor Albaniens Bergen der See von Sk>utari. Der (£rnagora Südland sind seine Ufer, wo neben Reihern der
sem mag. antmortetc bie ;n heller Begeisterung. Und dann stürzten'sie hinaus, um alles weiterzuerzählen und vielleicht aus den anderen Klassen etwas Neuss zu ersahren. ...
Rur Annette und Wippen blieben in der Klasse zuruck. Annette suhlte sich plötzlich so elend und war so nervös, daß sie den Kopf au,s Pult legte und laut zu schluchzen ansing.
Mippen umarmte sie: „Aber, liebster Goliath, du darfst an Ehrentag doch nicht weinen!"
„Ich mutz Die Sl.afe wegen Ungehorsams even tragen. Mer klatschen 1116 Niemand in der ersten Klasse zweiselte daran, daß sie nun aus der Schule gewiesen würde. Selbst Mippen zitterte am ganzen Körper.
Wieder sah die Direktorin stumm da. Sie bedeckte ihre Augen mit der fianb und wartete. Eine Ewigkeit schien es der ersten Klasse.
Annette mußte sich an der nächsten Bank festhalten. Es drehte sich alles um sie. Dann stand die Direktorin langsam auf Sie ging zu An- nette hin und legte beide ^)ände aus Annettens schultern.
„Du kannst dich setzen, mein Kind." .
Ihre Stimme mar ungewöhnlich sanft.
Dann wandte sie sich an die ganze Klasse und sagte:
„Ihr alle könnt stolz aus Annette sein."
„Bravo!" Mippen vergaß sich ganz und gar — erschreckt von dem Klang ihrer eigenen Stimme, duckte sie sich schnell.
Als die Vorsteherin an Mippens Platz vorbeikam und Mippens Augen in grenzenloser Bewunderung auf sich gerichtet sah, strich sie ihr über die
Nun" bist ^du wohl glücklich, Mippen?" Wie die ganze Schule, wußte auch sie von der Freundschaft zwischen David und Goliath.
Sie sind zu lieb", sagte Mippen nur und umarmte die Vorsteherin in ihrer Begeisterung. Unter gewöhnlichen Umständen wäre dies als UJtaje= stätsbeleidigung betrachtet worden.
Dann klingelte es. Und die Direktorin verließ die Klaße.
Mippen stürzte auf das Katheder.
„Annette soll leben!" ,
Und die ganze Klasse antwortete: „Hoch, hoch, hoch.
.Das eine kann ich euch sagen, wenn sich irgend jemand auch nur em einziges schlechtes Wort über die Direktorin erlaubt, dann bekommt er von allen eine gehörige Tracht Prügel, wo und wann es auch immer
den Autobus benützen — nur um des malerischen Eindruckes willen. Und io wird das leichte Amüsement ehrliches Interesse an der Erscheinung eines Volkes, das im Begriff ist, aus dem sechzehnten ins zwanzigste Jahrhundert zu springen. . , .. . . t
Der Bädekersterne sind wenige, aber man muß sie doch gesehen haben und leiht sich, ungerüsteter Stadtmensch, ein eingeborenes Parapluie. Denn hier regnet es, wie Polonius sagt: „Nie, aber dann ausgiebig.
So wenig einladend die nasse Straße ist, vor Cetinjes Buchhandlung muß man doch stehen bleiben. Sie ist erstaunlich modern, reichhaltiger jedenfalls als in einer italienischen Mittelstadt! ein museumsechter Mow tenegriner kommt heraus und hat sich gerade ein neues Amerikabuch gekauft! ,
Populärste Sehenswürdigkeit: Die riesenhafte Reliefkarte von Montenegro 1916 bis 1918 mit viel Gips und gutem Willen angefertigt. Man hat ein Haus herum, einen Steg darüber gebaut und ein Soldat bewacht das Ganze. Die bunten Farben sind nun naturalistisch verstaubt und so sieht die Landkarte dem Original staunenswert ähnlich. Oder Um Banken das „Königsschloß". Seine geschmacklose Schlichtheit reizt zur Ironie. Aber es drängt sich die Frage auf, ob diese puritanisch- bourgeoise Ausstattung (der man allerdings hinzudenken muß was der flüchtige König mitgenommen hat und was Krieg und Nachkrieg weggeschleppt haben) nicht bewußt patriarchalische Beschränkung war. Verfügte doch Montenegros Herrscher über auswärtige Subsidien, die ihm trotz seiner elf Kinder (die ja alle auch sehr gut geheiratet haben) den Standard eines mittleren Bankdirektors wohl ermöglicht hatten.
Auf dem Gipfel des Lovcen aber hat das Volk feinem Dichterfürsten Peter das Mausoleum bereitet, der als Regent an der Schwelle der Neuzeit stand, für die feine Epen die ungeschriebene Uederlieserung der nationalen Geschichte bewahrten. Dem Volksglauben war die Unabhängigkeit des Landes mit diesem Berggrab verbunden, und als General Sar- kotic, Montenegros Kriegsgouverneur, die Leiche zu Tal bringen lieg, beging er eine jener brutalen Geschmacklosigkeiten, die so viel Unfrieden zwischen Völkern stiften.
Damit ist das Befichtigungsprogramm erschöpft, und man mag guten Gewissens ein Stück auf der Straße nach Pvdgoritza hmausbummeln. Hinter der ersten Biegung ist die Stadt verschwunden und nichts verrat die Nähe menschlicher Siedlung. Aber diese Bergwüst« ist keineswegs em- fam. Herden ziehen vorüber, Bauern mit Roß und Esel und vor allem Autos, sehr viele Autos; Autobusse, voll besetzt und starke amerikanische Personenwagen, bis zum Bersten mit Crnagorzen gelullt. — Em Land eben, das im Begriffe steht, das Zeitalter der Eisenbahn auszulassen bas Dom Saumtier unvermittelt zum Auto greift. Aber die Hast hat patriarchalischem Brauche noch nichts anhaben können. Niemand wandert vorüber ohne freundlichen Gruß und manch einer _ versucht gemütlichen Plausch, der allerdings nur bis zu freundlichem Grinsen und Zigarettentausch gedeiht.
Kino hat Cetinje noch keines, wie sich abends herausstellt, aber ein blitzneues Landestheater. Die Kassen sind zwar geschlossen, denn heute wird die Erössnungsvorstellung als richtiges Volkstheater bei freiem Eintritt wiederholt, aber der Direktor, jovial wie alle Theaterdirektoren (besonders in der Diaspora), lädt in die Direktionsloge.
Der Abend findet Cetinje in fröhlicher Erregung. Wer eine Karte bekommen hat, zieht sein Bestes an, die Familie assistiert, bewundert und begleitet. Fast verödet ist die kleine Stadt, alles sammelt sich vor dem Theater, und die Vorstellung ist für die ganze Bevölkerung ein Ereignis, wie vielleicht in Altgriechenland.
Bauern, Beamte, Handwerker füllen den Zuschauerraum, der gar nicht so klein ist, modern und ganz ohne gipsgoldenen Klimbim. Die Honoratioren fehlen, sie waren bei der Festvorstellung geladen: Sicher war vorgestern das „gesellschaftliche Bild" prächtiger, aber wir sind sroh, daß wir heute da sind, unter einem Publikum, dessen Urteil voraus- setzungslose Volksftimme ist.
Als erstes: Ein Akt aus „Gorski Wijenatz (Bergkranz), dem dramatisierten Epos des Fürsten Peter (Erstes Viertel des 19. Jahrhunderts). In freier Landschaft eine Versammlung der Stammeshäuptling«. Woiwoden und Serdare beraten über Krieg und Frieden mit den Türken. Der Metropolit rät zur Versöhnung, aber die türkischen Abgesandten sind zynisch, frech, und die Kriegspartei siegt. Etwa „Wallensteins Lager am Balkan". Die Kostüme prachtvoll, di« Regie so belebt, daß auch der Sprachfremde interessiert bleibt. Nur Dialog, aber das Publikum folgt gespannt, nimmt Stellung. Jedem im Zuschauerraum sind die historischen Voraussetzungen geläufig, packende Worte finden Beifall auf offener Szene. Die nationale Geschichte ist den Hörern absolut aktuell
Ein Eindruck, den der zweite Teil der Aufführung verstärkt. »Der Tod der Mutter Jugovic" von Voinovich, der zu den südslawischen Klassikern zählt Man spielt nur den zweiten Akt, der ohne Kenntnis des Dramas kaum verständlich ist. Aber daß man die Volksdichter hier ruljig ats bekannt voraussetzen darf, zeigt sich rasch. Das primitive Publikum folgt Vorgängen, die wir uns nachträglich fehr ausführlich erklären lassen müssen. Dabei sind Regie und Bühnenbild so modern, in gutem Sinne modern, wie man es etwa am Linzer Stadtheater niemals wagen wurde. Erstmalig wird diesen Menschen das Volkslied szenisches Erleben, und die zeitlose Darstellung befriedigt ihre unverdorbene Phantasie, der fo viel Kitsch erspart geblieben ist. Ewiges Geschehen ist ihnen die Schlacht vom Amselseld, das Problem von 1389 war der lebenden Generation noch aktuell.
Als Drittes „Hassan Agas Weib", wiederum nur ein Akt. Die Handlung des slawischen Volksliedes, das Goethe und Herder der Weltliteratur schenkten. Wieder kennt das ganze Publikum die Vorgeschichte. Nicht Knabe, noch Greis braucht sich vom Nachbarn erklären zu lassen, warum der Aga auf seine Frau so bös ist. — Hand aufs Herz, raeld)er Direktor würde es wagen, in der deutschen Provinz den dritten Akt des „Verschwenders" oder den zweiten der „Minna von Barnhelm zu
Pelikan nistet. . . ,
Dann öffnet sich die (Ebene von Cetinje, schnurgerade von der Straße durchschnitten, die zur Stadt führt. Ein kampfbereit ummauertes Turmgehöft, erstaunlich moderne Neubauten, Marktgewirr, und vor dem „Grand Hotel" ist die Fahrt zu Ende. „
Empfangsbereit steht die Front „behördlich autorisierter Führer , doch vor den spärlichen Sehenswürdigkeiten ist das Mittagessen akuter. Dann aber bricht ein Berggewitter los und ist bereitwillig ergriffener Anlaß zur Uebernachtung, die das alltägliche Cetinje zeigen wird, wie es aussieht, wenn die tägliche Mittagsstunde des Fremdenverkehrs vorüber.
Vor dem Hotel lehnt ein wettergebräunter Crnagorze in pittoresker Nationaltracht. Er spricht sehr gut deutsch, denn er war „Obermontenegriner" auf der Adriaausstellung. Nun macht er mit wienerifchem Akzent die Honneurs seiner Heimat und säst will es scheinen, daß er der letzte Ansichtskartenmontenegriner ist. — Denn die Volkstracht ist rar geworden, mindestens die kostspieligen Galaröcke, lieber roter Weste und wetten blauen Hosen trägt man nun braungräuliche Sakkos, den Abschaum von Europas Konsektion. Wie sich derart heldenhaste Vorzeit mit nüchterner Gegenwart mengt, erinnert irgendwie an eine Indianerreservation. Die Jugend hat nur mehr die schwarzrote Kappe beibehalten und auch die alten Leute ersetzen ihre Kleidung europäisch. Daß Männiglich, zu Fuß, zu Roß und im Auto mit einem Regenschirm ausgerüstet ist, stimmt mit der üblichen Vorstellung vom gestählten Bergbewohner nicht überein, ist aber sicher sehr praktisch. Drollig wirkt es freilich im Vereine mit dem ehrwürdigen Revolver, der, Symbol des vollwertigen Mannes, jedem älteren (fast hätte ich gesagt, Friedens-) Montenegriner aus dem Gürtel lugt. — Aber vielleicht ist es unbillig zu erwarten, diese Leute, die telephonieren und Radio hören, würden weiter in mittelalterlicher Tracht i spielen?


