Ausgabe 
15.5.1933
 
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Nummer 31

Montag, den 15. Mai

Jahrgang 1935

Weißt du etwas über diese Angelegenheit, Annette?"

Annette stellte sich gerade hin, sah Fräulein Blume in die Augen und sagte mit klarer, ruhiger Stimme:

Ja."

Die ganze Klasse wandte sich erschreckt Annette zu. Nein, diese Annette, diese tugendhafte AnnetteI Wie blaß sie war! Alle waren sich darüber klar, daß es Annette gewesen sei. Nur Wippen nicht.

Wippen hatte nie mit ihrer Meinung, daß es gemein sei, sich über die Kinder vom Assessor lustig zu machen, Hinterm Berge gehalten. Die Kinder hatten doch nicht das geringste mit der Schule zu tun. Undge­mein" würde ihre Annette niemals handeln. Allerdings fand Wippen es nicht nett von Annette, daß sie es wußte und es ihr nicht mal erzählt hatte. Aber Annette war mitunter so komisch. Wippen rutschte etwas zur Seite, ergriff Annettens Finger und drückte sie aufmunternd.

Fräulein Blumes Gesicht wurde sehr ernst.

Es betrübt mich außerordentlich, Annette. Du, die..."

Ich bin nicht die Schuldige", sagte Annette. Und sie sagte es in einem olchen Ton, daß die ganze Klasse davon überzeugt war, daß sie es nicht gewesen sein konnte.

Wer war es?"

Das will ich nicht sagen", antwortete Annette ganz ruhig.

Du liebe Zeit! . ,

Die ganze Klasse sah auf Fräulein Blume. Wenn die nur nicht der Schlag rührte! Daß Annette das zu sagen wagte!

Du weigerst dich also, es zu sagen."

Ja", sagte Annette mit leiser Stimme.

Fräulein Blume stieg vom Katheder herab.

Es ist eine so ernste Sache, Annette, daß ich die Direktorin holen muh. Seid so lange ruhig, bis ich wiederkomme."

Und Fräulein Blume verließ die Klasse.

In dem Augenblick, als die Tür sich hinter ihr schloß, ging ein Ge­flüster und Gerede und Gemurmel los.

Annette, sag doch, wer ist es?"

Du bist aber tapfer, Annette."

Na, du wirst schön was abkriegen."

Wippen stieg auf das Katheder und kommandierte:

Ein ganz leises, dreifaches Hurra für Annelie! Los, flüstert!"

Und die ganze Klasse flüsterte Hurra und winkte mit Taschentüchern.

Und dann kam die Frau Direktorin.

Ohne Fräulein Blume.

Und sie sah noch strenger ans als gewöhnlich.

Sie setzte sich neben das Katheder und sah die Klasse an. Sie sah sie nur an und sagte keinen Ton.

Selbst Wippen wurde unter diesem Blick nervös.

Annett« Sonting, komm zu mir." ,

Es ging wie eine Erleichterung durch die Klaffe, als diese Worte gefallen waren. , , . ....

Annette ging zur Direktorin. Ihre Knie zitterten, aber in ihrem Gesicht konnte Wippen deutlich lesen, daß sie es ganz bestimmt nicht sagen wurde.

.Wenn ich Fräulein Blume recht verstanden habe, so sagte sie, daß du von dieser abscheulichen Geschichte etwas weiht?"

Annette bewegte bejahend den Kops. Sie konnte kein Wort hervor­bringen, der Wund war ihr wie ausgetrocknet.

Sie hatte vor der Vorsteherin ungeheueren Respekt.

Ist es jemand aus deiner Klasse?" .

Annette dachte einen Augenblick nach. Cs kann ja nichts schaden, wenn ich darauf eine Antwort gebe, es sind ja noch neun Klassen da.

Nein, es ist niemand aus meiner Klasse."

Weißt du ganz sicher, wer der Täter ist?"

Ja "

''Hat dir die Betreffende das Heft gezeigt?" Die scharfen, grauen Augen der Direktorin sahen sie durchdringend an.

Nein, ich habe in der Pause zufällig gesehen, wie sie zeichnete.

Willst du mir nun, bitte, sagen, wer es war? Das war keine Frage, soni^j n fast vor Spannung. Wagte Annette nein zu sagen?

Dann wurde sie sicher rausgeschmissen

Ich will den Täter nicht nennen. Annettes Wund bebte, und sie sah zu Boden.

Die Klasse zitterte.

Was würde geschehen? Sie wagten kaum zu atmen.

Die Direktorin saß einen Augenblick ganz ruhig da. Dann sagte sie:

Hast du dir auch überlegt, daß du bestraft werden wirst, wenn du dich weigerst, es zu sagen?" ,, _ , ...,

Ihre Stimme klang ganz anders als gewöhnlich. Es war unglaublich, wie sie sich beherrschen konnte. ... r-u

Annette sah sie an. Sie wurde etwas rot und jagte mit sester Summe,

Gießenek ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Oie kleine Welt in Bayern.

Von Georg Brittin g.

Der Himmel ist hoch und weit über das Land gespannt, Daß alles unter ihm Platz hat: Die weiße Felswand, Der Kirchturm, Zigeunerpferde mit farbigen Bändern Im Schopf, Hirsche, Nachtigallen und Stare, Und der spiegelnde, blaue und klare

Waldsee mit den schilfigen Rändern.

Liegt ein Kerl im Moose,

Schlägt die Augen auf und im kleinen Stern

Sammelt er alles, den Kirchturm, die Felswand, den Himmel, und sein Begehrn

Geht darüber und über den Himmel hinaus ins Große und Grenzenlose.

Oie erste Klaffe.

Von Barbra Ring.

Totenstille herrschte in der ersten Klasse. Kein Tuscheln und Flüstern war zu hören. Keine heimlichen Briefe flogen hin und her. Kein Kopf bewegte sich. Alle sahen wie gelähmt auf ihren Plätzen. Zweiundzwanzig Augenpaare starrten geradeaus auf die Lehrerin. Etwas Abscheuliches war geschehen. Die ganze Schule war in Aufregung. Auf dem Hof war ein Aufsatzhest gefunden worden. Ein Aufsatzheft, ganz voll mit Karika­turen. Das erste Bild stellte Assessor Petersen dar, wie er einen Kinder­wagen mit seinen Zwillingen schob. Assessor Petersens Zwillinge waren ein in der ganzen Schule beliebtes Motiv. Zwei Mädel aus der dritten Klasse hatten das Hest gefunden und gleich die Aehnlichkeit mit Petersen festgestellt. Und ehe die aufsichtführende Lehrerin, die das Heft konfisziert hatte, es der Vorsteherin hatte geben können, war die Neuigkeit in der ganzen Schule herum. Die erste Klasse war vollkommen überzeugt, daß es keine von ihnen gewesen war. Aber wenn es jemand aus der ersten Klasse gewesen wäre, dann hätte es nur Annette Sonting sein können, denn sie hatte soviel Talent zum Zeichnen. Soßen Meyer hatte eine Katze von ihr gesehen, und die war genau wie eine lebendige gewesen. Annette war nicht beliebt. Sie war erst in der zweiten Klasse zu ihnen gekommen und noch nicht richtig warm geworden. Und sie trug den Kopf immer etwas höher als alle anderen. Außerdem war sie sotugendhaft . Sie war die einzige, die keine Bemerkung bekommen hatte, als neulich die ganze Klassewegen ungebührlichen Betragens gegen Assessor Petersen nachsitzen mußte. ,,

Assessor Petersen war unvorsichtigerweise ungerecht gegen Wippen Felber gewesen. Und Wippen zahlte alles bar und mit Zinsen zuruck. Darum verschwand in der Mathematikstunde Petersens Brille auf ganz unerklärliche Weise, so daß er absolut nichts sehen konnte und sie wahrend der ganzen Stunde den allergrößten Spaß hatten. .

Aum Glück und natürlich rein zufällig fand Wippen |eme Brille wieder, als es gerade klingelte. Aber die ganze Klasse mußte dafür büßen. Nur Annette nicht. Auf Mippens Fürsprache hm wurde ihr die Strafe erlassen. Denn Wippen, die Klügste und der größte Spaßmacher in der Klasse, liebte die große und friedfertige Annette. Sie saßen neben­einander und hießen wegen des Größenunterschieds in der ganzen Schule David und Goliath. Mippen fand es ja gar nicht schon, gehen zu dürfen wenn die ganze übrige Klasse nachsitzen mußte, aber toenn Annette und ihrer Mutter so viel daran lag, dann sollte es an ihr nicht fehlen.

Mippen hatte herausgekriegt, daß Annette eine Freistelle hatte, und da war es natürlich scheußlich für sie, einen Tadel zu bekommen. Aber Annette sollte um alles in der Welt nie erfahren, daß sie ihre Hand dabei im Spiele hatte. . . ... ... .

Nun fand das große Verhör statt. Offizielles, feierliches Verhör tn allen Klaffen. Die ganze erste Reihe war bereits verhört worden, und sie hatten alle geantwortet, sie wüßten nicht, wer der Täter wäre.

Mftwen'hatte'den Außenplatz in der zweiten Reihe. Sie sprang in die Höhe. Mippen fühlte sich heute ausnahmsweise sicher Es war eine all­gemein bekannte Tatsache, daß sie eine schlechte Schrift hatte und über­haupt nicht zeichnen tonnte. Aber das machte ,hr nichts ausDa- sind ja doch nur Nebenfächer", pflegte sie zu sagen. Sie war sich ihrer Ueber- legenheit in den anderen Fächern vollkommen bewußt. .

Wir waren's nicht. In unserer Klasse kann überhaupt kem Mensch so zeichnen", sagte Mippen kurz, als sie von Fraulein Blume gefragt "'"Fräulein Blume mußte lächeln. Mippen war immer der Wortführer und sprach stets in der Mehrzahl.

Mippen setzte sich wieder.

Langsam erhob'sich Annette von ihrem Platz. Sie war sehr blaß.