Kn Die Haare wie Metall: aber an dem feinen Beinwerk merkte hl, bah es keines von des Nachbars Mietgaulen fei, ,löem gehört bas Pferd?' fragte ich Lore, die eben ihr Holztreppchen hart neben mir an den letzten Pfahl gerückt hatte - .Das Pferd? sagte.sie mdem sie sich auf den Fußspitzen hebt und die Leine um das Querholz schlingt, .das gehört dem fremden Studenten: ich weiß nicht, wie er heißt, — Ich sah zu ihr hinaus: aber sie wandte nicht den Kops und wickelte noch immer fort mit der Leine. Als ich eben ungeduldig werden wollte, sagte hinter mir eine Stimme: ,Es ist genug, Fräulein Lärchen!
,5)ch seh' noch, wie sie die Arme sinken läßt und hastig das aus- geschürzte Kleid herunterzupst: und da ich den Kopf wende, steht der blasse, vornehme Student vor mir; und Lore, ohne ein Wort zu sagen, springt von ihrem Tritt herunter und stellt sich neben mich. — Der junge Herr steht auch nur und macht scharfe Augen auf die Lore, als wenn er das Anschauen ganz umsonst hätte. .Daß dich!' dacht ich und sing aufs Geratewohl einen lauten Diskurs über den Goldfuchs an; und red te so lang, bis ich Antwort hatte; und ehe ich mich's versehen, waren wir alle drei auf den Hof hinübergetreten. Das Pferd scharrte mit den Husen und sah seinen Herrn mit den klugen Augen an; Lore stand daneben, und recht als trüge sie Verlangen nach dem Tier, ließ sie ihre flache Hand an dem spiegelblanken Hals herabgleiten. .Es ist lammfromm. sagte der junge Herr; ,was meinen Sie, Fräulein Lore, drinnen im Stall hangt noch ein Damensattel!' — Sie schüttelte den Kopf; aber ich hörte, wie ihr der Atem versetzte, und ihre Augen blitzten ordentlich vor Lust. Der Herr Graf hatte das auch wohl verstanden; denn auf seinen Wink wurde der Sattel aufgeschnallt und ein leichter Zaum angelegt. Lore sah darauf hin, als wenn ihr die Augen verhext wären. Als aber ber Knecht ihr das Holztreppchen zum Auffteigen hinfteltte, warf es der junge Herr beiseite. .Pfui doch, Johann!' rief er; und als wenn sich's nur von selbst verstände faßte er das Mädchen unterm Arm. .Treten Sie fest!' sagte er und hielt die andere Hand vor fie hin, indem er mit seinen durchdringenden Augen zu ihr aufsah. Und Lore, als müsse sie nur immer tun, wie ber es wollte, setzte ihr Füßchen in seine Hand. Ich merkte wohl, er zögerte; aber es war nur ein Augenblick; dann hob er sie mit einem raschen Schwung hinaus.
Sie sah ganz verwirrt aus und schlug die Augen nieder, als sie droben saß, und ließ sich geduldig den Zaum zwischen den Fingern von ihm zurechtlegen. Der Fuchs schüttelte den Kopf und stieß ein lautes Wiehern aus. Sein Herr strich ihm ein paarmal liebkosend über das seidene Fell; bann legte er die Hand hinter Lore aus den Sattel; mit der andern faßte er den Zaum und führte das Pferd langsam um das Rondell herum.
Ich muß es selbst sagen, sie machten ein stolzes Paar zusammen; und es hätte wohl keiner gedacht, der sie so gesehen, daß die seine Person nur eine arme Nähterin und eines Schneiders Tochter sei.
Bald ging es ihr schon nicht rasch genug. Sie warf die Hand empor, bas Pferd fing an zu traben, und der junge Herr trat auf das Rondell zurück. Aber er ließ kein Auge von ihr; wie das Pferd lief, so ging er, die Reitpeitsche in der Hand, im Kreise mit umher; als sei es ihm angetan, so flogen feine Blicke an dem Mädchen hin und wieder, von ihren schwarzen, wehenden Haaren bis zu dem Füßchen, das oben an dem Sattel unter dem Kleide hervorsah. Bald ries er ihr, bald seinem Fuchs ein kurzes Wort hinüber. Das Tier lief Immer schneller; es schnob und peitschte mit dem Schweife in die Luft. Lenore sah gar nicht daraus hin. Sie saß nur wie angeflogen und lächelte und sah auf den jungen Herrn, grab’ als wären's feine Augen, die sie auf dem Sattel festhielten.
So ging es eine Weile. .Wenn die Alte herauskäme!' dachte ich, ,es gab ein böses Wetter!' Aber sie kam nicht. Da plötzlich schwenkt eine Flucht Tauben mit großem Geklapper über den Hof; und der Fuchs stutzt und macht einen Satz. Ich denk', die Lore stürzt herunter; aber nein, sie hing noch an dem Hals des Pferdes; nur blaß war sie geworden wie der Tod. ,Oho, Virginie!' ruft der Herr, und gleich ist er auch drüben, hat die Lore auf feinen Armen, sieht fie einen Augenblick mit den scharfen Augen an und läßt sie dann sanft zu Boden gleiten. — Eh' ich mich noch besinne, höre ich die Hoftür gehen. ,Da ist die Alte!' denk’ ich; aber als ich mich umkehre, steht der Tischler vor mir. — Wär’s nur die Alte gewesen, ich hätte mich nicht so alteriert; denn ganz wie versteinert sah der Mensch aus. .Ist denn schon Feierabend, Herr Werner?', ruf’ ich; aber er achtet gar nicht darauf. .Guten Abend, Marie!' sagt er mit ganz heiserer Stimme, und er würgte ordentlich daran, als wenn ihm bas Wort im Halse ftecfenbleiben müßte. — .Wollen wir nicht ins Haus gehen?' sag' ich wieder. .Ich danke', antwortete er; .ihr habt da schon Gesellschaft.' — Und ohne das Mädchen anzusehen oder eine Silbe an sie zu verlieren, kehrt er sich um und geht durch den großen Torweg der Straße zu.
Lore stand, ohne sich zu rühren, neben dem schnaubenden Pferde. .Was wollte der Mensch?' fragte ber Gras. ,Es ist ein Landsmann von mir', erwiderte sie leise. ,Es ist Herr Werner', sagte ich, cher erste Arbeiter in dem großen Möbelmagazin'; denn mich ärgerte das spöttische Gesicht, womit der Herr dem Tischler nachgesehen hatte."
Die Erzählerin hatte eine Arbeit vollendet; sie stand auf und legte die Stoffe zusammen. Nebenan im Wohnzimmer fanden sich die Haus- genojfen zum Mittagstisch zusammen.
„Was ist denn daraus geworden?" fragte ich noch. „Was ist daraus geworden?" wiederholte sie; „ich habe eine Zeitlang hin und wieder geredet; am Ende — der Tischler kann ja doch nicht von ihr lassen; und sie, wenn ihr nicht just der Kopf verrückt ist, weiß auch wohl, was sie an ihm hat. Die schönen, vernehmen jungen Herrn sind ja nun doch einmal nicht für sie gewachsen."
Wir gingen zu Tische. Aber die Geschichte der lahmen Marie lag mir schwer auf dem Herzen. — Lore und Christoph! Ich konnte mir die beiden Menschen nicht ziisarnrnendenken.
Lin Spaziergang
Bald nach Ostern hatte eine plötzliche Erkrankung meiner Mutter mich nach Hause gerufen. Erst im August, da ich die völlig Genesene mit Ruhe der Sorge meines Vaters und der Heilkrast der milden Lüste überlassen konnte, kehrte ich aus die Universität zurück. Als ich fortreifte, war auf der weiten Seebucht neben der Stadt noch kaum das Eis verschwunden; nun rauschte über allen Wegen das volle Laub des Sommers.
Es war am Vormittage nach meiner Ankunst; von meinen Bekannten hatte ich noch keinen gesprochen. Ich stand nachdenklich in der Mitte meines einsamen Studentenstübchens; das ausgetrocknete Tintenfaß auf dem Schreibtisch und die bestaubten Bücher sahen^mich unbehaglich an; der halb ausgepackte Koffer auf dem Fußboden machte es nicht besser. Aber die Sonne schien durch die Fensterscheiben und lockte mich hinaus; und bald ging ich, wie ich es schon als Knabe liebte, nur mit mir allein, im Schatten der breiten Ulmenallee, welche eine Strecke oberhalb des Wassers am Seestrande entlang führt.
Wie ein düsteres Gewölbe standen die Ungeheuern Bäume über mir, während zu beiden Selten auf Laub und Gräsern und in den Fenstern der hier überall im Grün versteckten Gartenhäuser die Helle Morgensonne funkelte; mitunter, wo er durch die Büsche sichtbar wurde, traf auch ein Blitz des Meeresspiegels meine Augen. — Ich ging langsam weiter, bie frische Lust mit vollen Zügen atmend; nur einzelne unbekannte Menschen begegneten mir, denn die Stunde des Spazierengehens hatte noch nicht ^Allmählich aber hörten die Gärten auf; statt der Ulmen waren es hier schlanke, aufstrebende Buchen, die zur Seite standen. Noch eine kurze Strecke, und ich ging in einem kühlen Walde, der zur Linken eine Anhöhe hinansteigt, während ich nach der andern Seite durch die Bäume auf die See hinabblicken konnte. Vor mir aus dem Dickicht klang der Silberschlag des Buchfinken und der Lockruf der Schwarzamsel; dazwischen wie Musik hörte ich fortwährend das Lispeln der Blätter und drunten zu meinen Füßen das Anrauschen des Wassers. Mir kam plötzlich die Erinnerung an ein halb versassenes Haus, das hier tm Walde liegen mußte. Vor Jahren als Sekundaner war ich einmal mit einem mir verwandten Studenten dort gewesen, den ich von der Schule aus besucht hatte. Es war, so erfuhr ich damals, von einem spekulierenden Schenkwirt gebaut worden; aber die Spekulation mißglückte; es war ihm nicht gelungen, den großen Zug der Gäste in seine Einsamkeit hinauszulocken. Er hatte verkaufen müssen, und der neue Eigentümer ließ derzeit die spärliche Wirtschaft durch einen Kellner verwalten.
Ich entsann mich des langen, blassen Menschen sehr wohl, und auch das einstöckige Gebäude, welches zwischen den hohen Buchen etwa auf der Hälfte der Anhöhe lag, stand jetzt mit Deutlichkeit vor meinen Augen. Unter der kleinen Säulenhalle, welche die Mitte der Front einnahm, hatte ich damals mein erstes Glas Grog getrunken; von hier aus waren wir durch eine große Flügeltür in einen hohen, büftern Saal getreten, dessen Fenster nach hinten in den Wald hinaussahen. Mich überkam ein Verlangen, den einsamen Ort wieder aufzusuchen: zugleich eine Besorgnis, er möge jetzt verschwunden ober für mich nicht mehr zu finden sein.
Während ich so meinen Gedanken nachhing, bemerkte ich aufblickend einen schmalen Fußweg, ber sich links vom Wege zwischen ben Bäumen hinausschlang. Ich stand einen Augenblick; so war es bamals auch gewesen; bann stieg ich langsam ben Berg hinaus. Nach einiger Zeit sah ich vor mir zwischen ben Stämmen ein graues Schieferbach auftauchen, allmählich würben auch bie Kapitäle einer kleinen Säulenhalle unb zu jeder Seite derselben ber obere Teil eines Fensters sichtbar. Noch ein paar Schritte, unb eine breite Steintreppe führte aus bem Baumschatten auf einen kleinen, ebenen Platz hinaus.
Da lag es vor mir; mitten im Walde, im stillsten Sonnenschein. Die Zeit schien hier kaum etwas verändert zu haben; wie damals war der ursprünglich rötliche Anwurs der Mauern, wo er nicht abgeblättert an der Erde lag, überall mit grünem Moos bezogen, unb aus ben Spalten der hölzernen Säulen drängte sich braunes, wucherndes Schwammgewächs; auch jetzt noch stand unter der kleinen Halle eine dunkelgrüne Bank zu jeder Seite der halbgeöffneten Flügeltür. — Ich setzte mich auf eine derselben unb blickte durch die Lücken des Gehölzes auf die See hinab, wo eben ein Fischerboot im Sonnenschein vorüberglitt. — Menschen schienen hier oben nicht zu Hausen, es rührte sich nichts; auch hinter mir aus dem Hause vernahm ich keinen ßaut; nur eine Waldbiene summte in raschem Fluge vorüber, und an ben (Brasränbern ber Stein- treppe gaukelten zwei bunkle Schmetterlinge.
Nach einer Weile stand ich auf unb ging in den Saal. Er schien mir noch düsterer säst, als ich ihn mir gedacht hatte; die dicht vor dem Fenster stehenden Bäume schienen ihre Zweige bis über bas Dach zu breiten. Ich schlug mit meinem Stock auf einen Tisch, baß es an der hohen Decke widerhallte; aber es tarn niemand. — Zur Linken in einem Nebenzimmer, in bas ich hineinblickte, stanb ein einsames Billard. Aber gegenüber an der andern Seite des Saals war noch eine Tür; ich öffnete sie unb gelangte tn einen schmalen Gang unb burch blefen wiederum ins Freie. — Neben einer Kegelbahn, die dicht am Hause lag, sand Ich einen schon ältlichen Menschen, mit einer grünen Schürze angetan, auf dem Nasen eingeschlafen. In der Tat, es schien auch derselbe Kellner noch von damals! — Als ich ihn mit meinem Stock berührte, riß er bie Augen auf und sprang empor. „Ich bitte, mein Herr", sagte er, „ich habe wenig Ruhe gehabt bie Nacht."
I Ich sah ihn oerrounbert an.
1 „Sie wissen bas nicht?" fuhr er fort, inbem er mich von Kopf zu Füßen musterte; „bie Herren Korpsburschen haben ja seit Ostern ihren Kneipabend hierher verlegt."
Ich wußte das in der Tat nicht, obgleich die meisten meiner Bekannten zu dieser Verbindung gehörten.
(Fortsetzung folgt.)
Beran iwortl tch: Dr. tzaaS Thyriot. — Druck unbB er lag:Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckere i, B. Lange, Gießen,


