Ausgabe 
15.4.1933
 
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I V l I l , Willi v V I l v V I I / I Z Z

aber in der Nebenstube traf ich die kleine Nähterin, dielahme . welche stumm und einsam inmitten einer Wolke weißer Stosse mit der Nadel hantierte. Da ich sie oft in Gesellschaft der beiden Menschen gesehen hatte, deren Geschick mich jetzt befchästigte, so erzählte ich ihr den gestrigen Vorsall, in der Hoffnung, über die Ursache desselben Näheres zu erfahren.

Ich hab' das kommen sehen!" sagte sie, die dünnen Lippen zusarn- menkneisend;der Tischler ist wohl sonst ein ganzer Kerl; aber gegen das Mädchen ist er zu gutwillig; was wollt' er mit ihr auf dem

sah noch einmal nach dem Weh u.tb schüttete wider alle Gewohnheit seinem Gaul zur Nacht Hafer in die leere Krippe, legte sich schlafen, er­wachte mit blanken Augen, erzählte seiner Frau, was ihm auf dem heim-

Auf der Universität.

Novelle von Theodor Storm. iFortietzung.i

weg widerfahren »vor und sch lachend: Wie ists damit: Kiwitt kiwitt!?

Ballhaus!"

Ich fragte näher nach.

Der Gaul nickkoppte. _ ,

Denk mal, Hanne", redete der Bauer weiter auf feine Arbeits- gcfährtin ein,der Pastor, und also auch unsre Frau, behauptet: ,Es liegt immer beim Menschen, wenn er mit seinem Leden nicht zurechtkommt!' Sagt sich leicht hinter Büchern in der Studierstube. Früher, ja, da war's so daß ein Mann mit gesunden Knochen aus seinem Leben machen könnt, was er wollte. Aber heut? Siehst du, Hanne, vor uns allzusammen Kein Großmaul, gegen das kein Mensch aus Erden, besonders kein

er, mit Arbeit ankommt: Die Zett!"

Der Gaul rührte sich nicht.

Bist ja wohl heut abend aus dem Heimweg eingemckt? verwunderte der' Bauer sich.Hüh! Hier können wir die Nacht nicht bleiben. Hüh,

Ein kräftiger Ruck am Zügel, und beide setzten sich wieder in Be­wegung, der Bauer mit der Wacht auf der Schulter voran, der Gaul hinterher.

Was ist das da im Unken Wagengeleise? staunte bald hernach der Heimgehende. Ein Vogel! Sah man bei genauerem Hinblicken deutlich. Was für ein Vogel? Ein Kiebitz! Ließ sich im Näherkommen auch nicht verkennen. Warum liegt der Kiebitz aber im Wagengeleise? Weil er tot ist! Ein lebendiger Vogel stiegt oder läuft, sitzt auf dem Ast oder dem Rest Wenn er vor einem Menschen platt auf der Erde liegen bleibt, ist der Vogel mausetot. Große Weisheit! Doch, wie Ist der tote Kiebitz zu dieser Sterbestelle gekommen? Der Bauer blieb stehen. Und auch der Gaul ohne daß einPrr!" nötig war blieb stehen.

In dem linken Geleise- des Weges, der schnurgerade aus das hinter Bäumen sichtbare Haus zusührte, lag tatsächlich ein Kiebitz: reglos, ohne Beine, ohne Kopf, ein Häufchen grauer Federn, das bis zu den beiden überstehenden Kanten des Wagcngeleises reichte, ein Korperklümpchen, nach Gestalt und Farbe nicht viel anders anzuschauen als di« unzähligen Erdklumpen auf dem Acker. . m .

Xotr stellte der Bauer fest, holte mit seinem rechten Bein aus und wollte durch einen Stoß der Stieselspitze den Kiebitz auf den Acker be­fördern, um ihn vor dem Zerfahrenwerden zu schützen. Aber im aller­letzten Augenblick streckte der Bedrohte die eingezogenen Beine, den ge­duckten Kopf aus dem Federhäuschen hervor, lief, was er laufen konnte, davon und war nach wenigen Augenblicken In einer Ackerfurche »er*

Alle Glocken läuten ...

Don Gertrud 21 u l i cf).

Alle Glocken läuten: Glauben .. glauben ... Neuer Wind weht: Atme, Mensch, bewußt! Wie das Gurren seliger Liebestauben Klingt ein zartes Glück in Leid und Lust. Was ein Ahnen war, erfüllt sich brausend, Sagt sich leise und mit Lächelmund, Und durch die Sekunde wirbeln tausend Wunder, tun sich tausend Rätsel kund!

2llle Felder leuchten: Hassen! hoffen! Keime springen in das zage Licht. Kleine Wünsche sind schon übertroffen, Spur und Zeichen sind schon Erdgesicht: Was ein Ton war, schwillt zu Melodien, Wächst zu Lied und Psalm der Kreatur, Und mit Lüsten, die ins Blaue ziehen, Kreisen wir im Pulsschlag der Natur!

Alle Münder lachen: Lieben! lieben!

Jeder Herzschlag klopst: O Mensch, o Welt! Wo ist alles Quälende geblieben, Nun, da alles Dunkel sich erhellt?

Was ein Traum war, sichert sich ins Leben, Und was Tod hieß, wird zum Auferstehn. Allem Seienden ist Trost gegeben! Ostern, deine heiligen Stürme wehnl .

Kiwitt kiwitt, flieg mit flieg mit!"

Ja" sagte her Bauer,das macht man wohl. Aber können!

"Kiwitt kiwitt,

wie groß dein Schritt!"

Siehst du", sagte der Bauer,das kannst du nun nicht! Zwanzigmal mindestens mußt du zutrippeln, wenn ich einmal auslange."

Kiwitt kiwitt, ich hab ein Bitt!"

Na los", sagte der Bauer.Vielleicht kann ich sie dir erfüllen. Was lall "ich für deinen flügellahmen Kerl tun?"

Flieg mit flieg mit, kiwitt kiwitt!"

Dummes Tier!" sagte der Bauer, der wie ein struppkopfiger Weiden­baum dagestanden hatte.Nicht wahr, Hann«?"

Dann ging er seines Weges weiter. Nun hocherhobenen Hauptes, mit weitgreifenden Schritten. Auch der Gaul hinter ihm holte aus rote wah­rend des ganzen Heimweges nicht. Denn beim Weitergehen war der erste Ruck an der Leine so kräftig gewesen, daß er wußte: J^tzt gitts!! und> eS auf einen zweiten Ruck nicht ankommen lieft. Da der Bauer, eine halbe Stunde spater, am gedeckten Tisch saft und den Löffel in der hocherhobenen Hand hielt, ohne als Erster mit dem Aufsllllen der Suppkartosfeln zu beginnen, fragte seine Frau:Warum langst du nicht zu.

Manches Tote", sagte der Bauer,ist lebendig, und vieles, was lebt, ist mausetot."

,Zch versteh dich nicht", erklärte die Bäuerin.

Der Kiebitz hat recht", sagte der Bauer.Wers kann, soll stiegen, wers nicht kann, soll seine Beine brauchen. Wems gar zu schlimm kommt, der soll sich ducken und das Wetter vorübergehn lafien.

Was ist mit dir?" drang die Bäuerin besorgt auf ihren Mann ein, die 'keinen Blick von dem in die Luft Starrenden gewandt hatte, wahrend die vier Buben einmütig auf die dampfende Schusiel sahen.

So" sagte der Bauer,jetzt will ich essen. Was mit mir ist? Das erzähl ich dir nachher im Bett. Oder morgen früh, wenn ich ganz mit mir im Reinen bin. Hast recht: Auf Golgatha 'war einer den sie getötet hatten lebendig war tot nicht tot Und wir sollten, heilen Leibes, mit dem ^^Endltth! ""atmete die Frau auf.Wer hat dich nun doch dahin ge­bracht wohin ich dich all die Jahre nicht tnegen konnte?

Der Kiebitz!" sagte der Bauer, füllte sich den Teller chwappvott, oft und wurde mit allen Seinen satt; setzte sich ans Fenster, blickte durch die

Nähen ausgegangen. ~ , ,, ,.

Ich denk', es war kurz vor Marttm vorigen Jahres; ich machte mich gleich nach Mittag zu der Schmieden; denn wir hatten eine große Seiden­wäsche zusammen. Unterwegs begegn' ich dem Tischler, der damals schon mit der Lore ging. Wir sprechen ein Wort zusammen, und im Weggehen ruft er mir noch lachend zu: ,Bei Feierabend komm ich und Helf Euch die Klammern aufsetzen!' Ich sagt's auch der Lore; aber sie schien nicht groß daraus zu achten. , . .,

Spät nachmittags, da wir drinnen fertig waren, gingen mir hinaus, um' die Seine zwischen den Psählen auszuscheren, die draußen auf dem Grasrondell stehen. Lore, das Kleid über ihren Halbstieselchen auf* geschürzt, die schwarzen Haaren hinter die Ohren gestrichen ging mit dein kleinen, hölzernen Tritt von einem zum andern. D,e Alte hatte sich drinnen in ihren Lehnstuhl schlafen gesetzt; ich. ich bin die Größte nicht und konnte ihr eben nicht viel dabei Helsen. v

Und die Erzählerin suchte ihren dürftigen Körper möglichst grade

3 ^Ich^hatti mich neben dem Waschkorb aus einen Prellstein gesetzt und" sah mirg an, wie vor dem Stall der Knecht des Nachbars einen Gold uchs striegelte. - Ich hab' die Pferde gern, wissen Sie denn mein . Ülater ist auch ein Fuhrmann gewesen. Es war ein gar schönes Tier, und wenn es so den Kopf aus dem Schatten In die Sonne hmauswarf.

Sie räumte eine Partie Zeuge von einem Stuhl, damit ich mich fetzen könneSie kennen vielleicht das kleine Haus in der Pfaffen- naffe", begann sie bann, als ich ihrem Wink gefolgt war;die alte Schmieden, die Tante von der Lore, hat es vor Jahren von dem Pferde- verleiher nebenan gekauft; aber den Hof dahinter, weil er zu feinem Geschäft doch großen Raum gebraucht, hat der Verkäufer sich Vorbehal­ten so daß er mit seinem nun in eins zusammengeht; nur in der Mitte auf einem Stückchen Rasen darf die Alte ihre Waschsachen trocknen und bleichen, soweit es damit reichen will. Sie ist Geschwisterkind mit meiner seligen Mutter, und seif ich tonfirmiert bin, bin ich oft mit ihr zum

schwunden. , , v ,

Nicht zu glauben, Hanne", sagte der Bauer,hat das Biest sich tot- gestellt! Uni> roie er lief, der tote Kiebitz! Noch niemals hab ich einen lebendigen Vogel so laufen sehn! Drei Meilen in der Stunde hatt er machen können, wenn er beim Lausen geblieben wär und nicht schon wieder aus meinem Acker Erdklumpen spielte. Warum? Weil der linke | Flügel geknickt ober zu schwach ist. Weswegen hätt er ihn sonst wohl ; tiefer rünterhängen lassen als den rechten!" Der Bauer ruckte an der , Leine, rief seinem GaulHüh!" zu und ging weiter, lieber seinem Kops ;

Kiebitz Kreise zu ziehen. Unermüdlich. Oft so nah, daß sein .

en zu vernehmen war. Der ^^Der ^Kiebitz"zog Kreis^nach denen ich damals" meinen Mittaastifch hatte. Es mochte etwas frühzeitig bat er bloß? dachte der Bauer. | sein; denn von den Hausgenossen hatte sich noch niemand ein^i^^eUt,

um Poggenguarren und die Kinder werden nicht satt. Man ackert, 1 Bäume aus bas Feld und schmauchte seine Abendpfeife. ging jum Stall, fät, schneidet, fährt ein, drischt, schaufelt das Korn in Sacke aber die '«» -,inmnl"1* hpm 9li,h 11 >' 'chattete wider alle Gewohnheit Ernte ist nicht für einen selber da."

Er ging. Ich suchte vergebens mich wieder in meine unterbrochenen Arbeiten zu vertiefen; eine unbestimmte Sorge um die Zukunst meines Iugenbgespielen hatte mein Herz beschlichen. Ich wußte nur zu wohl, was seine Worte nicht verraten sollten, baß seine Phantasie von jenem Mäbchen ganz erfüllt war, und baß alle Kräfte dieses tüchtigen Kopfes darauf hinarbeiteten, fein Leben mit dem ihren zu vereinigen.

Bald darauf ging ich in die Wohnung meiner Hauswirte hinab, bei

begann ein ! _ . _

Flügelrauschen zu vernehmen -----

Frau des Davongelaufenen!" stellte er se,i. -uei »iwib o^b |

Streis um den Kopf des Bauern. Was hat er bloß? dachte der Bauer. sein Ich hab doch seinem Mann nichts getan! Was schreit er? Der Bauer horchte nach oben. Da horte er den Vogel rufen: