Ausgabe 
15.4.1933
 
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gelaufen doch blieben wir, weil keiner von uns den Anfang machte. 2Btr kannten die Frau nicht, sie war nicht aus dem Dorsi sie sah sehr arm und elend aus, dos bemerkten wir Kinder wohl. Das Kind konnten wir nicht recht sehen, es war etwa so groß wie das Kleinste von uns Ge- chwistern. Ägedeckt waren Frau und Kind mit einem Tuch und einem Mantel und sie lagen auch halb daraus. Neben den Schlasenden lag noch ein kleines verknüpftes Bündel. Hatten sie da wohl Essen darin?

Wir Kinder begriffen das nicht recht, und als wir anfangen wollten, uns mit dergrasten" Schwester, die noch am meisten von uns wußte, l3u bereden härten wir das Geläute der Glocken vom Tale her zu uns dringen, und erst leise, dann stürmisch mochten wir uns davon und rannten vom Waldrand ab so schnell wir konnten über die Aecker heim und auf den bekannten Wegen in die Kammer.

Dann war es wie immer: der Vater und die Mutter kamen, uns zu wecken. Wieder bebten wir alle, daß niemand unsere schmutzigen L-chuhe entdeckte und dann ging es wie üblich an die große Eiersucherei >m Hos und um den Hof, in der Scheuer, im Blumengarten und dem grasigen Baumgarten. Der Kinderjubel, dos Kinderlachen stiegen wie immer auf, und doch war etwas anders; und als wir nachher, nachdem die Eltern ins Dorf gegangen waren, uns zum Spiel hinterm Hof einfanden, da kam es heraus, was es war: wir hotten an die Frau und an öas .ftinfl im Wold gedacht und überlegt, wie mir ihnen wohl von unseren Oster- sachen etwas bringen könnten.

Wie wir daraus kamen, mußten mir nicht; vielleicht mar es ein un­bestimmtes Gesühl in uns, das uns dazu trieb. Unter der Führung der älteren Schwester machten wir einen Korb zurecht, taten Eier, 'Brot, Ku­chen Schnitz", das ist Dörrobst,Anke", das ist Butter, hinein, bann molk ich noch heimlich einer Kuh eine kleine Kanne mit Milch ab und o chlichen wir uns wie von ungesöhr in den Wald. Die Frau und dos Kind lagen noch fchlasend in chrer Bodenmulde, wie mir sie am Morgen gesunden hatten; sie hörten uns rnieder nicht, als mir herankamen und einer vorsichtig den Korb bei ihnen niederstellte. Wie mir gekommen waren, verschwanden wir wieder, und unter den Kinderspielen vergaßen wir die ganze Sache. Am Nachmittag aber fiel uns heiß ein, daß mir unterlassen hatten, am Morgen die Sachen aus dem Korb zu tun und diesen wieder mitzunehmen. Wenn man ihn im Hos vermißte, kam gewiß olles heraus, und wir konnten nie mehr in der Frühe des Ostermorgens heimlich oussteheni ,

Das waren übertriebene Gedanken, die mir uns um den alten Korb mochten. Und so wurde ich als der größte der Buben noch dem Los in den Wold geschickt, nachzuschauen, ob ich den Korb irgendwie sande. Mir war nicht recht geheuer zumute, als ich mich ausmachte. Cs dämmerte schon nachmittäglich im Dickicht, und die Tannen gaben abendliche Schat­ten Nach mancherlei Herumirren unb Beten, daß ich boch den Korb finden Mächte kam ich an die Bobenmulde: es war niemand mehr dort. Aber der Korb, wahrhaftig der Korb stand do aüsgeleert. Beim Näherschauen entdeckte ich in ihm einen Zettel, aus dem ich als kaum Lesekundiger emige Worte als Donk entziffern konnte. Im Triumph brachte ich den Korb heim Den Zettel verlor ich unterwegs er schien mir auch nicht wichtig. Die Hauptsache war, daß mir den Korb wieder hotten.

Wir haben nie herausbekommen, wer die Frau und das Kind im Walde waren, aber unvergeßlich ist uns allen dieser Tag geblieben. Das Heitere, Unbeschwerte, Fröhliche des Ostertages blieb uns, und doch war seit damals etwas dazu gekommen, was bann künftig mitOstern" zu- sammenhing wie das Strahlende, Frühlingshafte des Tages: Vielleicht war es das, daß wir Kinder, die bisher immer nur Freude empfangen hatten in kindlicher Weise etwas vom österlichen Sinn erfuhren, vom Sinn des Helsens und Freudemachens. Aber damals merkten wir das noch nicht, denn dos Leben schafft heimlich, wie unsere Fruhoussluge heimlich waren, an den kindlichen Herzen.

ren Hügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt war.

Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner f)eil«, als ob ein Blitz den Himmel durchbrache, den gekreuzigten Gott $ Aber^kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch und ein blutrünstiger Leib der Verwesung

Ein Schrei ging aus von den Frauen unb verzagte im Ulbgrunb, nur Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der fündigen Menschheit das aöttliche Opfer zu weifen. . ~

Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie Tor­flügel aufging, der schluchzenden Seele der Herrlichkeit Gottes und dos Wunder feiner Geburt offenbarend: Vier Tafeln standen wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den Augen der gläubigen Christern Orgel« gemalt und Gesang der Mönche schwanden hin in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenrus übers Meer klingt.

Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und Farbe gebaut, und Lobgesang schwolf aus den englischen Raumen; die Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden Landschaft, darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aus- '^ur Linken wurde der Jungfrau bas Wunder der Gnade verkündigt, zur Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: em glü­hender Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die L.chtgestalt des Erlösers von allen Feuern des Himmels beglänzt war. too übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot glühenden Flachen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich die inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte Figuren inmitten Der nrcUen Erscheinung. Nur aus den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister bas Glück und das Grauen der Weltensagung gemalt: wie das Getier der Wüste dem heiligen Antonius diente, und rote bas Höllengezücht ihn versuchte. Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte mit üppiger Landschaft; die Holle schrie bas grelle Getön ihrer scheußlichen Leiber; aber ber Himmel stand hinter den Flü­geln mit seinem ewigen Glück.

So war ber Altar bes fränkischen Meisters gebaut, darin ber himm­lische Zorn den Alltag verscheuchte: die liefe der brünstigen Seele brach aus und war kein schönes Abbild ber irbischen Glückhastigkeit mehr, weil das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Trägheit weckte.

Oer Kiebitz.

Eine Ostergeschichte von Hans Franck.

An einem Frühlingsabend ging ein Bauer von feinem Feld, das er Übertag beackert hatte, nach Haus. Er ließ den Kopf tief hängen. Denn eines ber vier Pferbe, die er gleich feinen Vätern anfangs befaß, hatte der Krieg ihm weggenommen. Zwei von den Verbliebenen hatte ber Friede aus feinem Stall geholt, und dem Gaul, der wie lange noch? als Nachbleibfel aus der viergeteilten Raufe fraß, konnte man Rippe für Rippe unter dem struppigen Fell zählen. Der Bauer hatte alfo, nachdem die Tagesarbeit getan war, von ber drauhenverbleibenden Egge die Vor- fpannwacht abgehakt und sie, feinem Pferd zuliebe, auf die Schulter feiner Unken Seite gepackt. Mit ber rechten Seite zog er das Stunde für Stunde umgetriebene Viergeb ein hinter sich her. Zwar steckte feine Hand, zur Faust gebaut, in der Hofentafch«. Aber die Seine war um feinen Arm geschlungen, und die müde Mähre mußte dem Heimkehrenden folgen, ob [le wollte ober nicht. Mit ihrem Willen zum Vorwärts war es freilich nicht weit her. Immer wieder fühlte der Bauer sich gezwungen, an der Leine zu rucken undHüh!" zu rufen. Was fo gewohnheitsmäßig ge­schah, daß Umblicken nicht nötig war.

Aber nach und nach verloren Zügelrucken unb ,Hiihl" bes Bauern ihre Macht über ben Gaul. Müdigkeit gewann die Oberhand in ihm, und schließlich blieb er stehen.

Nun sah ber Bauer doch um und sagte zu dem Gaul, der den Kopf noch tiefer hängen ließ als er felber:Hast recht, Hanne. Warum nach Haus gehn? Wäre besser gewesen, auch mich hält in Frankreich eine Kugel getroffen, ebenso wie die vielen andern, und du hättst fertiggebradjt, was nun nicht mehr lang auf sich warten lassen wird: alle Vier zum letztenmal von dir strecken."

Der Gaul nickte langsam mit dem Kops.

Der Bauer nahm es als Zustimmung und fuhr fort:

Der Pastor und unsre Frau, die ihm nachspricht, was er den Kirch­gängern Sonntags von ber Kanzel runter predigt, haben gut reden. Man bars gesunden Leibes nicht das Leben lästern!' Gewiß, die Knochen sind heil. Aber was Haden wir davon? Man schuftet vom Hahnenkrähn bis

Ostern der Kindheit.

Von Eberhard Meckel.

Für uns Kinder gehörte es mit zum Schönsten, wenn wir am Öfter* morgen in der frühesten Frühe denHafen" fuchen gingen, heimlich natürlich, denn sonst mürbe man uns nie erlaubt haben, um diese Zeit draußen herumzulausen: Wenn das erste, mit kindlicher Ungeduld er­wartete Taglicht zmn Fenster unserer Kammer, wo wir Geschwister schlie- sen, hereinkam, waren wir nicht länger zu halten; wir zogen den von der Magd zurechtgelegten Sonntagsstaat nicht an, sondern schlupften in die Werktagskleider, damit nachher niemand an Schmutz und Flecken merke, daß wir sortgewesen waren. Die größere Schwester hals den kleineren Brüdern, unb bann trippelten wir klapsenden Herzens, tuschelnd unb kichernd, nacheinander die Hinterstiege hinab und entkamen über ben Heuboden und durch ben Futtergang hinaus, von den verwunderten» neugierigen Blicken der durch die Freßlucken lugenden Kühe und dem Gegrunze der wachgewovdenen Schweine verfolgt.

Ich kann mich nicht entsinnen, daß diese Dftermorgcn anders waren als strahlend und klar. Hinter dem Berghos der Eltern fingen gleich ine Aecker an, bann kam ein Weidenbach, drüben lag nicht weit ber Hoch­wald und wenn wir Kinder die Tür vom Futtergang ins Freie auf* stießen so lag bas alles vor uns in leuchtenber morgendlicher Pracht. Die Sonne war bann eben hinter den Bergen emporgestiegen unb füllte mit schrägen zögernden Strahlen die tauige Landschaft mit erstem zärt­lichem Gold. Der Boden dunstete aus, vom Bach fliegen Nebel, und von einem Ende zum andern spannte sich der Himmel von der lichtesten Helle und Röte bis zum tiessten »lau. Der Bach gluckerte über die Stiefel, mit Jubel wurden von uns die pelzig auskommenden Weiden begrüßt, wir schauten den Lerchen in ber glasklaren Lust, in ben Furchen unb an ben Rainen schmolz später Schnee weg dies alles wiederholte sich Jahr um Jahr und prägte sich ihnen ein als unauslöschliches Bild. Dann gingen mir Hand in Hand, wie die Orgelpfeifen vom Kleinsten bis zum Größten, über die Felder, krochen durch bas Dickicht, jagten durch den Wald und dabei stöberten wir immer irgendwelche sich davonmachenden Karnickel auf, in denen wir die gefachtenHafen" erblickten. Und wenn bann die Kirchenglocken vom Taldorf die erste Andacht einlauteten, war bas ein Zeichen, schnell heimzukehren, denn dann standen bald bie Eltern aus, und wenn sie in unsere Kammer tarnen, mußten sie uns in unseren Betten finden, unb wir mußten so tun, als schliefen wir noch immer. Und fo gings also wieder den alten Weg zurück, ben Futtergang, ben Heuboden, an der tauben, alten Magd vorbei, bie Stiege hinaus. Und wenn dann die Eltern zu uns traten, lagen wir vermummt und mit roten Backen da, aber unter ben Decken hopften mehrere Kinderherzen und bebten darum, ob nicht bie Mutter die schnell unters Bett geschobenen schmutzigen Schuhe sähe. Doch es ging immer alles gut. Und so leitete sich unser Ostern ein, ein heiteres unbeschwertes Fest: Ostern ber Kindheit, voller Zauber und FreUdel

Einmal aber erlebten mir aus einem solchen österlichen Frühausflug etwas Merkwürdiges. Als wir über bie Felder in den Wald gelangt waren und dort im Unterholz nach demHasen" suchten, trafen wir in einer Bodenwelle auf so Unerwartetes: dort lag eine Frau unb schließ sie hatte ein Kind in einem Tuch neben sich liegen und hielt es halb im Arm an sich. Das Kind schiies auch. Wir erschraken bei dem Anblick, ber sich uns bot, unb blieben b troffen stehen. Was war das für eine Frau? Wo kam sie her, was war das für ein Kind? Wir standen unbeweglich und scheu und wagten nicht zu atmen. Wir wären am liebsten davon-