SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang <933 Samstag, den 15. April Nummer 50
Ostern.
Von I. ®. von Goethe.
Vom Eis« befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglückl Der alte Winter in seiner Schwäche Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes; Ueberall regt sich Bildung und Streben, Alles will sie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlt's im Revier, Sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen finstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern;
Sie feiern die Auferstehung des Herrn. Denn sie sind selber auferstanden. Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, stehl wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägst Wie der Fluß, in Breit und Länge, So manchen lustigen Nachen bewegt; Und, bis zum Sinken überladen, Entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre schon des Dorfs Getümmel; Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's fein.
Auferstehung aus der Tiefe.
Von Josef Magnus Wehner.
Es bleibt eine durch die Geschichte unerschütterte Tatsache, daß gerade das deutsche Volk seine hellste Kraft in den Zeiten tiefster Not schöpft. Kein anderes Volk ist so dem Werden verpflichtet wie wir, kein Stamm der Erde so den Wehen des Wachstums unterworfen. Durch alle Epochen unserer Geschichte scheint das rätselhafte Antlitz der Natur hindurch, unruhig, ihrer selbst unbewußt, doch geladen mit den metaphysischen Kräften einer ewigen Wandlung, in der immer nur der Tod das Leben zeugt.
Unser geschichtliches Dasein ist eine ununterbrochene Reihe von Auferstehungen. Die große deutsche Kunst hat diesen geisterhaften Gang gestaltet, keiner aber erschütternder als Grünewald in seinem Isen- Heimer Altarbild. Sein schwerer, erdrückender Christus am Kreuze, dessen Leib vom Gifte des Todes bktz in die letzte Ader getränkt scheint, umwittert vom Hauche hoffnungsloser Verwesung, und dann der leicht wie Licht schwebende Auferstandene, der seine eigene irdische Geburt und das magische Engelkonzert längst vergessen zu haben scheint und bereit ist zu einem höheren, unaussprechlichen Dasein — dieses Bild erschöpft die weltweiten Spannungen, deren die deutsche Seele fähig und an die sie gebunden ist.
Unser gewaltigster Stern heißt weder Sonne noch Mond noch Erde, er heißt Notwendigkeit. Unter ihm sind wir geboren, er ist unsere Lebensund Todesleuchte."All unsere Verwandlungen geschehen durch ihn, und wie sein Wortbild beides umfaßt: die Lötende Rot und die lebendige Wende, so ist unser Leben in seinen Sinn hineingebunden, so zwar, daß immer nur die tiefste Not unser Schicksal wendet.
Gegrüßt sei dieser Stern! Er strahlt in heiliger Armut am Himmel unseres Volkes, unbestechlich und streng. Immer, wenn wir in Gefahr waren, hat er rund um uns Wollust, Ueppigkeit und jeden Ueberfluß zerschlagen, er hat uns nackt und stark gemacht und uns vor die letzten Dinge des Menschen gestellt. Er bläst uns das zornige Feuer der Gerechtigkeit ein, er zeugt unsere Tugenden, und in der Nacht der Not hören wir die heilsamen Hommerschläge, die am Antlitz unseres Volkes meißeln und hören die Gerüste ächzen, die sich langsam und nur In Blitzen sichtbar zu unserem irdischen Wesensbild, dem Staate, aufbauen wollen.
Wir sind das Volk, das erst sterbend Gottes ganze Kraft voll aufsprengt. Unser Himmelreich leidet Gewalt, und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich. Was ist uns die Süße der Welt? Der Flug unserer Geister reißt uns über ihre Grenzen empor, und wie das deutsche Volk — voll Ehrfurcht sei es gesagt — das Herz der Völker ist, so treiben uns die Feuer ewiger Auferstehungen immer höher in das Herz der Welt, der Gottheit.
Wie schön der Frühling durch die Fenster scheint! Cs ist das Siegeszeichen unseres jungen Volkes. Der brausende Chor unserer Arbeit, die die Welt fürchtet, weil sie ihr nicht gewachsen ist, antwortet dem himmlischen Licht, das alle Kräfte aus der Erde hervorruft. Ist unsere Not nicht nur eine dämonische Verfinsterung der Stufen, die uns wieder in die Höhe führen wollen? Ich habe niemals aufgehört, an die Unsterblichkeit meines Volkes zu glauben, auch damals nicht, als mein Leben am tiefsten stand. Ewig werden mir jene drei Tage ein Sinnbild sein, als ich schwerverwundet in einem Granattrichter vor Verdun lag, von aller Welt verlassen und ohne Hoffnung auf Rettung. Als mein geschwächter Körper drei Tage lang versucht hatte, die rieselnden Wände des Trichterkraters hinaufzuklettern, ergab er sich. Ich bedeckte mich bis zum Hälfe mit Erde wie zum Begräbnis. Nur schwach noch fragte mein Geist die Gottheit, ob sie mich retten wolle. Da aber, ehe meine Sinne schwanden — oder war es schon die wohltätige Dämmerung des Todes? — tat sich vor dem inneren Auge ein weites, lichtbeschienenes Meer auf, und ein schöner, großer Vogel flog von dem einen Ende des Meeres schräg und ruhig gegen die Höhe des Himmels, wo die Sonne stand. Kurz darauf wurde ich gerettet.
Und so ist es immer gewesen. Wenn mir das Herz stillstehen wollte vor innerer und äußerer Not, schwebte leise eine Macht heran, die mich rettete. Ich lege Zeugnis dafür ab, daß mir nichts geschehen kann was mich gänzlich zerstören könnte. Jeder Schmerz, jeder Untergang wird nur den Knoten zu einem neuen Wachstum bilden.
Eine wahrhaft unendliche Zeit liegt vor dem deutschen Volke. Es hat den Namen Gottes niemals mißbraucht, es ist in seinem Grunde fromm und gläubig geblieben. Manchmal scheint ihm der Weg zur rettenden Gottheit unendlich zu sein. Aber gerade aus dem ungeheuren Abstande wächst ihm die faustische Kraft zu, das Ungeheure zu wagen. Bit Überweltlichen Dome und Fugen seiner Meister, die Himmel seiner Mystiker und Glaubenslehrer, die Weltkugeln seiner großen Kaiser, die Gebirge, Ströme und Ebenen seines alten, jungen Landes können ihm unerschütterte Wegweiser sein, die Zukunft aber wird es, wie immer, aus eigener Kraft, frisch und jungfräulich aufbauen wie die Natur selber. Unverbraucht werden unsere Gezeiten zusammentreten und unsere neue Gestalt wirken wie einem Genesenden nach schwerer Krankheit den neuen Leib.
Das schlägt mein Herz. Es braucht kein Pfand. Sein Glaube ist wahrhaft in sich selber.
Gegrüßt, du Frühlingslicht der Auferstehung! Walle über die deutschen Länder hin und verkläre jedes Antlitz, das gelitten hat! Gieße den Verzweifelten Freude ins Herz, mache die Schwachen stark und die Starken gläubig! Durchtränke unseren Aufbruch mit dem feurigen Geiste des Sieges, streue deine Helligkeit über alle Widerstände, daß wir sie in jeder Vermummung erfennen! Erleuchte uns selber, daß wir das Ganze sehen und das Rechte tun!
Denn du, Licht, bist aus unseren Schmerzen geboren. Du bist unser, wie wir Gottes sind über jedem Verstände. Du trägst uns, wie wir dich tragen. In dir grüßen wir unser Ostern!
OerIsenheimer Altar.
Von Wilhelm Schäfer.
Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt. Alltäglich war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob sich tm Zorn eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben. Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs von Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim, droben im Elsaß, den Hochaltar malte.
Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius, sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund auf- reißen und im Mirakel der Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen.
Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um aus der Stacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den Himmel zu fahren.
Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit, da mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte das ewige Sein den glasigen Schrein der irdischen Dinge durchleuchten.
Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen di« Tafeln von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die inne-


