Ausgabe 
14.8.1933
 
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Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |955 Montag, den H. August Nummer 62

Prinz Eugen.

Von Ferdinand Freiligrath.

Zelte, Posten, Wevda-Ruferl Lust'ge Nacht am Donauuferl Pferde stehn im Kreis umher Angebunden an den Pflöcken; An den engen Sattelböcken Hangen Karabiner schwer.

Um das Feuer auf der Erde, Vor den Hufen seiner Pferde Liegt das östreich'sche Pikett. Auf dem Mantel liegt ein jeder, Von den Tschakos weht die Feder, Leutnant würfelt und Kornett.

Neben seinem müden Schecken Ruht auf einer woll'nen Decken Der Trompeter ganz allein: Laßt die Knöchel, laßt die Karten! Kaiserliche Feldstandarten Wird ein Reiterlied erfreun!

Vor acht Tagen die Affäre Hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, In gehör gen Reim gebracht;

Selber auch gesetzt die Noten;

Drum, ihr Weißen und ihr Roten!

Merket auf und gebet acht!"

Und er singt die neue Weise Einmal, zweimal, dreimal leise Denen Reitersleuten vor;

Und wie er zum letzten Male Endet, bricht mit einem Male Los der volle, kräft'ge Chor!

Prinz Eugen, der edle Ritter!" Hei, das klang wie Ungewitter Weit ins Türkenlager hin.

Der Trompeter tat den Schnurrbart streichen Und sich auf die Seite schleichen Zu der Marketenderin.

Prinz Eugen und die Schlacht bei Belgrad.

Von Alfons von C z i b u l k a.

Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem Buch® roße deutsche Soldaten" von Alsons o o n C z i b u l k a : 286 Sei­ten mit 19 Bildtafeln, Ganzleinen 5.80 Mark. Drei Masken Verlag, Berlin.

Steht man auf dem weiten Heldenplatze vor der Hofburg zu Wien, gegenüber dem Denkmal des Erzherzogs Karl, des ersten Ueberwmders Napoleons, zu Füßen des schonen Reiterstandbildes des Prinzen Eugen von Savoyen, so steigt aus unerhörter Vergangenheit die Gestalt eines Mannes auf, der durch fast ein halbes Jahrhundert Oesterreichs und Deutschlands, ja Europas Schicksal gewesen ist. Diese Jahrzehnte, die mit dem Tage der großen TUrkenschlacht vor Wien beginnen und mit dem Tode Eugens, vier Jahre vor dem Ersten Schlesischen Kriege zu Ende gehen, hat man Oesterreichs Heldenzeitalter genannt. Mit gutem Rechte. Doch darüber vergißt man, daß jene Zeit nicht nur eine der glor­reichsten der dahingegangenen österreichisch-ungarischen Monarchie war, sondern auch eine Zeit deutscher Schicksalswende, das erste Sonnenleuchten eines deutschen Morgens. Denn Eugen von Savoyen, Oesterreichs größter Feldherr und Staatsmann, zugleich des ganzen deutschen Volkes Held, hat durch feine Kriegstaten, die in der Weltgeschichte wenig ihresgleichen finden, diesem deutschen Volke in jenen Stürmen aus Ost und West Atem und Herzschlag erhalten.

Dennoch ist lange Zeit die Gestalt des großen Savoyers, des Feld- marschalls des Heiligen Reichs, der Erinnerung der Deutschen entschwun­den gewesen. Nur ein unvergessenes Lied, das zündendste aller Soldaten­lieder, ist gleichsam das Dokument seiner Unsterblichkeit geblieben. Erst heute, da der Gedanke an ein wahres Reich aller Deutschen sich wieder zu formen beginnt, an ein Reich, dessen Rückgrat nicht mehr der Rhein allein, sondern, wie es einst gewesen ist, Rhein und Donau zu sein be­rufen sind, wächst seine gewaltige Gestalt wieder zu symbolischer Be­deutung.

Prinz Eugen, der genau 150 Jahre vor der Leipziger Schlacht am 18. Oktober 1663 in Paris geboren wurde, entstammte der Nebenlinie Carignan des damals noch auf engem Raume regierenden Hauses Sa­voyen. Es war eine blitzende Fülle von Titeln, die fein tapferer, liebens­würdiger, aber unbedeutender Vater besaß: Engend Moritz Prinz von Savoyen-Carignan, Graf von Soisson, Generaloberst aller Schweizer Re­gimenter, Gouverneur der Champagne, Generalleutnant der französischen Krone. Frankreichs Marschallstab schien schon in der Wiege Eugens zu schimmern. Und doch hat jener Glanz seines väterlichen Hauses ihm nicht die Wege geebnet, sondern stand vielmehr bald in groteskem Gegensätze zu den Mitteln, die der Familie nach ihrem Unglück verblieben.

Eugens Vater starb schon mit 40 Jahren. Die Mutter, die schöne, leichtsinnige Olympia Mancini, wurde wenn auch unschuldig so doch gefährlich in jenen Prozeß der furchtbaren Giftmischerin Voisin ver­wickelt, der etliche hundert Mitglieder der längst verderbten Pariser Gesellschaft vor den eigens bestellten Gerichtshof, la chambre de Poison, brachte. Nur ein Wink Ludwigs XIV., der dankbar junger Stunden des Lebens gedenken mochte Olympia ist wohl seine erste Geliebte ge­wesen, bewahrte Eugens Mutter vor der Bastille, por dem Richt­schwert vielleicht. Sie floh nach Holland.

Verarmt blieb Eugen in der Obhut einer närrischen Großmutter zurück. Er wurde dem geistlichen Stande bestimmt und trug schon als Knabe Tonsur und den Titel eines Abbe. Er betrug sich nicht danach. Er ging lieber auf die Exerzierplätze, in die Kasernenhöfe und Machtstreben als in die Kirchen.

Und als er in fein zwanzigstes Jahr trat, legte er die geistliche Klei­dung ab. Da warf ihn seine Großmutter, die verrückte Maria von Bour­bon, aus dem Hause. Der Prinz quartierte sich mittellos bei einem kleinen Bürger ein. Ja, es wird erzählt, daß er damals in zerrissenen Kleidern

Rach einer Weile bat er den König um eine Kompanie, auf die ein Prinz von Geblüt wohl Anspruch zu haben glaubte. Höhnisch, mit krän­kenden Worten, wies ihn Ludwig XIV. ab. Der schmächtige, kleingewachsene, nicht eben elegante PrinzPrinz Eugen war ein mutwilliges, schmutzi­ges Bübchen", schrieb die Pfälzer Lieselotte mit der aufgestülpten Nase und der zu kurzen Oberlippe in dem häßlichen Gesicht gefiel ihm nicht. Das Leuchten seiner großen strahlenden Augen sah der Sonnenkönig nicht.

Eugen, für den seine Mutter sich einst das Generalat der Schweizer Regimenter erhoffte, war unversöhnlich getroffen. In den Tagen, in denen der Großwefir Kara Mustapha, der mit säst 400 000 Mann aus den Bergen des Balkans heraufgezogen war, den Ring um Wien und feine 12 000 Verteidiger schloß, brach Prinz Eugen nach Oesterreich auf. Es war eine Flucht; denn Ludwig XIV., dep sich von der osmanischen Erobe­rung Wiens das Ende Habsburgs und damit des Reiches der Deutschen erhoffte und gleich seinem Vorfahren Franz I. selbst von der deutschen Krone träumte, hatte dem französischen Adel verboten, kaiserliche Dienste zu nehmen.

Völlig mittellos traf Eugen, glücklich den ihm nachjagenden Eilstafet­ten und den Stromwachen am Rhein entkommend, in Passau ein, wohin der Hof vor dem Tllrkenansturm auf Wien geflohen war. Dort bat er den Kaiser um ein Patent. Er erhielt es nicht. Kaiser Leopold I. konnte die Franzosen nicht leiden; aus begreiflichen Gründen. Eugen bekam nur die Erlaubnis, als Volontär in die Wiener Schlacht zu reiten.

Als der Prinz über das letzte Stück französischer Erde schritt, da fühlte er, der Savoyer, sich nicht als Franzose mehr. Da soll er den Schwur getan haben, dieses Land, für das fein Herz erkaltet war, nicht anders mehr als mit dem Degen in der Hand zu betreten. Er hat diesen Schwur gehalten.

In diesem Augenblicke aber, in dem er diesen Eid getan, rauschte der Vorhang auf zu einem Welttheater, über dessen Bühne für ein halbes Jahrhundert fechtend bald ganz Europa stürzte. Lauter, mahnender rauschten die Wellen des Rheins und der Donau in den Ohren der Völker. Denn er, der Franzose italienischen Stammes und bald österreichischen Herzens, sah mit deutschen Augen die vom Blute der Jahrtausende ge­röteten Nibelungenströme und riß ihre Stromgebiete, ungeheures Land umgrenzend, zu einem Gebilde zusammen. Daß auf diesem Boden bis heute nicht das Reich sich einte, ist nicht seine Schuld. Er hat dieses Deutschland von europäischen Massen, das er klaren und mächtigen Gei­stes vor sich sah, als Feldherr und Staatsmann geschmiedet.

*

Eugen ging nach Ungarn. An Zahl dreifach überlegen, zog der Türke gegen Peterwardein. Aus dem Vorfeld dieser Festung vorbrechend, fiel ihn der Savoyer an. Es war am Morgen des 5. August 1716. Schon w Mittag konnten die Glocken Peterwardeins Viktoria läuten. Aufgelöst wich nach wilder Schlacht das Türkenheer gegen Süden. Wenige Tage später ritt ein Obrist, wie es der Brauch der Zeit war, von blasenden Postillonen geleitet, hinter sich Unteroffiziere, mit 156 erbeuteten Fahnen