an. Aber dieser hielt seinen
spöt-
jetzt mit
Fuchs in
Verantwortlich: Oc. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'jche Universitäts»Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen
Stottern.
Das kann
nicht
einer
aus.
was wir
„Das — halte ich auch nicht absolut notwendig." Jetzt verlor der Kommissar die Fassung. Er geriet ins „Sie wollen sich mit mir einen Witz machen. Morris! Ihr Ernst sein!"
„O ja — mein voller Ernst!" entgegnete der Arzt
mähen daheim in seinem Bett lag und dennoch — bei Cajus der Jnvalidenstraße gewesen ist!"
„Zu gleicher Zeit?"
„Ja — zu gleicher Zeit!"
„Aber das ist ja — anormal!"
„Anormal!" Der Doktor stieß ein kurzes verärgertes Lachen „Auch so ein geduldiges Wort, auf das wir alles abladen,
nicht unter den alten, abgetragenen Hut unserer Erfahrung bringen ...I Aber wer sagt Ihnen, Kommissar Kling, daß unsere Erfahrung nicht früher oder später einmal so fortgeschritten sein wird, daß wir alle diese Dinge nicht mehr — anormal finden ...?"
„Kann sein! Aber verzeihen Sie die Frage, Doktor--Sind Sie
Okkultist?"
„Darüber habe ich wahrhaftig selbst noch nicht nachgedacht!
Jedenfalls bin ich aber kein Skeptiker. Ich habe mir abgewöhnt, Dinge einfach zu negieren, deren Existenz hf) durch nichts anderes widerlegen kann als die Erfahrung meiner fünf Sinne und — eine ablehnende Geste! Wenn Sie den Fall Grau objektiv betrachten, lieber Kling, dann sprechen ebensoviel sogenannte „Tatsachen" dafür, daß Donald Grau an jenem Abend in der Jnvalidenstraße gewesen ist, — als dagegen.
Haben Sie ganz vergessen, daß Sie selbst sich von diesen Tatsachen haben leiten lassen, nach Berlin zu fahren und den Fall eingehender zu untersuchen?! Wie erklären Sie sich zum Beispiel, daß Grau die Fuchssche Wohnung bis in die minutiösesten Einzelheiten beschrieben hat? Eine Wohnung, die er — in Wirklichkeit — nie betreten hat? Oder woher,
Die Dame mit dem Oiteepetz.
Die Geschichte eines rätselhasten Falles von Caren.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Schluß.)
Aber wieso denn, Kommissar? Der Fall ist doch bereits aufgeklärt. Fuchs hat doch ein umfassendes Geständnis abgelegt. Und zwar, wie hier allgemein anerkannt wird — ganz allein aus Ihre geschickten Ma- növer hin! Wenn das kein glatter Erfolg ist ...!" '
Aber der Kommissar war nicht umzustimmen. „Diese Auffassung, lieber Morris, ist sehr freundlich von Ihnen. Aber ich kann sie leider nicht teilen. Es geht mir damit ähnlich, als wenn Sie etwa wochenlang einen Patienten duf Lungenentzündung behandelt hätten und schließlich stellt sich heraus, daß er an der Cholera gestorben ist. Wenn Sie das als Erfolg bezeichnen wollen ...!" . ,.
Dr. Morris lachte herzlich. „Ich will nicht hoffen, daß mir ein derartiger diagnostischer Lapsus passiert. Aber wie dieser Vergleich aus Ihren Kriml- nalfall anwendbar sein soll, verstehe ich nicht." f ,
Kling nahm einen Schluck Burgunder. „Sehr einfach! Ich habe die ganze Zeit eine Mordsache bearbeitet. Und zum Schluß ist eine Bilderfälschung herausgekommen. Ist das nicht ungefähr dasselbe — wie Lungenentzündung und Cholera?" Er kaute mißvergnügt an [einer Zigarre. „Wir haben einfach Glück gehabt, das ist alles! Der Zufall hat uns auf eine Spur geführt, die wir alle miteinander nicht vermutet haben. Und mir schlügen uns vielleicht heute noch mit einer imaginären „Leiche herum", wenn nicht eben dieser Zufall ..."
Er sah den Arzt betroffen von der Seite an. Es war ihm vorgekommen, als hätte Morris leise vor sich hingelacht.
„O ja — man kann es auch „Zufall" nennen ...1" bemerkte er versonnen.
„Ein wahres Glück, daß wir das Wort in unserm Sprachschatz haben! Sonst kämen wir zuweilen doch in Verlegenheit."
„Was wollen Sie damit jagen, Doktor? Doch nicht etwa — daß die Entdeckung des Gemäldes in des Fuchsschen Wohnung kein Zufall gewesen ist?"
Jetzt richtete Morris seinen durchsichtig klaren Blick fest auf Klings Gesicht. „Ja, lieber Kling — beinahe hätte ich das gesagt! Sogar auf die Gefahr hin, daß Sie mich für einen Phantasten halten. So ziemlich das Aeraste, was einem Wissenschaftler passieren kann!"
Der Kommissar muhte erst mit einiger Anstrengung seine Gedanken sammeln, bevor er etwas erwidern konnte.
„Aber ich bitte Sie, Morris", sagte er endlich irritiert, „Sie können doch nicht im Ernst behaupten wollen, daß ... Daß zwischen dieser Bilder- rälfdjung und dem — Mord . irgendein Zusammenhang besteht . .!
Morris lächelte ihm ruhig in die Augen. „Warum denn nicht? Warum — kann ich das nicht behaupten?"
„Weil ... Weil eine derartige Behauptung eine — eine Ungeheuerlichkeit wäre!" Kling geriet in immer größere Verwirrung.
„Und weil sie ja auch den Tatsachen ins Gesicht schlägt ... Denn der Mord ist ja illusorisch. Casus Fuchs ist ja tatsächlich gar nicht ermordet worden!"
„Und woher, lieber Kling — woher wollen Sie das so genau wissen? Dem Kommissar stockte sekundenlang der Atem. Er starrte Morris wie einen Verrückten an.
„Woher ich das weiß ...?! Weil ..." Er mußte sich selbst erst mühsam in dem Chaos seiner Erinnerungen zurechtfinden. „Weil auch nicht das geringste für einen gewaltsamen Tod dieses Mannes spricht. Und weil —i er schleuderte den letzten Satz dem Arzt wie einen Trumpf über den Tisch — weil Grau an jenem kritischen Tage ja erwiesenermaßen zu
glauben Sie, wußte er, daß sich Casus Fuchs am 19. November zwischen funf und sieben Uhr in dieser Wohnung aufgehalten und sein Bild verpackt hat ...? Und woher sollte er die Adresse gewußt haben?! Die genaue Adresse, die auf der Kiste stand? Die Ihnen selbst als Schlussel zu diesem ganzen, rätselhaften Fall gedient hat ...! Denn ohne diese Adresse wären Sie wohl schwerlich nach Werdenburg geraten. Und hatten vielleicht die „Dame mit dem Otterpelz" niemals zu Gesicht bekommen. Meinen Sie nicht auch? Oder wollen Sie alle diese Dinge auch — Zufall nennen ...?
Kommissar Kling saß wie betäubt in seinem Sessel.
, Ich weiß nicht", sagte er endlich. „Ich kann Ihnen batyn nicht folgen, Doktor. Ich wurzle zu tief in der Wirklichkeit, oder, wenn Sie wollen — in dem, was wir vorläufig noch unter Wirklichkeit verstehen. Aber es interessiert mich immerhin, diesen Fall einmal in Ihrer Beleuchtung zu efjen. Denn ich muß zugeben, daß er mir — mit normalen Augen betrautet — auf ewige Zeiten ein Rätsel bleiben wird!"
„Aber vielleicht ist das Rätsel gar nicht so unlösbar, wenn man nur von einer anderen Voraussetzung ausgeht. Nämlich von der — daß Grau kein — in unserem Sinne — normaler Typ ist. Sondern ein hypersenüb- ler, wenn nicht sogar medial veranlagter Mensch, der im Wachtraum — ober wie Sie es nennen wollen — bie-ses rein spirituelle Erlebnis reali-
unerheblich bürste habet seine erbliche Belastung ins Gewicht fallen. Wie wir ja wissen, war bie Mutter
„Epileptikerin, jawohl! Litt an zeitweisen Dämmerzustänben. In spateren Jahren traten noch manische Depressionen hinzu, bie ihre Internierung notwendig machten ... Aber soweit ich als Laie unterrichtet bin, finb bas alles ganz bekannte unb ber Mebizin geläufige Krankheitserscheinungen, bie nichts mit Uebernatürlichem zu tun haben."
Morris nickte ernst. „Gewiß nicht. Aber auch anbere Symptome, bie man bei biefer Frau beobachtet hat, werben heute von ber Wissenschaft bebingungsweise anerkannt."
„Was für Symptome meinen Sie?!"
„Nun biefer ungewöhnliche Fall hat mich natürlich stark beschäftigt. Unb ba habe ich mir beim auf eigene Faust bie Familie Grau em biß- chen näher angesehen, soweit sich eben bie Genealogie zuriickversolgen ließ. Unb ich bin zu sehr interessanten unb bemerkenswerten Ergebnissen gelangt — namentlich was bie mütterliche Linie betrifft. Es untersteht keinem Zweifel, baß sich in biefer Familie gewisse mebiale Fähigkeiten vererbt haben. Schon bie Großmutter ber Frau Grau, bie Frau eines Leinewebers in Annaberg, hat in ihrem Heimatort ben Ruf einer Hellseherin genossen. Die alten Leute von Annaberg erinnern sich ihrer noch unb wissen manches Wunberbare von ihrer Begabung zu erzählen ..."
„Altweibergeschwätz!" warf Kommissar Kling verächtlich bazwischen. Aber Morris lieh sich nicht aus bem Gleise bringen.
„Mag sein", fuhr er ohne Gekränktsein fort, „man muß natürlich von berartigen Ueberlieferungen immer ein gut Teil abziehen. Aber auch bas Körnchen Wahrheit, bas davon bleibt, reicht für meine Diagnose vollkommen aus. Jedenfalls bin ich mir, nach sorgfältigster Sichtung des gesammelten Materials darüber durchaus im klaren, daß unser guter Grau, ebenso wie seine Mutter, von der somnambulen Veranlagung seiner Vorfahren fein Teil abbekommen hat.
Gehen wir nun von der Voraussetzung aus, daß diese „Gräfin" für ihn eine lebendige Person gewesen ist — infolge der Suggestion, der er unterlag — dann bedeutet es auch weiter kein Wunder mehr, daß seine Einbildung das Schicksal des Bildes mit bem Schicksal ber Person — biefer bis zur Besessenheit geliebten Frau, identifiziert hat ... Unb wenn wir bie «ache von biefem Gesichtspunkt ausgehenb betrachten, — bann, lieber Kling, werben Sie mir zugeben müssen, baß bas ganze sogar ein burch- aus logisches Gesamtdilb barstellt."
„Logisch — wieso?"
Nun, sehr einfach! Er empfing, währenb er bie vermeintliche „Gräfin" malte, auf mebialem Weg die Inspiration, daß dieser „Frau" von Fuchs Gefahr drohte. Daß er irgendeinen Schurkenstreich mit ihr vorhatte. Er wußte, daß Fuchs sie bei sich „versteckt" hielt. Daß sie in bem großen „Schrank eingesperrt" war. Unb er hat wie ein Rutengänger ihr Bersteck aussinbig gemacht! Gibt Ihnen bas alles nicht ein wenig zu benken, Herr Kommissar?"
Der Kommissar starrte mit gesenktem Kopf auf seine Stiefelspitzen. Das Blut hämmerte wie verrückt in feinen Ohren. Er fühlte einen Druck in ben Schläfen, als sollten sie zerspringen. Gepreßt sagte er: „Vielleicht — ja!"
Er hatte ein Gefühl, als ob ber Boben unter ihm fortgezogen würde. Und — im Versinken schon klammerte er sich an einen rettenden Einfall.
„Aber der Mord ...? Wie wollen. Sie den erklären? Denn den kann er doch nicht begangen haben. Nicht wahr?!"
„Warum nicht ...? Glauben Sie nicht, daß ein derartig fanatischer Haß, wie ihn Grau gegen diesen Fuchs empfand ... Glauben Sie nicht, daß ein solches Gefühl auch — töten kann? Wenn auch nur — auf indirektem Wege ...! Er stand plötzlich aus und ging ein paar mal erregt durchs Zimmer. Dann blieb er vor Kling stehen und streckte ihm die Hand hin. „Kommissar Kling, ich denke, es ist besser, wir lassen dieses Thema fallen. Sonst kriegen wir einander noch in die Haare. Und — bas wäre schabe!"
Der Kriminalbeamte legte zögernb seine Rechte in bie bargebotene Hanb. Ein wenig beschämt jagte er:
„Das nicht, Doktor! Aber Sie werben hoch begreifen, baß unsere ganze Kriminalistik ins Wanken geraten würde, wenn wir solche Ideen auskommen ließen ... Und wo blieb unsere Gerechtigkeit, wenn sie sich mit abstrakten Dingen befassen wollte!"
„Im Gegenteil! Ich bin sogar der Meinung, daß es unserer „Gerechtigkeit" besser bekäme, wenn sie zuweilen weniger — konkret wäre .. ! Aber bas ist nur meine ganz private Meinung. Dienstlich —" Doktor Morris lächelte wieher sein warmes unb geminnenbes Lächeln — „bienst- lich, Kommissar Kling, würbe ich mich hüten, sie auszusprechen."
Hause in seinem Bett lag unb Überhaupt nicht in Berlin gewesen ist!! Er sah Dr. Morris herausforbernb .......
tischen Blick mit vollkommener Gelassenheit aus.
Entschiebenheit, bie Kling fast erschrocken aufsehen ließ.
„Ich halte es für burchaus bent'bor, daß Donath Grau „erwiesener-


