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Aber Vorsicht! Denn wie es mit Reiseführern manchmal geht, wie die ibunten, schön bebilderten Heftchen ost ganz etwas anderes versprechen,

Wer einen Hang zum Vornehmen hat, dem bietet sich eine reiche Aus­wahl. Er kann sich als ein Heer in Herrnstadt, Herrnhut oder Herrnhalb am richtigen Orte dünken, kann sich in einem der vielen Furstenberge in Leut chen Landen, in Fürstenwalde oder Fürstenstein ebenso wie in Grä­fenberg oder Herzogenbusch wohl fühlen, und wenn er ganz hoch hmaus avill, dann mag er nach Königsberg oder Koniggratz, dem Witwensitz der Löhmischen Königinnen, nach Kaiserslautern (an dem Flusse Lauter) od Kaiserswerth reisen; aber als ebenso vornehmer Aufenthalt bietet s ch ihm Basel (basileia die Königsstadt) dar. Wen es gelüstet, Ennne- Tungen an die großen Männer der Vergangenheit wachzurufen, der muh lich schon zu einer Reise über den großen Teich entschließen, was ja noch immer nicht so weit ist wie nach den elysäischen Feldern; er kann aus "Amerikas Landkarte einem Homer, einem Goliath, einem Hanni-

Auslandes. Immer von neuem wird der Gedanke vor die Oeffentlichkeit gestellt. Pioniere, wie Kapitän K i r ch e i s und Kapitän Kraul setzen sich ein. Von Zeit zu Zeit tauchen Meldungen aus, die Gründung einer deutschen Walfanggesellschast stünde dicht bevor dann wieder Schweigen.

Hauptgrund, weshalb keine deutsche Gesellschaft bis zum heutigen Tag ins Leben trat, war und ist der Mangel an Kapital. Das deutsche Kapital war sagen wir es assen an dem nationalen Pioniergedanken, einem deutschen Unternehmen dieser Art nur schwach interessiert. Der da­malige Staat hatte zwar für viele Unternehmen Geld, die besser unter­blieben wären, aber deutscher Walfang war ihm eine Angelegenheit der Außenseiter".

" LinElektrischer Stuhl" für Male.

Leider ist viel zu wenig bekannt, in wie starkem Maße deutsche Technik und Wissenschaft am Walfang mitarbeiten. Die Fabrikationseinrichtungen der schwimmenden Oelfabriken werden zum größten Teil von deutschen Firmen geliefert. Die außerordentlich wichtigen drahtlosen Telefone und Peilapparate liefert die deutsche Telesunkengesellschaft.

Den größten Fortschritt in der Methode des Walfangs der letzten Jahre hat die Erfindung eines deutschen Gelehrten gebracht. Im Jahre 1929 wurde Professor Weber von Norwegen her beauftragt, die Frage zu untersuchen, ob man Wale nicht mit elektrischen Strömen töten könnte. Schon wenige Monate später hatte Professor Weber eine elektrische Har­pune durchkonstruiert und in Betrieb gesetzt. Die elektrische Harpune wird genau wie die bisherige Harpune abgeschossen. Sie schleppt aber nicht mehr ein dickes Tau hinter sich her, sondern nur ein dünnes elektrisches Kabel. Dadurch sind Schußweite und Zielsicherheit stark verbessert. Kurz vor dem Schuß wird ein kleiner, nur zwei- bis dreipserdiger Elektromotor an Bord des Fangschiffes in Tätigkeit gesetzt. Er liefert einen Strom von picht mehr als 100 Volt.

Die Harpune bohrt sich in den Körper des Wals, der Strom wird ab­geschlossen, das Tier legt sich augenblicklich auf die Seite und ist sofort tot. Die Vorteile der neuen Methode find sehr bedeutend. Der oft stundenlange, qualvolle Todeskamps des Tieres wird zu einem schmerzlos schnellen Ende. Nicht mehr wie früher entweicht die Luft aus den Lungen; der Wal bleibt schwimmen, braucht also nicht mehr mit Preßlust aufgeblasen zu werden. Zwanzig Prozent Fangverluste durch Brechen der Seinen werden aus- geschaltet. Mehr als ein halbes hundert Wale sind schon elektrisch getötet worden.

Hunderte von deutschen Schissen liegen auf. Hamburg und alle deut­schen Seestädte haben das trostlose Bild ihrer Schifsssriedhofe täglich vor Augen. 1927 hat man bei damaligen hohen Preisen die Kosten einer Wal- sanggesellschast mit Fangschiffen und Trankochereien auf 5 bis 6 Millionen Mark errechnet. Heute würden sich diese Kosten ganz wesentlich niedriger stellen. Jeder stark gebaute große Fracht- ober Passagierdampfer könnte ohne weiteres zu einer schwimmenden Trankocherei umgebaut werden. In letzter Zeit hört man wieder mehr von neuen Plänen, in Brake bei Bremen soll eine deutsche Fanggesellschaft gegründet werden.

Von Liebesseele nach Schweinepfeife.

Eine heitere Ortsnamen-Reife.

Bon Dr. E. Webe r.

Viele, die in diesen Wochen sich der angenehmen Beschäftigung hin- geben, sich ein Reiseziel zu wählen, werden bei her Dual der Wahl be­gierig nach einem Ratgeber Umschau halten. Wie wäre es, wenn sie sich nach dem bekannten WorteNomen est omen" der bunten und phanta­stischen Welt der Ortsnamen als Wegweiser bedienten?

Empfindsame Gemüter mögen nach Liebeseele oder Lieberose pilgern, mögen sich in Apostelgarten, in Albrechts Teerose ober in einer der vielen Ortschaften erholen, bie ihren Namen bem buftigen Blumen­reich entlehnt haben, fei es so offentunbig, wie es z. B. Blumenthal in Hannover, Blumenau in (Ermlanb, Blumenftein in ber Schweiz, bie ver- fdjiebenen Rosentäler, -selber und -Hagen tun, sei es in ber etwas ver­hüllteren Form wie bei bem märkischen Dorse Quitzow, in bem bie slawische kvitu, Blume, fortlebt. Freunbe bes berben Humors und vor allerlei Kuriosa werben vielleicht einen Ausflug nach Filzlaus, nach Schweinepfeife, nach Blauer Affe, nach Kuhbier, Huhnerholz ober zum Letzten Groschen machen von benen sie bie meisten bequem beisammen im Branbenburgischen finben. Liebhaber eines guten Bissens unb Trunkes werben sich für M e h l s a ck ober 91 ub e Iba u m, für 93ier= fiißchen ober Bierscheib entscheiben. Wer aber seine Sehnsucht nach bem Exotischen, (eine ungestillten Wünsche von Großwildjagben mit einem schmalen Gelbbeutel in Einklang bringen muß, ber kann je nach Ge­schmack in Löwenstein in Württemberg ober m ßomenberg tn Schlesien in Bärenstein in bem geruhsamen Sachsen ober Barfelbe in ber 9teumart sich schnell unb billig in sein Traumlanb versetzt g auben; ia..I°lbstdas harmlos tlingenbe Wiesental in Baben ober Wiesensteig in SBurttemberg bieten bie (Erinnerung an ein heute so seltenes Jagbwild wie den Wiesent, Während Schwerin mit einem ganzenTiergarten milder Bestien (von

als die Wirklichkeit hält, so erweisen sich auch nicht selten bie Ortsnamen in dem, was wir aus ihnen herauszuhören vermeinen, als trügerisch. Der Trieb des Mannes aus dem Volke, ihm unverständliche Worte, fei es veraltete aus der eignen Sprache oder solche eines fremden Idioms, bekannten Ausdrücken anzunähern, hat oft zu seltsamen Entstellungen geführt, zu Bezeichnungen, bei denenman sich etwas denken kann", wie wenig solche Leistungen der Volksetymologie auch vor einer kritischen Nachprüfung standhalten.Ortsnamen, besonders solche, mit denen die Gedanken und Empfindungen viel zu tun haben", sagt der Germanist Rudolf Hildebrand,in ihrem oft seltsamen Sinne zu verstehen, einen klaren unb womöglich schönen Sinn darin zu finden, das ist ein so natürlicher Drang des Seelenlebens, daß schon kleine Kinder chn emp­finden unb auf eigne Hanb möglichst befriebigen, fo z. B. wenn ein kleines Mäbchen ben Vater fragte:Nicht wahr, Amerika heißt so, weil es am Meer liegt"? Auch wir selbst finb wie bas Kinb in jebem Augen­blick geneigt, solche Deutungsversuche vorzunehmen, bereu Ergebnis oft von bem wahren Sinn himmelweit entfernt ist. Wer inKäse unb Brot" einen Zusammenhang mit biefen nahrhaften Stoffen sucht, wirb ebenso bitterlich enttäuscht werben wie bei Deutschdrob, Bähmischbrob ober Kötzschenbroda, bie BezeichnungKäse unb Brot" für einen Hügel ist eine Verballhornung aus bem slawischen Kesebrabe (wahrscheinlich soviel wie Ziegenhügel); bie verschiebensBrote" weisen auf eine ehemals hier bestehenbe Furt slawisch brodu hin, währenb bas sächsische Kotzschen- broba insofern einen kulinarischen Hintergrund hat, als es auf bas slawische Kozybrode-Ziegenpilz zurückgeht, einen eßbaren Pilz, ber hier gefunben wurde. Angenehmer ist eine Täuschung, wie sie z. B. Winkel im Rheingau ober Königswinter in ihrem Namen bergen, bie nicht an bie Enge ober an bie kalte Jahreszeit gemahnen; vielmehr bebeutet Winkelvini cella", b. h. Weinkeller, unb KönigswinterKönigs Wein­stock", nämlich Karl bes GroßenVeinatriu". Dagegen kommt ein Anhänger des Gottes Gambrinus weder in Bierscheide noch an bem biefen Ort burchsträmenben Bierbach auf feine Rechnung, bie beibe in ihrem Namen nur bie (Erinnerung an ben einst Germaniens Flüffe be­völkernden Bieber bewahrt Haden.

Wer ahnte, wenn er nach 2 i e b e f e e l e pilgert, daß er ein einfaches Lindendorf Lipa Selo aufsucht, oder wenn er, ein zweiter Ulrich von L i ch t e n st e i n, im Frauendienst nach Fraureuth wallfahrt, eine Pflaumenbaumrodung als sein Ziel wählt? Nichts von einem leckeren Fischgericht lebt in Salmdorf fort, sondern hier narrt den Feinschmecker bas beutsche salhe«Salroeibe, währenb bie slawische Form bes Baumes, vrba, bie auch Werben an ber (Elbe ben Namen gegeben hat, sich aus bem böhmischen Vrbise zu Fürwitz, aus Brbica bei Breslau zu Wirrwitz im beutfchen Munbe gemanbelt hat. Eine Quelle bes Irrtums kann auch bie Bezeichnung bes Ortes Igel bei Trier bilben, bie burch bie Um- beutfdjung einer unverstänblich geworbenen Bezeichnung entstanben ist; er war ursprünglich nach ber bart errichteten Grabpyramide der Secun- dinerad aguliam", d. h. mit mittelalterlicher Sprachformbeim Obe­lisken", benannt .mutzte sich aber bie Anpassung an das Stacheltier ge­nau so gefallen lassen, wie aus dem stolzen K a st e l l von einst über das slawischekostelo" ein bescheidener Kuhstall wurde. Im Gegensatz zu dieser in einen deutlich erkennbaren Stall gewandelten Burg verhüllt die stolze Feste Koburg schamhaft in ihrem ersten Teil ihre ursprünzlichen Beziehungen zu einem Koben, einem Schweinstall.

Der Wunsch des Volks, unverständlich gewordene Namen zu erklären unb sie gleichzeitig mit einer bichterifch gestalteten Grünbungsgeschichte in Verbinbung zu bringen, hat zu mancherlei hübschen Sagenbildungen geführt. So lebt im spanischen Volksmund die Ueberüeferung, bie Haupt- tabt bes ßanbes habe ihren Namen von bem Zuruf eines Knaben an eine Mutter:madre id!", b. h.Mutter gehl" erhalten; ber Junge war, o wirb erzählt,von einem Bären verfolgt, auf einen Baum geklettert unb mahnte bie herbeieilenbe Mutter mit jenen Worten gleichfalls zur Flucht. An ber Stelle, wo sich bies begab, würbe bann bie Stabt ge= grünbet. Antwerpen, bas in Wahrheit bem vlämifchen aent werf an ber Werft, feinen Namen verbankt, birgt, fo will es die Sagenbilbung, die grausige Erinnerung an die Gewalttaten eines Riesen Druon, der hier den vorübersahrenben Schissern ihre halbe Labung abforberte1 unb, wenn sie sich weigerten, ihnen bie rechte Hanb abhieb, bie er bann in bie Scheibe warf, bis ihm selbst burch einen Stärkeren bas Gleiche wibersuhr; nach biefen Untaten soll der Ort Antwerpen (Handwerfen) genannt wor­den fein. Häufig liebt es auch die Volksetymologie, gleichzeitig mit der Deutung des Namens den Stammbaum des Ortes recht weit in sagen­hafte oder biblische Zeit zurückzuführen. So geht nach ihr bie Gründung von Trier auf Tredeta, den Sohn des Ninus,- zuruck, der zur Zeit des Erzvaters Abraham aus bem ßanbe Assyrien vertrieben würbe unb auf feiner Wanberung burch bas bamals jeber menschlichen Steblung ent­behrende Europa Irenens, die erste Stadt dieses Erdteils, errichtet haben soll, während für Hamburg sogar Vater Noahs Sohn Ham als Stamm* Herr bemüht wird. (Eine weniger vornehme Entstehungsgeschichte wird für Hamburgs Schwesterstadt Altona in Wahrheit diealte Au aus ihrem Namen abgeleitet: sie soll diesen der Klage einer Hamburger Ab­ordnung bei ihrem Gründer, einem dänischen König, verdanken, in der bie Worte- Si is all to na! Sie ist allzu nah!" nämlich an Hamburg, immer wieberkehrten. Seligenftabt soll zu seinem Namen burch ben beglückten Ausruf Karl bes Großen:Selig ist bie Stabt, wo ich meine Tochter qefunben habe!" gekommen [ein, als ber Herrscher hier bie Wieberoer- einiqunq mit seiner an ber Zubereitung eines Fischgerichts erkannten Tochter seierte. Als ein ergötzliches Beispiel, wie bie nie erlafjmenbe namenbeuttoe Kraft bes Volkes über bie Jahrhunberte hinweg ihre Faben [pinnt und Ergebnisse modernen Verkehrs an Stelle uralten Gotter- qlaubens setzt, sei zum Schlüsse noch des Ortes Güterglück, des Knotenpunktes zweier wichtiger Bahnlinien gedacht, der (o will es der Volksmund die Stätte ist, wo man mit seinen Gutem Glück hat. Wer von den Tausenden, die hier uorüberfaufen, weiß noch etwas von jenem Steinhaufen (-kkik, -klyck) der sich hier, in Suterclic, einstmals als Altar ,u Ehren des altwendischen Gottes der Morgenrote Jutr erhob? Andere Zeiten Haden andere Gotter auf den Thron gefetzt und brn alten sogar ein Fortleben im Namen mißgönnt.