Ausgabe 
14.7.1933
 
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Wie ein Pfeil saust der getrossene Wal ab. Die lange Leine rauscht I aus sie ist etwa ein Kilometer lang und hat sechs Zentimeter Durchmesser. Als sie säst ganz raus ist, wird stark gebremst, die Funken fliegen nur so.

Ungefähr fünfzehn Minuten zieht der Wal den Fangdampser hinter sich her. Er kommt dabei häufiger hoch, um zu atmen. Langsam wird er müde. Sobald die Leine lose wird, wird eingehievt. Die zweite Harpune saust durch die Lust, wieder platzt die Granate, nachdem ihre Wider­haken sich im Fleisch des Tieres sestgehakt haben.

Aus der nächsten Nähe wird dem Wal durch eine Granate der Gnaden- ^"Js?der^Walsisch tot und längsseits gebracht, stötzt man ein Glasrohr in den toten Körper. Vom Bord aus wird aus Prehlustflaschen kompri­mierte Lust hineingeblasen; denn der tote Wal sackt ab, wenn seine I Lungen sich entleert haben. .

Ist diese Arbeit getan, so stößt man eine lange Stange mit einer bunten Flagge in den Rücken des Wals. So läßt man ihn treiben, wah­rend das Fangschiss nach neuer Beute sucht. Gegen Abend werden die erlegten Wale, die durch die Flaggen weithin sichtbar sind, langsseits des Fangdampfers seftgemacht und zur schwimmenden Trankocherei geschafft.

Die schwimmende Jabrif.

So eine schwimmende Trankocherei ist eine hinlänglich wunderbare Sache. Ein modernes Fabrikschisf hat eine Gröhe von 15 bis 22 000 Ton­nen eine Besatzung von über zweihundert Mann. Die modernsten Schiffe die er Art besitzen am Achterschiff ein Slip, genau wie eine regelrechte Werft, genügend groß, damit mit einer starken Winde der Wal, der em Gewicht bis zu hundert Tonnen besitzt, an Bord gezogen werden kann.

Der Vorgang dauert keine zehn Minuten. Nun liegt der Wat aus dem Schlachtdeck oder bei ganz modernen Schissen in einem Schwimmdock- genau so wie ein Schiff im Schwimmdock liegt und wird hier mit Hilfe von gewaltigen Dampsfägen zerlegt. Die Speckschicht, sein wertvollster Teil, die eine dicke von dreißig bis vierzig Zentimetern besitzt, wird von geübten Händen abgeschält, ganz ähnlich, wie man einen dicken Winter­mantel auszieht. Die Stücke wandern in die Kessel der Kocherei und wer­den dort in drei bis vier Stunden restlos zu Del verarbeitet. Selbst das Skelett, dessen Knochen immer noch stark ölhaltig sind.

Eine solche schwimmende Fabrik bildet mit vier bis sechs Fangschiffen zusammen eine Arbeitseinheit. Bei guten Fängen geht der Betrieb un­unterbrochen Tag und Nacht, des nachts bei Scheinwerserlicht. Das Mut­terschiff als Dperationsbasis enthält außer den Fabrikanlagen alle Ein­richtungen, die für das rauhe Leben in den hohen Breiten notwendig find: Arzt, Hospital, Reparaturwerkstatt. Meist auch ein Flugzeug, mit dessen Hilfe man neue Fanggebiete ausfindig macht.

Ein gutes Geschäft für die andern.

Mehr als zehntausend Menschen und mehrere hunderttausend Tonnen Schisssraum sind im Walfang beschäftigt. Die jährliche Produktion besah in den letzten Jahren trotz stark gefallener Preise einen Wert von 300 Millionen Mark.

Am anschaulichsten wird die Entwicklung, wenn man erfährt, daß die Produktion sich in den letzten acht Jahren sprunghaft ansteigend von 700 000 Tonnen jährlich aus über drei Millionen Tonnen gesteigert hat.

lieber Zweidrittel dieser Großindustrie liegen in norwegischen Händen. Man kann sagen, daß der Walfang trotz Krise und Niedergang der Preise auch heute noch eine blühende Industrie geblieben ist. Bis vor kurzem zahlten die norwegischen Fanggesellschaften durchschnittlich zwanzig Pro­zent Dividende aus. Jahresdividenden von hundert und mehr Prozent

waren keine Seltenheit. An zweiter Stelle hinter den Norwegern kommen die Engländer, die auch an einigen norwegischen Gesellschaften maßgebend beteiligt sind. In weiterem Abstand folgen Holland, Japan, Argentinien, ^^Und"wo^blew^Deutschlanb? Deutschland betreibt keinen Walfang: Dafür kaufen wir aber für jährlich 90 Millionen Mark Walol den anderen ab. Das ist ein Drittel der Weltproduktion.

wozu braucht man Walfische?

Eine schlechte Lampe nennen wir noch heute eine ^ransunzetzDie alte Tranfunzel war jahrhundertelang die Hauptverbraucherin des Waltrans. Später entwickelte der Wal ganz neue und ungekannte Reize für die Damenwelt. Die umfangreiche Krinoline der 60. Jahre erforderte gewisse Stützen die nicht nur fest, sondern auch elastisch sein mußten. Man stelle sich nur die Folgen vor, wenn etwa beim Tanz ein bred;eiü)es Krmolmen- gerippe dolchartig aus den zarten Geweben herausgestochen hatte. Hier lieferte der Wal in Gestalt des Fischbeins em unübertreffliches Material. Auch später als die Ideale einer jüngeren Generation die Wespentaille verlangten, waren die Fischbeinstäbe, di- der Walfisch liefert der gang­barste Weg zurSchönheit". Daß das zarteste und fahrzehntelang belieb- teste aller Parfums, das Ambra nämlich, ausgerechnet aus ben Därmen bes Walfisch stammte, verschwieg man zwar den zartempfmbenden Seelen, zog aber nichtsdestoweniger einen guten Prosit iwraus. 2lmbra, eme bern­steinartige Masse, ist, mit Verlaub zu sagen eme B^dauungsstorung des Wals, ziemlich ähnlich, wie es die Perle für die Auster ist. Mit dem | Niedergang der Tranfunzel begann der Niedergang der Walfangerei. Der Fang lebte erst wieder auf, als man den Tran zur Seifenfabrikatton ver wandte. Die eigentliche große Entwicklungber begann als man es verstand das Del geruchlos zu machen und zu oerfeften. Walol ist heute der wichtigste Rohstoff der Margarine-Fabrikation. '

Geld wird bei dieser Industrie verdient! Nicht nur für die Fanggesell- schaften, sondern auch für die Fänger. Ein Schutze z. B der wichtig e Mann an Bord eines Fangschiffes, kann nach einer guten Saison aus feinen Prämien dreißig bis fünfzigiausenb Mark für eine harte Arbeit von acht Monaten nach Hause bringen. Da ist man einfacher Matrose m Sandefjord, Larvik oder Tönsberg zum wohlhabenden Mann gewordeii, der Villa und Auto besitzt, wenn er auch zwei Drittel des Jahres in Dreck I und Speck, in tobenden Stürmen, in Eis und Gefahr auf dem Fangboot

herunifchlingert.

. Ist Walfang Raubbau?

In den letzten Jahren wurden im Durchschnitt 40 OVO Male erlegt. Die Produktion hat sich ein einem Jahrzehnt ungefähr verzehnfacht. Da ist es kein Wunder, daß man die rapide Entwicklung nut einer Sorge betrachtet und das Ausfterben des Wals zu besorgen beginnt.

Schon einmal war diese Gefahr akut: Die dauernden Ver olgungen hatten den Wal in den norwegischen Gewässern derart dezimiert, daß die Regierung zu Ansang des Jahrhunderts ein Fangverbot erließ das zu­nächst zehn Jahre dauerte. Das Fanggebiet auf der nördlichen $a(btugel fiel damit im wesentlichen aus. Aber schon vor dem Erlaß des Schutz- aesetzes war bekannt, daß im südlichen Eismeer ein weit größerer Reich­tum an Walen Ausbeute versprach. Gegen Ende des neunzehnten Jahr- Hunderts schickten die Norweger die erste Expedition ins Submeer in die Gegend der Falklandsinseln. Ihr Führer war ein früherer /Begleiter Nansens, Kapitän Larsen. Kapitän Larsen ist der erste Pionier des Walfangs im südlichen Eismeer. Wie alle Propheten, galt er nichts m seinem Vaterland. Erst im Jahre 1903 gelang es ihm, eme Walfanggesell- fchaft in Argentinien zu begründen.

Neue norwegische Expeditionen folgten 1905, 1911 und 1912. Die Fang­ergebnisse, anfangs mager, verbesserten sich nach gründlicher Kenntnis der Fanggebiete. 1927 nahm die erste schwimmende Kocherei den Betrieb im

TOt^n^breV großen Norwegia-Expebitionen 1927 bis 1930, bie mit den modernsten Mitteln, z. B. Aufklärungsflugzeugen, arbeiteten, wurden die Fanggebiete erst eigentlich umgrenzt und erschlossen. 1927 wurde die Bouvet-Jnsel von Norwegen annektiert: Großbritannien zog seinen An­spruch zurück. Für 27 Millionen Kronen Waltran brachte allem die Expe- bition von 1928 nach Norwegen heim.

Die Hauptfanggebiete bes süblichen Eismeeres liegen östlich und südlich von Kap Horn zwischen dem 50. und 65. Breitengrad. Fanggebiete min­derer Bedeutung liegen an der Südspitze Afrikas, an der argentinischen und an der chilenischen Küste. .

Besteht nun wirklich ernstliche Gefahr, daß der Walbestand dezimiert wird? Die Gelehrten beurteilen die Frag« heute wesentlich optimistischer als noch vor einigen Jahren. Die 'neuerschlossenen Fanggebiete sind, ver­glichen mit den bisher bekannten, so groß, der Walbestand so reich sahen doch die Norwegia-Expedittonen zeitweise bis zu 50 Wale irn Ge­sichtskreis des Schiffes, daß mindestens auf ein bis zwei Jahrzehnte eine Ausbeute in heutiger Höhe gesichert erscheint, ohne daß Gefahr der I Ausrottung für den Wal besteht.

Und wo bleibt Deutschland?

Die Geschichte des Walfangs ist wahrscheinlich so alt wie bie Geschichte bes Fischsangs überhaupt. Bis in bie Mitte bes vorigen Jahrhunderts waren Deutsche an Jagd unb Fang hervorragenb beteiligt. Jnselsriestn waren es, bie den Kern der Besatzung für bie holländischen und englischen Walsi chsänger-Flotten lieferten. Aber feit den napoleonischen Kriegen hak die deutsche Walfischfängerei sich nie mehr richtig erholt. 1848 kehrte das letzte deutsche Fangschiff in einen deutschen Hasen heim.

1912 gab der deutsche Kaiser bie Anregung für die Gründung einer deutlchen Fanggesellschast, die tatsächlich ins Leben trat, mit gutem Er­folg'an der afrikanischen Küste arbeitete und nach dem Kriege uns mit den Kolonien verlorenging. Die Engländer nahmen das gute Geschäft in I eigene Regie. Als nach dem Kriege die deutsche Seefahrt langsam wieder auflebte, tauchte auch der Gedanke einer deutschen Walfanggesellschast wieder auf. . m rr.

Es ist interessant, das wechselnde Schicksal des Gedankens in IDer Preist, besonders der Fachpresse, zu verfolgen. In den Jahren 1927bis 192» häuften sich bie Notizen unb Berichte von ber erfolgreichen Arbeit Des

oenommen hat, sieht bie Maschine aus dem verhängten Himmel stürzen. 1 Bn den brennenden Trümmern liegen zwei unkenntlich verkohlte Leichen.

Aber sünszig Schritte davon findet er eine hinausgeschleuderte Bisiten tark(Don Slen^ Sib(t^ mächtigen Felstisch wie eine ausgefpiclte Trumpfkarte:Hier ist Gien Kidston! ,

Der Tod hatte dieses Mal den höheren Trumpf.

Wal! Wal!

Von Heinrich H a u f e r.

Walfang als Abenteuer.

Seien wir ehrlich: wenn wir versuchen, uns ein Bild von Walfisch- iagden und Waffischfang zu machen, so taucht vor unserem geistigen Auge unwillkürlich ein Bild aus unseren Knabentagen auf, elne ^Uuftrahon aus dem Guten Kameraden" ober einem abenteuerlichen Seeroman. Ein klei­nes Ruderboot, besetzt mit vier ober fünf Mann. Arn Bug der Harpunier, der soeben mit gespannten Muskeln unb blitzendem Auge mit riesigem Schwung die Harpune in den Leib eines gemalttgen Wals schleudert, dellen enormer Schwanz das kleine Boot haushoch überragt Das nächste Bild' Der verwundete Wal zertrümmert nut einem gewaltigen Schlag bas Boot der Walfischfänger alle Beteiligten, ausgenommen natürlich der jeweilige Held der Geschichte (unb der Walfisch), pflegen zu ertrinten.

Gehören wir einer etwas jüngeren Generation an. so wissen mir bereits, daß bie Hanbharpune heutzutage durch eine Kanonenharpune ersetzt ist, die mit Pulverladung abgeschojsen wird. Wir wissen auch, daß der Wal­fang sich aus einem Abenteuer zu einer Industrie entwickelt hat aber das ist schon ungefähr alles, was wir wissen.

Walfang heule.

Wal, Wal, an Steuerbord! ruft der Ausguckmann Hart Steuer­bord, Maschine voraus, volle! sagt der Kapitän Peng! hallt der scharfe Knall der Kanone. Die Harpune saust durch bie Lust. Fisch fest, Fisch fest, ertönt es von der Back. Jeber Wal hat bei normalen Preisen einen Wert von 7000 Reichsmark. So schreibt Kapitän Kircheib der Weltumseg­ler, in seinem ausgezeichneten BuchPolarkreis Sud Polarkreis Nord .

Wal Wal ran ans Werk! Deutschland muß wieder eigenen Walfang haben!" Das ist das Motto, mit dem dieser hervorragendste Pionier eines deutschen Walsischfanges sein Buch einleitet.

Sehen wir uns den Walfang, wie er heute betrieben wird, noch etwas