GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang M3 Zreitag, den Juli Nummer 53
An das Vaterland.
Von Gottfried Keller.
0 mein Heimatland! 0 mein Vaterland!
Wie so innig, feurig lieb ich dich!
Schönste Ros, ob jede mir verblich, Duftest noch an meinem öden Strand!
Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich, Königsglanz mit deinen Bergen maß, Thronenflitter bald ob dir vergaß, Wie war da der Bettler stolz auf dich!
Als ich fern dir war, o Helvetia!
Faßte manchmal mich ein tiefes Leid: Doch wie kehrte schnell es sich in Freud, Wenn ich einen deiner Söhne sah!
O mein Schweizerland, all mein Gut und Hab! Wann dereinst die letzte Stunde kommt. Ob ich Schwacher dir auch nichts gefrommt, Nicht versage mir ein stilles Grab!
Werf ich von mir einst dies mein Staubgewand, Beten will ich dann zu Gott, dem Herrn: „Lasse strahlen deinen schönsten Stern Rieder auf mein irdisch Vaterland!"
Das Spiel mit dem Tode.
Von Friedrich Arenhövel.
Am 6. Mai 1931 funkte der Londoner Sender: In den Bergen an der Grenze zwischen Transvaal und dem Oranjefreistaat liegt ein zerschmettertes Flugzeug. Glen Kidston und sein Begleiter sind tot.
Wer war Glen Kidston?
Sein Stern taucht wie ein Komet am Septemberhimmel des Kriegsjahres 1914 auf. Der erste, silberblinkende, ekrasitg?ladene Stahlfisch wird von „U 9" ausgestoßen, gleitet mit wirbelnden Propellern durch die grauen Nordseefluten, trifft und zerreißt im eigenen Krepieren den englischen Kreuzer „Hogue". — Hunderte der Seeleute Großbritanniens lädt der Tod zu Gast in seine tiefen Hallen. Als er den Milchbart Glen Kidston, den fünfzehnjährigen Marinekadetten, an einer Planke treiben und Wasser speien sieht, geht er lächelnd an ihm vorüber.
Der Schwesterkreuzer „Cressy" braust mit Volldampf heran, um dem Tod zu entreißen, was ihm noch zu entreißen ist. Seine ausgesetzten Boote fischen Menschen. Glen Kidston ist abgetrieben. In Todesängsten schreit er nach seiner Mutter, aber der Tod preßt ihm das salzige Wasser in die Kehle. Sein Gurgeln wird nicht gehört. Die Boote fahren ohne ihn an Bord zurück.
Da läßt Otto Weddigen den zweiten gefräßigen Stahlfisch abstreichen. Der Torpedo wühlt durch die Flut. Vier Meter tief jagt er wie ein Hai unter Glen Kidston durch, schnurgerade auf den Panzerleib der „Cressy" zu. Tosend und krachend bricht auch sie in himmelhohem, weißem Gischt zusammen. Retter und Gerettete führt der Tod gemeinsam in die tiefen, blauen Säle.
Die „Abukir" kommt mit wehenden Rauchfahnen und heulenden Sirenen auf. Sie stoppt ab, dreht bei und läßt ihre Boote aus. Ein bärtiger Seemann packt den besinnungslosen Milchbart Kidston beim Kragen, zieht ihn in’5 Boot, läßt ihn Wasser speien, arbeitet kraftvoll und treu um sein junges Leben, wickelt den endlich atmenden Knaben in warme Decken und verstaut ihn zu den anderen Geretteten. Die Riemen tauchen in's Wasser, und heimwärts geht es auf die „Abukir".
Glen Kidston sitzt in warmer Wolle vor einem Becher heißer Milch und soll erzählen, da trifft der dritte Stahlfisch des „U 9" den Kiel des Kreuzers „Abukir". Die Stahlwände zerreißen. Die Träger bersten. Das Panzerdeck über Glen Kidston öffnet sich wie eine Schleuse. Die Geschütz- tllrme sinken zur Seite, als wären sie auf Morast gebaut. Von einem ungeheuren, brüllenden, hißenden und donnernden Druck wird Glen Kidston durch die geöffnete Schleuse emporgeschleudert, dem offenen Himmel entgegen. Er Pürzt, sich überschlagend, in's Meer. Auf halbem Wege in die Ewigkeit preßt der Wasserdruck ihn wie einen Korken wieder hinaus. Als Glen Kidston das Wasser aus Ohren und Augen schüttelt, hat er eine Vision. Der Tod steht mit breiten, knöchernen Füßen auf zwei scharfen Wellenkämmen, und feine Senfe flirrt gischtend über das spritzende Wasser. Glen Kidston aber rüst er lachend zu: „Kopf weg, du Miichbart!"
Der Junge versinkt. Als er wieder zur Besinnung kommt, jagt ein Torpedoboot mit ihm auf Englands Küste zu.
Glen Kidston ist gerettet.
Alt-England sieht seine Seehervschaft in höchster Gefahr. Drei Kreuzer fielen auf einen Streich. Fünfzehnhundert Seeleute liegen auf dem Grund. — Aber da ist der junge Held Glen Kidston! — Drei bejahrte Schiffe versanken, und ein Kadett hat sie alle überlebt! — Das ist der Trost in diesem furchtbaren Unglück, und die Zeitungen rufen es Tag für Tag: „Der Sieger über den Tod!" — „Der jüngste Kadett der Navy verlacht die Gefahr der deutschen U.-Boote! — Ein Schelm, wer weniger mutig ist als er!" — „Der Tod rief: Kopf weg, du Milchbart! — Aber Glen Kidston antwortete als englischer Junge: Hüte den deinen, Tommy OhnebarN"
Der Nationalheld wird von Hand zu Hand gereicht. Vater und Mutter reisen mit ihm hin und her. Jede Gesellschaft wünscht ihn zu sehen, ihn zu begrüßen, zu bestaunen, seine kleine, eingedrillte Rede zu hören. Der König empfängt ihn und hängt ihm Auszeichnungen auf die stolze Knabenbrust. Soviele Orden hatte noch kein Kind der Welt, und dieses Kind ist ein englischer Junge! — Dieser Kadett rief dem Tode zu: „Hier ist Glen Kidston! — Wer bist du?" Und der Tod blieb ihm die Antwort schuldig.
Das junge Herz hat nun einen Ruhm zu verteidigen, den Ruhm, vor dem Tode gefeit zu fein. Glen Kidston ist das Symbol des unsterblichen England, und weil England unsterblich ist, glaubt Glen Kidston an seine Macht über den Tod. Er nennt feine ängstliche Mutter „little mam" und reicht gerade mit dem Scheitel bis an ihr Kinn. Zu seinem Vater sagt er „old dad" und haut ihm mit hochgerecktem Arm kameradschaftlich auf die Schulter: „Hier ist Glen Kidston! — Und wer bist du?!"
Während des ganzen Krieges schweigt der Tod mit nachsichtigem und humorvollem Lächeln. In der Skagerrakschlacht torpediert er dem Oberleutnant Kidston einen Dreadnought unter den Füßen fort — Ein Volltreffer, der einmal einen tollen Irrweg neben einem Geschützrohr hindurch in Kidstons Panzerturm findet, krepiert nicht und bleibt wie ein zahmer Hund zu feinen Füßen liegen. Eine Flattermine verschont niemanden außer ihm. Seine Verwegenheit kennt keine Grenzen mehr, und wo immer sein Admiral ihn hinstellt verkriecht sich der Tod.
*
Als der Krieg zu Ende ist, kann Glen Kidston nicht mehr ohne seinen brüderlichen Gegner leben. Er versteht den Sinn des Friedens nicht, erfaßt nicht den Begriff Leben ohne fein Widerspiel, den Tod. Der köstliche Inhalt seiner Jugend scheint kläglich zu versiegen, da fordert der Tod ihn zu einem neuen Spiel heraus, und jauchzend tritt Glen Kidston auf den Plan.
Er ist über Nacht durch eine Erbschaft zum Millionär geworden, und nun gibt es nichts mehr, was er sich im Spiel mit dem Tode versagen müßte. Im Flugsport, auf unerprobten Maschinen, im Rennreiten, Renn- sahren auf den schnellsten Wagen und den gefährlichsten Bahnen wagt er tausendmal sein Genick. In Wüste und Urwald bändelt er mit dem Großwild an, und stündlich gehen die ritterlich spottenden Worte hin und her: „Kopf weg, Glen Kidston!" — „Hüte den deinen, Tomy Ohnebart!" — Die Sense flirrt. Tausende fallen in Sport und Berus, aber Glen Kidston steht mit lachendem Munde und duckt seinen Scheitel nicht mehr um ein Haar.
In Dublin fährt er ein tolles Rennen. Eine Kurve schleudert ihn hinaus. Der schwere Wagen wirbelt der Länge nach dreimal durch die heulenden Lüste und knallt explodierend auf die Bahn. — „Sein Rennen ist aus", sagen die erstarrten Zuschauer. Die Sanitäter finden ihn zwanzig Meter vom flammenden Wagen in einer grünen Hecke, als ob er im Klubsessel säße. Er raucht eine Zigarette und lacht: „Hier ist Glen Kidston!"
1928 stürzt ein deutsches Flugzeug über der Grafschaft Kent ab. Von den acht Insassen lebt nut' er. — Er fährt in Solent mit feiner jungen Frau ein Matorbaatrennen. Der Motor explodiert und reißt das Boot in Fetzen. — „Kops weg, Gladys, lacht Glen Kidston, packt sie und schwimmt mit ihr an Land.
Er bringt das Unglücksflugzeug,'aus dem ein bekannter ausländischer Bankier in den Kanal gestürzt war, in seinen Besitz. Das Unglück bleibt der Maschine treu. Bei einer waghalsigen Jagdexpedition nach Afrika stürzt es ab. Kidston ist heil, und auch der Dursttod in der Wüste tut ihm nichts. Es beginnt gegen jede Regel heftig zu regnen. — Es ist unmöglich, jedes feiner Abenteuer zu erzählen.
Nun ist es sehr seltsam, daß Glen Kidston gegen den Tod im gleichen Augenblick verliert, in dem er seine sportliche Amateureigenschaft in diesem Spiele aufgibt. Er beschließt, fein Glück in den Dienst des Luftverkehrs zwischen England und Südafrika zu stellen, und er verbindet sich mit dem Flugkapitän T. A. Gladstone, um zunächst die Strecken der Reise zu prüfen.
lieber den öden, zerklüfteten Drachenbergen, die zu überfliegen sind, lauern die berüchtigten, glühendheißen Sandstürme. — In der Van-Ree- den-Schlucht hat der Tod eine. Ruhmeshalle für abstürzende Flieger. An den Felswänden haften die Gerippe ihrer Maschinen wie Jagdtrophäen.
Glen Kidston fliegt in das gelbschwarze Wadern des Sandsturmes hinein. Ein Händler, der mit seinem Maultier in einer Felsspalte Zuflucht


