Ausgabe 
13.11.1933
 
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aten!"

Surfte es aus dem Stalle laufen, es durfte die großen Gäule be­suchen an deren Koppel, es durste den Kopf hineinstecken zu den Großen und ward geliebkost wie von seiner Mutter.

Eines Tages entdeckte es in einer der letzten Koppeln ein füllen, das an der Brust seiner Mutter trank. Dieses Fullen trank noch an seiner Mutter, obgleich es viel größer war als Riesele! Riesele wollte durchaus nicht etwa mit ihm trinken: es hatte nur seine Freude an dem großen Säufer und dünkte sich sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich bei Mutter und Kind umher, bis ein Wärter ihm gar die Tür ausmachte und es hinetn- lausen ließ zu Mutter und Kind.

Hier im Schatten einer Mutterliebe verbrachte Riesele ine nächsten Wochen seines Lebens, bis der Winter kam. Die Mutter hatte genug Liebe und verschenkte davon an das Riesele, soviel sie konnte, und Riesele wuchs mächtig heran! So sehr e» sich aber im Wachsen Beeilte: das kleine Mulierktnd blteb größer! Es konnte seinen Kopf auf die dritte Querstange der Koppel legen, aber Riesele konnte das nicht! Riesele war klein, Riesele war ein Fwerg gegen dieses Füllen; Riesele konnte sich strecken soviel es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, wenn es auch kleiner war als der Säugling, so war es doch stärker als dieser, und sein Be­nehmen glich viel eher dem eines gesetzten Burschen.

Von Tag zu Tag glänzte Rieseles Haut mehr, seine Haare stellten sich dichter, da der Winter schon weiß aus den nahen Bergen hockte, die Blesie leuchtete mitten über den Augen, und in den Augen erschien ein seltener Glanz, der alle, dte kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich schossen die Haare des Schweifes tief hernieder und berührten fast die Hufe, die Mahne zottette sich in weichen Krüuselwellen am Halse herab und frei über die Schul­terblätter, und die Stirnhaare wuchsen bis zur Blesie und hörten °" Meseles^Mcken blieb schmal, seine Brust wollte sich nicht breit auseinandertun. Seine Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich hervor. Wenn die beiden Kinder miteinander spielten, so tolpatschte das größere hierhin und dahin, ungelenk und steif, stieß sich bald an den Stangen und rannte gegen die Mutter, und einmal warf es sogar das Riesele um auf den Grasboden, daß dem Riesele säst die Tränen kamen. t

Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht, zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, die lange Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich vor Uebermut schüttelte, die Zähne hervorblihten und die Ohren in der Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Dte geringe Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinter­beine nach allen Seiten ausfeuern konnten, als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstlust schlugen.

Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, wollte ver- tobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des Hages setzte, eine Mücke, die heranfloq, das Riesele zu stechen und von seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin slat- terte und an Riesele zufällig vorbeikam: sie alle reizten des Rie­seles junge Krasi. Und jeweilen stürzte sich der kleine Mann ans das harmlose Tierchen: der große Säugling tat dann auch mit, und wenn der Spatz endlich den Hag verlasien, wenn der Schmet­terling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein i das Weite gesucht hatte, so gerieten die zwei Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse, in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und feuerten aus, trafen sich aber niemals! Der Säugling war recht ungelenk und stand oft breitbeinig da wie das hölzerne Pferd der Trojaner.

Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie lein M'lch- bruder' Es konnte, wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwin- gen, aber es konnte den Kopf so weit zurirckbiegen, daß es sich am Bauche schaben konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Sin- terfiuf heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es

umsalle. wie der große Kleine!

Die dünnen Rippen preßten sich am schwarzen Bauchlein her­vor, wie mit dem Silberstift getönt! Der Hals erglänzte längs der Rundung und sprühte Licht ans, die Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze Körper ruhte ge- sestigt in dieser Stellung wie in Erz gegosien.

Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele kam wieder in einen Stall.

Schon am zweiten Tag erschienen etliche Manner in dem Stall Sie besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kam einer der Männer auf Riesele zu und sagte zu den übrigen:

Hier staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Daupnin? Er ist zwar von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägi's?

Er sagte das etwa so, wie ein Theatermann einen jugendlichen Liebhaber sucht oder eine Heldenmntter oder eine komische Alte.

Alle kamen zu Riesele her: alle besahen, befühlten, betätschelien Riesele, und Rieiele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und spielte mit den Nüstern und svürte die vielen einoebenden Blicke wie Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward ge­streichelt, seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien 'eine Lippen wurden wiederholt auseinandergenomn'«, 'eine Zunge herausgeholt, seine Zähne mit einem blanken Schlüssel beklopft.

(Fortsetzung folgt.)

Trudelchen und sprach:

Hier. Kind ein Füchschen für dein Rappchen, und das hier gibst du deinen Brüdern! Hier, sieh genau hin, der Mann, der da im Gold abgebildet ist, das ist der Kaiser!"

Das Kind betrachtete die Münze und rief zum Fenster hinaus:

,Gustav, August, kommt herein, ihr habt goldenes Geld be­kommen!" , , , .

Sie kamen herein, und das Riesele ging, ohne ferner Mutter Ade gesagt zu haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens ent­gegen, den die Menschen sich eingerichtet haben.

8.

Der Fremde führte Riesele fort aus dem Paradies, am Buchenwäldchen vorbei in das nahe Städtchen an den Bahnhof, wo es mit seiner Mutter schon einmal gewesen war. Die Kinder kamen gelaufen, weil gerade die Schule aus war, und sie stellten sich ans Gitter des Gttterbahnhofes, wo das schwarze Gäulchen auf den Zug warten mutzte, sie winkten ihm, als es in den Bahn- wagen trat, und riefen seinen Namen, als sie es nicht mehr sehen

konnten! . , ,

Riesele blieb lange Stunden im Bahnwagen und fuhr übern Rhein. Da es heraüstreten durfte, hing vor seinen Augen ein ungeheures Licht, das langsam an einem Pfahl in die Höhe ge­leiert wurde, und ringsum zuckten kleinere Lichter auf. Die Sperre schnurrte zurück, und Riesele schritt hinaus in den Abend und stapfte neben dem Manne her über eine große flache Wiese, einem unheimlichen Gehege zu, zwischen desien Gebälk unabsehbare Gäule weideten, schwere- Gäule, deren Köpfe sich kaum einmal vom Grasboden erhoben.

Riesele durste nicht mehr in eine dieser Koppeln: es wurde in einen Stall geführt, der ganz weiß getüncht war. Hier ver­brachte es die erste Nacht in der Fremde. Gleich am Morgen

Neran iwortlich: l)r. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'fche Univerfitäls-Duch- und Steindruckerei. R. Lange. Gieße».

Im Walzertakt ritt er an zum Appell: Schottisch auf den Hinter­beinen konnten zwei seiner Gäule iloti tanzen! Einmal enchien er mit einem Rappen dessen Hufe vergoldet waren, zum Appell.

Vergoldet?" rief bas Trudelchen, das in der Mutter Schoß saß,und die Hufeisen, waren die auch von Gold?

Die waren natürlich auch von Gold! erwiderte der Vater und erzählte weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zir­kus ganz plötzlich, ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und wie die Menge vor Begeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien:Bravo, bravo! und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage Urlauf bekommen und °K1gtr9fU8?"1 stigte die Mutier,ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da weiß ick) auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen, ich heb meine Sache auf -bis zum Sonntag. ^a, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da ging ich auch mit!

Ich auch, ich auch!" verletzten die Buben und knöpften die Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich die Äugen und.flüsterte:

"^reilitfb' srettichl' ivir"alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lang er noch zu leben habe!"

Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, die Buben schnitten sich Degen aus Holz, klebten Papierbelme, gürteten farbige Bänder um den Leib, und das Mädchewckanzte, wo immer es ging und stand. Die Mär, daß Riesele in den Zirkus komme, wußte bald die ganze Jugend des Dorfes. Httpfseile, Springreife goldene Schnüre, Soldatengerät aller Art tauchten auf, und auch die Alten betrachteten das Tierchen mit den Augen ihrer Komodianten- tage, wie jeder Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. Dav ganze Dorf begann inmitten der grauen Kartoffelernte zu leuchten im zukünftigen Glanze des kleinen Riesele, und alle sagten:

Es hat sein Glück gemacht!" . .

Als jedoch die drei Wochen herum waren und der Fremde wiederkam, da wollte niemand das Riesele hergeben. Die ganze Stube war voller Kinder, aber das Riesele stampfte ungestüm in seinem Hag, als wisse es, was geschehen solle, und als wolle es möglichst rasch fort in den Zirkus.

Der Fremde zählte zwei lange Reihen dicker Silbermunzen auf den eichenen Tisch, der Vater überzählte sie, indem er mit zwei Fingern auf je zwei tupfte und sie ein bißchen hoher schob, und die Mutier hielt die Daumenspitze zwischen den Zahnen.

Die Buben liefen hinaus, wie sie das viele Geld sahen, und die Stube leerte sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, und als die Mutter sie auf den Arm nahm, kollerten dem Kinde die Tränen aus den Augen, und es sagte ganz laut:

Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie die Bruder den Joseph verkauft haben um dreißig Silberlinge: da hätten wir das Riefele doch Joseph nennen sollen, wie's noch ganz klein war!"

Die Mutter konnte die Tränen auch nicht verbeißen, sie sah den Vater an und sagte , ~ t t

Dreißig Silberlinge, dafür hat auch Judas den Herrn ver-

Ja, willst du das Riesele behalten?" fragte der Vater.

Die Kinder, die Kinder!" antwortete die Mutter,da guck hinaus, die Buben führen's fort!" .

Was die Buben tun, gilt wohl nicht!" sagte der Fremde, zog seine Börse und legte drei Zehnmarkstückchen zu dem Geld, Hob das eine wieder vom Tisch auf, reichte es dem weinenden