Ausgabe 
13.11.1933
 
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Sorfftt mit einem lungen Mann vor dem Haustor stehen sah, der mit allen Zeichen männlicher Sicherheit mit ihr scherzte? Das war entscheidend für mich, sie ganz verloren zu geben, mich aber zurückgestoben in die alte Einsamkeit zu finden, die in ihrer Schwere nur diesem Alter begreiflich ist. In einem Anfall ersten tiefen Liebeskummers lief ich die Stufen hinaus, flüchtete in mein Zimmer und vergrub den Kopf im ltzett.

Ich übte voreilig Rache, indem ich bei der nächsten Begegnung wegsah und beim Hinuntergehen über die Stufen vor mich hin­pfiff. Aber ihr folgendes Verhalten konnte mich doch belehren, daß ich falsch geschlossen hatte. Ihr Blick blieb mir immer gleich zugewandt und hatte nichts von seinem beglückenden Ernst ver­loren. Und einmal nachts vor dem Schlafengehen ließ ein Er­eignis wieder alle alte Sehnsucht wach werden: als ich wie immer meine gewohnte Ausschau über die untersten Hoffenster hielt, deren Scheiben sonst nachtspiegelnd und mit strenger Verschlossenheit diese unerreichbaren Zimmer fernhielt, da lag ihr Kopf, dunkel gegen einen lampenhellen Hintergrund auf dem Bord, das Ge­sicht nach oben: sie schaute in den Himmel, darin Sterne standen. Aber sogleich verschwand sie, ich hatte sie wohl verscheucht.

Wir zogen bald aus, und so rückte die Zeit das Haus der Kindheit bald in Vergessenheit. Es verging gut ein Jahrzehnt, bis ich unerwartet wieder von seinen Menschen erfuhr. Eine Ge­schäftsfrau des Stadtteils, die mich wiedererkannte, gab mir dar­über Auskunft: die Hausherrnfamilie hätte es lange verlassen, der Bruder, der schöne elegante Junge, sei im Kriege gefallen. Sie selbst aber habe lungenkrank in einem Sanatorium gelegen, und man fürchte noch für ihr Leben.

Magie des Herbstes.

Bon Dr. Johannes Günther.

Der Landschaftsdichter langweilt uns, wenn er nicht die Seele der Landschaft mit seiner vermählt hat und uns das Ereignis dieses Einswerdens in seiner gehobenen Sprache ausdrücken kann. Von der Herbstlandschaft dichten heißt selbst ein Magier sein wie das Herbstlied der Natur, das müde, verhalten leidenschaft­liche, verwesend und doch würzig duftende, neblige und doch durch­sonnte, tausendfarbige Herbstbild magisch ist.

Pilzduft am Weg und fruchtbar Regendunst, Der vor Gewitterschauern, Herbstgewittern Schwer aus dem Btrkenlaub zur Erde sinkt, Von dürren Aesten, von den weißen Gittern Der Stämme müd gehalten. Stare ziehn Wie ferne Böen über's Land, Und wo die Sonne noch durch Wolken rinnt, Ist es wie einer Stunde müd gemessner Sand.

So dichtet Hans Friedrich B l u n ck. In zwei Sätzen fügt er die Worte karg hinzu: in seiner norddeutschen Art: zögernd gibt er diesen Worten lyrische Hebungen. Keusch, tief-echt klingt inner­lichste Teilnahme an. In der nötigen meisterlichen Kürze entsteht ein Bild, im wahren Sinne des Wortesgedichtet".

Gewiß, Herbst ist Scheiden, Sterben. Diese Erkenntnis beugt uns. Es mag sein, daß der Dichter diese Stimmung schon in sich trägt und nun in der Herbst-Natur sein Abbild sucht. Ich denke an jenen Aufschrei der Melancholie, den Johann Christian Gün­ther im November 1715 mit einem schier über seine Kraft gehen­den Versuch in den Worten bändigte:

Was leid' ich nicht um dich, Du mir in's Herz geprägtes Bild! Die Sehnsucht jaget mich, So wie ein schüchtern Wild. Mein Schlaf ist nur ein Qualm, Mein Lied ein Klagepsalm, Die Angst der bangen Einsamkeit Begräbt mich vor der Zeit, Weil ich den Kuß Entbehren muß, Der so viel Lust verspricht: Doch hoff' ich, alles auszustehn. Verlaß' nur du mich nicht!

oder im Gegensatz dazu den männlich ins Herz zurückge- preßten Drang der Empfindsamkeit in Liliencrons kleiner lyrischer SkizzeAus der Kinderzeit": Der Mann entdeckt beim Aufräumen einen Kinderbrief, in welchem der kleine Briefschreiber, innerlich kaum beteiligt, an einer Stelle berichtet:Die Bäume sind nun kahl".

Die Bäume sind nun kahl das herbe Wort Ließ mich die Briefe still zusammenlegen, Gab Hut und Handschuh mir und Rock und Stock Und drängte mich hinaus in meine Heide.

Hier, die weite All-Einsamkeit wird die rechte Stätte für ihn sein. Die Herbsteinsamkeit der Heide. Aber besiegt ist die Melancholie nicht.

Die Melancholie kann jedoch abgewandt werden, die traurige Stimmung, die der Herbst hervorrnft, kann in ein Lächeln, in eine Resignation, ja, darüber hinaus, in eine, tief im Seeleninncrn, siegreiche Heiterkeit aufgelöst werden, wenn der beschaulich Lebende und Erlebende sich über das Sonnen- und Glücks-Restchen, das der Herbst vergönnt, zu freuen weiß und damit denn auch in diesem Fall ist der Herbst ja Abbild, Sinnbild zu schlichtem, schönem Gleichmaß. Ich denke da an die zarte Herbstfeier, die

Johann Heinrich Voß angesichts der lieblichen Umgebung EutinS beging und festhielt in seinen VersenHerbstsang". Das ist frei­lich etwas bedächtig-lehrhaft:

Oh geh am sanften Scheidetage

Des Jahrs zu guterletzt hinaus

Und nenn ihn Sommertag---*

und gar:

Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet Die Freuden im Vorüberfliehn ..

Am sichersten aber wird der gesunden, der sich dem Licht und dem Farbensegen des Herbstes hingibt. Karl Nötiger schreibt schon als Zweiunddreißigjähriger

Ich soll mein Herz nun lösen

Von allem blinden und bösen Wollen, Wünschen und Wahn, Von allem schmerzlichen Weinen, Von allem verworrenen Kleinen, Von allem, was mir weh getan. Im Herbstlicht muß ich stehen Und in das Leuchten sehen.

Herz, trink dich sonnensatt.

Immerhin galt es, eine Melancholie, die der Herbst mit sich bringen soll, zu überwinden. Es gibt aber auch eine Philosophie oder, besser gesagt, eine denkerisch, fast religiös, ausgewcrtete Naturanschauung, die eine Melancholie von vornherein gar nicht kennt: die vielmehr im Herbst-Vorgang etwas Frohes, Sieghaftes sieht.Alle Blüten müssen vergehn, daß Früchte beglücken" sagt Goethe in der Sammlung von Weisheitssprüchen, die er in dem BucheVier Jahreszeiten" gerade dem Herbste zuschreibt. Nur aus einem Untergang kann Auferstehen, kann Leben kommen. Nur aus dem Opfer kommt der Sieg. Unter den Eichen formt der junge Theodor Körner den schon sehr reifen Gedanken:

Und wenn herbstlich eure Blätter fallen, Tot auch sind sie euch ein köstlich Guti Denn, verwesend, werden eure Kinder Eurer nächsten Frühlingspracht Begründer.

Die Blätter sterben ab, sinken zu Boden, aber sie düngen das Erdreich, auf daß neues Wachstum aus ihm aufsteigen kann. Ihr Sterben, ihr Fall ist notwendig. Sie sterben ja eigentlich nicht. Hier wandelt eine Kraft nur ihre Form. Herbst ist Wandlung. Wandlung ist Leben. Leben ist Grund zur Freude. Anton W i l d - gans schrieb ein eigenartiges Gedicht:Genius des Herbstes": der Herbst ist der Arzt am Bette einer Gebärenden. Die Mutter stirbt. Der Arzt ist sorgend um sie ...

Dann wendet er sich ab von all dem Sterben Und weiht dem jungen Leben sein Erbarmen, Und aus der Mutter toterstarrten Armen Hebt er das Kind, den Frühling, ihren Erben!

Dionysos, der Herbstgott, ist also der Leidende und der Froh­lockende zugleich. Seine Gabe, der Wein, ist Sorgenbrecher und Erkenntnissteigerer zugleich. In HölderlinsHerbstfeier" schwingt so hellenisch-germanisch Lust und Ernst. Wir sehen das in Klopstocks GesangRheinwein" noch zu empfindsamer Glut gesteigert und imRheinweinlieb" des Matthias Clau­dius treuherzig verfestigt:

Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben. Gesegnet sei der Rhein!

Da wachsen sie am Ufer hin und geben Uns diesen Labewein.

So trinkt ihn denn und laßt uns allewege Uns frcun und fröhlich sein!

Und wüßten wir, wo jemand traurig läge, Wir gäben ihm den Wein.

Unausgesprochen tönt diese Gewißheit, daß der Herbst Leben sei, ja vielleicht die spürbar lebendigste der Jahreszeiten, in den Poesien mit, die von ihres Dichters Trotz künden. Dehme l geht am Herbsttage hinaus und findet in der Kiefer, die dort mit dem Sturm kämpft, einen gleichgesinnten Bruder, und er macht sich über die kränkelnden Stubenhocker lustig. So gehören seine Ge­dichte ,Die Harfe" undNovemberfahrt" zusammen das erste ist enthusiastisch, das zweite sarkastisch. Aber es gibt gewiß Dichter, die ihren Trieb, hinausziehen zu muffen in den Herbst, feiner und stiller und inniger begründen. Sie werden getroffen von der Magie des Herbstes, der sie sich unbedingt ans einige Zeit, auf starke Schaffenszeit, hingeben müssen. Sie müssen teilnehmen an diesem großenStirb und Werde" in der Natur. Andere Menschen würde dies Erlebnis niederwerfen. Sie werden darum nicht ver­achtet. Es können liebste Menschen sein. Sie sollen zurtickbleiben und die Schaffenden getrost ziehen lassen. Hermann Stehr dichtet:

Du, meine Frau, laß schreiten Alleine mich durch's Feld, Dies leise Hinübergleiten Beschattet dir die Welt.

Mir ist das Schwinden Bringen Und jede Fluchtgestalt Ein herrliches Gelingen Lebendiger Allgewalt.