Ausgabe 
13.11.1933
 
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Jahrgang (955

Montag, Öen 15. November

Nummer 88

GieheimZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Guleika.

Von Marianne von Willemer.

Was bedeutet die Bewegung? Bringt der Ost mir frohe Kunde? Seiner Schwingen frische Regung Kühlt des Herzens tiefe Wunde.

Kosend spielt er mit dem Staube, Jagt ihn auf in leichten Wölkchen, Treibt zur sichern Nebenlaube Der Insekten frohes Völkchen.

Lindert sanft der Sonne Glühen Kühlt auch mir die heißen Wangen, Küßt die Neben noch im Fliehen, Die auf Feld und Hügel prangen.

Und mir bringt sein leises Flüstern Bon dem Freunde tausend Grüße,- Eh noch diese Hügel düster«, Grüßen mich wohl tausend Küsse.

Und so kannst du weiterziehen! Diene Freunden und Betrübten. Dort, wo hohe Mauern glühen, Find ich bald den Vielgeliebten.

Ach, die wahre Herzenskunde, Liebeshauch, erfrischtes Leben Wird mir nur aus seinem Munde, Kann mir nur sein Atem geben.

Erste Liebe.

Von Robert Braun.

An einem milden Winterabend führte mich der Zufall in den Teil unserer Stadt, der der Aufenthalt meiner j^nöheit war. Ich kam in die Gasse, wo das ansehnliche Zinshaus steht, in dessen oberstem Stock wir gewohnt hatten. Obgleich ich während der langen Jahre unseres Auszugs schon mehrmals hier vorbei­ging, hatte mich nie ein so starkes Verlangen erfaßt, wieder ein­zutreten, diesmal aber tat ich es fast willenlos,- ich drückte die Klinke des kleinen Bürgcrtors nieder, das von selbst ins Schloß fiel, und befand mich im Flur. Ganz selbstverständlich, als ob ich hier beschäftigt wäre, bog ich links zurersten Stiege" ein, ging vom Auge des Hauswarts betrachtet, durch den langen Veranda- gang, vor dessen Fenstern der Hof liegt, und, den Schritt verlang­samend, den ersten Stock hinaus seit vielleicht zwei Jahrzehnten wieder am alten Orte der Kindheit.

Zwar schien dem Stiegenhaus die Seele entwichen, doch bald erkannte ich Vertrautes. Immer noch bekleideten in abgeblaßten Resten die Phantasie-Marguertten die Wände, immer noch folgte das zu redlichen Ranken gebogene Eisengeländer dem Anstieg der Treppe, die in je drei Absätzen zivei längeren und einem kurzen die Stockiverke erklimmt. Nun stand ich im ersten, dem für inich bedeutsamsten.

Hier hatten einst die Besitzer gewohnt, zwei verschwisterte Damen, von denen die ältere in weitläufigen Zimmern allein >u leben schien, die andere gegenüber und mit größerer Familie. Zwischen den Türen, die ein roter Lauftcppich der einzige im ganzen Hause verband, gab es oft lebhaften Verkehr. Wenn ich von unserem vierten Stock hcrabkam, konnte ich unten Schlüssel klingeln hören und sah vom Geländer aus einen Angehörigen der Familie oder jemanden vom Gesinde iiber den Teppich gehen. Das märe freilich für den elfjährigen Knaben, der ich damals war, nicht denkwürdig geworden, wenn nicht eine Person allem besonderen Inhalt verliehen hätte: die jüngste von den drei Nichten der kinderlosen weißhaarigen Hausfrau.

Es ivar an einem Wintertag gewesen, als sie mir zum ersten Mal ausfiel. Meine Erinnerung zeigt mich mir als Volksschüler mit bebänderter Matrosenkappe und kurzem Wintcrrock, den zwei

Reihen messingner Knöpfe zieren. Dunkel weiß ich, daß wir uns zweimal innerhalb weniger Stunden begegneten. Das erste Mal beim Ausgehen durch das Haustor, wo mich ihre blauen Augen anblickten, und das zweite Mal bei der Rückkehr von der Straße, über der ein leiser Schneeflockenfall schwebte, wieder beim Haustor, wo sich ihr ernstes Anschaun so eindringlich wiederholte, daß ich bis tief ins Herz erschrak.

Damit war mir für Jahre der Keim einer schweren ratlosen Liebe eingepflanzt. Es gab kein Betreten des Stiegenhauses mehr, ohne die ängstliche Erwartung, sie wtederzusehen, die mir durch Zufall oder die unbekannten Bedingungen ihres offenbar strengen Schülerinnendaseins verborgen blieb, bis nach Wochen unerwartet eine neue Begegnung erfolgte. Manchmal erreichte ich sie früh morgens beim Haustor. Ihre braunen Zöpfe fielen über die Schultasche, die nicht wie die meine, eine bloßes Lederkästchen war, sondern schon eine Mappe, mit Riemen verschließbar und für höhere Töchter bestimmt.

Am schönsten war's, wenn wir uns auf einer gleichgültigen Straße entgegenkamen. Schon von ferne war mir der Blick ihres beinahe trotzigen, deutschen Jungmädchen-Antlitzes zugewendet, diese starken Äugen, die der Ernst der Lider zur Hälfte verdeckte. Die Seligkeit über dieses schweigende Einverständnis machte meine Beine schwankend. Ich erfuhr zum ersten Mal die Ur­freuden der Liebe: die überraschende Entdeckung, daß man auf dieser Erde nicht allein ist, daß einem jemand sein Wesen schenkt, wenn auch nur durch die Sprache des Blickes.

Neben der Türe der Hausfrau brannte ein Wandarm mit flackerndem schwachen Licht, an dem wohl ein Leitungsfehler sein mußte. Wenn ich an dunklen Wintertagen von der Nachmittags­schule heimkam, hörke ich schon im Flur das Kochen der Flamme und roch den erregenden Geruch ausströmenden Gases. Jeden Augenblick konnte ich wieder das Schlüsselgeräusch vernehmen und jemanden von den Bewohnern des ersten Stockes den Gang überqueren sehen: wenn nicht die Geliebte selbst, so die aschblonde Haushälterin oder den gleichaltrigen Bruder, dessen Gesicht dem ihrigen glich und der mit der selbstverständlichen Eleganz reicher Söhne aufirat Es konnten auch ihre steifen älteren Schwestern kommen oder die strenge Hausherrin selbst

Lange dauerte der Sommer der beiden Familien, den sie, wie eS hieß, auf ihrem Gut verbrachten Noch vor Schul-Ende waren ihre Fenster mit Papier vermacht, das herabgelassene grüne Ja- lusien vortäuschte. Und als eines Tages die Flügel wieder offen standen, war es tief im Herbst, und ich besaß schon Bücher und Hefte für das neue Schuljahr, die angenehm rochen. Von der Gasse aus begrüßte ich geheim die ersehnte Ankunft. Ich sah wie­der in das braun getäfelte Zimmer, bas immer am meisten er­leuchtet war. Aber ich wußte: sie. die dem Ganzen Bedeutung gab, fehlte noch: die Wohnung wurde gesäubert, bevor die Herrschaft einzog. Erst eine neue Begegnung mit ihr, die durch unbekannte Sommerfreuöen kräftiger und so gebräunt geworden war. daß die Blaue ihrer Augen tiefer erschien, gab mir die wohlige Gewiß­heit einer neuen Hausgemeinschaft während der zukünftigen Win­termonate. Im Frühling bekam ich sie öfter zu Gesicht. Dann lehnte sie manchmal zwischen den zurückgezogenen roten Damast­portieren des offenen Fensters und atmete milde Luft ein, ober ich sah sie von der Hofseite aus über den Parkettboden ihres Zimmers gehen. Manchmal auch übten Bruder und Schwester auf Fahrrädern im Hofe elegante Schwünge und Kehren, was freilich zu meiner Vorstellung von ihrem Ernst nicht stimmte. Ein­mal bewarfen sie sich sogar mit Rollen aus Pappe zwischen Hof und Fenster ganz öffentlich.

Der Versuch, eine wirkliche Entscheidung herbeizuführen, .in­dem ich ihr einen Liebesbrief sandte, schlug fehl. Ich weiß nicht, welche Beteuerungen ich mit meiner angestrengten Knabenfeder verfaßte, sondern nur das eine, daß ich mir die Antwort an ein nahegelegenes Postamt erbat. Wie oft fragte ich dort hochklopfen­den Herzens an, erwartend, der Beamte würde ein für mich be­stimmtes Schreiben durch den Schalter reichen, worin sie mir ihre Neigung gestand und ein Stelldichein gewährte, aber ich ging immer leer fort. Ich vermutete, daß die Familie meinen Brief abgefangen und ihr vorenthalten hätte.

Keine Liebe entgeht dem Tag des großen zerstörenden Schmer­zes, und so mußte auch ich daran glauben, ich, der diesem Mäd­chen nach zwei Jahren eigentlich ebenso fremd geblieben war wie den tausenden anderen meiner Stadt, ... da ich sie nicht einmal grüßte. Aber wie hätte ich nicht tief erschrecken sollen, als ich sie eines Spätnachmittags im Frühling ich kam gerade aus dem