Für ein zwanzigjähriges Proletariermädchen, finde ich, eine verständliche und einfache Nationalökonomie ...
Uebrigens empfand Elli für ihren künftigen Chef immer erne gewisse Zuneigung. Schönlein geht immer so gut angezogen, sie verliebte sich von jeher in seine hübschen Krawatten, niemals sah sie ihn unrasiert. Ihm eignet, Frauen gegenüber, eine besondere Höflichkeit. Man mutz seine Hände ansehen, an denen nichts Brutales ist. Abends trägt er Hausschuhe aus schwarzem Lack, und oft unterbricht er sein Diktat, indem er eine silberne Zigarettendose zu Elli hinüberschiebt, oder einen sühen Likör im Silberbecher. Silber ist sein Lieblingsmetall. Aber nun mutz man ihn bewundern, diesen Mann, der als klarer Kopf unter unklare Leute tritt, und dem überlassen werden mutz, aus dem Zusammenbruch für alle noch etwas zu retten, und der keinen dabei bevorzugt. Elli hat sich lange gegen diese traurige Ueberzeugung zu wehren versucht, und aufrichtigerweise unterliegt sie bei Tage immer noch ein wenig dem Eindruck, den Doktor Wagenschanz und sein Verhalten auf sie macht. „Wenn der im Grabe läge, er würde es aufstemmen. Es kann doch nicht so schlecht um ihn stehen, er experimentiert unaufhörlich und hat seine neue Rasierseife zu verbessert, daß er sie sofort fabrizieren lassen möchte, aber seine Gläubiger erlauben es ihm nicht. Er sagt, daß Sie es nicht erlauben." „ ~ „
Peter zuckt die Achseln. „Ein Phantast. Querkopf. Ein Bulle, der gegen das rote Tuch rennt. Aber es gibt eben Menschen, die wie eine Kanonenkugel nur in der Richtung weitermachen können, in der sie abgeschossen sind; es gibt für diese Leute keine Vernunftgründe, keinen Zweifel, keine Einsicht, sie haben ihre Richtung im Gehirn und müssen sie fortsetzen. Das ist das ganze Geheimnis."
„Wie Sie doch alles verstehen, Herr Schönlein. Ich kenne ihn seit drei Jahren und habe mich nie in ihm ausgekannt, Sie sagen drei Worte über ihn und machen ihn mir begreiflich."
„Das war nicht sehr schwierig, Elli." Peter lächelt. Sie betrachtet seine Hand und empfindet unvermittelt das rasende Bedürfnis, er möge einmal ihr Haar streicheln, eine ganz flüchtige Bewegung, nichts Erotisches, pfui, yur einen kleinen Dank, daß man um Mitternacht hier bei ihm sitzt und seine Auffassungen zu Papier bringt, obwohl man eigentlich jetzt spätestens daheim ankommen müßte, oben in der Mansarde bei der Witwö Wagenschanz, müdemüdemüdemüde, die Kleider abstreifen und umsinken.
Aber es handelt sich um etwas sehr wichtiges. Die drei Inserate, die das Unheil heraufbeschworen haben, blieben ohne Wirkung, wenigstens ohne greifbare. Nur treffen täglich Stötze und Waschkörbe von Briefen ein, keine Bestellungen, leider, sondern nur Erkundigungen von Drogisten, Friseuren und Großhändlern, um was für eine unbekannte Firma es sich in jenen Inseraten eigentlich handele, nirgends sind die Waren auf Lager, kein Mensch kennt sie, kein Händler kann sie vorzeigen, wenn die Kunden fragen, was denn eigentlich damit los sei. Und man möge um
gehend Muster und Prospekte senden.
Daß dies geschieht, ist selbstverständlich, es findet auch Schönleins Billigung. Die in der Fabrik verbliebenen Arbeiter sind mit dem Verpacken und Befördern dieser zahlosen Sendungen beschäftigt, die in die Tausende gehen. Heute ging es so arg her, daß sogar der Kandidat Kieselbach und Rosemarie helfen mußten, Doktor Wagenschanz organisierte so etwas wie eine Arbeitsteilung im Falten und Einpacken und Adressieren der Muster. Er schrie und sporte alle an, es herrschte ein Betrieb wie bet einer Mobil
machung.
Schönlein zieht bedauernd die Schultern hoch. „Es tut mir wirklich leid um ihn, was nützen ihm tausend Anfragen, und ein Musterstück ist noch kein Absatz. Das kommt doch alles viel zu spät und kann ihn nicht mehr retten."
Das stimmt, findet Elli. Die nebelhaften Hoffnungen, die Wagenschanz-Werke würden das Weihnachtsgeschäft an sich reißen, bleiben durchaus dürre und verwirklichen sich nicht. Allerdings, etwas mehr Absatz gibt es doch: in jenen Gegenden, die schon vorher bearbeitet waren, geht der Verkauf schlagartig in die Höhe, aber das sind nur einzelne und kleinere Städte.
Daß eine gewisse Belebung im Verkauf eintritt, leugnet auch Schönlein nicht, nach diesen irrsinnigen Werbemaßnahmen. Die Zeitungen unserer Stadt haben sich mit den mißlichen Verhältnissen bet den Wagenschanz-Werken beschäftigt, wieder einmal geht Antons Name von Mund zu Mund. Die Frauen erfahren, daß die neue Fabrik sttllgclegt ist, und kaufen für alle Fälle noch ein paar Tuben der Schünheitskreme Erotikon. Die Männer kaufen aus dem gleichen Grunde noch einige Tüten „Barbaran weich" auf Vorrat. Die Händler decken sich daraufhin mit neuen Beiräten ein, wenigstens in unserer Stadt werden die Erzeugnisse plötzlich gekauft, bar bezahlt. Das ist erfreulich für Antons Gläubiger, aber was will es besagen gegenüber diesen Riesen- vorräten, gegenüber dieser in die Luft gepufften Propaganda?
Nun handelt es sich aber darum, daß Anton von Tag zu Tag drängender eine Wiederaufnahme der Fabrikation von seinen Gläubigern fordert, er schickt seinem Anwalt täglich eine Liste der eintreffenden Bestellungen, die Kurve zeigt sehr merklich nach oben und sagt für den ungünstigsten Angenblick vierzehn Tage vor Weihnachten, eine Erschöpfung der Verkanfslager voraus. Schönlein hält ihm vor, daß diese Bestellungen winzig sind, wenn man die unverkauften Lager betrachtet.
Immerhin ist er Anwalt der Fabrik und nicht der Gläubiger, also mutz er auf AntonS Drängen eine Serie Eilbriefe an alle Gläubiger versenden, er wägt in vorsichtiger Weise die Worte,
damit man ihn später nicht beschuldigen könne, er habe die Karre nur noch tiefer in den Dreck gefahren. Jedenfalls beantragt er in diesem Schreiben, aus den mit Beschlag belegten Eingängen möge die Lohnsumme für drei bis fünf Arbeiter hcrausgcgeben werden, zwecks vorlänsiger Wiederaufnahme der Fabrikation nur der Kreme und der Rasierpille, und auch dies unter Beachtung der jeweiligen Bestellungen. Rohstoffe besitze das Werk noch bei weitem ausreichend.
Diesen Brief an die vierzehn Gläubiger des Unternehmens, vierzehnmal Eilboten. Zwei Uhr nachts. „Sie sind müde, Etlichen. Tut mir leid, aber das muß noch erledigt werden. Ich werde einen standesgemäßen Kaffee für Nachtarbeiter Herstellen."
„Doch. Ich schaffe es noch. Kleinigkeit." Aber ihre Augen blicken schon dunkel, glänzen sehr und sind mühsam geöffnet.
Nach einigen Minuten kommt Schönlein mit einem hübschen Tablettchen zurück, Silber und blitzend sauber, unter dem braunen Kännchen brennt ein kleines Spiritusflämmchen. Das versteht Peter so wohltuend herzurichten. Aber die Schreibmaschine klappert nicht mehr. Elli sitzt mit den Händen im Schoß, die Schultern zusammengezogen, ihr kußlicher und ein wenig geschminkter Kindermund ist ganz klein geworden, und über die Augen haben sich die Lider gesenkt, blasse Lider mit den feinen blauen Aeder- chen der Uebermüdung.
Peter stellt sein Tablett beiseite und überlegt, was er tun soll. Es wird ihm nichts übrig bleiben, als daß er seine etwas abgelegenen Schreibmaschinenkünste hervorholt und die vierzehn Briese zu Ende schreibt. Die kleine Elli tut ihm leid. Ein hageres Gesichtchen, nie hat ihr jemand gesagt: du bist schön, und wenn es ein Glück für sie gab, so hieß es: schinde dich ab für andre Leute. Niemand fragt, ob sie müde oder traurig ist, niemand verwöhnt sie. Es gibt Blnmenläden, an deren zärtlicher Fülle Elli vorübergeht. Kommt sie wohl ans den Gedanken: schenkt mir mal einer ein Sträußchen? Hinter den Schaufenstern der Juweliere und der Wäschehandlungen blitzt der funkelnde Ueberfluß. Ellt trägt keinen bescheidenen Talmiring am Finger, und wer hätte ihr wohl mal ein seidenes Hemdchen geschenkt? Aber obgleich das Glück ihr immer die Kehrseite zudreht, nie hört man sie klagen. Wo sich eine Ritze Hoffnung auftut, Hoffnung für andere, Elli stemmt sich sogleich hinein, sie lacht und tröstet und ermutigt die Leute ihres Lebenskreises, und wenn es das Unglück will, so geht sie stempeln und beklagt sich nicht lange, das müssen heutzutage so viele, und deshalb ist es für Elli kein Grund, sich aufzuregen.
„Kleines Mädchen", flüstert Schönlein und streichelt die blonden Dauerwellen, „aufwachen, heimgehen, schlafenlegen."
Das kleine Mädchen schlägt große Traumangen auf und murmelt etwas, was nach „Ja, gleich!" klingt, und schläft schon wieder, kerzengerade sitzend und nur ein wenig angelehnt. Dieser Schlaf fängt am Munde an, möchte man sagen, steigt in die Lider und bemächtigt sich jetzt des Nackens, der seinen Halt verliert, er macht die Schultern schlaff und nun den Rücken. Das kleine Mädchen an der Schreibmaschine schläft ganz fest, es wacht auch nicht auf vom Geruch des starken Kaffees, den Schönlein in einem Mokkatäßchen unter Ellis Nase hält, und er sicht dabei, wie spitz diese Nase schon ist. Das blüht im Schatten noch zwei, drei Jahre, dann verwelkt cs über ein paar Jahrzehnte, und so erfüllt cs seine Bestimmung.
Schönlein nimmt die Schlafende vom Stuhl auf, die Arme um Ellis Schultern und um ihre Knie, sie liegt nicht schwer an seiner Brust, und trägt sie in fein Arbeitszimmer hinüber, dort steht ein Liegesofa, das ist gut dafür, dort streckt dieser federleichte Körper sich aus, ein Rest Besinnung kuschelt die Wangen in die vielen Kissen hinein, die Peter herbciholt. Hier mag Elli eine Stunde schlafen, während er die Briefe zu Ende tippt.
Aber dann ergreift es ihn mit einer zarten Mächtigkeit, daß eine tiefe Nacht ist, und wieder eine Frau schlafend in seiner Wohnung, ein wunderhares Gefühl, etwas bis in den Grund der Seele Entbehrtes.
Er schiebt keinen neuen Bogen in die Maschine und kehrt an Ellis Lager zurück. Die strähnigen Haare hängen ihr in die Stirn hinein, der Körper liegt da in seiner unschuldigen Wehrlosigkeit. Schönlein zieht ihr vorsichtig die Schuhe ans, Kleinmädchenschiibe ans dem Ramschhasar, und die Strümpfe haben an jedem Faß ein Loch, aber auch dieser lächerliche Anblick verbirgt nicht, wie zierlich Ellis Füße sind, und auch die zerdrückten Aermel ihrer Waschbluse leugnen nicht das Ebenmaß dieser Arme.
Peters Müdigkeit verfliegt. Den Kaffee, den er für Elli braute, holt er sich selber, er stellt sich einen Stuhl herbei, vor dies Sofa. Eigentlich müßte er Elli wachrütteln. Aber wer wartet auf sic? Es tut so wohl, eine schlafende Frau zu sehen, es geht tief in die Seele hinab und verbindet die fernsten menschlichen Zeiten. Wcibcr erobern und verteidigen, mit ihnen das künftige Leben zeugen, es ist ein nie begriffenes Gebot der unendlichen Natur. Aber der Urmensch kauerte am Lager des schlafenden Urweibes.
Schönlein zieht eine Plüschdecke über Elli, bis an den Hals. 1 Eine Weile später geht er in fein Schlafzimmer, entkleidet sich und ! legt sich nieder. Aber schlafen kann er nicht. Es ist wieder eine ■ Frau im Haus! Und noch mehrmals in dieser Nacht wandert er von feinem Rett zu Elli, wagt kein Licht zu machen, weil er fürchtet, sie könnte aufwachen und heimgehen. Vor seinem Hause sicht eine Laterne, nackte Kastanienäste schwanken darüber in der Winternacht, Schatten und Licht tanzen an der Decke.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'scheUniversitätS-Duch» und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.


