Ausgabe 
13.10.1933
 
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E, Hat eht Gesicht, daS Ludwig Moellers nicht kennt. Schwei­gend und nachdenkend, wo sie einander hiniun sollen, sehn sich die beiden an, der abgemagerte und zerlumpte Heimkehrer und der kräftige, gesunde Mann im Manchesteranzug.

Jetzt kommt ein Pferdeknecht aus dem Stallverschlag hinzu und fragt grinsend:Buer, wat ts dat'n für een?"

Buer? hört Moellers. Buer?!

Und nun reckt er sich hoch, das Scheue und Gedrückte ver­schwindet von ihm, denn hier matzt sich ein Fremder einen Herren­titel an, der ihm, Ludwig Moellers, gebührt. Seine Augen funkeln zornig, als er herrisch fragt:Wer is hier Buer, wat?!"

Der Knecht glotzt von einem zum anderen. Der Mann aber tritt von der Leitersprosse langsam und schwer herab und macht einen Schritt auf den Feldgrauen zu.

Wer hier Buer is? Ick bin hier Buer!"

Du lüchst!" schreit Moellers. Eine Wut packt ihn, aber ge­dämpft durch eine plötzlich heraufsteigende Trauer.

Er vermißt etwas. Kein geschlachtetes Kalb, kein erleuchtetes Haus, kein Trara und keine Musik zum Fest seiner späten Heim­kehr, von der ja auch niemand etwas ahnen konnte, und doch fehlt hier etwas. Und dafür ist etwas Fremdes und Störendes zu viel da ...

Du lüchst! Ick bin de Buer!" schnaubt Moellers den Mann da vor ihm an und ballt seine Hände, um sich auf ihn zu stürzen.

Der andere verzieht böse spöttisch den Mundwinkel, er will nicht wissen, wer der Zerlumpte ist, woher er kommt, er wendet sich rasch von ihm weg. Ueber die Schulter sagt er zum Knecht: Hein, de is besoopen! Smiet em vor de Dör!"

Und Moellers wird von dem Knecht Hein gepackt, daß er seine müden, morschen Knochen nicht mehr rühren kann, und landet mit einem Fußtritt im Rücken stolpernd vor dem Mist­haufen. Sein Sack mit der russischen Aufschrift, der ihn von Sibirien begleitete, fliegt hinterher. Der Knecht tritt den Mahl­stein zur Seite und zieht das Tor hinter sich zu.

Ludwig Moellers erhebt sich, in schäumender Wut mit den Zähnen knirschend und stiert das Tor an, über dessen oberem Oval ein dünner Streifen Licht schimmert. Seine aufgerissenen Augen brennen vor Schmerz, seine Nägel bohren sich in die Handballen. Anzünden! Anzünden! denkt er. Das Haus anzünden, die Scheune anzttnden mit der Glut aus dem Backofen! Und er stürzt zum Backhaus. Er findet ein Büschel Stroh, bläst in die Holzglut. Das Stroh ist feucht und qualmt, der Rauch beizt seine Augen, sie beginnen zu tränen.

Da löst sich auch der Schmerz in seinem Innern, er wirft sich vor der Feuerstätte auf die Knie, und legt den Kopf stöhnend gegen die warmen Backsteine.

Hier ist das Brot deiner Kindheit gebacken worden, Bauern­brot, spricht es in ihm, hier hat deine Mutter gebückt gestanden und Jahr für Jahr die langen schwarzbraunen Laibe mit dem Backholz herausgezogen, hier hast du die frischen Krusten des warmen Brotes in den Mund gesteckt bekommen, wenn du ihr zusahest, so klein wie jetzt auf den Knien. Mit dem Kopf hast du nicht höher gereicht als jetzt ... Da drüben ist dein Kammer- senster, in dem du satt und warm geschlafen hast als Kind, und dort hinten am Heiderand sind die Hünenstcine mit allem Grauen und allem Zauber deiner Jugend. Und was du bist und was du bis heute warst im Unglück der Fremde und im Glück deiner Sehnsucht das bist du nur durch diesen Hof und diese Erde und diesen Geruch geworden ... Mann! willst du deine Herkunft ausrotten, deine Heimat verbrennen! Ist das nicht alles dein wahrer Besitz für ewige Zeiten, wer sich auch immer darauf breit machen mag! Mag man dich fortjagen, verlieren kannst du nur, was du dir selber nimmst.

Ludwig Moellers stand auf und sagte halblaut vor sich hin: Wcet de Dübel, wat hier los is! Weet de Dübel, wat in Dütschland los is! Wenn ook fremde Lüd hier wohnt un mi von'm Hoff jogt, wenn ook fremde Lüd in Dütschland de Buern speeln wüllt, de, dem de Hoff tohört, de kümmt wedder! De, dem Dütschland tohört, de kümmt wedder to ehr Recht! Dat is wohr un dat bliwwt wohr!"

Und Ludwig Moellers stapfte den Feldweg langsam zur Straße zurück, wanderte schwerfällig und müde zum Dorf zurück, setzte sich in die Wirtschaft und fragte, nachdem er sich zu er­kennen gegeben hatte, nach dem Schicksal seines Hofes. Er er­fuhr, daß fein Bruder auf dem Rückzug aus Belgien ums Leben gekommen sei, daß man den Hof auf zehn Jahre an einen Bauern­sohn aus Tostedt verpachtet habe, da man von dem in Rußland verschollenen Ludwig Moellers keine Nachricht bekam.

Verpachtet, nicht verkauft! jubelte es in dem Heimkehrer auf und seine Augen senkten sich dankbar auf die gefalteten Hände. In zehn Jahren und vielleicht schon früher ist alles wieder mein! Dank! Dank! ...

Dann aber sagte er leise vor sich hin: Willem! Nu bin ick alleen ... Ober du mußt keen Angst hewwen, ick paß good op, ick paß für di mit op, Willem. Du kannst ruhig slapen, Willem ...

Von einem festen Laib Roggenbrot, den der Wirt ihm auf den Tisch gelegt hatte, schnitt sich Ludwig Moellers den ersten Knacken herunter. Wie kräftig das duftete, rote gut davon zu essen roar! Bauernbrot! Brot der Heimat! ...

Herbstgefühl.

Von I.W. von Goethe. Fetter grüne, du Laub, Am Rebengeländer Hier mein Fenster herauf! Gedrängter quellet, Zroillingsbeeren, und reifet Schneller und glänzend voller! Euch brütet der Mutter Sonne Scheideblick,' euch umsäuselt Des holden Himmels Fruchtende Fülle: Euch kühlet des Mondes Freundlicher Zauberhauch, Und euch betauen, ach! Aus diesen Augen Der ewig belebenden Liebe Vollschroellende Tränen.

Das Marne-Drama.

Von Generaloberst von Einem.

Der 80jährige Generaloberst von Einem, der langjährige Kriegsminister unter Wilhelm II. und Heerführer im Weltkrieg, bietet in seinen bei K. F. Koehler in Leipzig erschienenenErinnerungen eines Soldaten" aus genauester Kenntnis des deutschen Heeres in Krieg und Frieden einen bedeutsamen Bei­trag zur Geschichte des letzten halben Jahrhunderts. Besonders erschütternd ist das Kapitel, in dem er zu der Schicksalsstunde des Weltkrieges, der Marneschlacht, Stellung nimmt.

Die Literatur über die Marneschlacht ist bereits so umfang­reich geworden, daß ich es mir versagen kann, mich in Einzelheiten ihres operativen Laufs zu vcrlicreu. Wenn ich mich im Rahmen meines Buches überhaupt zu diesem Thema äußere, so geschieht es nur, weil man die Schuld an ihrem Fehlschlag vielfach und besonders in Laienkreisen unserer angeblich ungenügenden Rüstung, d. h. also dem Kriegsministerium, zur Last legt. Dieser Vorwurf ist falsch: ich kann ihn als früherer Minister um so eher zurückweisen, als er nicht einmal gegen mich selber, sondern nach Lage der Dinge nur gegen meine beiden Nachfolger gerichtet ist. Dabei darf ich meine Kompetenz zur Beurteilung der ganzen Frage daraus herleiten, daß ich zunächst einmal die gesamte Ma­terie aus meiner Tätigkeit im Generalstab und Kriegsministerium besonders gründlich gekannt habe, und daß ich zum ander» auch unmittelbar am kritischen Punkt stand, als uns an der Marne das Verhängnis ereilte. Denn da mein VII. Armeekorps aus dem rechten Flügel der 2. Armee focht, so klaffte unmittelbar neben meiner 13. Division die bekannte Lücke, als die rechts von uns befindliche 1. Armee zur Abwehr eigener Umfassungsgefahr ihre beiden linken Flügelkorps auf den rechten Flügel herumwarf.

Au diesem Punkt bzw. beimLoch" pflegt die Kritik nun ein­zuhaken, soweit sie gegen das Kriegsministerium gerichtet ist. Hätten wir damls, so erklärt man, die fehlenden drei Armeekorps gehabt, die der Generalstab in den Wehrvorlagen von 1912/13 vergeblich gefordert hat, so wäre dasLoch an der Marne" über­haupt nicht entstanden bzw. es wäre doch ein leichtes gewesen, cs mit Hilfe dieses Korps wieder abzuriegeln.

Das klingt ja nun soweit ganz schön und verständig. Aber leider ist es nur blaffe Theorie, und zwar eine Theorie, die von falschen Voraussetzungen ausgeht und daher auch zu völlig falschen Ergebniffen führt. Ganz abgesehen davon, daß sich in der kurzen Zeit von etwa 1912 bis 1914 drei weitere Armeekorps nur äußerst behelfsmäßig und keinesfalls mit der bei uns üblichen organifato- rischen Vollkommenheit hätte aufstellen Iaffen ganz abgesehen davon fußt die Kritik auch auf der durchaus irrigen Annahme, die Marneschlacht sei infolge unserer mangelnden Stärke verloren ge­gangen. Nichts ist verkehrter als diese Unterstellung! Die deutsche Armee war für die erstrebte große Veruichtungsschlacht in Nord­frankreich absolut oder sogar mehr als stark genug sofern nur die vorhandenen Kräfte dort zur Entscheidung eingesetzt rouröen, wo dies der grundlegende Schlieffen-Plan vorfah! Es fielen für die INarneschlacht aus bzw. standen noch verfügbar die beiden Armeekorps, die unbegreiflicherroeise dem rechten Stoßflügel ent­nommen und nach dem Osten gefahren wurden, obwohl sie von dort nicht einmal angefordert waren und für die Tannenberg- schlacht viel zu spät kamen. (Garde-Reservekorps und XI. AK.) Es war weiterhin noch vorhanden das in Schleswig-Holstein be­lassene 9. Reservekorps, das dort völlig überflüssig erschien, weil cs gegenüber einer etwaigen Landung der Engländer ohnehin zu schwach war. Vor allem aber war schließlich noch ein großer Teil der 6. Armee verfügbar, die man in einer aussichtslosen Offensive gegen die Festungslinie ToulEpinal anrenncit ließ, statt ihre starken Kräfte der entscheidungsuchenden Operation des rechten Flügels nutzbar zu machen. Es handelt sich also, sehr gering ge­rechnet, um mindestens 5 bis 6 Armeekorps, um welche die deutsche Armee an der Marne hätte stärker sein können, wenn man den Schlieffen-Plan, auf dem doch der ganze Feldzug beruhte, konst-