Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1935
Freitag, den 13. Oktober
Nummer 79
Stilles Glück.
Von Josef von Eichendorff.
Es hat die Nacht geregnet, Es zog noch grau ins Tal, Und ruhten still gesegnet Die Felder überall:
Von Lüften kaum gefächelt, Durchs ungewisse Blau Die Sonne verschlafen lächelt Wie eine wunderschöne Frau.
Nun sah ich auch sich heben Aus Nebeln unser Haus.
Du dehntest zwischen den Reben Dich von der Schwelle hinaus, Da funkelt auf einmal vor Wonne Der Strom und Wald und Au — Du bist mein Morgen, meine Sonne, Meine liebe, verschlafene Frau!
Baue ndrot.
Von Johan L u z i a n.
Na Hus! Na Hus! Na Hus! brummelte der abgezehrte, ausgehungerte, zerlumpte Feldgraue Ludwig Moellers halblaut vor sich hin, ohne es zu wissen. Zuweilen schlägt er sich im Takt dazu auf die Knie. Dann wieder springt er auf, geht die drei Meter hin und die drei Meter her im Vicrter-Klasse-Abteil von einer Fenster- scite zur anderen, ohne sich um die Bauern und die Hausierer neben sich zu kümmern. Er preßt den struppigen Kopf gegen die schlitternden Fensterrahmen, wippt ungeduldig mit den geflickten Schuhsohlen, trommelt verzweifelt mit den klammen Fingern gegen die Scheiben. Na Hus! denkt Moellers mit immer schmerzvollerer Ungeduld seit der Zug mit ihm durch die russische Unendlichkeit fuhr, auf Leningrad zu, seit der Dampfer mit ihm durch den Sturm über die Ostsee tanzte nach Stockholm, seit das schwedische Schiff auf Lübeck zustampfte, seit er mit der Lübeck- Büchener Bahn nach Hamburg kam und ohne sich umzusehen in den nächsten Zug, Richtung Bremen, stieg. Und nun sitzt er schon in der Kleinbahn von Rotenburg nach Zeven, und Wolfensen ist schon vorbei und Bötersen und gerade auch Mulmshorn. Da draußen sind nun das alte stille Moor, die schwarzbraune Heide mit den silbergraucn Placken Sand, die torfbraunen Aeckcr, die hellen Birkengehölze.
Elsdorf ist vorbei. Da kommt schon die neue Fabrik, kommen niedrige Lagerhäuser, Schienenstrange, und da — dahinten im rotgrauen Abenddunst der Kirchturm von Zeven. Der Zug hält. Moellers taumelt aus dem Wagen, stürzt zur Sperre, drückt dem Beamten den Ausweis in die Hand. Als der lange gucken und fragen ivill, stößt er ihn beiseite und hastet davon, seinen grauen Reisesack mit den paar Klaniotten auf dem Buckel, die Bahnhofstraße hinunter an den niedrigen Häusern vorbei. Ziegeldächer neben Strohdächern, grauverputzte Wände neben Fachwerk. Da, die neue Zentralmolkeret, vor dem Kriege gebaut. Da die rostige Wellblechwand. Hat sich was geändert? Hat sich nichts verändert? Ist das die Stadt, an die man Jahre über gedacht hat? Weiter, weiter! Alles hat ja Zeit, man ist noch nicht zu Haus! Noch fünf Kilometer, dann muß der Hof da liegen, der Moellershof, der ihm und seinem Bruder Willem gehört, denn die Alten sind beide tot.
Der Heimkehrer überholt ein Fuhrwerk, einen Ackerwagen, der, gezogen von einem Ganl nnd einer Kuh nebeneinander, die Landstraße dahinruckelt. Moellers hat kein Zutrauen, es geht ihm Aicht flink genug, er tapst mit seinen Nagelschuhen daran vorbei nnd wirft ein flüchtiges „N'Obend" zurück. Er sieht sich den Bauern kaum an, sicher kennt er ihn, aber da liegt nun das Dorf. Die Straße macht wieder einen Knick nach rechts, ein Waldstück kommt, niedriges Buschwerk, und nun, und nun — noch einen Kilometer, dann ist er an Moellers Wald. Was für ein Wald! Er kennt nun die russischen Wälder am Ural, und hat die schwedischen Küstenwälder gesehen, aber was sind alle Wälder gegen diesen kleinen, ausgehauenen, lichten Wald von ein paar Eichen,
ein paar Buchen und dahinten ein paar Fichten! Sein Herz schmerzt in der Freude des Wiedersehens dieser Bäume, bis zu denen Moellers Aecker reichen. Da drüben geht die Sonne unter, ihr blasses Rot ist noch nicht ganz vom Himmel gelöscht, ein wenig Schein liegt über allem. Da ragt die hohe Fichte, die nur noch oben an der Spitze ein paar Aeste hat, die schon so lange sterben will, wie Ludwig Moellers lebt, aber immer noch da ist. Und wo die Fichte steht, mitten unter dem Kranz von mächtigen Eichen liegt der Hof, sein, sein Hof! ...
Moellers stolpert voran auf der schlechten Straße, er hastet, er läuft beinahe, der Sack auf dem Rücken schlägt ihm mit einer Blechbüchse Corneöbees ins Kreuz, er merkt nichts, er sieht nur: gleich geht der Weg links ab, und der Weg führt zu dem Hof hin.
Aber vor diesem Weg bleibt Moellers plötzlich stehen. Seine Knie zittern, und die Füße wollen nicht weiter. Der Mann lehnt sich erschöpft an einen Apfelbaum, läßt seinenSack zur Erde fallen, und hält sich mit beiden Händen an dem schorfigen Baum fest, weil er in einen Wirbel geraten ist und alles um ihn zu kreisen beginnt. So steht er lange da, ein grauer Mann in der Dämmerung, der sich über die Äugen wischt.
Da ist nun der Hof. Alles steht noch da wie immer. Vorne rechts die Kate, in der Mitte die lange neue Scheune, die 1914 fertig geworden, mit hellgrauem Kunstschiefer gedeckt. Seitlich da- i von das Backhaus, der kleine Hügel, und daneben das alte, niedere Haus seiner Väter mit dem schwarzgrünen Strohdach und den gekreuzten Pferöeköpfen am Giebel, zwischen denen das Storchennest sitzt. Der linke Teil des Hauses birgl die Tenne mit dem Kuhstall, dem Pferdestall, dem Schweinekoben, der Knechtskammer. Der rechte Teil birgt die Küche, die Stuben, die Schlafkammern. Alles wird noch so sein, wie es war vor sechs Jahren, als der Krieg kam. In der Kate brennt Licht, im Bauernhaus brennt Licht, mildes, gelbes Petroleumlicht, warm, vergnügt, behaglich.
Moellers steht an den Apfelbaum gelehnt und schluchzt. Die Tränen laufen ihm in den verwilderten Bart, die verkrampften Hände zittern. Der ganze Mann, der nichts anderes mehr dachte als: Na Hus! Na Hus! und nichts anderes wollte, als hier zu stehen und das alles wieöerzuhaben, was nun vor ihm liegt, wagt es nicht, den kleinen Seitenweg zu Ende zu gehen. Die ungeheure Spannung, die quälende Sehnsucht, die Besitz von allem Dasein, von Wachsein und Schlaf und Traum ergriffen hatte, ohne die das Leben nicht mehr zu tragen gewesen wäre, hat nun nur noch dreihundert Meter Feldweg vor sich. Und was dann?
Schwer wie Blei sind seine Füße, in den Knien sackt er bei jedem Schritt ein wenig ein, als er langsam den Feldweg dahin- gcht. Nun kommt er zu der Kate. Auf der Diele darin steht eine Frau, kehrt ihm den Rücken zu, und dreht beim Schein der Stallaterne Rüben durch die Schneidemaschine. Moellers weiß, das ist Trina, die alte Trina. Aber er ruft sie nicht an. Eine Kuh brüllt, ein Hund beginnt zu kläffen. Moellers geht leise weiter. An der Scheune vorbei, am Backhaus vorüber. Aus der Vackofen- tür schlägt ihm ein warmer Schwaden entgegen, in der Asche glüht es noch. Schnuppernd zieht er den Dunst ein: Rauch von Buchenscheiten, Geruch von frischem Roggenbrot... Er meint satt zu werden allein von solchem Geruch.
Und dann steht er vor dem Tor zur Tenne. Der eine Flügel ist offen und gegen die Wand zurückgeschlagen. Ein halber Mahlstein ist davor gewälzt, um ihn vor dem Winde festzuhalten. Der alte Stein!
Auf der Tenne hängen zwei Laternen an den Querbalken über dem schwarzweißen Vieh. Er hört die Kühe malmen und kauen, hört das Klappern der Melkeimer, das Zischen der Milch. Hört vom Pferdestall her das Schnauben.
Ah! die guten gesunden Laute! Ah! wie gut das hier riecht!
Da sinkt raschelnd eine Schütte Heu aus der Bodenluke, eine rauhe würzige Wolke, über den feldgrauen Mann herab, der im Halbdunkel schwer atmend mitten auf der Tenne steht. Und nun steigt jemand die Leiter vom Heuboden herab. Ist das Willem, sein Bruder? Der Rücken und der breite Hintern in der Manchesterhose könnten zu ihm gehören.
„Willem!" ruft Ludwig Moellers leise. In seiner Kehle fühlt er es trocken und heiß.
Der Mann dreht sich um und bleibt auf der letzten Sprosse stehen, mit dem Rücken gegen die Leiter gelehnt.
„Wat wiß du denn hier?" fragt er barsch.


