der Mrst, vor welchen bie Hofleute ein angenehmes Schauspiel auf- ' fuhren und den Laus der Welt darstellen. Sie erklärten ihm d.e bedeutendsten Wendungen, Handstreiche und Ereignisse, unb roenn die eine Partei für einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit ausschlieMchdemSplee zuwenben muhte, so führte die andere dafür um so angelegentlicher die Unterhaltung mit dem Schneider. Der beste Gegenstand dunkle ste hlerfur Pferde, Jagd und dergleichen: vtrapmskl wußte hier auch am besten Be scheid denn er brauchte nur die Redensarten hervorzuholen, welche er einst in der Rahe von Offizieren und Gutsherren gehört und die ihm schon dazumal ausnehmend wohl gefallen hatten. Wenn er diese Redensarten auch nur sparsam, mit einer gewissen Bescheidenheit und stets mir einem schwermütigen Lächeln vorbrachte, so erreichte er damit nur eine größere Wirkung; wenn zwei oder drei von den Herren aufstanden und etwa zur Seite traten, so sagten sie: „Es ist ein vollkommener Junker!
Rur Melcher Böhni, der Buchhalter, als ein geborener Zweifler, rieb sich vergnügt die Hände und sagte zu sich selbst: „Ich sehe es kommen, daß es wieder einen Goldacher Putsch gibt, ja, er ist gewissermaßen schon da! Es mar aber auch Zeit, denn schon sind's zwei Jahre seit dem letzten! Der Mann dort hat mir so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von Praga ober Ostrolenka her! Run, ich werde mich hüten, den Verlauf zu ftörcn!"
Die beiden Partien waren nun zu Ende, auch das Sausergelüste der Herren gebüßt, und sie zogen nun vor, sich an den alten Weinen des Amtsrates ein wenig abzukühlen, die jetzt gebracht wurden; doch war die Abkühlung etwas leidenschaftlicher Natur, indem sofort, um nicht in schnöde,, Müßiggang zu verfallen, ein allgemeines Hasardspiel vorgeschlagen wurde. Man mischte die Karten, jeder warf einen Brabantertaler hin und als die Reihe an Strapinski war, konnte er nicht wohl feinen Fingerhut aus den Tisch setzen. „Ich habe nicht ein solches Geldstück", sagte er errötend; aber schon hatte Melcher Böhni, der ihn beobachtet, für ihn eingesetzt, ohne daß jemand darauf acht gab, denn alle waren viel zu behaglich als daß sie aus den Argwohn geraten wären, jemand in der Welt könne kein Geld haben. Im nächsten Augenblick wurde dem Schneider, der gewonnen hatte, der ganze Einsatz zugeschoben; verwirrt ließ er das Geld liegen und Böhni besorgte für ihn das zweite Spiel, welches ein anderer gewann, sowie das dritte. Doch das vierte unb fünfte gewann wiederum der Poiacke, der allmählich aufwachte und sich in die Sache fand. Indem er sich still und ruhig verhielt, spielte er mit abwechselndem Glücke; einmal kam er bis auf einen Taler herunter, den er setzen mußte, gewann wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam, besah er einige Louisdor, mehr als er jemals in seinem Leben besessen, welche er, als er sah, daß jedermann sein Geld einsteckte, ebenfalls zu sich nahm, nicht ohne Furcht, daß alles ein Traum fei. Böhni, welcher ihn fortwährend scharf betrachtete, war jetzt im klaren über ihn und dachte: den Teufel fährt der in einem vierspännigen Wagen!
Weil er aber zugleich bemerkte, daß der rätselhafte Fremde keine Gier nach dem Gelbe gezeigt hatte, so war er nicht übel gegen ihn gesinnt, sondern beschloß, die Sache durchaus gehen zu lassen.
Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien erging, nahm jetzt seine Gedanken zusammen und hielt den rechten Zeitpunkt einer geräuschlosen Beurlaubung für gekommen. Er hatte ein artiges Reisegeld und nahm sich vor, dem Wirt zur Wage von der nächsten Stadt aus sein aufgedrungenes Mittagsmahl zu bezahlen. Also schlug er seinen Radmantel malerisch um, brückte bie Pelzmütze tiefer in die Augen und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne langsam auf und nieder, das fchöne Gelände betrachtend, oder vielmehr den Weg erspähend, den er einschlagen wollte. Er nahm sich mit seiner bewölkten Stirne, seinem lieblichen, aber schwermütigen Mundbärtchen, seinen glänzenden schwarzen Locken, seinen dunkeln Augen, im Wehen seines faltigen Mantels vortrefflich aus; der Abendschein und das Säuseln der Bäume über ihm erhöhte den Eindruck, so daß die Gesellschaft ihn von Ferne mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtete. Allmählich ging er immer etwas weiter vom Hause hinweg, schritt durch ein Gebüsch, hinter welchem ein Feldweg vorüber ging, unb als er sich vor den Blicken ber Gesellschaft gebeckk sah, wollte er eben mit festem Schritt ins Feld rücken, als um eine Ecke herum plötzlich der Amtsrat mit seiner Tochter Nestchen ihm entgegentrat. Nestchen war ein hübsches Fräulein, äußerst prächtig, etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich verziert.
„Wir suchen Sie, Herr Graf!" rief der Amtsrat, ,chamit ich Sie erstens hier meinem Kinde vorstelle und zweitens, um Sie zu bitten, daß Sie ims die Ehre erweisen möchten, einen Bissen Abendbrot mit uns zu nehmen; dis anderen Herren sind bereits im Hause."
Der Wanderer nahm schnell seine Mütze vom Kopfe und machte ehrfurchtsvolle, ja furchtsame Verbeugungen, von Rot Übergossen. Denn eine neue Wendung war eingetreten, ein Fräulein beschritt den Schauplatz der Ereignisse. Doch schadete ihm feine Blödigkeit unb übergroße Ehrerbietung nicht bei der Dame; im Gegenteil, die Schüchternheit, Demut und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten jungen Edelmanns erschien ihr wahrhaft rührend, ja hinreißend. Da sieht man, fuhr es ihr durch den Sinn, je nobler, desto bescheidener und unverdorbener; merkt es euch, ihr Herren Wildsänge von Goldach, die ihr vor den jungen Mädchen kaum mehr den Hut berührt!
Sie grüßte den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch lieblich errötete, und sprach sogleich hastig unb schnell unb vieles mit ihm, wie es die Art behaglicher Kleinstädterinnen ist, die sich den Fremden zeigen wollen. Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit um; wäh- renb er bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle einzu- gehen, die man ihm aufbürdete, begann er nun unwillkürlich, etwas gesuchter zu sprechen unb mischte allerhand polnische Brocken in bie Rebe, für;, das Wchneiderblütchen fing in ber Nähe bes Frauenzimmers an seine Sprunge zu machen unb feinen Reiter davon zu tragen.
21m Tisch erhielt er ben Ehrenplatz neben der Tochter bes Hauses; denn bie Mutter war gestorben. Er würbe zwar bald roieber melancholisch, da er bedachte, nun müsse er mit ben anbern wieber in bie Stabt zurück-
fefjren ober gewaltsam In bte Nacht hinaus entrinnen, unb da er ferner überlegte, wie vergänglich bas Glück sei, welches er jetzt genoß. Aber bennoch empfand er dies Glück unb sagte sich zum voraus: „Ach, einmal wirst bu boch in beinern Leben etwas vorgestellt unb neben einem solchen höheren Wesen gesessen haben." r
Es war in ber Tat keine Kleinigkeit, eine Hanb neben sich glanzen zu sehen, bie von drei ober vier Arrnbänbern flirrte, unb bei einem flüchtigen Seitenblick jebesmal einen abenteuerlich reizenb frisierten Kops, ein holdes Erröten, einen vollen Augenaufschlag zu sehen. Denn er mochte tun ober lassen, was er wollte, alles wurde als ungewöhnlich unb nobel ausgelegt unb die Ungeschicklichkeit selbst als merkwürdige Unbefangenheit liebens- würdig befunden von ber jungen Dame, welche sonst ftunbenlang über gesellschaftliche Verstöße zu plaudern wußte. Da man guter Dinge war, fangen ein paar Gäste Lieder, die in den Dreißigerjahren Mode waren. Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied zu fingen. Der Wein überwand seine Schüchternheit endlich, obschon nicht 'feine Sorgen; er hatte einst einige Wochen im Polnischen gearbeitet unb wußte einige polnische Worte, sogar ein Volksliebchen ausroenbig, ohne ihres Inhaltes bewußt zu sein, gleich einem Papagei. Also sang er mit ebtem Wesen, mehr zaghaft als laut unb mit einer Stimme, welche wie von einem geheimen Kummer leise zitterte, auf polnisch:
Hunberttausend Schweine pferchen
Bon ber Desna bis zur Weichsel, Und Kathinka, dieses Ferkel, Geht im Schmutz bis an die Knöchel!
Hunderttausend Ochsen brüllen Aus Wolhyniens grünen Weiden, Uno Kathinka, ja Kathinka, Glaubt, ich sei in sie verliebt!
„Bravo! Bravo!" riefen alle Herren, mit den Händen klatschend, unb Rettchen sagte gerührt: „Ach bas Nationale ist immer so schön!" Glücklicherweise verlangte niemand bie Uebersetzung dieses Gesanges.
Mit dem Ueberschreiten solchen Höhepunktes ber Unterhaltung brach bie Gesellschaft auf; ber Schneiber wurde wieder elngepackt unb sorgfältig nach Golbach zurückgebracht; vorher hatte er versprechen müssen, nicht ohne Abschied davon zu reisen. Im Gasthof zur Waage wurde noch ein Glas Punsch genommen; jedoch Strapinski war erschöpft und verlangte nach dem Bette. Der Wirt selbst führte ihn auf seine Zimmer, deren Stattlichkeit er kaum mehr beachtete, obgleich er nur gewohnt war, in dürftigen Herbergskammern zu schlafen. Er stand ohne alle unb jebe Habseligkeit mitten auf einem schönen Teppich, als der Wirt plötzlich den Mangel an Gepäck entdeckte und sich vor bie Stirn schlug. Dann lief er schnell hinaus, schellte, rief Kellner unb Hausknechte herbei, wortwechselte mit ihnen, kam wieber unb beteuerte: „Es ist richtig, Herr Graf, man hat vergessen, Ihr Gepäck abzuladeni Auch bas Notwenbigste fehlt!"
„Auch bas kleine Paketchen, bas im Wagen lag?" fragte Strapinski ängstlich, weil er an ein hanbgrohes Bündelein dachte, welches er auf dem Sitze hatte liegen lassen unb bas ein Schnupftuch, eine Haarbürste, einen Kamm, ein Büchschen Pomabe unb einen Stengel Bartwichse enthielt.
„Auch biefes fehlt, es ist gar nichts da", sagte der gute Wirt erschrocken, weil er darunter etwas sehr wichtiges vermutete. „Man muß dem Kutscher sogleich einen Expressen nachschicken", rief er eifrig, „ich werbe bas besorgen!"
Doch ber Herr Gras fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm unb sagte bewegt» „Lassen Sie, es bars nicht sein! Man muß meine Spur verlieren für einige Zelt", setzte er hinzu, selbst betreten über biefe Erfindung.
Der Wirt ging erstaunt zu den Punsch trinkenden Gästen, erzählte ihnen ben Fall unb schloß mit dem Aussprüche, baß der Graf unzweifelhaft ein Opfer politischer oder der Familienverfolgung [ein müsse; denn um eben diese Zeit wurden viele Polen und andere Flüchtlinge wegen gewaltsamer Unternehmungen des Landes verwiesen; andere wurden von fremden Agenten beobachtet und umgarnt.
Strapinski aber tat einen guten Schlaf, und als er spät erwachte, sah er zunächst den prächtigen Sonntagsschlafrock des Wagwirtes über einen Stuhl gehängt, ferner ein Tischchen mit allem möglichen Toilettenwerkzeug bedeckt. Sobann harrten eine Anzahl Dienstboten, um Körbe und Kvfsdr, angefüllt mit feiner Wäsche, mit Kleibern, mit Zigarren, mit Büchern, mit Stiefeln, mit Schuhen, mit Sporen, mit Reitpeitschen, mit Pelzen, mit Mützen, mit Hüten, mit Socken, mit Strümpfen, mit Pfeifen, mit Flöten unb Geigen abzugeben von feiten ber gestrigen Freunbe, mit ber angelegentlichen Bitte, sich bieser Bequemlichkeiten einstweilen bedienen zu wollen. Da sie bie Vormittagsstunben unabänberlid) in ihren Geschäften verbrachten, ließen sie ihre Besuche auf bie Zeit nach Tisch gnfagen.
Diese Leute waren nichts weniger, als lächerlich ober einfältig, fonbern umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt; allein ba ihre wvhlbesorgte Stabt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin vvrkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis, einen Vorgang, dem sie sich ohne Rückhalt Hingaben. Der vierspännige Wagen, bas Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, bie Aussage bes Kutschers waren so einfache unb natürliche Dinge, baß bie Golbacher, welche keinem müßigen Argwohn nachzuhängen pflegten, ein Ereignis darauf aufbauten, wie auf einen Felsen.
Als Strapinski bas Warenlager sah, bas sich vor ihm ausbreitete, war seine erste Bewegung, daß er in seine Tasche griff, um zu erfahren, ob er träume ober wache. Wenn sein Fingerhut dort noch in seiner Einsamkeit weilte, so träumte er. Aber nein, ber Fingerhut wohnte traulich zwischen dem gewonnenen Spielgelbe unb scheuerte sich freundschaftlich an ben Talern; so ergab sich auch sein Gebieter wieberum in bas Ding unb stieg von seinen Zimmern herunter auf bie Straße, um sich bie Stabt zu besehen, in welcher es ihm so wohl erging.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. SjanS Thhrivt. — Druck unb Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gießen-


