Ausgabe 
13.3.1933
 
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aufgeführt, und zwar mit allen ihren Titeln und Würden, so daß es heißt:Romeo und Julia, bürgerliches Trauerspiel vom Herrn Kreis­steuereinnehmer Weiße" oderMinna von Barnhelm vom Hofrat Magister Lessing". Mit diesem Zeremoniell, das sich übrigens noch bis weit ins 19. Jahrhundert erhielt, räumte Goethe in Weimar auf; er nannte während seiner Direktion einfach die Namen der Dichter und Schauspieler, er machte auch aus dem Zettel, der bis dahin vielfach ein ungeheures Format hatte, ein handliches viereckiges Blatt und verlieh dem Theater­zettel überhaupt eine schlichte Sachlichkeit und einfache Würde.

Reise rund durch Frankreich.

Bon Josef Ponten.

Es darf wohl gesagt werden und wird gelten, daß die romanische Kultur mehr stadtgeboren und stadtbestimmt,urbaner" ist als die ger­manische. Daraus folgt im allgemeinen ein etwas anderes Verhältnis des Romanen zum Lande: es mag ein sentimentaleres sein. Im Sommer ist man, ist namentlich der Pariserä la Campagne", oft in Gesellschaft; der Franzose hat die gesellschaftliche Kultur ausgebildet und suhlt sich wahrscheinlich in der Gesellschaft glücklicher als der Germane. Im fran­zösischen Roman der Roman ist Chronik und Spiegel, aber auch Hand­postille und Fibel der Kultur spielt das Landleben, das gesellschaftliche Leben, eine große Rolle.

Da liegt das kleine Dorf mit seinen meist gereihten, in geschlossener Front stehenden, ein wenig langweilig und nüchtern aussehenden Häu­sern. In allen alten Kulturländern ist Holz selten, der Römer kam aus einem an Holz schon verarmenden, von Natur aber an Steinen reichen Lande in ein an Steinen, an schönen zum Bauen geeigneten Steinen, reiches Land und gab ihm zu einem gewissen Teile sein Gesicht. Ein trotziges Bauerntum scheint unpopulärer in Frankreich gewesen zu sein als in Deutschland. Das in eigenwilliger Isolierung stehende und das Siedlungsideal der verschiedenen sich unabhängig nebeneinander behaup­tenden Stämme ausdrückende deutsche Bauernhaus, wie etwa das ober- bayerische, mit langen Holzbalkonen und Galerien ins Land hinaus­schauend, oder das sich hinter Wasser, Gräben und Eichenkamps bergende niedersächsische Bauernhaus, ist in Frankreich ohne Parallele. Selbst die geselliger siedelnden Hessen und Franken haben eigene und unverwechsel­bare Bauformen ihrer Siedlungen geschaffen, die Friesen wieder andere als die Niedersachsen das deutsche Bauernhaus ist ein schönes ge­wachsenes Äatur-Kulturzeugnis, ein eigentümlicher und kostbarer Besitz Europas, ein Charakter von nicht minderer grundsätzlicher Bedeutung als etwa der griechische Tempel oder der römische Stadtplan. Der Römer und überhaupt der Mittelmeerländer ist ein im aristotelischem Sinne mehr politischer Mensch und hat die Gemeinschaftsformen, auch die bau­lichen, ausgebildet; das Individuum trat zurück und mit ihm auch die Ausdrucksgestalten des individuellen Lebens. Also wurde das Haus gleich­förmiger, es blieb unbedeutend und hatte sich zu fügen. Diese Beobach­tung drängt sich einem in Frankreich bald auf, und sie stimmt auch mit vielen anderen Zügen des volklichen, des geschichtlichen und des politi­schen Schicksals überein wenn man in einem großen Kreise durch ganz Frankreich reift, überall, die Bretagne vielleicht ausgenommen, behält Bauernhaus und Dorf ein annähernd gleiches Gesicht, wenn auch das jeweils zur Verfügung stehende Baumaterial und das Klima des Land­striches natürlich Individualzüge hineinzeichnen. Jedenfalls, Formspan­nungen wie in Deutschland gibt es nicht.

Die Dorfflur, dasGewann", ist weiträumig und weitläufig in Frank­reich. Wie sollte es anders fein in einem Lande, dem, wenn wir RRßland zu Asien stellen, an Landfläche größten, an Bevölkerungszahl aber dritt- ober viertgrößten Europas. Diese Bevölkerung wohnt fast zur Hälfte in den Städten, und von der Gesamteinwohnerzahl der nur fünfzehn Groß­städte entfällt die Hälfte allein auf Paris. Das bedeutet, daß die Klein­stadt, die zudem das Gesicht der Landschaft längst nicht so entscheidend wie die Großstadt verändert, eine große Rolle hat, und daß es für die Landbewohner genug Platz gibt. So erscheint dem. Reisenden, der aus dem in Stadt und Land überfüllten Deutschland kommt, die französische Landschaft weit und oft leer, die Dörfer drängen sich nicht in unüber­schaubaren Gesichtskreis wie oft in Deutschland, so viele kleine Städte mit Industrien auf engem Raum wie zum Beispiel in Württemberg und Sachsen dürften in Frankreich vergeblich gesucht werden. Die stagnierende Bevölkerung braucht keine sehr intensive Felderwirtschaft, und so sieht man weit weniger als bei uns das lebhafte Maschinenwesen landwirt­schaftlicher Betriebe und die weißen Felderflächen mineralischer Düngung; es herrscht altmodische, idyllische und patriarchalische Landwirtschaft vor. Der Weinbau, der überhaupt keinen Maschinenbetrieb im Freien zuläßt, ist viel ausgedehnter als bei uns, und Rebenzucht trägt in eine Land­schaft etwas Heiteres, Altertümliches und fast Biblisches.

In der Nähe des Dorfes zieht ein stiller Kanal vorbei, man sieht auf den geraden Wasserzeilen zwischen endlosen Reihen von Weiden ober Pappeln, die auf den Dämmen stehen, den Schiffer den seltenen Kahn stoßen. Denn ob auch Frankreich, dank der Natur seines Gewässernetzes leicht und mit Gewinn und dank seiner frühen nationalen Einigung, die schon vor Luthers Zeit vollendet war, Kanäle bauen konnte und es in der Zeit seiner großen Politik, der des absoluten Königtums, auch tat, so sind die Kanäle wohl meist schmal, seicht, keineGroßschiffahrtswege" und bewirken einen schon fast geschichtlichen Reiz.

Wald ist auf den Höhen an den Rändern der Landschaft und auf engste Räume zurück- und zusammengedrängt und ist an sich schon seltener in einem Lande, dessen Großteil im waldfeinblichen trockenen Süden liegt; die alten Kulturen haben, wie bereits gesagt, viel Holz verbraucht, und aufzuforsten liegt in einem Lande mit unermeßlichem Kolonialbesitz ter ist sechsundzwanUgmal größer als das Mutterland), der zum guten Ten in den feuchten Troven, den eigentlichen Waldländern der Erde, sich findet, keine rechte Veranlassung, kein wirtschaftlicher Antrieb vor.

Entlang den Kanälen und Landstraßen stehen hohe schone Pappeln, zahllose Panpeln, Pyramidenpappeln, italienilche Pappeln, die in nörd­lichen Landschasten den Stilbaum der südlichen, die Zypresse, ersetzen.

Man kann die Pappel wohl den Charakterbaum Frankreichs, der fron» zösischen Kulturlandschaft nennen, so häufig ist sie, und der Beweis für gen Fleiß und die Absichtlichkeit, mit der sie gepflanzt wurde, dürste die im Rheinland oft zu hörende Behauptung sein, baß die rheinischen Pap­peln an ben großen Lanbstraßen, die in der Zeit der zwanzigjährigen französischen Fremdherrschaft am Rhein gut vor hundert Jahren angelegt wurden, allevon Napoleon gepflanzt" seien.

In der Nähe des Dorfes liegt das ChLteau, das Schloß, in dem wohl meist ein Städter ober gar ein Pariser im Sommer wohnt; ChLteau der Franzose ist entsprechend der Volltönigkeit aller romanischen Sprachen und der Raumbedürftigkeit romanischen Wesens freigebiger als wir in der Zuteilung gutklingender Benennungen und zum Gebrauch großer Wörter geneigt. Meist ist es ein ChLteau des Dix-Huiticme aus der Zeit der Adelsherrschaft, mit Mansard- und Walmdächern, bas der späte Enkel noch hält ober bas der Bourgeois in der Adelssäkularisation erwarb. Aber auch Neubauten der letzten bürgerlichen Zeit sind bei dem konservativen Sinn der Franzosen für gewöhnlich im Stil des 18. Jahrhunderts errich- tet. (Versuche im modernen Stil sind, wie überhaupt die seltene moderne Architektur in Frankreich, fast ausnahmslos greulich). Schöne Pappelalleen führen auf die ChLteaux zu, namentlich auf die größeren und älteren, Terrassen schauen ins stille Land, und kleine und größere Parks mit alten schönen Bäumen gibt es da voll von Stimmungszauber. Das französische ChLteau ist ein eigentümlicher und kostbarer Kultur­besitz des westlichen Europa!

Man sieht Entenvögel, Störche und auch Reiher fliegen, fein Wunder in den verhältnismäßig schwach bevölkerten und vom modernen Gewerde- e nicht ergriffenen Landschaften. Burgen wie in Deutschland, kleine gen eines kleinen Rittertums, die von der Zeit zerstört wurden, sieht man wenig, sieht man fast keine in Frankreich, da bei feiner selten zentralistischen Tendenz ein kleines Individualrittertum sich nicht ent­wickeln ließ. Nur einige wenige große Burgen des großen Adels erschei­nen im Lande, namentlich an der Loire, die bann mit größtem Recht ChLteaux zu nennen sinb unb mit ben Bauten der Könige wetteifern.

Das ist im großen das typische Bild einer Landschaft derdouce France, wie ein verliebter und liebenswürdiger Patriotismus sagt, im ganzen also ein wenig stiller und gehaltener als bei uns, einpaysage intime" das Wort ist eine französische Erfindung, auch mehr ein­heitlich als bei uns, ein wenig antiquierter sicherlich auch, bas Bilb einer Landschaft, wie wir sie aus ben Romanen Balzacs für bie Touraine (Balzac stammte aus Tours) kennen. Selbstverständlich ist solcher Art beschriebene Lanbschaft immer ausgesucht, eigentümlich unb in Besonder- heit auffällig, so wie ein eigenartiger Mensch in ber Masse, selbstverständ­lich gibt es auch sozusagen neutrale, wenig ausgezeichnete unb für Frank­reich ebenso wenig typische Landschaften, wie sie es für Deutschland wären, wo sie ebenso unterschiedlich vorkommen. Es gibt natürlich weite Strecken, namentlich im nördlichen Frankreich, in denen man, wenn man nicht wüßte, baß man in Frankreich ist, in Deutschlanb zu fein glauben könnte. Das Untypische ist naturgemäß überall verwanbter als bas Ty­pische, Gestalt liebt Ausschließlichkeit. Die Vergleichbarkeit bes Unty­pischen mag sogar den größten Teil ber Masse der beiden Länder beherrschen. Europa ist zu klein, um sehr große Formspannungen zu erzeugen.

Wir kennen durch die Impressionisten viele Bilder von Landschaften der Seine und Marne. Und da ist die Wiedergabe folgender auffälliger Beobachtung am Platze: an einem heißen Augustsonntag fuhr ich aus dem glühenden Paris seineaufwärts aufs Land. Wie teer waren die Ufer der Seine! Wie wenige in der Millionenstadt drängte es hinaus in die Natur! Und dagegen ein Augustsonntag oder auch nur ein Werktag an den Ufern der Havel ober ber Jsarl Nein, ber Pariser hat nicht bas urtümliche ursprüngliche Verhältnis zu der Natur! Ein französischer Journalist reift in Deutschland, er beschreibt bas sommersonntägliche Treiben an ben Haoelseen vor ben Toren Berlins, er nennt es im Pariser Journ-l" mit leichtem Schrecken offenbar:hygienischen Paganis­mus". Wir Deutsche lesen bas Wort mit anberm Vorzeichen unb sinb des ueränberten Sinnes froh.

Kleider machen Leute.

Novelle von Gottfried Keller.

(Fortsetzung.)

Nun war es eine weitere Fügung, daß der Schneider, nachdem er auf seinem Dorfe schon als junger Bursch dem Gutsherrn zuweilen Dienste geleistet, seine Militärzeit bei den Husaren abgebient hatte und demnach genugsam mit Pserben umzugehen oerftanb. Wie daher sein Gefährte höflich fragte, ob er vielleicht fahren möge, ergriff er sofort Zügel und Peitsche unb fuhr in schulgerechter Haltung in raschem Trabe burch bas Tor unb auf ber Lanbstraße bahin, so baß die Herren einanber ansahen unb flüsterten:Es ist richtig, es ist jebenfalls ein Herr!"

In einer halben Stunde war das Gut des Amtsrates erreicht, Stra- pinsti fuhr in einem prächtigen Halbbogen auf unb ließ bie feurigen Pferde aufs beste anprallen; man sprang von ben Wagen, ber Amtsrat kam herbei und führte bie Gesellschaft ins Haus, unb alsobald war auch ber Tisch mit einem halben Dutzend Karaffen voll karneolfarbigen Sausers besetzt. Das heiße, gärende Getränk wurde vorerst geprüft, belobt, und sodann fröhlich in Angriff genommen, während ber Hausherr im Hause bie Kunde herum trug, es sei ein vornehmer Gras ba, ein Polacke, und eine feinere Bewirtung vorbereitete.

Mittlerweile teilte sich bie Gesellschaft in zwei Partien, um bas ver­säumte Spiel nachzuholen, ba in biefem Canbe feine Männer zusammen [ein konnten, ohne zu spielen, wahrscheinlich aus angeborenem Tätigkeits­triebe. Strapinski, welche bie Teilnahme aus verschiebenen Gründen ab- lehnen mußte, wurde eingeladen zuzusehen, denn das schien ihnen immer­hin ber Mühe wert, ba sie so viel Klugheit unb Geistesgegenwart bei ben Karten zu entwickeln pflegten. Er mußte sich zwischen beide Partien setzen, unb sie legten es nun barauf an, geistreich unb gewandt zu spiele'» und den Gast zu gleicher Zeit zu unterhalten. So saß er denn wie ein kränkeln-