zmiickgehatten wurde, soll nächster Tafle ankommen. Die letzten herz- zerreihenden Lebenserfahrungen haben mich in all meinem Verhalten zur Welt immer negativer gestimmt: ich fühle mich jetzt fast ganz losgelöst von allen Wünschen und Verlangen. Ich möchte nur noch Andern so wenig wie möglich Leiden verursachen: weiß ich, daß diese sich mildern, so schwinden auch die meinigen. Mir sagt Alles so bestimmt und entschieden, was ich soll, daß ich nicht mehr schwanken soll: wäre ich nicht Künstler, so könnte ich Heiliger werden; diese Erlösung ist mir aber nicht bestimmt: auch das Leben kann ich mir nicht nehmen, denn wollte ich's, jo würde mir auch dieser Wille zum Kunstobjekt werden, und mich jedenfalls für so lang« wieder ins Leben zurückziehen, bis ich das Kunstobjekt verwirklicht, somit in den ganzen Kreis des Jammers und Elends, wie er sich daran hängt, wieder eingetreten wäre. So ift’s einmal mit mir; und das ist Fatum, daran ist nichts zu ändern. So führe ich's denn aus, und lasse es mir gefallen, wenn mir hie und da etwas gute Laune gemacht wird. Das ist dann ein Freundesblick, ein sympathischer Herzensruf, eine Begegnung im Bekenntnisse des Mitgefühles und der Liebe! Was will ich mehr? Alles übrige Begehren macht uns gemein und zieht uns in den Kreis des Gemeinen. Fort aus dem, wer etwas zu retten hat! —
Wird Cosima nun wohl bald begreifen lernen, welches Elend im Dasein liegt, und wo einzig die Erlösung daraus zu treffen? Ein Tag, eine Stunde reift mehr, als Jahre. — Was mich betrifft, fo wundre ich mich einzig über die Beständigkeit meiner Haarfarbe: es gab Augenblicke, wo ich glaubte, jetzt müßte ich Greis geworden sein! —
Meine arme Frau hat es noch schwer gehabt: doch hielt sie, wie es scheint, die Sorge und Mühe des Auswirthschaftens, das die Thörin durchaus sich nicht ersparen wollte, aufrecht. Sie ist jetzt noch bei ihren Verwandten in Zwickau, wo sie wenigstens bequeme Ruhe genießt. Ihre Resignation scheint jetzt tief und ernst zu sein: sie hat nur Todes- gedanken. Sonderbar, wie stark in mir das Mitleiden ist! Dem Gemeinsten können wir unser Mitleiden schenken, Mit-Freude nur dem Edlen, was wir lieben. Wie aber die Welt nicht zur Freude, sondern zum Leiden da ist, behauptet das Mitleid endlich immer die Oberhand, weil es sich dem Kernpunkte des Daseins zuwendet.
Und so fühle ich, wer am meisten leidet, dem gehöre ich, so lange er leidet: von ihm wende ich mich erst, wenn ich seine Freude cheilen soll, wenn sie nicht die Freuden eines edlen Wesens sind. Und was können diese Freuden fein? Uebereinftimmungin der Anerkennung dieses Weltzustandes: Sympathie, Trost durch Mitgefühl. — Wieviele könnte ich beglücken, wenn sie es mir und sich möglich machten! — Run, denn — fo arbeite ich, dichte und componire! Nehmt es dann, so gut Jhr's könnt, und — laßt mich in Ruhe! — Aber — sterben soll niemand aus Kummer über mich: — Das kann ich nicht zugeben! —
Leb wohl! Du siehst, es kommt nichts Vernünftiges heraus! — Ist wieder etwas vom Tristan fertig, so erfährst Du darin das Beste, was ich Dir sagen kann! Grüß Cosima! Und sag ihr Gutes von mir!
AdieuI Tausend Grüße von
Deinem
R. W. ♦
Artichauts, den 1. Januar 1866.
Guten Abend, lieber Hans, zum Neujahr! Ich krame soeben unter meinem Zeuge herum, und finde eine gewisse Mappe nicht, in welcher folgendes eingepfercht war:
1. Die Instrumentation des 1. Aktes von Siegfried.
2. Die angefangene Reinschrift davon.
3. Präparierte Sogen zur Fortsetzung derselben, vom ersten Acte bereits völlig liniirt, von einem Teil des zweiten bloß mit Blei- ftiftpuntten bezeichnet.
Diese Mappe — in dunkelblauem Maroquin — ist der ursprüngliche Einband der Partitur des Rheingoldes — welches noch auf dem Rücken verzeichnet steht, also keine eigentliche Mappe, sondern Notenbuchdeckel. «Bitte Cosima in meinem Namen, sich mit Nathieu deswegen in Rapport zu setzen: es ist möglich, daß sie oben in dem kleinen Mahagoni-Schränkchen gelegen hat. Unter allen hiesigen Sachen finde ich sie nicht.
Was fall ich Dir von mir sagen, als daß ich mich krampfhaft an die Möglichkeit, endlich — endlich zur Arbeit zu kommen, anklammere? Ich bin zu den gewaltsamsten Maßregeln entschlossen, um mir Arbeitsjahre zu bereiten. Unsere Bildungspläne muß ich ganz im Stiche lassen: nichts darf ich ins Auge fassen, was mich in irgend einem Rapport mit diesem Unwesen erhält, das alle meine Kräfte auffaugt, meine Stimmung zerstört, mein produktives Gedächtnis lähmt, und mit all diesen Opfern zu nichts von mir geführt wenden kann! — Es ist bei mir die höchste, allerhöchste Zeit. Noch ein solch zersplitterndes Jahr, und nie — nie werden meine Werke vollendet oder geschrieben! Dies ist mir klar wie die Sonne. Bon Selbftrettung kann hier nur insofern die Rede sein, als ich meine Werke rette. Daß ich Hoffnungen Andrer damit vernichte, Lebensplane, die sich den meinigen angeschlossen hatten, durchkreuze, das kann und muh mich schmerzen; aber mein eigenes Leiden ist so groß, daß ich nicht zur Rechenschaft zu ziehen bin und keiner Frage darnach zu antworten mich befugt ^Oh, könnte ich Allen tobt sein! Betrachtet es so! Sieh, wie würdest Du und der König sich benehmen, wenn ich plötzlich gestorben wäre? So thust Du Unrecht, für diese ober jene Forderung Dich damit zu wehren, daß i ch dazu nöihig fei: — ich bin ja tobt! Also tue immer, als ob Du unter ben Umftänben berufen wärest, bas Beste, was eben möglich ist, für meine Werke, unsere gemeinschaftlichen Jbeen zu thun. Dies bas eine! — Nun bas Andre: ekell's Dich, haft Du durchaus keine Luft — oh! dann laß laufen, zwinge Dich nicht. Ich kann Dich um nichts bitten, viel weniger Dir etwas vorschreiben. Sei frei und handle frei! — Ich kann nichts, nichts mehr, als sehen, ob ich meinen gemarterten Nerven noch meine Werke entlocke. Einen andern Sinn kann mein Leben gar nicht mehr haben. Sterben — ä la bonne heure! das wäre etwas anderes — aber, nicht unter Mime's Reichsoerwesung! —
Dein Brief war gut, tüchtig und männlich! Du bist der einzige Kerl, ben mir das Schicksal zugeführt, der wirkliches Feuer und Selbstgefühl
hat! — Sei aus ganzem Herzen belobt und gegrüßt! Adlm, Bester, liebster Hans! — Recht weiß ich's noch nicht, wie ich mir die Sache zu- recht lege: aber ich will! und nun habe ich Geduld, das Richtige wird sich finden. Einstweilen heiße ich mir so gut als möglich die „Artichoken", und — juche meine Notenpapiere heraus. Daß mir's noch nicht wie „com- poniren ist, kannst Du Dir denken. Aber — ich will, — ich muh. Und wird's sich wohl irgendwie machen! Sei innigft umarmt! Tausend Grüße an Cosima und die Kinder!
Stets Dein
dankbarer
Rich. Wagner.
Das Mangobaumwunder.
Roman von Leo Perutz und Paul Frank.
Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.
lFortiegung.)
Dr. Kircheisen holte tief Atem. Er zitterte vor Erregung am ganzen Körper. Wie rasch das gekommen war... Heute morgen hatte er die Baronesse noch nicht gekannt — jetzt vermochte er sich gar nicht mehr vorzustellen, wie er ohne sie leben könnte. Heute beim Frühstück, als sie ihm kaum die Hand reichte, wie hätte er da in [einen kühnsten Träumen an das Glück zu denken gewagt, das er jetzt als sicheren Besitz in Händen hielt.
Die Baronesse machte sich aus feinen Armen los und blickte sich um. „Die vielen, schönen Blumen sind jetzt alle fort!" sagte sie leise.
„Ja, die sind fort!" sagte Dr. Kircheisen und senkte schuldbewußt den Kopf. „Tod und verwelkt."
Eine Weile schwiegen sie beide, dann begann der Arzt feine Pläne zu entwickeln.
„Ich werde meine Praxis wieder aufnehmen. Dann habe ich mit den Zinsen meines Vermögens so viel und mehr, als wir beide zu einem behaglichen Leben brauchen. Ich habe meine große Junggesellenwohnung am Kohlmarkt, fünf Zimmer mit Küche und allem andern, die könnten wir fürs erste behalten. Zweiter Stock mit Lift natürlich."
„Die Küche auch im zweiten Stock?"
„Natürlich."
„Das geht nicht", erklärte die Varoneffe. „Die Puzzi Schönborn, Mamas Freundin, die vorige Woche geheiratet hat, die hat die Küche im Parterre und die übrige Wohnung im ersten Stock. Das Esten wird unten zugerichtet unb, wenn es fertig ist, im Aufzug heraufgeschickt. So will ich's auch haben."
„Ich versteht von solchen Dingen nicht viel, ich will mich gern nach deinen Ratschlägen richten, Kind. Ich werde noch heute mit meinem Hausherrn sprechen und ihm sagen, daß ich auf die Wohnung im ersten Stock reflektiere", sagte Dr. Kircheisen und überlegte sorgenvoll, wie er die alte Bettina bestimmen könnte, gutwillig das Feld ihrer Tätigkeit ein Stockwerk tiefer zu verlegen. „Und was machen wir aus der leeren Küche?" fragte er dann.
„Eine Dunkelkammer."
„Natürlich! Du haft viel Sinn für das Praktische", sagte Dr. Kircheisen voll ehrlicher Bewunderung. „Mir geht es leider fast völlig ab. Du photographierst?"
„Nein."
„Ich auch nicht."
„Das macht nichts. Eine Dunkelkammer müssen wir haben. Papa hat auch eine, mit grünen und roten Lampen. Aber er läßt mich nicht hinein. Damit ich ihm nicht alles ruiniere und zerbreche, sagte er." Sie dachte eine Weile nach. „Und das Telephon muß neben meinem Bett sein."
„Im Schlafzimmer? Ist das jetzt modern so?"
„Natürlich. Früh, wenn ich aufwach', frag' ich bann gleich in der Küche an, was es zu Mittag gibt. Dann ruf’ ich Papa an: Hier Spatz! Es ist halb zehn und ich lieg’ noch immer im Bett!' Wird das luftig! Ich glaub’, Papa wird's nicht erlauben."
„Was?"
„Daß wir heiraten."
Dr. Kircheifen schwieg. Nach den Erfahrungen, die ihm in dieser Hinsicht zur Verfügung standen, mußte er zugeben, daß die Baronesse mit ihrer Skepsis weiterblickend war als er.
„Tut nichts , sagte das junge Mädchen nach einer Weile Nachdenkens. „Dann bleiben wir eben verlobt. Wir mästen jetzt unsere Anfangsbuch, staben irgendwo einschneiden und ein Herz ringsherum. So hat's meine frühere Französin auch gemacht, wie sie sich mit ihrem Postbeamten ver- lobt hat. Da hier, in diesen Baum da. Da ist Platz genug."
Dr. Kircheisen sand diesen Varfchlag reizend. Mit feinem Taschenmesser schnitt er in kräftigen Zügen feine und der Baronesse Initialen in den Stamm des Mangobaumes unb zog ein kunstvoll geschnörkeltes $erSieerSaronefle war mit [einer Leistung durchaus zufrieden. „So. Jetzt sind wir richtig verlobt", sagte sie. „Adieu. Es ist schon spät. Ich hab’ so Angst. Ich muß gehen." .
Sie legte mit einer reizenden Geste der Besorgnis die Hand an ihre Wange unb war im nächsten Augenblick zur Tür hinaus.
Dr Kircheisen zog sein Notizbuch hervor unb notierte: Morgen mit bem Hausherrn sprechen, wegen der Küche im ersten Stock. Bei der Telephonzentrale um einen neuen Gesellschaftstelephonanschluh ersuchen. — Er steckte sein Notizbuch ein... Es wird gut fein, wenn ich das Gesuch gleich morgen ausfertige, denn es dauert ja doch mindestens ein halbes Jahr, eh' man in Wien einen neuen Telephonanschluß b^Dr^Kircheisen horchte auf. Wenn ihn sein Ohr nicht täuschte, so waren bas Schritte, die sich näherten. Wahrhaftig, zwei Gestalten kamen durch den Garten auf das Treibhaus zu. Der Baron war es und bet alte Philipp Was wollen die hier um diese Abendstunde im Treibhaus? Hat


