GichemrZaimlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang <933 Montag, den 13. Zevruar Nummer 15

Aussprüche über Musik.

Von Richard Warner.

Ewig verehrt und angebetet sei Gott, der Herr der Freude und des Glücks, der Gott, der die Musik erschuft"

Ich glaube, wer nur einmal in den erhabenen Genüssen dieser hohen Kunst schwelgte, für ewig ihr ergeben sein muß und sie nie verleugnen kann.

*

Da, wo die menschliche Sprache aushört, fängt die Musik an. *

Ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen als in der Liebe. *

Dem Rufe Fausts:Welch Schauspiell Aber achl Ein Schauspiel nurl Wo sah' ich dich, unendliche Natur?" antwortet auf's allersicherste die Musik.

*

Das, was die Musik ausspricht, ist ewig, unendlich und ideal: sie spricht nicht die Leidenschaft, die Liebe, die Sehnsucht dieses oder jenes Indivi­duums in dieser oder jener Lage aus, sondern die Leidenschaft, die Liebe, die Sehnsucht selbst, und zwar in den unendlich mannigfaltigsten Moti­vierungen, die In der ausschließlichen Eigentümlichkeit der Musik begrün­det liegen, jeder anderen Sprache aber fremd und unausdrückbar sind.

Wir nennen die Musik die Offenbarung des innersten Traumbildes vom Wesen der Welt.

*

Der magische Schatz, vor dem die Sonnenstrahlen verblassen, wenn sein Anblick unser Herz mit göttlicher Liebe, unseren Geist mit seliger Er­kenntnis füllt, das ist der Genius der Musik.

*

Unsere Musik ist noch der lebendige Gott in unserem BusenI

Die Melodie ist der vollendete Ausdruck des inneren Wesens der Musik. *

Oft habe ich erklärt, daß ich die Musik für den rettenden Genius des deutschen Volkes halte.

Ich habe beschlossen, in Gott und in der reinen Musik zu verscheiden.

Richard Wagners deutsche Sendung.

Zu seinem 50. Todestage am 13. Februar.

Von Professor Dr. Max von Schillings, Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste.

Ein Junge von 14 Jahren war ich, als mich der leuchtende Blick Richard Wagners zum ersten Male und nur für eine kurze Se­kunde streifte. Ja, ich darf mich sogar rühmen, das unsterbliche deutsche Genie damalsbeschirmt" zu haben. Es war 1882 in Bayreuth. Vor dem Eingang zum Festspielhause erwartete ich die Anfahrt des Meisters. Als fein Wagen hielt, stürzte ich hinzu, von einem spontanen Entschluß getrieben, und öffnete ihm den Schlag. Da gerade ein paar Regen­tropfen fielen, spannte ich zu seinem Schutz meinen Regenschirm auf und geleitete ihn so fürsorglich die wenigen Schritte bis zum Tor. Heute noch fühle ich den lächelnd erstaunten Blick auf mir ruhen, mit dem der Meister mir dankte. Die flüchtige Begegnung hinterließ mir einen nach­haltigen Eindruck. Ihm gesellte sich das Erlebnis einer der Erstauffüh­rungen desParsifal". Erschüttert stand ich mit meinem jugendlichen Empfinden vor den ungeheuerlichen Ausmaßen dieses Werkes! Seine Geheimnisse ahnte ich nur, aber tief grub sich in die junge Seele die Ehrfurcht vor der einsamen Gröhe des Werkes und vor dessen Schöpfer. Kein Wunder, daß das Erlebnis für die ganze Entwicklung meiner Kunftanfchauung richtunggebend fein mußte.

Später kam ich dann als junger musikalischer Assistent der Fest­spiele nach Bayreuth und wurde im Hause Wahnsried freundlich auf­genommen. Der persönliche Verkehr mit Frau Cosima Wagner, einer Fürstlichen austbem Gebiete des Geistes, half mir, immer tiefer in die Welt Richard Wagners einzudringen.

Wagners Werk ist inzwischen Besitztum der ganzen Welt geworden. Aber für uns Deutsche bedeutet es noch mehr als Besitztum: es bedeutet Sein. Unser Wesen ist es, das hier seine einmalige und endgültige Gestalt gefunden hat. Alles, was im Unbewußtfein des deutschen Men­schen schon vorgebildet lag, unser Träumen von Größe, von Sittlichkeit, unsere metaphysischen Sehnsüchte, das Gesetz, nach dem wir angetreten, und die Strenge des deutschen Schicksals: alles das hob Wagner ans Licht des Tages und bildete es körperhaft durch die Mittel feines Wortes

und Klanges. So wurde der Künstler aus dem Geschlecht der Titanen zugleich zum Schöpfer einer neuen deutschen Kultur. Nur langsam und allmählich ist der Deutsche sich dieses Besitzes bewußt geworden. Wir wissen es von altersher, daß im Leben des Einzelnen wie der Völker nichts so schwierig ist, als sich selber zu erkennen.

Nur eine wahrhaft nationale Kunst kann dauernde internationale Geltung gewinnen. Eine Frucht entwickelt sich vom Kern her. Der Kern eines Menschen aber ist die Zugehörigkeit zu seinem Volkstum. Von hier aus erst kann er sich zum Weltmenschen, zum Allmenschen ent­wickeln. Wagner hat mit feiner künstlerischen. Erscheinung den Wahr­heitsbeweis dafür erbracht. Wie ein Baum wurzelt fein Werk in der deutschen Erde, um mit seinen Verzweigungen weit hinaus in die fremde Seelenlandschaft zu greifen. Das Wesen ist deutsch, die Wirkung gehört der Welt.

Der ausgezeichnete Wagnerforscher Housten Stewart Chamber­lain, ein Engländer, der aus Ueberzeuaung Deutscher wurde, hat ein­mal gesagt: Das Drama im Sinne Richard Wagners konnte nur der Musiker schaffen, denn die Seele des Deutschen erlangt erst durch die Musik ihren vollendeten, ihren gleichsam erlösenden Ausdruck. In der Tat: Die Liebe des Hans Sachs zu Evchen in den Meistersingern wird kaum mit einem Wort angedeutet. Die Musik ist es, die hier wie im Tristan", diesem einzigartigen Lied von Liebe und Tod, die tiefsten Geheimnisse und verborgensten Regungen der Seele offenbart. Auch auf dem rein praktischen Gebiet des Theaters hat Wagner Neues und Großes gewirkt. Die reformatorische Kraft feines Geistes hob nicht nur die Opernbllhne aus der Sphäre einer seichten, äußerlichen Tratidion, erzwang nicht nur einen einheitlichen gesanglich-darstellerischen Stil, sie gab vielmehr darüber hinaus dem gesamten deutschen Theater neue Impulse. Begriff und Wesen der dramatischen Kunst als eines geistigen F e st e s wurden durch ihn lebendig. Er gab den Deutschen das erste Festspielhaus.

Selbstverständlich ist es weder Sinn noch Absicht der diesjährigen Wagner-Gedenkfeiern,vergessene" Leistungen dem Bewußtsein wieder näherzubringen. Solches Unterfangen mag verstaubtem Besitz frommen, den man aus einem Winkel der Kunstwelt wieder hervorfuchen muß. Richard Wagners Schaffen dagegen lebt im Bewußtsein der weitesten Kreise des deutschen Volkes. Anteil an ihm zu nehmen, bedünkt Not­wendigkeit. Wenn in sämtlichen Städten des Reiches, auch in den klei­neren, die sich nur noch unter mühsam ermöglichten Opfern eine Opern­bühne erhalten können, die erlauchte Feierlichkeit der Wortdramen Wag­ners sich entfaltet, dann wird jeder auf die ihm eigene Art, jeder nach seinem Erfahrung?- und Empfindungskreise, sich im Innersten bereichert fühlen durch das Schaffen des großen Sohnes unseres Volkes, well es in künstlerischer Erhöhung alle Phasen irdischer Begebenheiten und Zu­sammenhänge vom Volkstümlich-Schlichten bis zum Prvblemhaft-Tief- grünbigen veranschaulicht. Fordert doch Wagner von seinen Zuhörern nichts weiter als ein menschlich fühlendes Herz und gesunde Sinne. Um ihn zuverstehen", braucht man nichts anderes als die Aufnahmefähig­keit einer Kunst gegenüber, die den ethischen Idealen des wahren Helden­tums und der reinen Menschenliebe dient. Wie ein roter Faden zieht durch das ganze musikdramatische Werk des Meisters der ethische Ge­danke. ImRing des Nibelungen" wird das Postulat aufgestellt, nicht Reichtum und Macht, sondern Menschenliebe als höchsten Gewinn zu er­streben. ImParsival" findet das Prinzip des Mitleidens feine inten­sivste Offenbarung.

Es fehlt in unserer von Problemen (und Problemchen) bedrängten, um neue Ausdrucksformen ringenden, sensationshungrigen Zeit nicht an solchen, die den unverminderten Wert des uns von Wagner überkom­menen deutschen Geistes- und Kunstgutes abzuleugnen versuchen. Gewiß: dem Gesetze der Wellenbewegung unterliegt alles Geschehen auf der Erdkugel, nichts Neues kann entstehen, ohne daß Altes zugrundegeht. Jenseits aber von diesem gesetzmäßigen Aus und Nieder in der Natur, jenseits dieses nie endenden Daseinskampfes, sozusagen aus einem Eiland, dessen Uferböschung keine feindliche Welle überspülen kann, befinden sich in gesicherter Sphäre alle jene Gebilde, welche die Werte und Merkmale des Ueberzeitlichen in sich tragen. Richard Wagners Unsterblichkeit hat dem lotgefagtmerben bisher in gelaßener Kraft roiberftanben. Seine Kunst ist zeitlos, und beshalb hoffe ich, baß bie Feiern zu feinen Ehren im Gebenkjahr 1933 nicht allein bie Lebenbigkeit feines Lebenswerkes im Raum ber Gegenwart überzeugenb bartun werben, fonbern, baß ihnen eine Höhere Aufgabe zukommt. Die Aufgabe, bas Werk in seinen überzeitlichen Werten an bie Zukunft weiterzureichen, wo es wirken möge, vereinigt mit bem ©eifteserbe unserer anberen großen Dichter unb Musiker. Hat bas Jahr 1932 im Zeichen bes universellsten beutschen Geniemenschen geftanben, im Zeichen Goethes, so wirb man bas nun­mehr begonnene Jahr ein Wagnerjahr nennen bürfen. Die Gesamt­erscheinung Richarb Wagners (egt roieber einmal Zeugnis ab von ben gewaltig beroegenben Kräften geistig-künstlerischen Schaffens, bie bem beutfchen Menschen eingeboren firub, ihm selber unb anberen zum Heile.