3„B1V „ , ,, nur noch der leere Rahmen an der "Wand hing; dann legte er den Stock auf den Tisch und schöpfte Atem: „Ich liebe es nicht, wenn Gretl in den Spiegel sieht. Gretl ist hübsch, und junge Mädchen werden so leicht eitel —"
„Armer Papal Einen Spiegel zerbrochen! Sieben Jahre Unglück!
klirrend in Trümmer ging.
„So!" sagte er dann befriedigt, als
Nein'" rief der Baron mit plötzlicher Festigkeit. „Nicht bis ans Endel •‘ÄSM’ÄTC »»W*. -- «**.*« lafel erhob , Heute gibt es nur eine Weisheit: Fröhlich vom Tisch ausstehen, wenn das Mahl zu Ende geht. Das müssen Sie lernen. — Dort kommt Ihre Tochter, Herr Baron."
Dem Arzt gegenüber hing ein Spiegel ein roenig geneigt an ber Wand, und in diesem Spiegel konnte er den ganzen Park überblicken und sah die Baronesse, die mit dem Reifen um die Schulter über den Kiesweg auf die Terrasse zugelausen kam.
„Wo?" fragte der Baron. „Wo sehn Sie Gretl?
„Sehn Sie sie nicht dort im Spiegel?" fragte der Arzt und wies mit dem Arm nach der Wand.
Dr. Kircheisen hatte In dem Hause des Barons während der wenigen Stunden seines Aufenthaltes schon eine ganze Anzahl ab onderlicher und verwirrender Tatsachen beobachtet, aber die neueste Schrulle des Barons war doch närrischer, als man selbst von einem alten Sonderling erwarten konnte. „ ,, ,
„Himmel! Den hab' ich vergessen!" schrie er entsetzt auf. „Doktor, rasch! Helfen Sie mir, der Spiegel mutz fort!"
Dr Kircheisen faßte kopfschüttelnd nach dem Spiegel und versuchte ihn von der Wand zu lösen. Aber der schwere Spiegel hing fest an seinem Haken und wollte nicht von der Wand weichen.
„Rasch! Rasch!" schrie der Baron. „Sie kommt schon die Treppe herauf."
„Wer denn?" rief der Arzt.
„Gretl!" sagte der Baron. „Er geht nicht hinunter. Wo ,st mein Stock? Wir müssen ihn zerschlagen."
Und ehe der Arzt begriff, was eigentlich vorging, schlug der Baron mit der Krücke seines Stockes wütend auf die Spiegelscheibe los, die
Die Baronesse stand — nein, sie hüpfte vielmehr von einem Fuß auf den andern. Den Reisen hatte sie über die Schulter gehängt, so, wie Soldaten den gerollten Mantel zu tragen pflegen. In den beiden Händen hielt sie ein klapperndes, klirrendes Etwas — was mochte das nur sein?
Jetzt, da sie vor ihm stand, sah er, daß die Baronesse nicht mehr so jung war, wie er vermutet hatte. Er hatte sie auf zwanzig Jahre geschätzt, — sie mochte die vierundzwanzig schon überschritten haben. Die ersten, leisen Züge des Verwelkens standen in ihrem Gesicht, das dadurch auf seltsame Art verfeinert und veredelt wurde.
Dr. Kircheifen machte eine leichte Verbeugung, die die Baroneste jedoch nicht beachtete. Er wiederholte feinen Gruß, ohne jedoch mehr zu erreichen als einen flüchtigen Blick aus den großen blauen Augen des jungen Mädchens.
Jetzt stellte die Baronesse das klirrende Ding auf den Tisch. Es war eine Sparbüchse, wie Dr. Kircheisen auch einmal eine besessen hatte als Bub von sechs Jahren, ein tönernes, braunglasiertes Schweinchen mit einem mächtigen Schlitz am Rücken!
„Papa! Bitt' schön, meine Krone!" bat die Baronesse.
lieber die verfallenen Züge des Barons huschte es wie ein Lächeln. Aechzend ob der Anstrengung, die die Bewegung ihm verursachte, holte er sein Portemonnaie hervor und reichte seiner Tochter das Geldstück.
Sie ließ die Münze durch den Schlitz gleiten, schüttelte das Schweinchen und horchte auf das Klappern der Münzen.
„Aber ich muß ja schon genug haben", rief sie plötzlich. „Gleich will ich nachfchauen."
Und ohne weitere Umstände kniete sie auf den Glasboden der Veranda hin — als wäre es die natürlichste Sache von der Welt, daß eine junge Dame von vierundzwanzig Jahren nicht immer nur stehen und fitzen, sondern zur Abwechslung auch einmal aus der Erde knien dürste. Dann zerschlug sie die Sparbüchse auf dem Boden und begann zu zählen.
... Wie reizend! Wie natürlich! Ein Wildfang von vierundzwanzig Jahren - dachte der Arzt und wandte sich an den Baron.
„Dars ich bitten, mich der Baronesse vorzustellen?"
Der Baron sah ihn einen Augenblick lang verständnislos an.
„Vorstellen ...' sagte er. „Ja, Gott, richtig. Gretl, das ist der Herr Doktor, der unseren armen Ulam Singh gesund machen wird. Sag ihm guten Tag."
Dr. Kircheisen zupfte sich die Krawatte zurecht, machte einen Schritt vorwärts und verbeugte sich. Aber die Baronesse reichte ihm nur flüchtig die Fingerspitzen und fuhr sogleich wieder fort, ihre Münzen zu zählen, ohne ihn weiter zu beachten.
„Ich bin ihr nicht sympathisch! Ich bin ihr sehr gleichgültig!" dachte Dr. Kircheisen. „Das ist kein Wunder; sie ist sicher umschwärmt und verwöhnt von den jungen Leuten. Vielleicht, wenn ich eleganter wär' —"
Dr. Kircheisen war sehr niedergeschlagen und ein wenig verletzt.
„Hurra!" schrie plötzlich die Baronesse. „Sechsunddreißig Kronen! In vier Tagen kann ich mir die Hansi taufen, die in der Auslag' in der Kärntner Straße, du weißt doch, Papa!''
Sie sprang auf, griff nach dem Reifen und lief die Treppe hinab, ihr blauer Rock wehte gleich daraus über die Wiese. Billy, der Fox, kläffte hinter ihr her.
„Das ist wohl eine Katze, die Hansi?" fragte Dr. Kircheisen, der dem jungen Mädchen wie gebannt nachstarrte. „Ober ein kleiner Hund?"
„Nein", antwortete der Baron. „Die Hansi ist eine Puppe. Meine Tochter spielt gern mit Puppen."
Lin Verdacht.
„Gnädiger Herr!" meldete Philipp, der in der Tür stand. „Es ist einviertel zehn, das gnädige Fräulein wird gleich hier sein."
Der Baron erschrak sichtlich. Er fuhr auf, tastete mit unsicheren Händen nach der Uhr und blickte den Diener an.
„Was machen wir, Philipp?" fragte er.
Der Diener zuckte die Achseln.
„Vielleicht, wenn der gnädige Herr sich verleugnen lassen? Vielleicht, wenn der gnädige Herr ausgeritten sind?
... Also wenn er sich vor irgend jemanden verleugnen lasten will, jo ist „ausreiten" doch eine ein bißchen unwahrscheinliche Ausrede ... dachte der Arzt. — Wer wird dem alten Herrn glauben, daß er überhaupt auf ein Pferd hinaufklettern kann — es kostet ihn Mühe genug, sich aus dem Lehnstuhl zu erheben.
Der Baron hatte ein Weilchen nachgedacht. „Es ist meine Braut, di« mich immer um diese Stunde abholt", wandte er sich an den Arzt.
„Sie sind verlobt?" fragte der Arzt und blickte überrascht den alten Mann an. , .
„Sie wissen das nicht?" gab der Baron lächelnd zuruck. „Dann haben Sie natürlich auch keine Ahnung, wer meine Braut ist. Ich bin mit der Melitta Ziegler verlobt. Der Name muß Ihnen doch geläufig fein?"
„Er kommt mir tatsächlich bekannt vor. Trotzdem weiß ich im Augenblick nicht ..." . m „„
„Aber die Melitta Ziegler, die Heroine des Burgtheaters, die müssen Sie doch kennen?"
„Ja, natürlich, dem Namen nach. Persönlich kenne ich sie nicht. Hab' leider noch nicht das Vergnügen gehabt, auch von der Bühne her nicht — ich komme nie ins Theater. In die Varietös geh' ich manchmal, aber auch nur, wenn Tierdressuren zu sehen sind, für die interessiere ich mich.
„Sie werden meine Braut in ein paar Minuten kennenlernen — ich muß Sie nämlich um eine große Gefälligkeit bitten, lieber Doktor!
„Verfügen Sie über mich, Herr Baron!"
„Ich bin heute nicht in der inneren und, um ganz aufrichtig zu fein, auch nicht recht in der äußeren Verfassung, um meine Braut empfangen zu können. Nicht wahr, Sie werden ihr entgegengehen und mich bei ihr entschuldigen, mit Unwohlsein etwa —"
... Natürlich, dachte der Arzt... Für gewöhnlich färbt er sich wahrscheinlich die Haare, der alte Herr, rnöcht' möglichst jung erscheinen — heute hat er das in seiner Aufregung vergessen. Sie wird s natürlich nicht anders halten. Eine alte Schauspielerin, färbt sich, schminkt sich wahrscheinlich, und so betrügt eben einer den anderen!
„Wo ist die Gretl?"
„Die Baronesse ist auf ihrem Zimmer."
So sperr' die Tür ab! Die Baronesse darf ihr Zimmer nicht verlasten, solang' Fräulein Ziegler im Hause ist." Er sah den erstaunten Blick des Arztes, versuchte ein Lächeln und erklärte: „Gretl und meine Braut dis- harmonieren ein wenig — vorläufig wenigstens. Aber ich hoffe, daß sich das mit der Zeit geben wird. Und jetzt flott, Philipp! Also nicht wahr, Doktor: Keine Verletzung, nur ein kleiner Chok!"
Dr. Kircheisen eilte raschen Schritts die Treppe hinab, durchquerte die Halle und ging über den hell im Sonnenlicht liegenden Kiesweg auf das Gittertor zu. Dort stand schon der Dogcart. Eine hochgewachsene junge Dame schwang sich eben vom Kutschersitz herab und trat neben das Pferd, einen prächtigen, in Silber geschirrten iiuchs.
,Lucker!" rief sie dem Lakaien zu. Der hielt seiner Herrin ein geöffnetes Büchschen entgegen, dessen Inhalt sie in ihre flache Hand schüttete. Während sie das Pferd naschen ließ, konnte Dr. Kircheisen sie mit Muße betrachten. .
Donnerwetter! — Nein, das war nicht die ältliche Komodiannn, die er anzutressen erwartet hatte. Wahrhaftig nicht! Ein lebensprühendes, junges Geschöpf, kaum zwei Jahre älter als die Baroneste, deren Stief- mutter sie werden sollte. Kein Wunder, daß die beiden sich nicht vertragen wollten. Dr. Kircheisen bettachtete gebannt das goldbraune Haar, das in natürlich koketten Wellen unter einem aus Veilchen gebildeten Hute her- vorquoll, auf das feine Gesicht mit der edel geschnittenen Nase und den großen dunklen Augen.
... Und dieses entzückende Geschöpf soll den alten Baron heiraten! ... durchfuhr es den Arzt... Was ist das für eine sonderbar verderbte Welt, die solche Verbindungen kennt! Der alte, verfallene Mann und dieses blühende, genußfreudige Wesen — wie soll man das begreifen können! — Ach Gott, nur zu leicht ist das Rätsel gelöst: Ein reicher Mann, ein Millionär und eine Schauspielerin! Eine schöne Frau braucht schöne Kleider, kostbarenSchmuck — der Dogcart sagt alles. Er spricht Bände. Wenn sie nicht die Braut des Barons wäre, müßte sie mit der elektrischen Tram nach Hietzing hiausfahren. Und er, der reiche, alte Mann. Ein Handel. Nichts anderes — und jeder glaubt den anderen betrogen zu haben. Indessen, all das kümmert mich nicht ... dachte Dr. Kircheisen ... Ich entledige mich meines Auftrages ...
(Fortfetzung folgt.)
ich sei beim Reiten vom Pferd gestürzt! Keine Verletzung, nur ein kleiner Nervenchok. Ja, das wird das Klügste sein! Aber sie darf sich nicht etwa beunruhigen — keine Verletzung, Doktor! Nur ein kleiner Chok, der in zwei Tagen vorüber ist." , , ..
... Du lieber Gott ... sie wird mir ,a ms Gesicht lachen, wenn ich ihr erzähle, daß dieser alte, gebrechliche Herr da geritten ist! ... suhr es dem Arzt durch den Kops. ..
„Wenn meine Braut mich unbedingt zu sehen wünscht, so suhren Sie sie, bitte, in mein Arbeitszimmer! Aber konzedieren Sie ihr nur fünf Minuten höchstens — einen längeren Besuch dürfen Sie als Arzt nicht zulasten —, müssen Sie ihr sagen. — Was gibt's, Philipp?"
„Der Wagen fährt eben vor, Herr Baron!"
„Oder wissen Sie, was noch besser wär'? Sagen Sie ihr doch emsach, --- ~ Pferd gestürzt! Keine Verletzung, nur ein kleiner d das Klügste sein! Aber sie darf sich nicht etwa
'Verantwortlich: 0r. HunsThyriot. — Druck undD er lag: Drühl'scheUniversitäts-Duch-undSte in druckerei, R. Lange, Gießen.


