Ausgabe 
13.1.1933
 
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Die Schiffe füllen den Hafen mit einer vom Schicksal vieler bösen Zelt erzwungenen Untätigkeit; eins ruht am andern; aus wenigen regt sich Ton und Geste gewöhnlicher Arbeit. Große Schisse. Riesige Schisse. Kleine Schisse. Schisse mit aufregend fremden Namen. Schiff an Schiss; ein Volk von Schissen. Kleinste Schisse dazwischen, wie Kinder. Einmal schnei­det, einem geschweiften Messer ähnlich, die angretsende Kurve eines Seg­lersbugs in die Luft. In der Parallellinie des Vorderschiffes regt sich erwartend, gespannt ein Vorzeichen der zu durchmessenden Unendlichkeit der Meere.

Die Rümpfe der Dampfer sind schwarz; unten, wo sie ins Wasser tauchen, zeigen sie die glühend rote Mennige. Etliche sind oben weiß. Kamine sind ockergelb mit blauem Band und weißem Stern; Kamine sind ockergelb und tragen schwarzweißrote Kappen; Kamine sind schwarz, und auf dem rot umränderten Weiß des Bandes können sie ein schwarzes Kreuz tragen. Maste sind mattgelb, kleine eilige Barkassen aus eine mun­tere Weise grün; alle Farben stehen mit einer gesteigerten Sichtbarkeit im Dunst es schwächt sie nicht, er scheint sie vollends zu sich zu bringen.

Die Möwen fliegen großartig und lärmen mit schrillen Stimmen. Hin und wieder zerreißt eine Sirene den Stillstand der Luft; hin und wieder holt sich ein dumpfer, dunkler, schwer eratmeter Ton aus der Tiefe, wie ein Kontrabaß.

Schwimmdocks ruhen als mächtige dunkelrote Kästen. Eines trägt einen Afrikafahrer; hochgehoben empfängt er am Bauch den neuen Anstrich mit fiebrigem Bleirot; die Schraube starrt in die Lust; der Anker tastet in den Himmel.

Gerüste aus Eisen stehen hoch hinaus: Phänomene der vollkommensten Zweckmäßigkeit, und gleichwohl, so scheint es, voll der schönen Abstraktion, der schönen Zwecklosigkeit einer dichterischen Strophenfugung. Dies sind die Werstgerüste; dies die schräg emportrachtenden, großartig begehr­lichen Kräne. Viele, die meisten, ragen still ins Grenzenlose; Zeichen eines erstarrenden Verlangens. Einige dürfen arbeiten; drehen sich eisern, tra­gen, rasseln, nehmen auf und speien aus. Ein Gebinde rindengrauer Balken ist ihnen wie ein Bündel Streichhölzer; ein Pack sandgelber Säcke wie ein Kinderspielzeug. Einer der Kräne beißt in Kohlen. Ein Getreide­heber zieht den Atem an dem Atem folgt die Materie: er saugt sie auf, nimmt sie ins Innere einer schlauchigen und absurden Figur. In der Höhle der Gerüste oder auf den Scheiteln der Speicher stehen die Namen großer Firmen: Reiherstiegwerft, Blohm & Voß, Societa Vinocola oder wie sonst es heißen mag. Es ist die Epigraphik der Industrie und des Handels von heute: riesige Buchstaben von durchsichtig-eisernem Raster gegen den Himmel gehalten.

Aus dem Wasser stehen, zu dumpsen Pmamiden gefügt, mächtige Pfosten auf. Fernhinfahrende Schiffe tragen Menschen mit fremdartigen Gesichtern: Besatzungen mit den Physiognomien Asiens, Afrikas, gelben, braunen, schokoladenfarbenen, schwarzen. Die Besatzungen stehen und schauen herüber. Ein Sowjetschiff mit roter Fahne, die den Hammer und die Sichel trägt, bedarf der russischen Inschrift nicht, und doch verstärkt sie den Charakter des Seltsamen. Die Flaggen der Schiffe bezeugen alle Nationen; das Sternenbanner, das britische Flaggenkreuz, der Danebrog, die schwedische Flagge ist den Einheimischen eine Selbstverständlichkeit uns ein Rätsel. Rauchfahnen folgen der Richtung wehender Flaggen und Wimpel. Dampfpfeifentöne, hell und dunkel, konzertieren mit Terz und Quint und Sext. Arn Kai rast gelb die Hochbahn vorüber. Am linken Ufer wächst Gras: weshalb dreht sich das Herz im Leibe, wenn das Auge dies Bruchstück Natur erblickt? Dies bißchen Grün ist wie liegengeblieben, wie verloren, und die Seele weiß nicht, wem sie es nachtragen müßte... Die einbrechende Sonne funkelt auf dem Anthrazit und an den Scheiben der Lagerschuppen. Dort drüben ist der mächtige Körper eines Gasometers graphitgrau emporgewachsen. Am eisernen Gewände eines Dampfers hängen Arbeiter in ausgewaschenen hellblauen Leinenanzügen und malen, malen...

*

Das Museum der Stadt hält zwei Meister bereit, deren Werke das Wesen der mittelalterlichen Stadt bezeugen und den Besucher mitten in die Empfindung treffen. Es find: der Meister Bertram von Minden, dessen Leben zwischen 1367 und 1415 lag, und der Meister Francke, der dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts angehörte. Beide haben ihr Künstlerleben dieser Stadt geweiht, und in den Werken ihrer großen Meister wächst der Stadt eine Abmessung zu, die nicht vergessen werden darf, obwohl es nicht leicht fein mag, zu dieser mittelalterlich-katholischen Gravitation aus dem heutigen Hamburg den Weg zurückzufinden. Meister Bertram hat auf einer vielseldrigen Tafel die halbe Bibel dargestellt; Altes und Neues Testament. Er hat es in einer Art getan, die den Be­schauer nötigt, südwärts, von der Nordsee zum Mittelmeer zu denken: der Meister ist wie ein hamburgischer Giotto. Die Form ist groß; die Form ist weit; ihre Würde ist gleichsam lateinischen Wesens. Es ist wich­tig, zu sehen, daß Hamburg einmal nach dieser Seite geblickt zu haben scheint. Der andere Meister Francke, bestätigt in den wunderbaren Tafeln zur Passion und zur Geschichte des heiligen Thomas den hanseatischen Geist, den Hamburg noch heute dem Gast mit Ruhe und natürlicher Zu­rückhaltung spürbar macht: das Feine, das Zugeschliffene, das Hochzivi- lifierte, das Patrizische mit einem Wort: das Hanseatische eben, das sich selbst definiert. Auch da ist nordische Gotik übrigens mit einer Klassi­zität gekreuzt, die an das italienische Trecento denken macht; aber auf­fälliger ist, daß der Radius dieses hamburgischen Meisters bis nach Helsingfors gereicht hat denn so weit bestimmte die hamburgische Kunst­form, des Südens teilhaftig, den europäischen Norden ...

Man muß auch ja nicht meinen, das Subtile, das Elegante habe in dieser Malerei die Größe ausgeschlossen; vielmehr ist sie in außerordent­lichem Maße darin enthalten; das Pslegsame des Meisters, feine unbe­dingte Distinktion hat der Größe nicht den Aufschwung gesperrt. Und nicht wahr: eben darin ist er ein Gleichnis der Stadt, der er gedient hat? Denn sie ist nicht etwa auf urbane Weife fein, ohne zugleich stark, zäh und groß zu sein, in Geschichte wie Gegenwart.

Das Mangobaumwunder.

Roman von Leo P e r u tz und Paul F ra nk.

Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.

(Fortsetzung.)

Dr. Franz Kircheisen, dis dahin ein ernster Gelehrter von ziemlichem Rus, verspürte plötzlich eine unbändige Lust, an dem Spiel der jungen .Lame unten im Garten teilzunehmen... Es muß eigentlich eine ganz amüsante Sache sein, dieses Spiel ... dachte er, ... gar nicht so arm an Kombinationen, wie man meinen könnte. Vielleicht ist es jetzt gar das Neuste in der vornehmen Welt. Zu meiner Zeit allerdings haben die jungen Mädchen mehr Tennis oder Krocket gefpielt. Aber die Model Auch derlei ändert sich natürlich ...

Ist die junge Dame dort unten Ihre Tochter?" wandte er sich an den Baron.

Junge ... Dame ...?" wiederholte der Baron zerstreut und trat ans Fenster.Ja! Das ist meine Tochter Grell." Er hielt plötzlich inne und sah den Arzt unter zusammengezogenen Brauen sorschend an.Sie kennen meine Tochter?" fragte er leise.

Nein ... ich habe leider noch nicht das Vergnügen", erwiderte Dr. Kircheisen.Wie sollte ich auch! Ich komme ja gar nirgends hin, ich lebe zwischen meinen vier Wänden. Ich gehe selten in Gesellschaft, niemals auf Bälle."

Meine Tochter Grell! Meinen Sie etwa, daß die auf Bälle geht", rief der Baron und brach in ein kurzes, heiseres Lachen aus, das in einen Hustenanfall überging.Nein! Meine Tochter war noch niemals auf einem Ball! Aber wollen wir nicht frühstücken gehen, Doktor?"

Lassen Sie sich nicht stören, Herr Baron. Ich werde noch die Morgen­temperatur des Patienten messen, und bann ein wenig Toilette machen. Ich komme Ihnen bald nach."

Ich habe auf der Terrasse decken lassen, weil heut ein so schöner, sonniger Tag ist. Ich erwarte Sie dort, Doktor!"

Als Dr. Kircheisen eine halbe Stunde später auf die Terrasse trat, kam ihm der Baron, der in einem mächtigen Ledersauteuil an dem mit Schalen und Schüsseln bedeckten Frühstückstisch gesessen hatte, entgegen.

Nun, wie geht es denn meinem armen Gärtner?" fragte er.

Immer gleich", gab der Arzt zur Antwort.Das Fieber ist ein wenig gestiegen, aber man muh in Betracht ziehen, daß das die Morgentempe­ratur ist."

Der Baron führte ihn an den Tisch. Dr. Kircheisen lieh seinen Blick in die Runde gehen. Die hundertfältigen Schattierungen des herbstlichen Laubes entzückten ihn. Das Treibhaus, ein kleines, moscheeartiges Ge­bäude, sah zwar ein wenig exotisch, sonst aber ganz friedlich und gar nicht mehr gespenstisch aus. Von seinem Platze aus konnte der Arzt zum erstenmal die ganze große Ausdehnung des Parkes erkennen, die Sorg- Sit, die an jeden Weg, an jede Anlage gewendet war, richtig würdigen.

uf dem Platz vor der Terrasse allerdings war der seine Kies ein wenig in Unordnung gebracht das hatte die Baronesse mit ihrem Reisen am Gewissen. Dr. Kircheisen spähte den Park ab und lächelte in der Erinnerung.

Sie müssen entschuldigen, wenn das Frühstück heute zu wünschen übrig läßt", sagte der Baron und versuchte dem Arzt aus der Kanne Tee in die Schale zu gießen. Seine Hand zitterte dabei so stark, daß Dr. Kircheisen ihm sacht die Teekanne abnahm und sich selbst bediente.Phi­lipp hat das Frühstück bereitet, da sonst niemand im Hause ist."

Weshalb haben Sie eigentlich Ihre Leute so kurzerhand weggeschickt, Herr Baron?" fragte der Arzt.

Das hat fein müssen! gab der Baron einsilbig zur Antwort.

Was haben die Leute angestellt?"

Der Baron schien um eine Antwort verlegen zu fein und überlegte eine Weile.Ich habe sie nicht weggeschickt. Sie wollten nicht bleiben. Es ist ihnen auch nicht zu verübeln, wenn eine Schlange im Haufe ihr Unwesen treibt. Sie suchen Zucker, Herr Doktor? O weh, den hat Philipp vergessen. Ich pflege nämlich den Tee immer ohne Zucker zu nehmen, ich versüße ihn mit Biskuit nach anglo-indischer Sitte wollen Sie's nicht auch so versuchen?"

Philipp erschien und legte ein Päckchen Briese und Zeitungen auf den Tisch.

Erlauben Sie, daß ich rasch ein wenig die Post ansehe", bat der Baron und griff nach einem Brief.Endlich das ist die lang erwartete Einladung vom Touringklub. Man fordert mich auf, einen Lichtbilder­vortrag über meine Tibettour zu halten. Leider werde ich abfagen müssen, denn ich habe die Diapositive der Aufnahme des Jbi-Gamin-Paffes noch nicht fertig. Das war keine leichte Sache, der Ibi-Gamin-Pah. Wissen Sie, wie hoch er liegt? 6240 Meter. Es ist der Paß, der von Garhwal hinüber nach Tibet führt."

Ich habe einiges davon gehört Sie sollen ja einer unserer unter­nehmendsten und erfolgreichsten Alpinisten gewesen fein in ihrer Jugend", sagte Dr. Kircheisen höflich.

In meiner Jugend! Ja!" sagte der Baron und wurde plötzlich ganz traurig.Ja, ich bin gerne und viel geklettert, ich hab' die Berge über alles geliebt in meiner Jugend. Die steilen Kletterfelsen, die Kamine, die luftigen Grate an all das werd' ich vergessen müssen! Doktor, ich kann es nicht, es ist unmöglich!"

Mein Gott, Herr Baron, Sie hatten wohl schon einige Jahre hin­durch Gelegenheit, sich mit dieser Notwendigkeit abzufinden. Der Schmerz könnte inzwischen doch schon vergangen sein!" sagte der Arzt.

Doktor! Machen Sie mich wieder jung! Oh, wenn Sie doch bas könnten."

Der alte Traum der Menschheit!" sagte Dr. Kircheisen lächelnd.

Wenn Sie doch das tonnten!'' wiederholte der Baron leise und starrte vor sich hin.

Sie haben Ihre Jugend stürmischer durchlebt als andere Menschen, die zwischen ihren vier Wänden geblieben sind; Sie haben sie bis ans Ende genossen und heute"