Ausgabe 
13.1.1933
 
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her Gdmeiber und stellte sich so recht ernsthaft und demütig. ,Ich weih sa, wenn der Herr Regimentsschreiber etwas sagt, so kann man sich daraus ""Damit schwieg er; aber der Regimentsschreiber saß in tiefe Gedanken versunken da wie er sich wohl aus dieser schwierigen Lage ziehen könne. Denn er wußte nicht nur, daß er zum Gespött des ganzen Regiments verden würde, sondern er wollte um keinen Preis, dah so ein Schlingel üe dieser Schneider Lagerlös heißen sollte.

(jör mal, Lars/ begann er, ,es wäre fa vielleicht möglich, daß wir Ide denselben Namen innerhalb des Regiments führten; "ber siehst du, heim auf Marbacka ist dies ganz ausgeschlossen. Du mußt also darauf saht sein, nie wieder in Marbacka nähen zu dürfen, wenn du aus dieser ache beharrst?

Nun war die Reihe des Erschreckens an dem Schneider denn d.e ochen, die er aus Mabacka verbrachte, waren die schönsten des ganzen ahtes Nirgends wurde er so gut ausgenommen, und nirgends freute ian sich so über seine Geschichten und Spaße wie dort.

Vielleicht begnügst du dich damit, Lager zu heißen/ fuhr der Regi- nentsschreiber fort, als er bei dem andern ein Schwanken zu bemerken glaubte. n ,

So muhte sich also der Schneider für den Namen Lager entschliehen, und so hieß er denn auch sein ganzes Leben lang."

Lieber Vergänglichkeit.

Von Hugo von Hosmannsthal.

Noch spür' ich ihren Atem auf den Wangens Wie kann das sein, dah diese nahen Tage Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen? Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als dah man klage: Dah alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, Herüberglitt aus einem kleinen Kind, Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd. Dann: Dah ich auch vor hundert Jahren war Und meine Ahnen, die im Totenhemd, Mit mir verwandt find wie mein eignes Haar. So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

Hamburgisches Tagebuch.

Von Wilhelm Haufen ft ein.

etwa der Alsterbecken, zwischen dem Klaffizismus und dem Jahre 1870 geprägt worden ist. Die Prägung ist einfach und auf eine so angenehme als seine Weise slächig; die Farbe ist hell von Grau zu Weiß. Die Esplanade gleicht dem alten Frankfurter ober Berliner Westen und wohl auch einem vornehmen Antwerpen aus der ersten Halste des vorigen Säkulums. *

In diese Aspekte sind exotische Beziehungen eingestickt. Chinesische Lokale stecken ihre Zeichen aus: aus weihen Lampen stehen, zumal im Bezirk derGroßen Freiheit" und der ihrer tollen Hasen-Vergnuglichkeit von diesen traurigen Zeiten sreilich beraubten Reeperbahn, chinesische Schristzeichen in roter Farbe. Am Hasen meldet sich das Aroma der klei­nen Läden, die mit den fremden Dingen handeln: Auslagen sind mit Neqerbildereien aus Holz, mit Muschelketten, mit Korallen und tausend­fältigem überseeischem Kram angesüllt. Aber schon die europäische önter- nationalität fällt aus und sagt die eigentümlich starke Wendung dieser großen Hasenstadt zur Fremde an. Ein Haus am Hafen gibt sich als eng­lisches Seemannsheim zu erkennen; eine Kirche nahebei gehört als , Gustaf Adolf Kyrkan" schwedischen Seesahrern und derart schließt sich ein ausländisches Idiom ober Bild ans andere. Und allerdings: um im höchsten Grad merkwürdig zu sein, bedürfte Hamburg am Ende nur jener uralten Gassen, die als Gassen des Gängeviertels auf eine ungeheuerliche Weife einheimisch sind: daß solche Gassen Wirklichkeit sind, glaubt man nicht, ehe man sie, erschreckt und fasziniert, durchwandert hat, eine um die andere und wieder und wieder denn solche Dinge, meint man, leben sonst nur in der Phantasie chimärischer Zeichner oder in der abenteuer­lich erfinderischen Welt der Träume. Obwohl im Grunde gar nichts ein­facher und wirklicher (ein kann als diese engen und gewundenen Gassen, die aus Mauern und Fenstern bestehen.

In der Gegend des Meßbergs türmt sich, schon ein Widerschein ameri­kanischer Dimensionen, mit der Kühnheit des atlantischen Bebens und Handelns emporgetrieben, das Hamburg der modernen Hochhäuser. Es ist blaurot von lauter Klinkerstein. Es ist so sachlich, wie die Gegenwart es programmatisch fordert und im Sachlichen am Ende wohl auch ein wenig übertont, so daß dies Sachliche manchmal nahe daran scheint, sich zu überschlagen. Am schönsten ist die Hochhäuserstadt wohl dort, wo sie nur einfad) das Statische sucht: den festen Stand der einfachen, glatten Mauern und das ruhigste Gesamtverhältnis struktiver Formen. Da und dort hat man unternommen, die weiten Flächen durch Ziegel zu beleben, die übereck herausgezogen sind: dort aber ist, fo scheint mir, nicht nur das Lebendige, sondern manchmal beinahe auch schon die Grenze des Beunruhigenden erreicht. Wie wohltuend die klaren Flächen ohne -Profil, mit kaum eingetieften Fenstern! E» ist die Schönheit, die uns fönst in Holland gefangen nimmt. Alles in allem: ein Bild unvergleichlicst viel besser als das Hamburg der Gründerzeit; ein Bild, das schon durch die bloße, unmittelbare Kraft der Initiative um fo viel mehr Eindruck macht, als sie mit Austrieb und Ausdehnung sich in sormhasten Grenzen halt. Die babylonischen Türme von Neuyork sind anders.

Dies ist nicht eine der Städte mit dem Ueberfluß an alter Architektur. Wer die Erwartung hegen wollte, würde falfch herantreten. Es gibt recht viele Stellen, die (o wenig anziehen wie das Berlin der Zeit gegen 1900, wie das moderne Rotterdam und das moderne Hasen-Äntwerpen. Das Rathaus ist von gestern erst; der Historizismus des späten 19. Jahrhun­derts hat es in einer Renaissance erbaut, die nur um so neuer anmutet, je geschichtsbewuhter sie ist... Große, das Prosil mitbestimmende Kirchen sind ob zwar in Uebereinstimmung mit ursprünglichen Formen neuen Datums: Barock und Klassik von Sankt Michael; die Backsteingotik der Petrikirche; die Nikolaikirche mit der rauchgrauen neugotischen Pyra­mide. Das Alte trägt den Charakter des Außerordentlichen, des lieber- raschenden: nichts kann in Hamburg erstaunlicher (ein und mehr erschüt­tern als die wahrhast unvermutete Begegnung mit den drei schönen goti­schen Holzaltären in der Jakobskirche, die sreilich selbst schon ein schlicht- starkes, einsach-dichtes Denkmal ursprünglicher, niederdeutscher Backstein­gotik ist.

Bemüht, das wahre Verhältnis der Dinge zu erkennen, des Alten und des Neuen zueinander, sieht man bald ein, daß man das Alte nicht so sehr im Monumentalen suchen muß, das zwar auch da ist (denn nicht nur jene Jakobskirche besitzt eine das Bild der Stadt mitbestimmende gediegene Krast, sondern auch die alte Katharinenkirche mit ihrem zwi­schen Renaissance und Barock bizarr entwickelten Turm): vielmehr be­greift man, daß man das Alte in reihenhaften Erscheinungen wahrneh­men muß, die aus dem Alltag dieser Stadt entstanden sind. Da sind die alten Gassen und Wasserstraßen. Sie sind gebogen, meist auch eng; die Häuser sind nicht unähnlich dem altfränkischen Typus, aus Balkensächern und Backstein errichtet und giebelig emporgestohen. Zuweilen ist der Back­stein überstrichen; zuweilen zeigt er das natürliche, etwas brunftige, wohl auch violette Rot. Hin und wieder ist eines der alten Häuser, die kauf- inänniger Bestimmung dienen, förmlicher ausgebildet: helle Steinrahmen fasten den Ziegelstein; Portale tragen bildnerischen Schmuck aus weißem Haustein (meist zeugt er vom schmückenden Sinn der Renaissance oder des Barocks); die Giebel sind in weiche Kurven des 17. oder 18. Jahr­hunderts gerahmt. Zuweilen hat die Leichtigkeit des späteren 18. Jahr­hunderts ein bildnerisches Rokokomotiv hinzugespielt: am ehesten auf hölzerne Türen. Aus diese Weise wird ein altes inneres Hamburg Spiegel­bild etwa des alten Amsterdam. Ist die Stimmung des Augenblicks im Gemüt des Beschauers und in der Situation verschwenderisch genug, so mag man wohl auch glauben, etwas Venezianisches zu spüren: Häuser, Wasser, Brücken, Kreuzungen der Kanäle begünstigen dies Ungesähre der Illusion. In den Kanälen der inneren Stadl streiten Ebbe und Flut. Ein Schist sitzt inmitten aller Häuser, die sich neigen und zurücksinken, schief aus dem Sck)lamm; ist das Bild schwermütig, so ist es auch merkwürdig und dermaßen mitbeftimmt, daß es nicht mehr vergessen wird.

Das alte Hamburg wird auch dort noch empfunden, wo es, unweit

Aber es wäre ein Irrtum zu meinen, Hamburg fei eine Stadt, die im Bereich ihres baulichen Bestandes gemessen, begriffen und gänzlich gesuhlt werden könnte. Hamburgdas ist nicht anders, als die gebaute Stadt, das viele einbezogene Wasser. Das Wasser gehört zur Versastung dieser Stadt es trägt, zur Hälfte mindestens, dazu bei, sie auszumachen. Ham­burg das ist die Fläche des inneren Alsterbeckens in der Frühe: das dunkle Wasser ruht; halbblank schlägt das Licht daraus; die Hauser stehen in veilchenfarbenen Dünsten um das weitläufige wässerige Viereck; der Himmel ist ein zartblauer Hauch mit fünfter Vergoldung ein Hauch nur, keine Form; und keine Farbe, sondern nur die feinste Vieldeutigkeit chwebender Töne. Hamburg: das ist das weite Alsterbecken unter der Nacht Elektrische Lichter funfein, eins am andern, Kügelchen an Kügel­chen, um das riesige Bassin; die tausendundein Lämpchen scheinen aus dem Wasser zurück und zittern im Reflex. Das Wasser es ist das Herz der Stadt; es ist Sinn und Beziehung dieser Stadt; die Stadt selbst ift nur das in unheimlicher und auch in stattlich-ossenbarer Dichtigkeit Padthast bebaute User der Gewässer der Alster, der Elbe, derFleete .

Man muß die Stadt vom linken Elbuser her zu sichten trachten. Röt­lich und lila liegt sie da, ein einziger Dust, in dem die scharsgrün pati- nierten Türme von Sankt Michael und Sankt Jakob, die lichtgrunen Türme der Petrikirche, der Katharinenkirche als ordnende Zeichen sitzen, spitz, auch kuppelig, auch geschwellt und eingezogen und sreilich ebenso im Dust verschwindend wie sichtlich darin existierend. Das Wasser des Stroms hat die Stadt gefordert, hat sie sich gegeben, und also ist sie entstanden.

Man fährt den Michaelsturm hinauf, um das Gesamte aus einer Höhe zu überblicken, der das gehügelte Gelände da ein wenig vorgearbeitet hat Nebel, Rauch, Wolken, Sonne; eine lilarote, etwas branftige Stadt; Ebene darum her, weite, im Duft verlorene Ebene; in der Ferne blinkt noch einmal und noch einmal die Elbe auf. Und Wasser heran an bk Stadt auf allen Seiten, herein in die Stadt, Wasser, Wasser... Noch einmal ist dies Hamburg für eine Sekunde lagunenhaft eineJöntroort auf den Namen Venedig, wiewohl ja eigentlich nichts unwahrfcheinlicher anmuten könnte als gerade dies.

*

Das Wasser des Elbhafens ist olivbraun; es ist schwärzlich; es ist tintig. Die Lust darüber ist blaugrau mit Fliedertönen und Rosa; die Atmosphäre ein zartes, aber dichtes Gewebe, durch das man blickt, wie durch einen feinmaschigen Schleier. Wo der Himmel aufgeht, ist feine Bläue licht- und gewichtlos und von perlgrauen und mattgolden schim­mernden Wolken langsam befahren. Die Atmosphäre wird dünner; durch sie hindurch sind öde Ziegelbauten des Ufers kenntlich aber ihre karge Röte ist nun wie ein vernebeltes Feuer aus der Sage.