Ausgabe 
12.6.1933
 
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Die Dame mit dem Otterpelz.

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Taren.

Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.

(Fortsetzung.)

Kommissar Kling bohrte seinen Blick nachdenklich in das verblichene Muster der Damasttapete.Und was ist dann aus dem Bilde geworden? fragte er zerstreut.

Ich ließ mich von Kaspar Fuchs überreden ihm das Portrat zu ver­pfänden. Obgleich ich seine Absicht sofort durchschaute Er hasste natürlich daß ich nicht imstande sein würde, das wertvolle Pfand einzulosen. Nach achtzehn Monaten wäre es verfallen gewesen, und ich verzweifelte bereits an jeder Hoffnung, das Bild wieder zurückzugewinnen. Aber w,e durch ein Wunder gelang es mir kurz vor Ablauf der Frist, es doch noch ein- zulösen."

Und wie kam das?"

und reinen Naturen feien, wie di« alten Germanen, aber zugleich Kultur­menschen, die das Pulver und die Buchdruckerkunst erfunden. Selbst Caesar und Cicero müßten ihre Taten und Reden bewundern. F r i s ch l i n hat diesen Gedanken in seinemJulius redivivus" drama­tisch gestaltet, Meißner ihn übernommen, und so hat dieser Triumph des Deutschtums über das Altertum noch auf Bismarck gewirkt. Wie Hutten den ruhendenDeutschen Aar" feiert:Entschwingt er dem Boden sich kühn in die offenen Lüfte, Wehe, wie breitet er dann Schrecken und Furcht um sich her"!, so hat Luther gesagt:Teutsch- land ich wie ein schöner weiblicher Hengst, der Futter und alles genug hat, was er bedarf; es fehlt ihm aber an einem Reuter; es ist mächtig genug an Stärke und Leuten; es mangelt ihm aber an einem guten Haupt". Wieder klingt hier etwas von Bismarck an, der gesagt hat: Setzen wir nur Deutschland in den Sattel; reiten wird es schon können".

Der Dreißigjährige Krieg, der das größte Elend über Deutschland bringt, läßt dafür die Prophezeiungen wie glänzende Sterne einer fernen besseren Zeit am dunkeln Horizont aussteigen. In einem prachtvollen, unter leichtem Humor tiefen Ernst bergenden Traumbild seinesSiinpli- cissimus" läßt Grimmelshausen einenErzphantasten", der sich für den Gott Jupiter ausgibt, von einem neuen deutschen Weltreich künden:Ich will einen deutschen Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe des Schwertes vollenden. Zuletzt wird er den größten Poten­taten in der Welt befehlen und die Regierung über Meer und Erden jo löblich anstellen, daß beides, Götter und Menschen, ein Wohlgefallen darob haben sollen." Ja, Deutschland, soll sogar auch das Kulturerbe Alt- Griechenlands antreten, und Jupiter selbst gelobt,alsdann die griechische Sprache abzuschwören und nur teutsch zu reden". Dem lustigen Phanta­siegespinst des Dichters steht die tiefer gegründete Anschauung des Philo­sophen zur Seite. Leibniz hofft und wirkt für ein neues, von Deut­schen geschaffenes heiliges, römisches Reich, dem alle Fürsten der Erde Achtung und Ehrfurcht darbringen. Der Prophet einer höheren Har­monie und Einheit, die in dem deutschen Gottesstaat ausgeprägt sein sollte, hat noch nichts von seiner Verwirklichung erlebt, es sei denn, daß er in dem großen Kurfürsten, dem Lohenstein seinen RomanArmi- nius" ahnungsvoll als demHermann Deutschlands" widmete, den Vor­läufer des Zukunftshelden erkennen wollte.

Das 18. Jahrhundert sah bereits in Friedrich dem Großen einen solchen Fürsten, der ganz Europa kühn und siegreich die Stirne bot. Der nationale Gehalt, den der König in die deutsche Kultur brachte, äußerte sich in kühnen Hoffnungen, wie sie z. B. K l o p st o ck und Ju­stus Möser aussprachen. Friedrich selbst schaute in seiner merkwürdigen SchriftDe la litterature allemande" mit Seherblick in die Zukunft: , Wir werden unsere klassischen Dichter haben, unsere Nachbarn werden deutsch lernen, die Höfe werden es mit Freuden sprechen, und unsere veredelte und vervollkommnete Sprache wird sich durch unsere guten Schriftsteller von einem Ende Europas zum andern verbreiten." Rasch kam diese Zeit heran. Die junge Generation, die der greise Herrscher Nicht mehr verstand, wollte durch die deutsche Nation alle Nationen aus­klären und erziehen, und 20 Jahre nach seinem Tode bekannte die geist­vollste Franzsin, die erste Schriftstellerin ihrer Zeit, Frau v. Stael, die bereits Weimars Größe ahnte:Deutschland muß durch seine Lage als das Herz Europas gelten, und die große Gemeinschaft dieses Konti­nents würde ihrs Unabhängigkeit nur durch dies Land wiedererlangen, denn nur die Unabhängigkeit der Seelen wird die der Staaten be­gründen". Damals entwarf Schiller sein denkwürdiges Gedicht Deutsche Größe", in dem er in einer Zeit des schlimmsten staatlichen Verfalls des Reiches die deutsche Nation als Volk der Zukunft feierte: Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deut­schen ist die Ernte der ganzen Zeit wenn der Zeiten Kreis sich füllt, wird der Deutscyen Tag erscheinen ... Die deutsche Würde ist eine sittliche Größe; sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.

Die neue Jugend der Menschheit", die Frau von Stael in dem Vaterland des Denkens" fand, erfüllte in den Freiheitskriegen ihren Traum von der Befreiung Europas. Die ganze Epoche des Jahrhunderck- anfanas drängt in kühnen Prophezeiungen auf diese Führerschaft Deutsch­lands hin, von Jean Paul und Hölderlin bis zu Fnebrich Schlegel und N o v a l i s. Die deutsche Romantik ist in Dichsung Philo­sophie und Musik eine einzige große Prophetin der Große des Vaterlandes. Ob sich die deutsche Welt ausruht zum Außerordentlichen? fragt Arnim 1805 ahnungsvoll, und Fichte predigt Deutschlands Beruf zur Schaffung der Weltkultur, E. M. A r n d t preist dasHerz Europas und erkennt als seineWeltmission":Als ein Bollwerk zwischen Frankreich und Rußland und als ein Schildhalter skandinavischer hispanischer und italienischer Freiheit wird es wohltätig in der Mitte liegen und als der eigentliche Mittelpunkt des europa, chen Lebens das wütende und zerstörende Zusammenstürmen des Osten und Westen hindern."

Ein Vetter von mir, der seit fünfzehn Jahren in Indien lebt und schwer begütert ist war zufällig in Deutschland und hat mich gegen Ende Oktober besucht. Am 25. November war der Fälligkeitstermin für die von Fuchs geliehene Summe. Ich sah also nur noch eine Galgenfrist von einem Monat vor mir und nirgends auch nur die kleinste Möglichkeit, das Geld bis dahin zu beschaffen. Da entschloß ich mich, meinen Vetter einzuweihen und um sein« Hilfe zu bitten."

Und er hat Ihnen den Betrag zur Verfügung gestellt?"

Ja. Wenn auch erst nach einigem Zögern." Graf Werdenburg lächelte bitter.Für meine inneren Beweggründe zeigte er nicht das geringste Verständnis. Aber als ich diesem indischen Nabob erzählte, daß das Bild einen Marktwert von rund einer Millionen habe, da begriff diese Krä­merseele sofort, daß man Fuchs den Handel verderben müsse. Und er er­klärte sich bereit, mir die Summe zu einem normalen Zinsfuß auf un­beschränkte Zeit zu leihen. Wenn auch unter der Bedingung, daß im Falle einer Veräußerung des Bildes ihm das Vorkaufsrecht zustehe. Ein Zugeständnis, da« ich ihm unbedenklich machen konnte. Denn, wenn es wirklich einmal so weit kommen sollte, wenn auch hoffentlich erst nach meinem Tode, dann bleibt das Bild wenigstens unserer Familie erhalten."

Seine Stimme schwankte. Er bemühte sich, durch ein verlegenes Räuspern seine Bewegtheit zu verbergen. Kommissar Kling stand auf und verbeugte sich höflich.

Ich bin Ihnen für Ihre Mitteilungen sehr dankbar, Herr Graf, und will Sie nicht länger stören. Nur eine Bitte hätte ich noch. Sie haben mich auf dieses Bild neugierig gemacht. Und wenn ich auch nur ein durchschnittliches Laienverständnis besitze, so habe ich mich doch immer sehr lebhaft für bildende Kunst interessiert. Dürfte ich dieseDame mit dem Otterpelz" einmal sehen? Vorausgesetzt, daß es Ihnen keine Schwie­rigkeiten macht, Herr Graf."

Graf Dietrich war auf einmal sehr liebenswürdig. Es schien ihm mit dieser Unterredung ein Stein von der Seele gefallen zu sein.

Durchaus nicht, Herr Kommissar. Es ist mir sogar ein Vergnügen, Ihnen das Bild zu zeigen. Seit es wieder, gottlob, an seinem angestamm­ten Platz hängt, gehe ich fast täglich in die Galerie hinüber und statte meiner schönen Ahne einen Besuch ab. Ich will nur Lorenz zuvor ver­ständigen, daß er die Fensterläden öffnet. Vielleicht darf ich Ihnen in­zwischen ein bescheidenes Frühstück anbieten?" Kling lehnte mit der Begründung ab, daß er bereits gefrühstückt habe und in einer Stunde schon wieder von Marienburg abreifen müsse. Seine Zeit reiche nur noch zu einer kurzen Besichtigung der Bildergalerie.

Wenige Minuten später stand Kommissar Kling in sprachlosem Stau­nen derDame mit dem Otterpelz" gegenüber. Und auch er, der nüch­terne und sachliche Verstandesmensch, mußte sich eingestehen, daß er für Sekunden dem unerklärlichen Zauber dieses Bildes erlegen war. Be­troffen verfing sich sein Blick in diesen topasfarbenen Augen, die ihm mit einer abgründigen Zärtlichkeit, einer Verlockung ohnegleichen ent= gegenlächelten. Noch nie war er einem Gemälde begegnet, das so durch­blutet war von imaginärem Leben, so voll magischer Gewalt des Aus­drucks, daß man kaum der Versuchung widerstehen konnte, feinen Finger auf die flaumige Wange, auf das feuchte Rot des geöffneten Mundes zu legen, um festzustellen, ob ihm nicht doch vielleicht ein warmer Hauch Cnt/J?n, wie gefällt sie Ihnen?" fragte der Graf lächelnd.Ich kann Ihnen eine Stelle aus unserer Chronik zitieren. Urteilen Sie selbst, ob sie stimmt. Es heißt da von ihr:und war die frembbe Gräfin ein gar wunder chön und zaubrisch roeib, eine teufelinne, der teins mannes Hertz macht widerstahn. Und hat gross unheil bracht über manch ein tapfern ebelmann, halt aber ein gar grausam unb hoffärtig Hertz, bie welsche Gräfin, unb kein anber lieb, als ihr selbst." Das scheint auch zu stimmen. Obgleich sie auf bem Bilde da nichts weniger als kalt unb hof­färtig aussieht. Finden Sie nicht?" '

Kling bewegte nur automatisch den Kopf. .

Der Chronist nennt siewelsche Gräfin , well sie frembes Blut tn ben Abern hatte. Ihre Mutter ist Italienerin gewesen. Dieses Portrat ist bas einzige, was von ihr existiert. Es hat auch eine Geschichte eine tragische sogar. Denn es hat bem Künstler, der es gemalt hat, bas Leben gekostet."

Das Leben? Wieso?"

Nun, bas ist nicht schwer zu erraten, wenn man sich bte Frau leben« big' vorstellt. Guarnabo verliebte sich natürlich in sie, unb zwar so toll, baft er sie überrebete, mit ihm zu fliehen. Sein Änfinnen scheint >edoch an ihremhoffärtigen Herzen" gescheitert zu sein. Und da nahm er statt ihrer bas Porträt an sich unb ergriff bamit bie Flucht. Er kam aber nicht weit. Der Gatte ber schönen Dianora ließ ihn verfolgen unb drang mit Bewaffneten bei ihm ein, um ihm das Bild wieder abzujagen. Als Guar­nabo merkte, daß das Bild für ihn verloren war, zog er ein Me jer, um es zu vernichten, bevor es in bie Hände des Verfolgers fiele. Ader Graf Kolinfkn warf sich auf ihn unb entrang ihm bas Messer. Er würbe dabei selbst an ber Hanb verwunbet. Doch er verhinderte wenigstens das Zerstörungswerk. Was er aber nicht verhindern konnte oder aus nah^ liegenden Gründen nicht verhindern wollte, war, daß der Künstler sich selbst das Messer in ben Hals stieß.

Die Dame mit bem Otterpelz" ist sein letztes Werk gewesen. Sie selbst starb erst vierunbzwanzigjährig, wenige Monate spater von allen ihren einstigen Bewunberern unb sogar von bem eigenen (Satten aemieben an ber Pest. Ein grausames Ende für so viel Schönheit! Ein Glück, daß sie wenigstens im Bilde für di« Nachwelt gerettet wor-

bauerte eine ganze Weile bis Kommissar Kling sich zu seiner kriti­schen Ueberlegenheit zurücksanb. Er vermochte sich nicht darüber klar zu werben, was ihm dieses Unbehagen, diese ihm sonst fremde Beklommen­heit verursachte. Er hatte das beinahe körperliche Gefühl, als wurde sein Herz in einer eifernen Spirale zufammengepreßt, fo daß er ein paarmal tief Atem holen mußte. Und er spürte mit Befremdung einen seinen, | kalten Schweiß aus seiner Oberlippe, was bei ihm stets bas Zeichen tiefer * Erregung war.