Schöneberger
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Sieben.
nie üßtÄfibcn
Er brachte den Kommissar an den Wagen und blieb solange stehem bis das Gesährt im Dunkel der Torfahrt verschwand. Kling drehte ich noch einmal grüßend nach ihm um. Dann öffnete er rasch die geballte Hand und glättete auf seinem Knie den zerknitterten Zettel. _ ,
Und säst bestürzt las er die aufgedruckten Zeilen: „C . „ . .
um vmci. W UHUI/Ui ------° L ...... , rr
was konnten ihm, dem Kriminalbeamten, diese wenig tröstlichen Tatsachen nützen? Sie trugen auch nicht ein Iota zur Erhellung des Falles Grau bei — im Gegenteil! Allmählich ergrisf ein dumpfer, hilfloser Zorn von ihm Besitz, eine beinahe kindische Wut auf alles, was den Namen Fuchs trug. Diese verdammten Kerle, die ihn foppten wie aus dem Zaubertheater! Der eine war überhaupt nicht im geringsten tot, wie er es doch nach den unerschütterlichen Naturgesetzen kriminalogischer Folgerung eigentlich hätte sein müssen. Und der andere war höchst uber- flüssigerwei e an einer simplen Blutvergiftung gestorben. Nichts, was auch nur einigermaßen in ein sauberes Kriminalprogramm gepaßt
„Cs ist eine verteufelte Stickluft in diesem Saal", sagte er mit einem Anlauf zur Forschheit und trocknete sich die Stirn. ,^Jch glaube, Herr Graf es wird Zeit, daß ich an die frische Luft komme. , „
Erst beim Abschied in der Halle durchzuckte ihn ein pl°tzEmf°ll. Ja, richtig, Herr Graf ... Wie heißt doch dieser Fuchs mit Dornamen . Ich glaube, ich habe mich vorhin geirrt. Und ich wäre Ihnen auch für seine Adresse sehr verbunden. Für alle Fälle — verstehen Sie? .
Werdenburg besann sich einen Augenblick. Dann zog er seine.Brieftasche hervor und entnahm ihr nach einigem Suchen einen Brief in Ge- schästsformat, von dem er die obere Ecke abriß. „Hier haben Sie alles zusammen — Adresse, Telephonnummer und Bankkonto. Was Sie sich nur wünschen können!" sagte er scherzend und reichte Klmg das Papier. „Ich brauche sie nicht mehr Ich bin mit diesem Gauner ein für allemal fertig! Und er wahrscheinlich auch mit mir. Diesen Remfall wird er mir
mit Stralsund anzumelden. . , m
Wachtmeister Reuter kam selbst zum Apparat und teilte seinem Vorgesetzten in hörbarer Niedergeschlagenheit mit, daß während seiner drei- tägigen Abwesenheit in der Sache (Brau nichts eingebauten sei. Der Kommissar überlegte einen Augenblick, dann sagte er:
„Es ist gut, Reuter. Dann kann ich hier noch einiges erledigen. Wenn ich nicht mehr anrufe, bin ich spätestens heute abend in Stralsund. Aber Sie brauchen nicht auf mich zu warten, wenn nichts Dringliches vornegt. Auf Wiedersehen!"
Vor dem Bahnhof sprang er in eine Autodroschke und rief dem Chauffeur „Elisabekhkrankenhaus" zu.
Es ließ ihm keine Ruhe, über den Tod dieses Caius Fuchs Näheres zu erfahren. Die Person dieses Menschen gewann immer mehr Interesse für ihn Sie war ganz unerwartete in den Mittelpunkt dieses mysteriösen Falles gerückt. Und wenn sich auch für Kling die Zusammenhänge dadurch nur noch mehr verwirrten, so stand doch wenigstens das eine fest, daß dieser Casus Fuchs in dem Fall Grau eine nicht nebensächliche Rolle gespielt haben mußte. Welcher Art diese Rolle war, konnte er heute noch nicht überblicken. Er zwang sich zu jener schematischen Sachlichkeit, die in jedem Kriminalfall ein mathematisches Exempel sieht, bei dem es gilt, aus den gegebenen Faktoren die „Unbekannte" zu errechnen. Diese seltsame Geschichte aber hätte ihn beinahe dazu verführt, sein Schema aufzugeben und der Lösung aus umgekehrtem Wege, nämlich von der „Un= bekannten" ausgehend, zu Leibe zu rücken.
Aber während der langen Fahrt von Marienburg nach Berlin hatte der Kommissar Zeit genug gehabt, sich wieder einmal einer tiefschürfenden Selbstanalyse zu unterziehen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß seine Handlungen während der letzten Tagen jeder mathematischen Exaktheit entbehrt hatten, und daß er, wenn er in diesem Fahrwasser weitertrieb, in einem Meer von Trugschlüssen enden mußte. Diese lobenswerte Erkenntnis war ihm, gottlob, noch rechtzeitig gekommen. Und der logische Instinkt des geschulten Kriminalsachmannes ergriff wieder in ihm die
hätte ...! . . . .... ,
Der arme Kling fühlte sich wie zerschlagen von seiner dreitägigen Exkursion. Und mit einem Seufzer der Enttäuschung drückte er sich fröstelnd in feine Wagenecke. *
Wäre Klings Anruf in Stralsund nur um eine Viertelstunde später gekommen, bann hätte Reuter ihm mit einer Nachricht dienen können, die seine abgeflauten Lebensgeister neu entflammt haben würde. Denn kaum hatte der Wachtmeister den Hörer angehängt, als ihm Frau Schnee gemeldet wurde.
Sie war in diesen Tagen beträchtlich eingegangen. Die feisten Hamster- bäckchen schlotterten. Und ihre Augen hatten einen Ausdruck, als führten sie stumme Klage gegen ein Schicksal, das sie, die ehrenwerte Frau Schnee, unverdientermaßen in eine derartig zweideutige Situation gebracht hatte.
„Wie Sie sehen, habe ich Wort gehalten, Herr Reuter , sagte sie mit einiger Herablassung. Der Wachtmeister suchte in seiner Erinnerung vergebens nach einem Versprechen von feiten der alten Dame. Aber noch ehe er seiner Unkenntnis Ausdruck geben konnte, fuhr Frau Schnee fort: „Ich habe Ihnen doch neulich versprochen, Herrn Graus Sachen zu durchsuchen. Und wenn ich etwas verspreche, bann tue ich es auch. Unb wenn es mir noch so schwer füllt. Unb das dürfen Sie mir glauben, Herr, — nur mein Pflichtgefühl hält mich noch in diesem Hause. Sonst hätte ich lieber meinen Lohn für diesen Monat schwimmen lassen und den Staub von meinen Füßen geschüttelt — jawohl — ehe ich mich dazu überreden ließe solch ein Haus noch einmal zu betreten! Aber ich habe es mir nun 'einmal zur Aufgabe gemacht, Herrn Grau zu retten. Und wenn ich mir etwas zur Aufgabe gemacht habe, bann führe ich es durch! Und es war wahrl>aftig kein Kinderspiel, Herrn Donalds Sachen auszu- tlauben. Den er hat in feinen Schubladen ein Durcheinander, daß es einem Christenmenschen grausen kann.
„Na, und haben Sie was gefunden?" schnitt Reuter rücksichtslos ihren Gesprächsfaden entzwei. Er platzte beinahe vor Ungeduld. Frau Schnee nestelte umständlich ihren schwarzseidenen Pompadour vom Arm unb begann ihn langsam auf bem Tisch auszukramen.
„Ja, ich habe Ihnen allerhand mitgebracht, was mir wichtig erschien. Einen Brief habe ich freilich nicht finden können. Herr Grau hat die schlechte Gewohnheit, jeden Brief gleich zu zerreißen, statt ihn. wie jeder ordnungsliebende Mensch, auf ein Päckchen zu binden und in seinem Schreibtisch aufzuheben. Aber was er so an Zetteln und sonstigem Kram herumliegen hatte, habe ich alles mitgenommen, sehen Sie!"
I (Fortsetzung folgt.)
Initiative.
Im Elisabethkrankenhaus angekommen, erkundigte sich Kling zunächst beim Portjer, auf welcher Station der verstorbene Fuchs gelegen hatte, und ließ sich dann beim Stationsarzt melden. Er mußte säst eine Stunde im Sprechzimmer warten, weil der Arzt gerade eine Operation hatte. Endlich erschien er in nervöser Eile und sichtlch unerfreut über die Störung. Erst als der Kommissar sich als Kriminalbeamter zu erkennen gab, wuchs fein Entgegenkommen. Kling behandelte ihn mit geschäftsmäßiger Höflichkeit. *
„Ich werde Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, Herr Doktor. Aus bestimmten Gründen, die ich nicht näher erörtern kann, möchte ich von Ihnen eine Auskunft betreffs eines am 20. November auf Ihrer Station verstorbenen Patienten namens Fuchs — Cajus Fuchs. Sie erinnern sich gewiß."
„Natürlich erinnere ich mich! Das war doch dieser hoffnungslos verschlampte Fall, über den wir uns so geärgert haben. Nichts kann einen Arzt so verdrießen, als wenn er einen Patienten in die Hände bekommt, der aus reinem Selbstverschulden nicht mehr zu retten ist."
„Das kann ich verstehen! Was hat diesem Fuchs eigentlich gefehlt?"
„Hochgradige Sepsis — nichts mehr zu machen! Vierundzwanzig Stunden früher, und er wäre vielleicht noch mit dem Leben davongekommen. Vielleicht, sage ich. Denn er hatte hochprozentig Zucker, und da bedeutet ja jeder chirurgische (Eingriff bekanntlich ein schweres Risiko. Immerhin ..."
„Seine Verletzung — ich meine, die Wunde, wäre also an sich gar nicht absolut tödlich gewesen?"
„I wo, keine Spur! Da haben wir im Kriege andere Löcher zugeflickt! Und die Leute laufen heute noch springlebendig herum. Aber als wir ihn eingeliefert bekamen, war natürlich schon alles ganz schwarz und brandig — eine ganz tolle Schweinerei! Aber soviel man sehen konnte, war der Vergiftungsherd verhältnismäßig klein. Eine Stichwunde im linken Handteller, nicht viel größer als eine Münze. Aber sehr tief."
„Merkwürdig! Aus welche Weise hat er sich denn diese eigenartige Verletzung zugezogen?"
„Das laßt sich leider nicht mit Sicherheit feststellen. Denn Fuchs war schon ohne Bewußtsein, als wir ihn bekamen. Und auch die Angehörigen wußten über die Art des Unfalles keinerlei Auskunft zu geben."
Kommissar Kling sah nachdenklich auf seine heute nicht tadellos geputzten Schuhe herunter. „Sind Sie ganz sicher, daß es eine Stichwunde war? Könnte die Verletzung nicht auch von einer — Revolverkugel her» gerührt haben?"
.Ausgeschlossen!" Der Arzt schüttelte entschieden den Kopf. „Das wäre auf den ersten Blick festzustellen gewesen. „Nein, er muß sich mit einem spitzen Instrument verletzt haben oder ..." Er begegnete aus einmal dem gespannten Blick des Kommissar. „Oder vielleicht — verletzt worden sein. Das ist natürlich nicht ausgeschlossen."
Kling kniff die Lippen ein. „Hm — natürlich! Unb mit was für einer Art von Waffe — oder vielmehr, Instrument, wollte ich sagen, — denken Sie, kann die Wunde herbeigeführt worden fein?
Der Anstaltsarzt überlegte eine Weile schweigend. Dann meinte er
'MU^ Bestimmtheit kann ich das natürlich auch nicht sagen. Solche Dinge gewinnen ja immer erst an Wichtigkeit, wenn man hinterher danach gefragt wird. Nach den zackigen Wundrändern zu schließen, muß es ein spitzes, aber stumpfkantiges Instrument gewesen jein — ich meine kein Dolch ober Messer ober dergleichen. Verstehen Sie?
„Ja, das verstehe ich. Halten Sie es für möglich, daß es ein — Brecheisen gewesen sein könnte?" , .. ,
Der Arzt nickte langsam. „Ein ziemlich langes, spitzes Brecheisen ...? 0 ja, das wäre durchaus denkbar. Aber, wie gesagt, mit Sicherheit ...
Können Sie es nicht behaupten! Selbstverständlich! Das wäre ja auch, wenn nötig, Sache des Gerichtsarztes. Jedenfalls bin ich Ihnen schon für die wenigen Anhaltspunkte sehr verbunden.'
Er reichte dem Doktor die Hand. An der Tür drehte er sich noch einmal zu ihm um. „Es bedarf wohl keiner ausdrücklichen Betonung, Herr Doktor, daß diese Unterredung als streng diskret zu betrachten ist? Glicht
fast bestürzt' las er die aufgedruckten Zeilen: „Cajus Fuchs, trger Ufer, Berlin SW."
Auf der Heimreife benutzte Kling die dreiviertel Stunden Aufenthalt, die er in Berlin hatte, um auf dem Bahnpostamt ein dringendes Gespräch
Der Anstaltsarzt gab seiner Zustimmung durch eine wenn auch stumme, so doch unerhört korrekte Verbeugung Ausdruck.
Kling fuhr vom Krankenhaus direkt zur Bahn. Er hatte es satt, sich noch länger in Berlin herumzutreiben unb nach Indizien Zu fahnden. Dieser Besuch im Elisabelhenkrankenhaus — was hatte der ihm schon viel Neues gebracht? Nichts, als was er schon vor ein paar Tagen durch Fräulein Hohmann erfahren hatte. Nämlich die Bestätigung, daß Casus Fuchs eines durchaus natürlichen Todes gestorben war unb wahrichein- Uch noch am Leben sein würbe, wenn er nicht leibenb gewesen ober er I mit seiner Gesundheir weniger verschwenberisch umgegangen wäre. Aaer
<, ....l ... __ htoi» monin frnfflimpn Tüt8


