Nummer 44
Montag, den 12. Juni
Jahrgang <935
SiehemrZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Schöne Junitage.
Von Detlev o. L i l l e n c r o n.
Mitternacht, die Gärten lauschen, Flüsterwort und Liebeskuß, Bis der letzte Klang verklungen, Weil nun alles schlafen muß — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Sonnengriinsr Rosengarten, Sonnenweihe Stromesflut, Sonnenstiller Morgensriede, Der auf Baum und Beeten ruht — Flußüberwärts singt eine Nachtigall.
Straßentreiben, fern, verworren. Reicher Mann und Bettelkind, Myrtenkränze, Leichenzllge, Tausendfältig Leben rinnt — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Langsam graut der Abend nieder, Milde wird die harte Welt, Und das Herz macht seinen Frieden, Und zum Kinde wird der Held — Flußüberwärts singt eine Nachtigall.
Die große Nummer.
Von Frederic V o u t e t.
Als ziemlich schwächlich und leidend aussehender kleiner Schimpanse kam er damals aus dem Westen Afrikas. Seine Mutter war von Jagern einer Karawane erschossen worden. Diese Jäger hatten sich des kleinen Assen angenommen, der sich verzweifelt an den Hals der toten Mutter klammerte und ein klägliches Geschrei erhob. Der deutsche Agent einer Faktorei hatte ihn gekauft und nach Hamburg auf den Tiermarkt geschickt. Jetzt gehörte der Schimpanse dem alten Dresseur Merlis (fein wirklicher Name war Amadeus Merle) und dieser setzte auf den Affen seine einzige und letzte Hossnung, dem Elend zu entgehen.
Der „alte Merle" spielte früher eine große Rolle in der Welt der Alrobaten, Jongleure, Seiltänzer und Clowns, jener Attraktionsnummern der Varietetheater. Merles Spezialität war die Dressur gelehriger Tiere. Er war durchaus kein „Tierbändiger" und mißachtete deren Erfolge. Er dagegen betrachtete sich als einen Künstler und Psychologen. Er wandte nur Sanftmut, Ueberredungskunst und Geduld an. Niemals wurde er grausam oder roh. Seine Zöglinge waren seine Freunde; er behandelte sie entsprechend, und er konnte auch nicht klagen: denn zwanzig Jahre lang hatte er in ganz Europa und auch in Amerika die schönsten Erfolge.
Der berühmte Merlis hatte beinahe die Fünfzig erreicht, als er von mehreren schweren Schicksalsschlägen heimgesucht wurde. Das «chisf, das ihn mit seiner Truppe einem Dutzend hervorragend abgerichteter Hunde, von Algerien nach Europa zurückbringen sollte, hatte Schiffbruch erlitten, und wenn auch die Passagiere unter großen Schwierigkeiten gerettet werden konnten, hatte man in den Rettungsbooten für die Hunde keinen Platz mehr, obwohl ihr Herr aufs Heftigste Widerspruch erhob und sie durchaus mit sich nehmen oder mit ihnen zugrunde gehen wollte. Nur mit Gewalt setzte es der Kapitän durch, daß Merlis ohne die Hunde ansLand gebracht wurde. Kurze, Zeit darauf fah sich der Bankier, bei dem JJcerits feine Ersparnisse angelegt hatte, durch unglückliche Spekulationen gezwungen, seine Zahlungen einzustellen, so daß feine Kunden vor dem Ruin standen. Der arme Merlis, der durch diese beiden Geschehnisse den Kopf verloren hatte, war zu allem Unglück noch schwer erkrankt, und sechs Monate lang lag er unter qualvollen Schmerzen im Krankem Hause, verzweifelt und einsam: er hatte weder eine Familie noch ein Heim. , ,,
Mutlos und gealtert hatte er schließlich das Krankenhaus verlassen. Er tat, was in feinen Kräften stand, um sich durchzukärnpsen; aber es fehlte ihm an Geldmitteln zum Ankauf brauchbarer Tiere. Auch suhlte er nur zu gut, daß er nicht mehr die Unternehmungslust der Jugend besaß und daß es ihm auch an Einfällen für eine erfolgreiche Sensations- nummer mangelte. ...... ™
Monate vergingen. Die Hilfsquellen des unglücklichen Mannes waren bald erschöpft. Schon sah er sich dem Elend preisgegeben, als der Sirettor eines Zirkus, in dem er einmal beschäftigt gewesen war, sich zufällig seiner erinnerte und sich entschloß, ihm den jungen Schimpansen zu über
lassen, den er soben in einer Tierlotterie gewonnen hatte. Von da an hatte der alte Merle seinen Lebensmut wiedergefunden und sich mit aller Energie der Erziehung feines Affen gewidmet, dem er den Rainen Sam gab. Weil Merlis auf das erstaunliche Auffassungsvermögen der Affen und ihr bewundernswertes Nachahmungstalent rechnete, war er auf den Einfall gekommen, das gewöhnliche Repertoire der bekannten Kunststück« zu erweitern und Sam das Jonglieren mit buntfarbigen Kugeln und mit Tellern beizubringen.
Aber dem Affen Sam fehlte es leider an dem richtigen Talent. Er war klug, von anschmiegsamem Charakter und hatte sich rasch an seinen Herrn angeschlossen, der ihn mit großer Güte behandelte. Doch Sam belaß ein träges, etwas furchtsames Wesen, und das war natürlich für feine Fortschritte hinderlich. Stundenlang ließ ihn der alte Dresseur mit unermüdlicher Geduld immer wieder dieselbe Geste, dasselbe Kunststück wiederholen. Für jedes Gelingen belohnte er ihn mit einem Stückchen Zucker und das Abrichten schien zu glücken, aber so langsam, daß der arme Mann mit Schrecken den Tag herannahen sah, an dem er nicht mehr einen Pfennig besitzen würde. Schließlich kam es so weit mit ihm, daß er sich selbst das Essen entzog, um seinen Affen zu ernähren.
Dennoch nahte der große Augenblick, wo Sam nach Merlis Meinung nichts mehr zu erlernen hatte und für das Licht der Rampe reif war. Run mußte man daran denken, ein Engagement zu finden, und das war noch viel schwieriger, als Sam abzurichten. Merlis' früher berühmter Rame war in Vergessenheit geraten. Assen hatte man schon so oft gesehen, daß sie als abgespielte Attraktionsnummer galten. Trotzdem erreichte der alte Merle eine „Audienz" beim Direktor eines großen Spezialitätentheaters.
Nie im Leben hatte sich feiner eine so starke Erregung bemächtigt, wie in dem Augenblick, als er sich dem gegenüber sah, von dem sein Leben abhing. Merles Vermögen bestand aus einem Talerstück, vier Groschen und — Sam. Eine beklemmende, unbekannte Furcht bedrückte ihn, die Angst eines Mannes, der [ein Letztes wagt. Der Direktor, der nicht viel Zeit zu haben schien, sah gleichgültig in seinem Sessel und rauchte eine Zigarre. Der Affe stand hinter einem Tisch Merlis, der ihn beaufsichtigte, ganz in feiner Rähe. Ohne Zwischenfall hatte Sam feine ersten Kunststücke vorgeführt.
„Das geht nicht, nein, das geht nicht", brummte der Direktor, die Achseln zuckend. „Immer dieselbe Geschichtel Das machen alle Affen: sich hinsetzen, eine Serviette vorbinden, sich selbst bedienen, rauchen. Alle machen das, immer sieht man die gleiche abgeleierte Sache!"
„Er wird jetzt Jonglierkunststücke machen", bemerkte Merlis verängstigt, „er ist erstaunlich geschickt, wenn er jongliert."
Gehorsam ergriff Sam drei Teller. Er warf den ersten in die Luft, dann den zweiten, dann den dritten, und als der erste wieder herunter- kam, wollte er ihn auf fangen; aber, zweifellos eingeschüchtert, gelang es ihm nicht, ihn zu greifen, und schon fiel ihm der Teller auf die Nase. Er stieß einen kreischenden Schrei aus und sprang zurück.
„Unerhört!" schrie der Direktor. „Also, um mir das vorzuführen, haben Sie'mich gestört ..." .......
„Er wird gleich noch einmal beginnen; das war ein unglücklicher Zufall! Es ist das erstemal, daß ihm das passiert!"
Der alte Merlis war auf Sam zugeeilt. Der rieb sich die Nase, schnitt Grimassen und lieh feine kleinen erschreckten Augen rollen. Der alte Merle liebkoste ihn, streichelte seine Backen, sprach sanft auf ihn ein und führte ihn schließlich zu dem Tisch mit den Tellern zurück. Sam zitterte an allen Gliedern. Mit einem betrübten Blick auf feinen Herrn ergriff er von neuem die Teller mit den Fingerspitzen, schleuderte den ersten, den zweiten, den dritten zur Decke ... und, ohne ihr Herunterkommen abzuwarten, zog er sich mit einem kühnen Sprunge nach hinten vom Schauplatz zurück vor Schreck mit den Zähnen klappernd, während die Teller klirrend zur Erde fielen. „Großer Gott, großer Gott", jammerte der alte Merlis.
, Na da sehen Sie's! Lassen Sie ihn endlich in Ruhe! Er hat Angst",'sagte der Direktor sarkastisch. „Nun Schluß damit! Er wird das natürlich jedes Mal so machen, Sie kennen doch die Affen ... Wenn Sie mir folgen mein guter Merle, dann gehen Sie lieber aufs Land, Ihren Kohl pflanzen. Sie sind fürs SBarietS schon etwas alt. Sie haben feine glückliche Hand mehr " Merlis antwortete nicht. Ein Alter voller Leiden, Elend und Demütigungen stand ihm vor Augen. Ein Zucken ging durch den Körper des armen Mannes. Er weinte.
Sam, der sich von seinem Schreck erholt hatte, beobachtete ihn. Mit drei geräuschlosen Schritten war er an seiner Seite. Er griff mit seiner Hand in die Rocktasche seines Herrn, nahm das Taschentuch heraus, und sanft und zärtlich begann er ihm die Nase zu putzen und die Tränen vom Gesicht zu wischen, wie er es schon oft seinen Herrn hatte tun sehen. Denn es war nicht das erstemal, daß der brave Mann aus Verzweiflung meinte.
Aber schon brach der Direktor strahlend und begeistert in h chste Bewunderung aus: „Bravol so muß es fein! Diesmal klappt die Sache'


