Ausgabe 
12.5.1933
 
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Was helkt das, Sie .glauben'? Sie waren doch nicht betrunken, daß ! Sie" sich nicht mehr erinnern können, ob Sie die Straßenbahn genommen haben oder nicht. Antworten Sie gefälligst genauer! Wer hat Ihnen bei SU$ßie9be°rfM?t>er Befragte in angestrengtes Nachdenken, als gelte es, eine jahrealte Erinnerung auszugraben und nicht em nod) frifctjes tebnis Er hielt den Blick starr in seine geöffneten Handflachen gerichtet. Und seine Antwort hatte etwas sonderbar Tastendes.

,^Herr Fuchs selbst, wenn ich nicht irre. Ich mußte erst einige Male läuten. Dann endlich kam er und lieh mich eintreten." , ,

Und dieser Caspar Fuchs war derselbe Mann, den Sie nnr soeben geschildert haben? Der ältere Herr mit dem roten Bart ja? Denken Sie genau nach!" ,,

Ja, derselbe. Einen anderen Fachs kenne ich nicht.

Kommissar Kling stieß einen Seufzer aus. Er beherrschte nur mühsam ^'",°Schön^ Nennen wir ihn mal vorläufig .Herr Fuchs mit dem roten Bart'. Ein seiner Filmtitel übrigens! Unser Caspar Fuchs hat nämlich überhaupt keinen Bart, kann ich Ihnen im Vertrauen verraten. Aber bleiben wir zunächst bei Ihrem Fuchs. Er öffnete Ihnen also höchst eigen­händig die Tür und ließ sie eintreten. Und was geschah weiterhin? Er­zählen Sie alles folgerichtig, ich werde Sie nicht unterbrechen! Rauchen Sie?"

Er hielt dem jungen Mann das gefüllte Etui hin. Grau griff hastig nach einer Zigarette und rauchte schweigend in raschen, gierigen Zugen. Dann versank er in ein abwesendes (L* Übeln, bis er sich an dem ver­glimmenden Rest der Zigarette die Finger verbrannte und der Schmerz ihn weckte. Er begegnete dem auffordernden Blick des Kommissars. Leise und stockend begann er zu erzählen.

Er führte mich in ein großes Zimmer, in dem es schon völlig dunkel war. Die Läden waren heruntergelassen. Auf einem Stuhl brannte eine elektrische Stehlampe."

Auf einem Stuhl? Das ist doch sonderbar!"

Vielleicht, damit Fuchs bei seiner Arbeit besser sehen konnte. Er war gerade dabei, eine Kiste zuzunageln. Ueberall lag Holzwolle herum und Handwerkzeug."

Wissen Sie nicht zufällig, was in der Kiste war?

Ja, das weiß ich. Mein Bild!"

Wie? Ihr Bild? Dasselbe Bild, das Sie an Fuchs verkauft hatten und dessentwegen Sie zu ihm kamen? Warum hatte er denn das Bild in eine Kiste getan?"

Weil er es wegschicken wollte. Er behauptete, es sei bereits verkauft und er könne das Geschäft nicht mehr rückgängig machen. Aber das war eine Lüge. Ich weiß, daß es eine Lüge war! Ich sagte es ihm auf den Kopf zu. Und ich sagte ihm auch, daß er ein Halunke sei, ja, ein ganz erbärmlicher Schuft!" Graus Stimme überschlug sich vor Ausregung. Dunkelrote Flecken brannten auf seinen Wangen.

Ader zu derartigen Beschimpfungen hatten Sie doch keine Veran­lassung. Fuchs hatte doch das Bild rechtmäßig von Ihnen erworben, konnte insolgedesfen damit anfangen, was ihm beliebte. Warum nannten Sie ihn also einen Schuft?"

Ich hatte meine Gründe."

Grau preßte eigensinnig die Lippen zusammen, und der Kriminal­beamte befürchtete, daß er wieder in seine frühere Unzulänglichkeit zurück­fallen würde. Darum forschte er sehr vorsichtig weiter.

Und was geschah bann? Ließ Herr Fuchs sich denn Ihre Beschimpfun­gen ohne weiteres gefallen?"

Ja, bas heißt, er verhöhnte mich in seiner niederträchtigen Art, so baß ich immer mehr in Zorn geriet. Schließlich hob ich ein Brecheisen vom Boben aus und ging auf bie Tür zu..."

Auf bie Tür auf was für eine Tür?"

Die Tür zum Nebenzimmer. Aber Fuchs wollte mir bas Eisen aus ber Hanb roinben.Unterstehen Sie sich nicht, hier einzubringen", schrie er außer sich,ober ich bringe Sie um!" Da würbe es mir rot vor den Augen, unb ich schlug mit bem Stemmeisen blinb auf ihn los. Er fiel hin bas Blut tief ihm übers Gesicht."

Donalb Grau hatte sich in eine furchtbare Erregung hineingeredet. Sein Atem ging in trockenen Stößen. Der Schweiß stand ihm auf ber Stirn unb jein Gesicht leuchtete jetzt in einer beinahe gespenstischen Blässe. Erschöpft lehnte er sich in ben Stuhl zurück.

Kommissar Kling ließ kein Auge von ihm. Dieser Ausbruch war nicht gespielt, das sah man dem Menschen an. Eine derartige Erregung konnte nur ber Reflex eines starken Erlebnisses sein. Unb ber Kommissar hielt vor Spannung ein paar Sekunden die Luft an, bevor er sich näher an das Geheimnis heranpirschte.

Und warum wollten Sie denn um jeden Preis in das Neben­zimmer gelangen? Sogar um den Preis eines Menschenlebens?"

Der junge Mann wurde unter feinem forschenden Blick ganz plötzlich glühend rot. Er schien sich bewußt zu werden, daß ihm in ber Aufregung mehr entglitten war als er hatte sagen wollen. Und in seine Züge trat wieder der abweisende, verstockte Ausdruck.

Ich hatte ein Geräusch gehört. Ich wollte wissen, wer im Neben­zimmer war. Aber die Tür war versperrt, die Klinke abgeschraubt."

Merkwürdig!" Kling machte sich eine Notiz.Vermuteten Sie denn eine bestimmte Person in dem Zimmer? Eine Ihnen bekannte Person vielleicht...?" ,

Grau starrte finster vor sich hin.Das sage ich nicht."

In seinem Ton war eine feindselige Abweisung. Und Kling kannte ihn nun schon genug, um zu wissen, daß vorläufig nicht mehr aus ihm heraus­zuholen war. Immerhin durfte er sich nach dem Ergebnis dieses Verhörs der optimistischen Hoffnung bingeben, daß dieser spröde Stoss doch eines Tages noch unter seinen Händen geschmeidig werben würde. Und das milderte ein wenig seinen aufqueUenben Merger über bie unhöfliche Ant­wort.Ich merke, die Sache nimmt Sie ziemlich mit", sagte er wohl-

tartbutetts.

(Fortsetzung folgt.)

menge von

Alligator unb bas r, __

decke Unb auf bem Vertiko prangten in Maiolikavafen verstaubte Rla-

wollend.Wir wollen Schluß machen für heute. Nur eine kleine Lokal- betoreibung möchte ich noch von Ihnen haben. Entsinnen Sie sich viel­leicht noch irgendwelcher Gegenstände, die Ihnen damals tn der Wohnung von Caspar Fuchs aufgefallen sind?" e

Die Augen des jungen Mannes gingen ins Leere. Sie bekamen einen starren, gleichsam visionären Ausdruck. Schleppend antwortete er:

Das Zimmer hat eine borbeaurote Tapete mit mit Tulpenmuster. An "ber Wand zwischen ben Fenstern steht eine Uhr eine ganz alte Uhr mit ben zwölf Aposteln. Die Uhr steht auf dreiviertel zehn. Ja ... Er hatte einen Bleistift ergriffen unb warf die Grundrisse eines Zimmers auf ein Stück Papier.Und da rechts ift die große Flügeltür. Da- hinter steht ein Schrank dreiteilig aus dunklem Eschenholz unb...

Der Bleistift rollte auf ben Teppich. Grau war ohnmächtig geworden und fiel mit bem Gesicht vornüber auf bie Schreibtischkante.

5.

Frau Schnee schien, wie man zu sagen pflegt, mit dem Unken Fuß zuerst ausgestanden zu sein. Denn es ging ihr an bie em Morgen aßes schie. Das ganze Haus roch nach ubergelausener Milch, und der Vsen wollte unb wollte nicht brennen. Bis Frau Schnee nach anderthalb- stünbiaem Bemühen bie Ursache seines hartnäckigen Widerstandes ent« beette. Sie hatte ihn nämlich aus Versehen statt mit Kohlen mit bem Inhalt ber Aschentonne gespeist, einer Nahrung, bie selbst ber beste Ofen nicht verträgt. Aber die gute Frau Schnee schien ihm diesen Manges an Selbstüberwindung doch sehr nachzutragen. Denn kaum hatte er an ein paar dünnen Holzscheiten Feuer gefangen, würdigte sie ihn keines Blickes mehr. Was ihn gegen seinen Willen zwang, auszugehen.

Auch die äußere Erscheinung ber braven Dame ließ an diesem Sonntagvormittag viel von ber ihr sonst eigenen Exaktheitvermissen. Der wollene Spenzer war ohne Zweifel >n großer Eile ubergezo^n worben, benn er kehrte seine linke Seite nach außen. Ein bunnes Nacht- zöpfchen baumelte melancholisch aus bem schwarzen Haarnetz Und die sonst so quicken Aeuglein ließen ben Verdacht auskommen, baß sie nicht nur vom Dfenraud) |o ausdauernd tränten.

Frau Schnee zeigte heute eine auffallende Neigung, sich m der Nähe bes Fensters aufzuhalten. Und trotz ihrer rheumatischen Beran- lagung riß sie es von Zeit zu Zeit sperrweU auf unb ließ minutenlang bie neblige Feuchtigkeit einströmen.

Draußen rauscht« ein unaufhörlicher Herbstregen. Die Baume des kleinen Gartens trieften vor Nässe, unb bie bunten Stabilen 9*' knickt unb verwüstet über ben Lattenzaun. Die ungepslasterte Vorstabt- straße schlief in einer tiefen Sonntagsstille, bte nur ab und zu durch einen Vogelschrei ober bas Bellen eines Hundes gestört wurde. Denn be7 so einem Wetter verirrte sich kein vernünstiger Mensch in diese ^Düft? Tatsache erklärt vollauf bas neugierige Staunen ber brauen ftrau Schnee, als sie plötzlich von ihrem -Fensterplatz aus einen sreinben Mann entbertte, ber unbeweglich an ber Gartenpforte stand unb über ben Zaun spähte. Ein Hausierer konnte es am Sonntag nicht (em, er sah auch nicht banach aus. Denn er trug einen sehr anständigen Leder- inantel und schien, wenigstens aus ber Entfernung gesehen, durchaus das, was Frau Schnee schlechthin alsbesseren Herrn zu bezeichnen pile'2Hs nadj fünf Minuten erwartungsvoller Spannung bie Glocke immer noch nicht ertönt war unb ber Frembe immer noch am Zaun ftanb, hielt sie es für ihre unabweisbare Pflicht, sich darüber zu informieren, was ben Mann zu dieser ungewöhnlichen Handlungsweise veranlaßte. ~»d)nel( warf sie ein Tuch über ben Kopf unb lief burch ben ftromenben Regen auf die Gartentür zu.

Womit kann ich Ihnen bienen?" fragte sie unter asthmatischen Atem­stoßen.Ich hab« Sie vom Fenster aus hier stehen sehen. Vielleicht, geht die Glocke nicht? Bei dem feuchten Weiter kommt das öfters vor.

Der Herr griff grüßend an die Mütze und antwortete höflich.

Ich habe die Hausnummer vergessen und war,, nicht ganz sicher, ob ick hier recht sei. Wohnt bei Ihnen ein Herr Grau?

^Gewiß. Das heißt, ich wohne bei ihm. Ich führe ihm ben Haus­

Ach so! Entschuldigen Sie. Kann ich Herrn Grau sprechen? Es ist zwar noch ein bißchen zeitig für einen Sonntagsbefuch. Aber ich komme direkt von der Bahn und möchte..."

Es tut mir leid, aber Herr Grau ist schon ausgegangen.

Sie seufzte, und ihre fetten Hamfterbäckchen wackelten bekümmert.

Ich kann auch gar nicht sagen, wann er zuruckkommt. Aber wenn Sie auf ihn warten wollen? Kommen «ie doch einen Augenblick mit ins Haus. Hier werden wir beide windelnaß."

Sie ließ den Herrn eintreten und eilte voran. Der fremde Besucher hatte inzwischen Gelegenheit, sich die Oertlichkeit naher anzusehen. Es war ein kleines, sauberes Häuschen, das nur aus einem Stockwerk und Mansarde bestand. Ringsherum dehnten sich em paar hundert Quadrat­meter Garten mit Dbftbäumcn und verwilderten Blumenbeeten. Der typische Besitz eines kleinen Rentners, der sich mit feinen Spargroschen dieses anspruchslose Altersparadies geschaften hat.

Haben Sie die Güte, näherzutreten. Ich hange inzwischen Ihren Mantel zum Trocknen auf." . . , .

Frau Schnee führte den Gast an der Küche vorbei in ein helles Zimmer mit niedriger Balkendecke, offenbar die wenig benutztegute Stube" des Hauses, mit altmodischen roten Plüschmobeln und gebotenen Schonerdecken auf jedem Gegenstand. Die Wände waren mit einer Un- Photographien unb Seestiicken betleiftert. Ein ausgestopfter b bas Modell eines Segelschiffes baumelten von ber Z'mmer-

tv er antwortlich: vr. HansThyriot. Druck und DerlagiBrühlZche Univ er sitäts-Buch» und Steindrucker ei, R. Lange, Gieße