Die Eintönigkeit der Benennungen ber Fahrzeuge, die heute unsere Gemässer beleben — verrät sie nicht die Sachlichkeit und durchsichtige Klarheit des Maschinenzeitalters? Da gibt es Motorboote und Motor- schifse, Fracht-, Schlepp- und Passagierdampfer. Kriegsschisse, die auch wieder Dampfer find. Und Dampfer, dies ganz deutsch klingende Wort, ist in Wahrheit nur die Uebertragung des englischen Wortes steamer, ist ebenso eine Uebersetzung wie Dampfschiff, von dem Goethe erstmalig im Jahre 1816 berichtete.
Das seebeherrschende England ist allerdings die Nation, die bei der Taufe der meisten modernen Wassersahrzeuge Pate stand. Deutlicher als bei der Benennung der durch Maschinenkraft und Motoren betriebenen Schisse zeigt sich das an den Namen der Segelschisse. Die Hochseefischerei spricht heute noch häufig von ihren Fangschiffen als von „Trawlern . Sie Gebraucht damit ein englisches 3Bort, das von „trawl , d. y. „mit dem Schleppnetz fischen" abgeleitet ist. Der Schoner entspricht dem englischen „shoöner“, Brigg ist die britische Abkürzung des romam- Ichen „Brigantine", wie kleine für den Kamps gegen Seeräuber gebaute Schiffe im Mittelmeer ursprünglich hießen. Der Kutter, englisch „Cutter“ birgt das Verb „Cut", d. h. schneiden, eine eindrucksvolle Verbildlichung der rassigen Eigenart dieser schmalen Segler. Hierher gehört auch noch das Wort Bark, Las sich in dieser Form ebenfalls von England aus einbürgerte und ebenso wie die ältere deutsche Form „Barke" in langer Ahnenreihe auf frühe romanische Stämme zurückführt, deren legte Wurzeln aus spanische Herkunft deuten. So läßt sich fast der ganze Umkreis der Namengebung der Hochseeschiffe der beiden legten Jahrhunderte mit dem angelsächsischen Vetter verbinden, der in einer die Meer« besuhr und verwaltete, in der Deutschland noch um feinen Bestand und feine Einheit zu kämpfen hatte.
Anders ist es mit den Namen der Schiffe, die den inneren Verkehr auf Seen und Flüssen besorgen. Die hier gebräuchlichen sind meist alte, als die oben behandelten Worte, die sich im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts durchsetzten. Schute dagegen, Schaluppe und Jacht gehören schon im 17. Jahrhundert zum deutschen Sprachgut. S,e stammen aus dem Niederländischen. Schute kommt von holländisch „Schuit , worin sich der germanische Stamm „skut“, d. h. schießen verbirgt. Auf dem Umweg über Frankreich erhielten wir das niederländische „sloep — so nannte man dort das Beiboot —, dem das Verb „sloepen , d. h. fchliipfen entspricht. In Anlehnung an das Romanische sprechen wir von der Schaliippe", doch hat sich der ursprüngliche Stamm in dem Kompositum „Slupseqel" erhalten. Jacht leitet sich ebenso wie das englische l)acht vom holländischen „Jaghet" ab, der Bezeichnung für eine bestimmte Art kleiner Schnellsegler. Die in den Elb- und Havelgewassern heimische Zille hat einen anderen, allerdings auch sremden Ursprungs man fuhrt sie meist auf einen slavischen Stamm zurück, der dem russischen „Celnu verwandt ist. Eigentümlicherweise gehört zu dieser Gruppe auch das
B o o t" Es kommt zwar im Niederdeutschen seit dem 14. Jahrhundert vor ist jedoch erst um 1600 in der hochdeutschen Literatur belegt und erst' 150 Jahre später allgemein verbreitet. Ursprünglich ein englisches Wort, drang es über die Niederlande in plattdeutsche Dialekte ein. Jm- merbi'n lägt sich aus seiner Verwandtschaft mit dem nordischen „bite , d h Balken" schließen, daß wir hier den späten Abkömmling einer uralten germanischen Schifssbezeichnung vor uns haben.
Damit nähern wir uns den Wortfamilien, die sich bis ins Althochdeutsche, also bis in die Ursprünge unserer modernen Schriftsprache verfolgen lassen. Da ist der Ewer, das seetüchtige Schifferboot der Niederelbe dem Gorch F o ck in seinem Roman „Seefahrt ist not ein Denkmal gesetzt hat. Er hieß ursprünglich „eenvare", d. h. Eiiisahrer, worin man den Einbaliin, das aus einem Stamm hergestellte Fahrzeug vermutet. Das Wort Kahn, das Luther 1522 ins Hochdeutsche emsuhrte, kommt aus dem Niederdeutschen und hat in allen nordischen Sprachen Verwandte die insgesamt auf den Stamm „kane , d. h. hölzernes Gesäß zurückgehen. Möglicherweise hängt dies Wort mit der. Familie des alt- fächfischen „Naca" zusammen, der auch das althochdeutsche „nahho und endlich unser „Rache n" angehört.
Wir berühren hier die engen Zusammenhänge, die in vielen seemännischen Ausdrücken die alten nordischen Sprachen verknüpfen. Den deutlichsten Beleg dafür gibt das Wort „Schiff". Es bewahrte vom althochdeutschen Seif bis zum modernen Schiff, vom altnordischen Skip zum nordwegischen skib, vom angelsächsischen scip zum englischen ship überall die gleiche Grundform. Da fcis im Althochdeutschen zugleich „Schiss" und „Gesäß" bedeutete, dürste dies Wort einen der ältesten deutschen Schisssnamen darstellen.
Lassen wir diese verschiedene Worte an uns vorbeiziehen und vergegenwärtigen wir uns die von ihnen bezeichneten Gegenstände, so $eigt sich, daß der ursprünglich deutsche Bestand nur das umfaßt, was den weitesten Begrisf des Wasserfahrzeugs umreißt, nicht aber das, was einen scharf umgrenzten Schiffstyp beschreibt. Schiff, Kahn und Nachen, darunter kann man sich sehr viel und zugleich sehr wenig vorstellen.
Wo eine genaue Benennung gefordert wird, wie es die Berussschifs- fahrt verlangt, da treten fremde Bezeichnungen auf, da vernehmen wir Lehnworte, die der abschleifende Gebrauch der Jahrhunderte häufig fast ganz eingedeutscht hat. Und es ist nur verständlich, daß die Heimat dieser Gaste dort zu suchen ist, wo zur Zeit ihrer Aufnahme das Seewesen zur höchsten Blüte gediehen roar: im 17. Jahrhundert in Holland, spater in England. Denn' das Zentrum deutschen Volks- und Sprachlebens liegt im Inneren^ die Küste vermag nur dann ihrer Berufung zur Seefahrt zu genügen, wenn sie sich auf ein starkes Hinterland stützen kann. So ging in den Zeiten des Niedergangs des Reichs mit der Seemacht der ?lonfa das Erbe verloren, das sie unserer Sprache hätte hinterlassen können, so verschwand mit ihren Koggen die deutschen Namen von der freien See und ihren Schiffen.
Die Dame mit dem Oi e pelz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
„Nun, mein lieber Grau", begann er in freundlichem Plauderton, „ich hoffe, Sie haben es sich inzwischen ein bißchen bequem gemacht und sind etwas besserer Laune als vorhin. Also — wo waren wir doch stehen geblieben? Nichtig, ja, — bei dieser mysteriösen Bildergeschichte! Sie wollen mir also immer noch nicht sagen, um was für ein Bild es sich gehandelt hat, und warum Sie sich gerade auf dieses Bild so auffallend versteift haben — wie?"
Donald Grau schüttelte nur mit zusammengepreßten Lippen den Kopf.
„Also nicht! Schön, sprechen wir zunächst von etwas anderem. Sagen Sie, wie sah dieser arme Caspar Fuchs eigentlich aus? Beschreiben Sie ihn mir ein wenig." Grau dachte ein paar Sekunden lang nach. Dann antwortete er etwas unsicher:
„Genau entsinne ich mich seiner nicht mehr. Ich habe ihn ja auch nur dreimal gesehen."
„Aber ich bitte Sie, Sie haben als Maler doch ein gutes Physiognomie- gedächtnis. Strengen Sie sich ein bißchen an, es wird schon gehen! Ich will ja kein Porträt von ihm, sondern ein einfaches Signalement. Also: Atter? Für wie alt schätzen Sie ihn — ungefähr?"
„Fünfzig, — vielleicht auch ein paar Jahre darüber."
„Hm." Der Kommissar blätterte in seinen Notizen. „Also auf jeden Fall ein älterer Mann ... Weiter: Haarfarbe?"
„Daraus habe ich nicht geachtet. Der Bart, glaube ich, — der $art ging ins Rötliche. Aber ich kann mich auch irren. Und seine Augen...
„Aha! Herr Fuchs trug also einen Bart? Das ist sehr interessant."
Kling lächelte abgründig. „Und die Augen? Was wollten Sie von feinen Augen sagen? Nun ...?"
Der junge Mann rieb sich grübelnd die Stirn.
„Ja — nämlich die Augen, die habe ich noch deutlich in Erinnerung. Aber beschreiben kann ich sie nicht. Unmöglich!"
Kommissar Kling schien auf diese Beschreibung auch keinen erheblichen Wert zu legen. Mit unverkennbarer Ironie fuhr er fort:
,Bemühen Sie sich nicht, lieber Grau! Ich bin vollkommen im Bilde. Und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß Herr Fuchs noch am Leben ist und sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut."
Er faßte Grau scharf ins Ange. Aber er begegnete einem ruhigen, betroffen fragenden Blick.
„Was — wollen Sie damit sagen, Herr Kommissar?
Oh, nichts weiter, als daß Sie uns eine amüsante, kleine Komödie vorqesp'ielt haben, mein Lieber. Aber die Pointe ist Ihnen leider unter den Tisch gefallen. Wir haben nämlich in Deutschland ein prompt funktionierendes System, um innerhalb einer Stunde festzustellen, ob ein Mensch qeftorben ist oder nicht. Und Herr Fuchs hak uns diese Ausgabe wesentlich erleichtert, indem er unseren 'Vertretern persönlich jeden gewünschte« Ausschluß über seine Person gegeben hat."
Donald (Brau lächelte ein beinahe einfältiges Lächeln.
„Aber das ist ja unmöglich! Ich habe ihn doch getötet!
Jetzt fuhr der Kommiffar mit einmal von seinem Stuhl auf und schlug mit dem Lineal wütend auf den Tisch. „Zum Teufel, jetzt hab ich genug von Ihrer dreisten Flunkerei! Ich habe von Anfang an nicht an dieses Märchen geglaubt und werde ..."
Er brach mitten im Satz ab. Mit einer leisen Beschämung gestand er sich, daß seine Wut etwas Ohnmächtiges hatte. Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich einem Untersuchungsgefangenen gegenüber hilflos. Hartgesottene Verbrecher hatten ihm nicht so viel zu schassen gemacht wie dieser stille, sympathische Mensch, der sich eigensinnig einer Tat beschuldigte, die er erwiesenermaßen gar nicht begangen hatte. Er machte weder den Eindruck eines Irrsinnigen, nöch konnte sich der Kommissar entschließen, ihn für einen gerissenen Schwindler zu hatten. Er hätte ihn, wie die Sache stand, entweder als Betrüger verhaften oder an die Lust setzen können. Aber es reizte ihn einerseits, in die Mentalität dieses Menschen noch tiefer einzudringen. Und andererseits konnte er sich des instinktiven Gefühls nicht erwehren, daß sich hinter der phantastischen Geschichte noch irgend etwas anderes verbarg. Vielleicht war dieser Grau nur das Wer^ zeug eines Dritten, der durch dieses Manöver die Aufmerksamkeit von sich ablenken wollte? Kommissar Kling faßte den Entschluß, den langen Mann nicht eher aus seinen Händen zu lassen, als bis er ihm das Geheimnis entrissen hatte. ,
Er zwang seine Stimme zu einem ruhigeren Ton.
„Sagen Sie, Grau, wer hat Sie eigentlich dazu verleitet, uns diesen Bären aufzubinden? Sie machen mir nicht weiß, daß diese Geschichte Ihre eigene Erfindung ist. Und Sie täten besser daran, endlich einmal mtt der vollen Wahrheit herauszurücken, statt Ihre Existenz für andere aufs Spiel
xu (eften."
Donald Grau schüttelte apathisch den Kops.
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Kommissar , sagte er matt.
Ober vielmehr, Sie wollen mich nicht verstehen! Gut, wie es Ihnen beliebt. Die Folgen haben Sie sich selber zuzuschreiben."
Kling betrachtete eine Weile nachdenklich seine Fingernagel, bevor er sich entschloß, fortzufahren:
(Beben wir also von der Voraussetzung aus, daß Sie tatsächlich diesen Caspar Fuchs in der Jnvalidenstraße 113 getötet haben. Schildern Sie letzt ben Vorgang! Um welche Zeit sind Sie gestern nach Berlin gefahren Welchen Zug haben Sie benutzt?"
Welchen — Zug...? Das — bas weiß ich nicht mehr genau. Aber es war schon bämmrig, als ich nach Berlin kam. Die Straßenlaternen brannten bereits. Es regnete stark/ .... .,
Das tut es schon feit vier Tagen. Und — wie man wohl annehmen bars — nicht nur in Berlin. Sinb Sie vorn Bahnhof aus zu Futz gegangen?"
„Ja — ich glaube wenigstens.


