Oer (Sänger.
Bon I. W. von Goethe.
„Was hör ich draußen vor dem Tor, Was aus der Brücke schallen? Laß den Gesang vor unferm Ohr Im Saale widerhallen!" Der König spracht, der Page lief; Der Knabe kam, der König rief: „Laßt mir herein den Alten!" —
„Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen!
Welch reicher HirnrnelstStern bei Stern! Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen euch, hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergötzen."
Der Sänger drückt die Augen ein Und schlug in vollen Tönen;
Die Ritter schauten mutig drein, Und in den Schoß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel, Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, Eine goldne Kette reichen.
„Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern;
Gib sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt, , Der in den Zweigen wohnet;
Das Lied, das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet.
Doch darf ich bitten, bitt ich eins: Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen."
Er setzt ihn an, er trank ihn aus: „6 Trank voll süßer Labe!
O wohl dem hochbeglückten Haus, Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht's euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott so warm, als ich Für diesen Trunk euch danke."
Oie deutschen Heldensagen.
Von Severin Rüttgers.
Die deutschen Heldendichtungen sind das kostbarste Vermächtnis der Literatur unseres Volkes im Mittelalter. Soeben ist im Insel-Verlag ein Werk erschienen, in dem sie in einer kraftvollen Nacherzählung bargeboten werden. Wir geben im folgende» das Geleitwort der von Severin Rüttgers meisterhaft bearbeiteten Ausgabe wieder. «
Mit tausend Rittern, neuntausend Knechten reiten die Burgonden- könige zu Etzels Hoffest. Weit über zweitausend Strophen zu je vier Langzeilen füllt der adelige Sänger mit der Erzählung ihrer Reisen und Kämpfe, mit den Charakterbildern einer schier unübersehbaren Zahl von stolzen, kühnen Recken und schönen Frauen. Wie zahlreich sind die Schauplätze der Handlung: Worms und Tanten, Sachsen-, Nibelungen- und Jsen'land, die lange Donau, Bayern und Ungarn!
Als kaum ärmer stellt sich die Kudrun vor: da bleibt fast kein Strand und Belt zwischen den Küsten und Inseln des „nassen Dreiecks" bis zum fernen Irland und zur Normandie unhetreken und unbefahren. Wer nur die letzten Abenteuer (Sturm auf die Normannenburg, Heimkehr und Hochzeit) läfe, müßte staunen über die unvergleichliche Kunst des Dichters, weite Räume zu umfassen und zu erfüllen mit flutenden, wohlgeordneten Heerscharen, aus denen die Helden ausleuchten wie bunte Banner über breitem Volk.
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Der Zug ins Weite, zur Fernbegegnung, .ist Wesenszug germanischer Heldendichtung, der deutschen inbefonbere (Walther, Wielanb, Rother, Wolsbietrich, Dietrich von Bern); aber selten verflacht bie Begegnung im Abenteuer (Wolfdietrich, König Dietrichs Heerfahrten ins Reußenland): in den vollendeten Sagen steht sie immer unter der „Notwendigkeit", dem Gesetz der innern Handlung.
Diese Weiträumigkeit weist hin aus Schöpfer und Dichter, bie — mit seltenen Ausnahmen — alle Fahrenbe gewesen finb; beutlicher noch weist sie aus bie Ursprungszeit ber ältesten Lieber, auf die große Wanderzeit der germanischen Stämme und Reckengefolgschaften vom vierten bis zum sechsten Jahrhundert. Aus bitterster Pflicht, die waltendes Schicksal auferlegte, ziehen bie Helben aus ber Heimat: zweimal dreißig ber Sommer und Winter — klagt ber alte Hildebrand dem Sohn — wallt ich im Elend — dem Herrn geschworene Treue zu halten. Aus Treupflicht fahren Hetels Helden gen Irland zum wilden Hagen, führt König Rother gen Konftmtinopel, führt Hagen die Burgonben ihre Todesstraße. Um
Recht und Treue reitet Wolfdietrich in Not und Fährnis um Recht und Rache __ der letzten, schwersten Treue — folgt Kriemhild Rüdiger ins
^‘iMUe* deutsche Heldendichtung ist Derleiblichung dieser höchsten, besten Tugend männlicher Gemeinschast und Geschichte mannskuhner Seelen: Selbsttreue (Hildebrand und Dietrich), Mannentreue (Hagen Berchter und Berchtung), Herrentreue (Rother, Wolfdietrich, die Burgonbenkonige, als die Schwester Hagen fordert), Opfertreue des Volkshirten (Beowulf), Spiegel jeder Treue: König Dietrich in Elend und Wunden.
Durch sechs Jahrhunderte trug und trieb diese innerste Tugend germanischen Heldentums die Sagen, wuchs aus ihr der weitschattende Baum der großen Epen. Wir sind so ehrlich, zu bekennen daß wir wenig wissen von den Umständen und den Hergängen dieser Entwicklung. Wie ein ach ist das Lied vom alten Hildebrand! Ein Handlungsfelb: obe Lanbschast unter grauem Schicksalshimmel, an besten Morgenseite schmerzliche Erinnerung hämmert — ein Leben fern ber Heimat —, (frage unb Antwort, Gegenrebe unb Abweis: schon waltet bas Schicksal unb wirkt Helbenlos. Als bem Hildebranblied gleich gewachsen erkennen wir, aus den Nacherzählungen späterer Lateinschreiber und in wenigen nordischen Versbehandlungen festländischer Sagen, die Formwelt der ge- amten Heldendichtung aller germanischen Volkschaften: der Goten und Langobarden, der Franken und Friesen, Thüringer und Sachsen.
Keine Volkschast hat die ihr eigene Sagenwelt bis zum Letzten pflegen und vollenden dürfen. Auch darin kündet sich das Gesetz der Wanderung unb Wanblung. Goten unb Langobarden versinken samt ihren Helden im Welschtum. Der Gote Walther verdankt Lied und Ruhm bem alemannischen Mönch Eckehart von St. Gallen, ber Jüte Beowuls einem Angelachsen auf ferner Insel, ber fränkische Sigsrib ben abeiigen Sangern an ber Donau — mit ihm Hagen unb Kriemhilb, Rübiger, Dietrich unb Etzel. Wolsbietrich, besten Einzeltrümmer kristallklare Spiegelung fränkischen Reckenungestüms, frühfränkischen Staatswesens aufweisen, zerspellt unb verwirrt sich säst gänzlich in ber fahrigen Fabulierkunst unbesorgter Spielleute von unsicherer Herkunft. Eigenartig unritterlich ist bas Gesicht jener Helben, beren Sagen in sächsischem Volkstum wurzelten unb aus- wuchsen, vor allem Wielands des Schmieds. Obwohl adeliger Abkunft und heldischen Sinnes, aber mit dämonischen Einzelzügen wie Hagen und Brünhild, ist er durchaus albstcher, elementarischer Natur und Charakters. Aus früher Tiefe erster Vorzeit entsprangen die Keime dieser Sage — gleich der sächsischen Beowulfsage —, und keines höfisch-ritterlichen Sängers Kunst schliff ihr albisches Düster blank, wie das Hagen und Brünhild, vielleicht auch Dietrich begegnete. Das Volk der niederdeutschen Städtebürger — alle bäuerlicher Herkunst, immer tüchtig und wacker, doch nie ritterlich geworden — wirkte eigenes Wesen in diesen Ursprung: zu Grimm und Groll des Schwarzalben handwerkliche Kunstfertigkeit, kleinbürgerliche Verschlagenheit: zum zwiefpältigsten aller Heldenbilder.
In drei Jahrhunderte der Geschichte deutscher Heldendichtung scheint kein Lichtstrahl: sie liegt vom neunten bis ins zwölfte völlig im Dunkel. Aber obwohl alle Zeugnisse und Dokumente sehlen, läßt sich schließen, sie sei durch diese Nacht und aus ihr in Gestalt gewachsen: im frühesten Gedicht der Ausblüte, im König Rother, tritt sie uns fast in allen Zugen vollendet entgegen, ist höfisch-ritterlich geziert, abenteuerlich bewegt, zu kleinen und kleinsten Zügen epischer Darstellung ausgetrieben. Die epische Kunst des alten Römers Vergilius, besten Aeneibe bas lateinische Mittel- alter so fleißig las, bie Eckeharts Walther schon zahlreiche Züge eingeprägt unb seinen „Vortrag" beeinflußte, wirb auch ben Spielleuten im zehnten unb elften Jahrhundert nicht unbekannt geblieben fein.
Als um bie Mitte bes zwölften Jahrhunberts bie höfische Sanges- fünft von ben Westfranken (Franzosen) über ben Nieberrhein nach Mittel- unb Südbeutschlanb einbrach, fanb sie nicht nur bie Lieber ber beim Volk umziehenben Spielleute in Länge unb Breite gewachsen: sie fanb auch bie Dichter bereit, bie Herzen ber Hörer erhoben unb ihre Augen so geöffnet, baß sie im gegenwärtigen Leben bes beutschen Staates, seines röeltumfaffenben Königtums, bem Fürstenprunk bes Stauferhoss Raum und Rahmen bereitet sah, bie altvertrauten Recken unb Helben ber Wanberzeit in bas reiche Leben und das prächtige Hoskleid dieser deutschen Stunden zu versetzen.
Schiffe und ihre Namen.
Von Dr. Hans M e n ck.
Kinder spielen am Weiher. Ein Stück Holz, ein kleiner Stab und daran wieder ein Fetzen Papier — bas ist ihr Schiss. Später wenn sie größer finb, werben sie auf bem Fluß Boote fahren unb bie beladenen Kähne vorbeitreiben fehen. Sie wißen bann, baß man mit Dampfern ben Ozean befährt, bah es Kriegs- unb Hanbelsfchiffe gibt, unb hier und da noch große Segler; doch die find veraltet und befördern nur geringwertige Waren. Im „Robinfon" lafen sie von einer Brigg ober Bark, bie Schiffbruch litt; Jack ßonbon erzählt von Kuttern unb Jollen; Joseph Conrab fchilbert bie Schisse aller Meere. Unb wer weit herum- kommt, ber wirb bie Berliner Zille kennen lernen ober bie Ulmer Schachtel, unb vielleicht sogar ben stolzen Ewer, der bie Elbe hinabsegelt zum Fischsang auf hoher See. Doch bie ganze Mannigfaltigkeit ber verfchie- benen Gattungen ber Wasserfahrzeuge, sie ist schon vorhanben in bem einen unb boch so oielbeutigen Begriff „Schiff".
Wer von ben vielen, die Schiffe sehen und in Schiffen fahren, kennt bie Bebeutung ihrer Bezeichnungen, spürt ben Stempel ber Geschichte in ber Verschiebenheit ihrer Namen? Denn in allen biefen Worten spiegelt sich die Entwicklung des deutschen Boltes als seefahrender Nation.


