Ausgabe 
12.5.1933
 
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Gießener FamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1955

Freitag, -en >2. Mai

Nummer 56

Adelaide.

Bon Friedrich von Matthisson.

Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Mild vom lieblichen Zauberltcht umflossen, Das durch wankende Blütenzweige zittert, Adelaide!

In der spiegelnden Flut, im Schnee der Alpen, In des sinkenden Tages Goldgewölken, Im Gefilde der Sterne strahlt dein Bildnis, Adelaide!

Abendlüftchen im zarten Laube flüstern, Silberglöckchen des Mais im Grafe säuseln, Wellen rauschen und Nachtigallen flöten:

Adelaide!

Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe Eine Blume der Asche meines Herzens;

Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen: Adelaide!

Es war einmal eine Insel, die hieß Venedig ...

Bon Gustav ®. Eberlein.

Venedig, im Mai.

Es war einmal eine Insel, die hieß die Königin der Adria, und sie beugte ihrem Willen alles Land ringsum, sie führte sogar Krieg mit der Königin des anderen Meeres, mit Genua, la Superba genannt, und da war niemand, der ihr den Rang streitig machen konnte, also daß sie die unvergleichliche Macht erkannte, die ihr das Meer gab und sich mit ihm immer wieder aufs Neue vermählte. Des zum Zeichen warf der Doge einen goldenen Ring in die Flut, in die nixenaugengrüne...

Denn so eine Stadt ist dem Wasser verbunden auf Gedeih und Ver­derb. Wenn der Feind anrückte, war es sein erstes Bestreben, die Lagunen abzudämmen und so die stolzen Handelsherren aufs Trockene zu werfen wie luftschnappende Fische. Venedig mußte, wie später England in seiner splendid Isolation, eine Insel sein oder es würde nicht sein. So sagten die Venetianer bis auf den heutigen Tag und wehrten sich mit der Kraft der Verzweiflung gegen die ketzerischen Pläne der Neuerer, sie mit dem Festland zu verbinden. Es ist wahr, schon vor drei Menschenaltern haben die Oesterreicher kurzen Prozeß gemacht, indem sie eine Eisenbahnbrücke hinüberwarfen, aber wer benützte sie schon? Die fremden Hochzeits­pärchen, und die kamen ja nicht als Feinde. Fern blieben die Habenichtse von Fußgängern, die ordinären Radfahrer und die abscheulichen Auto­mobile. Man blieb unter sich, führte die Märchen erlebenden Fremden in die gute Stube, in den Salon Europas, auf den Markusplatz, und ließ sie die Tauben füttern. Das gehörte zum Bildungsprogramm eines besseren Burgers, wie das Klavier zur Aussteuer der Mädchen. Außer­dem liehen sie sich noch in der Gondel photographieren und dann natür­lich am Lido!

Unromantische Gemüter haben zuweilen behauptet, das ganze Venedig sei Kitsch. Nun, dann sind die schönsten Märchen Kitsch. Ich für meinen Teil, ich weiß mir als leidenschaftlicher Autofahrer noch heute nichts Schöneres, als in einer Stadt sorgenlos dahinschlendern zu können, ohne ständig in Gefahr zu fein, unter die Räder zu kommen. Eine Stadt ohne Verkehrslärm, ohne Fuhrwerke, ohne Radfahrer, ohne alles das, was sich irgendwie zum Fortkommen einer drehenden Bewegung bedient, ohne Signallampen und Verkehrspolizisten, ohne Staub und Lärm ist das nichts? Wie, es soll kein Wunder sein, wenn im zwanzigsten Jahrhundert die Straßen und Gassen einer Großstadt aus Wasser sind und alles, was kreist und wirbelt und rattert und knattert, gleitet und lautlos dahin­zieht wie ein Schwan? Stelle sich doch einer auf den Boulevard, auf bie Picadilly, auf den Potsdamer Platz, hebe den Stab und bringe unter Hokuspokus diese Verzauberung fertig! Gäßchen sind auch da, rings um den sagenschönen Markusplatz, gewiß, aber sie heißen Lalle und haben knapp'die Breite eines Liebespaars. Kommt dann em Kanal, er heißt Rio, so führt trapp, trapp, trapp, ein Brückchen hinauf und tapp tapp tapp, hinunter. Denn das Brückchen muß hochgeschwungen sein wie sollten denn sonst die Gondeln darunter hindurchglecken kön­nen? Das alles gibt es nur einmal auf dieser Erde, und wer es erlebt

hat, im schwebendseligen Traum oder in Wirklichkeit, mit siebzigprozenti­ger Fahrkartenermähigung, der kann sich in die Seele dieser Insel­bewohner hineinversetzen und wird verstehen, was darinnen vorgehen mußte, als es auf einmal hieß, die Gondeln würden verschwinden, Mussolini habe befohlen, die Lagunen aufzufüllen und aus den Wasser­straßen Autostraßen zu machen...

Venedig solle aufhören, eine Insel zu fein. Venedig müsse mit der anderen Welt, der unserigen, die von Träumereien und Taubenfüttern und liebespaarbreiten Gäßchen weniger hält als von Geschwindigkeits­rekorden, Venedig müsse mit dem tosenden Babel Europas verbunden werden.

Und dieser Tag des Schreckens, er kam!

Zu Taufenden rückten die Feinde heran, die furchtbarsten Feinde einer Insel, die Automobile, sie ballten sich bis nach Padua hinein zu­sammen, um den großen Sturm am Morgen mitzumachen. Sie wollten sie einnehmen, die Wasserfestung, und wär sie mit Ketten am Himmel befestigt! Es ist schwer, es gestehen zu müssen, aber ich war auch dabei, war mit in dem Haufen, in Padua hatten wir genächtigt, Mann und Roß... *

Unvergeßlich herrlicher Tag!

Der Markuslöwe hob seinen Schweif, es war ja fein Namenstag, er hieb die Pranke auf das offene Buch, über das Wort Fax, daß jeder es lese: Friede! Friede! Und es kam der Kardinal-Patriarch und deutete auf das Wort und beschwor den Duce, der fallenden Insel und allen schwan­kenden Völkern den Frieden zu bringen. Aber der Abgesandte des Herr­schers von Rom, der Kronprinz warf sich mit feiner frühlingstrahlenden Gemahlin in das erste Auto, er durchbrach die Kette der süßesten Mäd­chenjugend, die Venedig ausbieten konnte, und stürmte über die vom Himmel gefallene Zugbrücke hinüber, hinein in die Märchenstadt ... wir alle hinterdrein ... Hunderte, Tausende von Automobilen, Schwärme von Motorrädern und Fahrrädern, Lawinen von Fußgängern...

Venedig fiel. Es ist eine Insel gewesen. *

Nun, um es trocken zu sagen: die Brückenstraße, die wie schon kurz gemeldet, jetzt die Lagunenstadt mit dem Festland verbindet, setzt auf 233 Bogen, es können auch ein paar mehr fein, über das nixenaugen­grüne Wasser, ist zwanzig Meter breit und weist fünf Fahrbahnen auf, zwei davon für die Straßenbahn mit Strombügel, aber ohne Schienen, die breiteste für die Automobile, die eine Geschwindigkeit nach Belieben einhalten können. Im Hundertertempo jagten sie kiesaufwirbelnd hinüber. Daß der Bau zwanzig Millionen Backsteine, ich weiß nicht mehr wie viele Doppelzentner Zement und ein österreichisches Fort namens Santa Lucia verschluckte, hat der Telegraph längst rund um den Globus berich­tet. Vielleicht auch das, daß mein Wagen als erster in die Riesenhoch- gckrage am Canale grande einlief und dort aus die Koffer der Zettel Nr. 1 geklebt wurde. Dann aber trat etwas ein, was noch kein Insulaner gesehen halte: ein Verkehrspolizist. Und dann ein zweiter. Und sie bega­ben sich auf den großen Parkplatz, der in den ersten Tagen nichts anderes als ein toller Zirkus war und walteten in der Manege ihres Amtes, indem sie die aus den Kanälen herbeistürzenden, nein, herbeigleitenden Zuschauer ängstlich fernhielten. Auch die Unglücklichen mit dem Wagen in der Garage durften den Platz nicht mehr überqueren, sondern sollten jedesmal den giro machen, ringsherum laufen. Denn die Venetianer, wehrte er meinen Protest erklärend ab, haben noch keine Autos gesehen, sie kennen nur Gondeln ...

Ja, so ist das in Venedig. Wer aus dem Tohuwabohu Roms kommt, möchte fast lächeln und kann doch nicht, denn ist dieseZurückgeblieben­heit" nicht auch ein Wunder? .

Jedenfalls steigt man wundergläubig aus dem Auto in die Gondel und gleitet. Sie haben auch einen neuen Kanal angelegt für Eilige: dort bestehen die Autobusse, die in wenigen Minuten zum Markusplatz schwirren, aus Motorbooten. Vier Jahre gab der Duce den Ingenieuren zu der großen Wandlung, in zwanzig Monaten waren sie fertig. Ein Werk, das sich der cäsarischen Taten nicht zu schämen braucht.

Und die Hochzeitspärchen? Und die Romantik? Die Tauben und die Brückchen, trapp, trapp, trapp? Alles beim Alten! Nichts ist zerstört worden von dem, was uns, was den Insulanern lieb ist. Sie können die Streitaxt begraben, die Pontisten und Antipontisten. Es wird kein ein­ziger Rio aufgefüllt, keine Gondel braucht zu verschwinden. Wie ein fiegljafter Doge wurde der Kronprinz begrüßt, rote Teppiche hingen aus allen Marmorfenstern, die maurischen Paläste gaben sich mit verschwie­gener staatlicher Unterstützung einen Ruck und versuchten stramm $u stehen. Ach, es ist ja so unendlich viel vermoost, verfault, verfallen in diesem Märchen, es wäre ohne den. Anschluß, an die Welt, an dar ge­sunde Leben, elendiglich in seinen malerischen Kanälen erstickt.