Ausgabe 
11.12.1933
 
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aus der Entfaltung der französischen Nadelspitze, die eine neue klassische Zeit, ja die höchste Blütezeit der Spitze, heraufsührte.

Unterdessen hatte die Klöppelspttze immer mehr an Geltung gewonnen. Sie wetteiferte mit der Nadelspitze, erlangte ihre Voll­endung aber besonders in einer derberen, dtchtgemusterten, kör­nigen Art, die wir unter dem NamenNiederländische Spitze n" zusammenfassen, obgleich sie in allen Landern und in großer Menge hergestellt wurde. Wir lernen sie vielleicht am besten aus den Bildern des Frans Hals kennen, der einer der größten Spitzenmaler aller -Zetten war. Diese Spitzen nehmen sich auf dem dunklen Tuch in leichten Falten vorzüglich aus,' ein resolutes kerniges Wesen leuchtet aus ihren nervigen, elastischen Mustern; es ist eine Leichtigkeit der Kraft, die sich hier kund gibt; sie ivaren so der beste Ausdruck des echten Vürgergeistes, der sich in der holländischen Kultur entfaltete. Ihr sauberes, blitzendes Weiß hebt die frischen Farben in diesen gesunden Gesichtern und läßt aus feinen Spitzenkragen die Gesichter mit den lustigen Augen noch einmal so vergnügt hervorsehen. Nach und nach wird die niederländische Klöppclspitze weicher, zarter, lockerer, sie tritt mit der französischen Nadelspitze in Konkurrenz und übertrifft sie dann später sogar im Rokoko an Duft und Anmut.

Die Tracht des Rokoko atmet ebenso wie der Geist dieser Zeit eine üppige Lässigkeit. Wogendes Fließen, schmiegsames Herab­gleiten, weiches Schmelzen ist die Nuance dieser Epoche. In vollen faltenreichen Garnituren rieseln nun die Spitzenwellen hernieder. Dem gepuderten Haar verleihen sie Lockerkeit und Glanz, sie be­decken es wie ein durchsichtiger Hauch; sie umspielen in flutenden Volants die Seide der Kleider, verwischen jede Linie, umhüllen jede Form. Auf einem ganz durchsichtigen spinnwebfeinen Netz­grund schimmern die nur hingehauchten Blumen und Ornamente. Sie lasten sich in ihrem zartem Duft nur noch etwa aus den Pastellbtldern von Lietard festhalten.

Mit dem Namen der beiden Orte Balenciennes und M e ch e l n benennt man wohl diese Spitzen, wenngleich auch eine große Anzahl anderer, zum Teil französischer Manufakturen, be- fonders Alencon und Argentan, an der Herstellung beteiligt sind. An die Stelle des Netzgrundcs tritt bann auch Tüll, bisweilen mit Tupfen und Blumen, und so entwickelt sich noch eine späte Blüte in der Tüllspitzc der Maria Antoinette. Andere spätere Spitzen verflüchtigen sich völlig zu hauchartigcn Gespinsten, erscheinen kaum noch wie ein huschender Schatten in ihren verblaßten, ver­rutschten Mustern.

Was sich über die Spitze des 19. Jahrhunderts sagen läßt, bildet ein ziemlich trübes Schlußwort. Zunächst wirkte die Rokokospitze nach; die verrvaschencn Abschattierungen nahmen noch zu. Die Applikationsspitze, bei der Spitzenblumen auf maschincnerzeugtem Tüll gelegt werden, fand Verbreitung. In den sechziger Jahren ; nahm man das Renaissancemuster mit seinen starken Kontrasten > wieder auf, ohne freilich eine plastische, künstlerisch befriedigende j Wirkung zu erreichen. Billige Maschinenware kam immer mehr in ! Aufnahme. Man erging sich in naturalistischen, körperlich aufge­setzten Blumen und ertötete jede feinere Wirkung durch nüchterne ; Regelmäßigkeit. Versuche, die Spitzenfabrikation zu beben, sind vielfach gemacht worden. Am besten gelang es in Venedig, wo die Königin Margherita eine Schule einrichtete. Bet uns hatte sich die Spitzenkunst hauptsächlich in der bäuerlichen Volks­kunst erhalten. Die seit 1910 in Berlin bestehende Deutsche Spitzen-Schule hat viel zur Erhaltung der Ueberlieferung und zur Pflege der, Heimindustrie beigetragen.

^ieseke.

Die Geschichte eines kleine« Pferdes.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

«Nachdruck verboten.» lSchluß.)

Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen heimkehrte, kamen ihm schon ein paar Kinder entgegen, und setzten sich zu dem Burschen auss Wügel. Zu Hause hinter den Fensterscheiben winkte Trudel, das Mädchen, das ein blaues Band im Krönchen seiner Haare trug. Es kam heraus zu Riesele, liebkoste es und fprach:

Aber wo sind deine goldenen Hufe, Riesele, wo sind sie denn geblieben? Ich für meinen Teil, wenn ich fortzöge in ein Mär­chenland wie du, ich käme nicht heim ohne goldene Schuhe!"

Geh du lieber gar nicht fort!" sagte Gustav,sonst kann es geschehen, daß du barfuß wiederkehrst; denn der Krieg hat Deutsch­land zum Aschenbrödel der ganzen Welt gemacht!"

Gustav schirrte daS Riesele ab; am rechten Brustbein hatte das Kummet der Mutter, das dem Niesele zu weit war, eine Wunde aufgeschurft, die Trudel mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. Sie sang dazu das Lied von den drei Lilien, und Niesele spürte keinen Schmerz, trat in seinen Stall und legte sich nieder.

Uebcr Nacht schneite es ein wenig. Am andern Morgen bekam Riesele vom Sattler ein weiches Unterkummet an, und nun zog es den Wagen in den Fichtenwald. Der Bauer saß oben und klapperte mit der Peitsche in die kalte Morgenluft, und immer fiel der Knall in den weiß beladenen Fichtenwald und kam zurück und traf niemals Rieseles Ohren.

Hat Riesele je einen solchen Wald gesehen? Die Stämme stehen zu Tausenden im Lot nebeneinander wie sonstwo die Sol­daten und versinken nach der Tiefe zu im Dunkeln. Die saft­grünen Aeste hängen breit herab übern Weg, und Schnee, der auf ihnen liegt, wiegt sich im Wind. Unendlich schier senkt sich der dicht ineinander verwuchertc Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder empor und verliert sich ins Weite. Hie und da bricht

eine Schneelast vom Zweig und zerstäubt, denn die Sonne stochert durch die brüchigen Wolken.

Der Wagen ist mit Tannen schwer beladen, ein leichter Dampf schwebt über dem kleinen Pferderücken, als der Bahnhof sichtbar wird! Aber Kinder sind da, Kinder! Sie schreiten neben Riesele drein und rufen:

Weihnachten, Weihnachten!" und es ist, als freue sich auch das Riesele auf Weihnachten, und als freuten sich auch die er­schlagenen Fichten ihres frühen Todes, da sie für das Glück der Kinder sterben durften ...

Oft und jeden Tag fast mußte Riesele diesen Weg machen und mußte Christbüume aus den Bahnhof fahren.

Jndeß wurde es kälter, und das Wasser, das über den Wiesen stand, ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre Schlittschuhe über die Schultern, gingen, die Hände in den Hosentaschen, hinaus, schnallten die Schlittschuhe an und fegten über die glatte Fläche, hielten die Arme seitwärts und die roten Nasen hochauf.

Riesele durfte auch zu den Kindern! Der Bauern Klaus brach das Eis, um es in die Brauerei des Städtchens zu fahren, und Niesele durste lange neben der Eisfläche stehen und gucken, und die Kinder kamen zu ihm, wärmten ihre Hände an seinem Leib und unter seiner Rückendecke, und umstanden das liebe Gäulchen wie die Stadtkinder den Maronimann.

Was mußte Riesele nicht alles schaffen in der langen Win­terszeit!

War etwa der Herr Doktor aus dem Nachbardorf zu holen: wer anders als Riesele hätte das so eilig besorgen können?

Weilte der Amtsrichter im Dorf, und er wollte, nachdem er am Abend noch ein dunkles Geschäft erledigt hatte, samt der schweren Tasche, die das dunkle Geschäft verhüllte, rasch an den Bahnhof gebracht werden: wer anders als Riesele hätte den Herrn Amts­richter über den Berg gezogen?

Sollte der Pastor ins Gebirg hinauf, und Glatteis klebte an den Steinen, oder der Schnee sauste, vom Nordwind zerpeitscht, hernieder: wer anders als Riesele wäre mit dem Herrn Pastor durch die Nacht und Wind gestürmt, zu denen, die es eilig hatten auf dem Weg zu ihrem Glück?

Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! In dieser Nacht betrat Cornel, der Schweinehirt, den Stall, setzte sich vor Riefele und dessen steinerne Krippe und sprach:

Ich will dir Prosit Neujahr sagen Riesele, alter Freund! Nichts weiß ich von dir aus deiner Zeit der Freude!

Einst aber, wollte ich dir erzählen, wie deine Vorfahren glück­lich waren und wie die Menschen sich die Tiere zu Haustieren machten, und ich will es dir jetzt rasch erzählen!

Als die Menschen noch so einfach und noch so gut waren wie die Tiere, lebten deine Vorfahren frei und fröhlich draußen in den großen Wiesengärten. Sie lebten vereinzelt, zu zweien und in großen Herden; sie fraßen das Gras vom Erdboden, sonnten sich und pflegten der Minne. War im Winter die Erde Überschnett, so scharrten sie mit breiten Hufen das Gras bloß und warteten auf den Frühling. Feinde lauerten manchmal auf die Jungen, auf die Mütter, auf die starken Väter. Blutgierige Raubtiere brachen aus den Hecken, aus den Wäldern hervor, sprangen geschickt an ihre Kehlen und soffen ihr Blut.

Nicht minder geschickt aber wußten sich die Pferde zu ver­teidigen. Schon lange, bevor der Feind zur Stelle sein konnte, horten sie ihn mit den hochgestellten Ohren, sahen sie ihn im Kreise schleichen, und nun ordneten sie sich eiligst in der Runde, streckten die Köpfe nach innen, daß die bewehrten Hinterbeine nach außen im Kreise standen, und wenn der Feind es wagte, hcran- zukommen, feuerten diese Hufe gegen ihn aus, baß er keine Lücke fand, anzugreifen.

Dann kam der Mensch!

An einem Fluß hing seine Hütte halb tm Wasser; sein Feld erstreckte sich den Wald entlang, seine Frauen und Kinder mu­schelten im Schilfrohr, nahmen den Kiebitzen und den Enten die Eier ans den Nestern und stachen die Fische aus dem Wasser. Mühsam warfen sie die Schollen der Erde um, daß neues Korn nm so besser wachsen konnte, und sie sahen die starken Pferde in göttlicher Freiheit auf den Wiesen umhertollen. Ste kamen gedankenreich wie sie sind, darauf die Pferde einzufangen und vor die Pflugschar zu spannen. Mit einem großen Seil fingen sie das erste Pferd ein. Es ward an den Pfahl gebunden, es ward mit Nindsbautriemen gezügelt, es warb gebändigt, alsdann zog es bereitwillig mit seiner Kraft den Pflug, weil ihm ein gutes Fressen bereitstand. Zur Regenzeit stand es unter einem Dach, zur Winterszeit in einem warmen Stall Gab es dem Menschen seine Kraft, so erhielt es dafür ein reichliches Futter, und es brauchte besonders im kalten Winter nicht das spärliche Gras aus dem Schnee zu scharren.

Durch ein Loch in der Lehmwand seines Stalles sah es seine Kameraden draußen in der Kälte des Winters nach dem spärlichen Grase scharren, indes es selber seine warme Suppe nicht ganz ver­zehren konnte.

Wie gesagt, Riesele: Freiheit tauschten sie für die Bedürfnisse des Bauches und für die Vcguemlichkeit! Ich für mein Teil und du nicht minder, Niesele, wir wären nicht in die Falle gegangen; wir wären draußen geblieben, denn auch der garstige Winter ist schön, wie alle Natur in jeglichem Zustand schön ist, gleich jedem Menschen, der sich natürlich gibt."

Es schlug zwölf, als Cornel seine Rede beendet hatte, Schüsse krachten tm Tal umher, das Geknall vorlauter Feuerfrösche hüpfte zwischen den Nevolverschläqen umher, und junge Stimmen riefen das neue Jahr ein, was wie jedes seiner Vorgänger den Men­schen bas Glück und reichen Segen bringen sollte...