So waren wir glücklich.
Don Walter von Molo (GDS.j
Wir waren eine lebhafte Familie. Mein Bruder Hans und ich ließen unsere Mama vom Herbst ab nicht mehr in Ruhe nut dauerndem Fragen und Erinnern an das Christkind, damit es uns nur ja nicht übersah. Wir waren die einzigen Kinder der unglücklichen Frau, deren Mann, unser Vater, sich über Weihnachten grundsätzlich ausschwieg — bis zum Heiligen Abend; davon will ich aber später erzählen.
Im November bereits lagen in der Frühe des öfteren unversehens „Christkindhaare" auf dem Fußboden — „es" war also da- gewesen! Und wenn wir unsere Mutter bestürmten, so ergab sich aus den ihr herausgelockten Schilderungen, daß sie mit ihm gesprochen hatte. Was, erfuhren wir aber nicht. Dafür prügelten wir zwei Buben uns dann gegenseitig in wilder Freude kräftig durch. Und dann schrieben wir meterlange Weihnachtszettel mit unseren Wünschen, weil „Mama" durchschauen ließ, daß das Christkind darauf „warte". Diese Zettel hing Mutter mit unserer höchst besorgten Mithilfe des Abends vor die Fensterscheiben ins Freie hinaus — und am nächsten Tage waren sie verschwunden — waren die Zettel „abgeholt". Wieder Anlaß zu gegenseitigen barbarischen Gliederäutzerungen der beiden zukünftigen Schriftsteller. Ach Hans, nun bist du seit mehr als siebzehn. Jahren unheilbar krank; aber sieh, das haben wir doch zusammen erlebt, das ist unvergänglich ...
Mutter hattet nun immer öfter „Besprechungen" hinter verschlossenen Türen, wenn wir aus der Schule heimkamen. Wir lagen auf dem Fußboden, die Nasen und Ohren in die Türfuge geklemmt, und da hörten wir „Mama" reden — und eine ganz feine, hohe Stimme gab ihr Antwort — was , war nicht zu unterscheiden. Wir erfuhren bloß, daß .es" wieder dagewesen sei. Und wenn wir zu sehr vor Begeisterung brüllten, dann dursten wir abends, wenn es dunkel geworden war, „greifen". Durch eine wenig geöffnete Türe in ein dunkles Zimmer, in dem „Mama" uns etwas hinhielt — sie packte allerhand in Papier ein, um uns anzuführen — niemals war darauf zu kommen, was wir da abtasteten. Und wenn wir zu stürmisch werden, zog sich die Mutter mit ihrem „Geschenk" des Christkindes zurück. Zehn Tage vor dem Heiligen Abend war das Festzimmer bereits dauernd abgesperrt.
Und dann, als die Glocke schellte und die Türen vor dem hell leuchtenden Christbaum geöffnet wurden — doch davon will ich später erzählen. „ „ _ ,, „
Ich sagte, Vater war anders. Aber am Vortage des Festes erfaßte ihn doch sichtliche Unruhe, und dann erfolgte der Befehl zu uns beiden: „Ihr zwei holt mich morgen am Heiligen Abend um fünfzehn Uhr vom Geschäft ab!" Die Mutter und wir verständigten uns durch vielsagende Blicke, denn wir wußten, was das zu bedeuten hatte. Das war in jedem Jahre so. Bevor wir „abholten", bekamen wir von „Mama" die Weisung: „Patzt auf, daß .Päppäsle' sltebvolle schwäbische Bezeichnung der Mutter für Papa) nicht wieder soviel Unsinn kauft". — Und dann geschah es jedes Jahr ähnlich: „Nun gehen wir erst zusammen ein Glas Bier trinken". Das war der feierliche Dämmerschoppen, besonders stimmungsvoll, weil ein paar Stunden vor der Weihnachtsfeier niemand sonst am Biertisch saß. Diese Vorbereitung dauerte bis achtzehn Uhr, dann wurde barsch gefragt — mein Vater tat, als gäbe er viel auf seine Autorität: „Was würde der Mama nach eurer Ansicht eine Freude machen?" Wir redeten jetzt das los, was Mama beauftragt hatte zu sagen. Es wurde stets abgelehnt mit den Worten: „Was versteht denn ihr!" Und nun wird man wohl unserer guten „Mama" Unruhe verstehen, die tief begründet war. Die Jagd begann: Unser Vater voraus in einem Höllentempo durch die Menschenmassen. Wir wie zwei angebundene junge Hunde gegen starke Strömung schwimmend hinterdrein: Jeder schaue, daß er den Erzeuger nicht verliere. Zuerst wurden mehrere Schachteln „Mondseer Schachtelkäs" gekauft und dann Pakete von Mandarinen und Malagatrauben. Das war immer das erste. Aber dann kamen die „Effektstückel", wie sich der Vater ausdrückte. Lauter Zeugs, das gänzlich unnütz war. Ich erinnere mich an einen Römer mit eingelegter Lanze aus Bronze, oder halbmannshohe Krüge, die nirgends Platz finden konnten, chinesische Paravents, die ein Heidengeld kosteten und überall besser hinpatzten, als in unser Haus. Vater war ein gefährlich schnell entschlossener Käufer. Er wählte kurz, zahlte, ließ einpacken, und dann hieß es zu Hans und mir: „Hier, tragt es!"
Dann ging's in gesteigertem Tempo weiter, denn schon begannen in einigen Fenstern der Häuser Weihnachtsbünme zu brennen. Wir schoben bepackt wie zwei athletische Schisse der Wüste hinter Vater drein, der immer lebendiger wurde. Durch die hastenden Menschen keuchend, und — wie gestanden werden muß — kräftig schimpfend über die gemeine Ausnützung und die väterliche Mißachtung, die uns widerfuhr. Wenn wir Vater einholten, maß er uns Schwitzende mit strengem Napoleonsblick, und wenn er sah: die können noch etwas tragen, verschwand er sofort wiede jäh ohne Nachdenken im nächsten Geschäft und kaufte noch etwas Größeres. Widerspruch wurde nicht geduldet. Und dann schüttelte er unwillig den Kopf, denn es war bald neunzehn Uhr, und ließ sich unwillig vernehmen: „Das richtige Effcktstückel ist noch nicht dabei". Und hierauf geschah stets das Endunheil. Einmal kaufte er für unsere sehr einfache „Mama" einen weltweiten, hellgrünen Plüschmantel, der nur zu einem Maskenkostüm zu gebrauchen war, und ein anderes Mal, „weil Mama die Tiere so liebt", ein ausgestopftes Reh! Vater kaufte lediglich nach dem Preis, und das Teuerste war danu das „Effektstückel".
Wenn wir daheim verspätet angeschnauft kamen, zog unsere Mutter Hans und mich zur Seite mit der bangen Frage: „Sagt mir schnell, was hat er denn wieder angerichtet?" Wir beichteten, damit sie ihre „Geschenke" mit Faffung entgegennehmcn konnte, die nun der Herr des Hauses mit großem Gepolter im Festzimmer für sie ordnete. Und dann klanä die Glocke, öffneten sich die Türen — und für Papa und uns zwei war alles da und mehr, was innigste Liebe und Aufmerksamkeit überlegt und uns seit einem Jahre abgelauscht hatte. Mutter bewunderte sehr die Geschenke ihres Gatten, der stolz daneben stand: „Nein aber, .Päppäsle', ist das schön". Und dann küßte sie ihn dankbar, und er war erfreut und sah uns wegwerfend an, als wollte er sagen: Da habt ihr's! Ich weiß, was das Nichtige ist. Ich habe es „getroffen". Und Mutter war gerührt — über ihre drei unreifen Buben.
So war sie, so waren wir glücklich.
Kostbare Spitzen.
Entstehung und Wiederbelebung einer alten Kunst.
Von Dr. Georg Kuhn.
Die deutsche Mode betont bewußt in ihren Schöpfungen einen Schmuck, der in früheren Jahren ungebührlich vernachlässigt wurde und doch stets auf die Frauenwelt einen magischen Reiz ausgeübt hat: die Spitze. Dabei gilt es in erster Linie der Förderung unserer hochentwickelten deutschen Spttzcnindustrie. Sodann aber soll überhaupt wieder ein Schönheits-Reich erschlossen werden, das von unzähligen fleißigen und geschickten Händen in langer Entwicklung zu einer besonderen Heimstätte des Geschmackes und der Anmut ausgestaltet wurde.
Wie in der Sage die Göttin der Liebe aus dem Schaum des Meeres geboren ward, so möchte man sich auch die Geburt der Spitze denken, daß etwa dieses leichteste, zarteste Gebilde der Anmut aus dem leise sich kräuselnden, weißen, auf der Oberfläche des Wassers in Licht und Helligkeit spielenden Schaum sich verdichtet hätte zu dem wie aus Mondscheinstrahlen geflochtenen Spinngewebe der Valenciennes-Spitze. Aber die Spitze ist, wie der schimmernde leichte Schmetterling aus der plumpen Raupe in die Sonne emporstetgt, aus schweren Stickereien langsam entstanden. Aus der bunten Posamentrie hat sie sich zu einer besonderen Kunstgattung entfaltet. Man übertrug die Methode des Anziehens von Fäden beim Sticken, in dem richtigen Gefühl, auf leichterem, beweglicherem Stoff mit dieser graziösen Form feinere Wirkungen zu erzielen, auf Leinenstoffe beim Nähen. Bei früheren Arbeiten wurden aus einem einfachen genähten Muster die Fäden in einer Richtung herausgezogen. Es ist der sogenannte „punto tirato", der erste Vorläufer der Nadelspitze, die durchaus von der Näherei herkommt und von dem Leinenstoff und den Verbindungsstäben abhängig ist. Bald werden die Fäden in beiden Richtungen ausgezogen (punto tagliato) und allmählich breitet sich die pikante Variation von leeren Stellen und stehengebliebenem Stofs über die ganze Fläche aus. Es entstehen Stern- und Netzmuster, die man „Reticella" nennt. Es sind noch schwere volle Stücke durchbrochener Arbeit, die uns entgegentreten. Die Ornamente sind zu Knoten geballt, die Farben des darunterliegenden Stoffes stechen wie breite Flecken hervor; bordenartig und dicht breitet sich die massige Kante aus. Leichtigkeit aber, göttliche tanzende Leichtigkeit, das ist die Sehnsucht der Spitze. Ein stetes Streben nach ätherischer Verklärung, nach Befreiung von allem Lastenden, Stofflichen, das ist ihre Geschichte, bis sie schließlich als blasser Schatten, ein wesenloser Hauch in das All emporschwebt ...
Im engen Anschluß an die „Reticella*, die mit der Nadel verfertigt wurde, bildet sich die K l ü p p e l s p i tz c. Ihr Maschengrund, von dem sich das Muster abhebt, besteht nicht ans lose verschlungenen und geschürzten Stichen wie bei der Nadelspitze, sondern aus kompliziert geflochtenen und gedrehten Fäden. So wird dem Fond alles Linienhafte, scharf Markierte genommen; statt der Knoten schimmert ein unergründlich feines, zartes Gewebe. Wir wissen nicht, woher diese frühesten Klöppellpitzen stammen, soviel auch die Legende an schönen Sagen und Namen berichtet, soviel Bücher auch darüber geschrieben worden sind. Allenthalben taucht die Technik auf mit jener Geschwindigkeit, mit der sich einmal reif gewordene Erfindungen ausbreiten. Doch die Nadelspitze bleibi zunächst hinter der neuen Schwester nicht zurück. Sie nimmt den Wettkampf um die Verfeinerung auf, sie ist ihr eine Zeitlang voraus, sie hält dann tapfer mit ihr Schritt, so daß man häufig einen Unterschied zwischen den beiden Arten kaum bemerken kann; endlich freilich erlahmt sie; die Klöppelspitze betritt allein jene herrliche und gefährliche Bahn, die zu einer höchsten Entmaterialisierung der Spitze führt, dann aber in einer Uebersteigerung und im künstlerischen Verfall endet ...
Ihre erste Blütezeit erreicht die Nadelspitze, schon von der Klöppelspitze begleitet und beeinflußt, in der venezianischen Rencf- spttze. Sie ist die schöne Blüte der italienischen Hochrenaissance, majestätisch voll, von einem reichen Spiel stark stilisierter figürlicher und pflanzlicher Motive belebt, die plastisch und kraftvoll hervortreten. Der Schatz der dekorativen Ornamente, der aus jeder Flächenbehandlung der Renaissance strahlt, schlingt auch bier seinen graziösen Reigen aus Mädchenleibern, Urnen, Blumen, Blüten und Ranken; die strenge Stilisiernng paßt die Linien mit dem feinsten Geschmack dem Stoff an. Eine solche Spitze war es wert, sich von dem dunkeln schweren Sammet des venezianischen Staatskleides wie ein ernster Fries abzuheben; sie ordnete sich den vollen Formen, den runden Linien in ihrer schlichten faltenlosen Ruße wundervoll ein. Doch bald kam auch in die venezianische Spitze ein weicherer, lebhafter Geist. Er drang herüber


