GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Nummer 96
Jahrgang (933
Montag, den (l. Dezember
Maria.
Von NovaltS.
Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt, Doch ketns von allen kann dich schildern Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, daß der Welt Getiimmel Seitdem mir wie ein Traum verweht. Und ein unnennbar süßer Himmel Mir ewig im Gemiite steht.
3d) klopfe an.
Adventsgedauken zu Bildern und Liedern.
Von Dr. Johannes G ii n t h e r.
Wir verdanken dem Maler Fritz von Uhde ein schlichtes, erschütterndes Kunstwerk und Menschenzeugnts: „Auf dem Äöege nach Bethlehem" — zwei Menschen aus dein handarbeiteudeu Volke, wie es die Eltern Jesu waren, zwei arme Pkeuscheii: sie mühen sich die Straße hin, die Schwangere, mit einem Uimchlagc- tnch notdürftig geivärmt, einen Henkelkorb in der Rechten, wird von Josef treusorgltch gestüht. ES gibt nicht viele Bilder, die io, wie dieses, nur das Wichtigste andeuten, Bewegung ausdrücken, cinsachstc und doch sinnvolle, snmboltsche Bewegung, und, mit wenigen Strichen den Betrachter sofort in eine Stimmung, in die rechte Erwartungssttinmnng, in die AdventSsttmmung einführe». Unter den zarten (Gedichten der ßiuth Schaumann findet sich eines, bezeichnet „Der Weg", von dem man meinen möchte, es sei zu diesem Bilde geschrieben:
„Es sank die Stadt Ein Wäldchen ivich, Joses führte so sorgentlich lind setzte seinen Stecken. Die Raben schwiegen überm Eis, ES hielt der Reis sich stumm am Reis Die Müde nicht zu schrecken.
Der Abend baute graue Wand, Joses sah eine blasse Hand Auf seinem Aermel klagen Bo» fernem Ort ein Dvrfhnnd bellt Die Stunde bebt, nie bat die Welt Sv schweren Gang getragen.
Die ganze Welt ist Gottes Haus — Josef sah nach de» Lichtern ans, Da siel der Schnee in Flocken Und rührte an das stille Paar. Des Himmels Tiefe aber war, Als läuten große Glocken"
In einem alten Gesangbuchverse wird gebetet: „... lehre mich die Wethnachtskunst!" Es gibt auch eine bestimmte Lebenshaltung, die man „Adventsknnsi" nennen könnte. Diese Adventskunst machen jene beide» Menschen offenbar: ans dem 'jhlbe llhdeS ist IosefS Kopf zusptnchövoll Marie» zugeneigt lwir sehe» die beiden Gestalten fast nur vvu hinten,' so ist daS Gesicht Josefs, aller Sentimentalität fern,unfern Blicken eutzogens und die Hand, die „deu Stecken setzt", weist geradeaus Und in dem Liede heißt es, die Welt habe geivtß so schweren Gang nie getragen, dann aber erfahre» wir, daß Josef nach de» Lichter» auSscha»t, daß Schneeflocke» das stille Paar anrühre», und daß »m sie lauter Glocken zu klingen scheinen. Und daS ist nun eben die AdventS- kunst: Sorgen haben und doch der Lösung gewiß sein, Kämpfen und doch hoffen, im Dunkeln sein und doch daö Licht erspähen, schon in der Schwere und Bangigkeit gesegnet sich fühlen, in der Prüfung der Berufung sicher sein — das ist AdventSknnst
Ein weitverbreitetes, mildes und doch sehr ernstes '.Hilft zeigt Jesus vor einem Hause stehend, an der Tür nnft »m Einlaß bitten. „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an." Advent heißt verdeutscht: Auluust. Jesu Ankunft. Nu» «icht bloß, sozusagen .geschichtlich' gefaßt, die Zett vor Jesu Geburt, da man ihn also erwartet, da man sein Nahen fühlt, sondern allgemetn-religtös
gefaßt: Jesu Ankunft, nämlich seine Verbindung, sein Zusammen- schluß niit öe»i Menschen, die große entscheidende LebenSver- cinigung Gott und Menschenseele, das große Wachwerden dcS irdischen Menschen für die Notwendigkeit: wer sein Leben, seine Arbeit, seine Ziele, seine Schicksale unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit erfüllt, nur der ist es inert, Pt en sch zu sein, nur der trägt das Leben, nur der kann zu einem Glück kommen, das über vorübergelieufteS und selbstisches Wohlbefinden erhoben ist: nur der ist auch ein Freund unter den Menschen, liebend und geliebt, helfend und gefördert, ein GemeinschastSglied, — und zwar sind daS dann Eigenschaften, die eine religionslose Moral nicht zuwege bringt. Jene Eigenschaften, begnadet wohl von vornherein angelegt, angelegt in jedem Menschen, müssen zum Wachsen gebracht werden und können nur zum Wachsen gebracht werden dadurch, daß der Ptensch urmächtig angerührt, ja mehr: durchströmt wird von einer Kraft, die höher ist als alle Vernunft, vvu der GotteS- kraft. Denn jenes Lieben, Helfen, Fördern, GenteiuschastSbilden ist nicht leicht, eS verlangt Opfer, Entsagung, Demut — auch gerade in dem alten Sinne deö Wortes: „Dienemut" — Folge- richtigkeit, Entschlossenheit, Treue, lind daS kann nur derjenige leisten, der durchströmt ist vom GotteSwille«. Denn der Gottes- wille hat es vermocht, daß der ilnschnldigste, Reinste und Größte für das, ivas er lehrte nnft auch Wort nm Wort lebte, in den Tvft ging. Hilft die Gestalt dieses Größten bildet denn auch — eigentlich ganz selbstverständlich — die Mittlung zwischen Men- scbenkrast und segnender, ivachStumsschasfeuder Gotteskraft. Diese Gestalt klopft oii. Die Ankunft, der „Advent", dieses Ntittlers ist wichligste Zeit für unser Leben. Ein, dichterisch wohl nur tetl- wetfe bedeutendes, aber predigend, naiv, elirlidi, allgemetnverständ licheS und darum tief eindringliches Lied Karl Geroks sucht diese Tatsache in Worte zu bringen. Darin heißt es: .
„Ich klvpfe an!
Klopft dir dein Herze mit?
O, hör aus deines Herzens Pochen, In deiner Brust hat Gott gesprochen! Ich klopfe an."
ES ist wohl so, daß de» Menschen, wenn er dieses Klopsen hört, eine Angst erfaßt, weil er angesichts des Zieles, für daS er sich entscheiden soll, feine Unzulänglichkeit feststellt. Die große Sehnsucht ergreift ihn, sich dahin zu ändern, daß die begnadeten Anlagen in ihm wieder frei werden. „Buße" ist mit unserem Worte „Besserung" nächstverwandt und drückt den in Tat umgesevten leidenschaftlichen Willen ans, jenen gottgefälligen Zustand der Seele herzustellen In solchem Sinne ist Buße, auch vvu dem Täufer Johannes, einer bezeichnenden Adveutöerscheinung, gepredigt, nicht wegzudenken aus der Adventskunst, die also auch ein großer „Stirb nnft Ätzerde" Prozeß ist. Valentin Thilos Lied „Mit Ernst, o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt, ist der innige, auch dichterisch nicht unbedeutsame Niederschlag dieser Empfindungen und Strebungen
Kinder, die sich auf Wethuachteu freuen, die bemüht sind, in dieser Zeit svlgsaw zu fein, Kinder, denen man, halb scherzliast, halb erzieherisch, halb heidnisch-abergläubisch, halb wohlgläubig- christlich, im voraus ein Teilchen eines Weihnachtsgeschenkes zeigt oder röt, ihren Schuh herauözustellen, daß Nikolaus etwas hin- eiulege, Kinder und kindhasle Leute, die deu Knecht Ruprecht spielen, fürchten und gernhabeu, sinnige Menschen, die tu den Wochen vor Weihnachten Tannenkräuze flechten, im Zimmer aufhängen und mit stillen Lichtlein zieren, Menschen, ftic nm Tage der Bar bara. am t. Dezember, Kirfchzweige ins Wasser setzen, ans daß sie zu Weihnachten blühen sie alle sind liebenswerte Sinnträger der Steigerung, der Berettnug, der Heiligung.
Im Krippenspiel des berühmten „Marionettentheaters Müuche- uer Künstler" ist die zarteste und gläubigste Szene die „Verkündigung Mariä". Mir jedenfalls ist es unvergeßlich, wie die kleine Maria, geduldig und so ihr Puppentum als lieblichstes Snmbol tragend, an ihrem Betpult fiele. Die Bibel erzählt von dem Gange der hoffenden Maria zur Elisabeth Sie trug bett Heiland — daS mußte ihrem Gauge einen ganz besonderen Nhtitbmus geben. Wenn man die innerlich strahlende Gehobenheit der Maria aus dem „Englischen Gruß" deS HolzbildmeisterS Bett Stoß, betrachtet, wenn mau das bekannte Gemälde Josef v. Führichs auf sich wirkett läßt, wenn mau 91 l l k e s Ptariengedichle liest und, wiederum, von Ruth Schaumann im (Gedicht „Maria in der Hossu ng" auf nimmt, dann mag mau, beseligt, etwas von diesem Rhythmus ahnen.


