Verschonen Sie uns damit! Jedes Dienstmädchen macht sich wichtig und schreibt eine Anerkennung an die Fabrik.

Nun ja", meint sie leichthin,hier sind unsre Jnseratfolgen aus Erfurt, Weimar und Braunschweig, in der allernächsten Zeit werden wir in die großen Zeitschriften eindringen. In acht Tagen wird Ihr Gebiet mit allen modernen Mitteln bearbeitet. Decken Sie sich ein, Sie haben für drei Wochen einen Ansturm der Käufe­rinnen zu erwarten." , .. . . .,

Das kann jeder behaupten. Wir Westfalen sind ein nnß- trauischer Menschenschlag. Wat de Boer nich kennt, freet er nich.

Die Braunschweiger tanzen auch nicht am Werktag. Hier unsre Absatzziffern von dort."

Kritische Blicke mustern die Tabellen und dann von neuem die Tuben und Schächtelchen, das sieht sich alles zum Ver­lieben an.

Meistens kann Rosemarie jetzt den Füllfederhalter hervor- zichen und eine Bestellung buchen, oder doch eine Kommission. Ist das ein Erfolg oder nicht? Der Irrweg ihrer Berufe hat zu einer neuen Station geführt, meilenfern von ihrer Ausbildung: sie ist Reisende geworden. Nicht ausdrücklich, nicht etwa auf Grund einer Abmachung: von jetzt ab sind Sie unsre Reisende.

Es wurde überhaupt nichts abgemacht.

Es ergab sich zwanglos aus den vielfachen Unterredungen mit Doktor Wagenschanz. Mehrere Wochen hindurch führte Rosemarie ein Doppelleben, sie versorgte Peter Schönleins Haus, sie er­freute ihn durch ihren unermüdlichen Eifer am Flügel. Und so­bald Peter für einige Stunden das Haus verließ, verreiste oder aufs Gericht mußte, ging sie hinüber in die Wagenschanz-Werke, suchte Schachteln aus und Briefbogen mit untadeligem Druck, sie wählte in den bestellten kunstvollen Entwürfen und prüfte die Angebote der Parfümerien für deneinzig richtigen" Duft, den man der Salbe Erotikon geben könnte.

Anton Wagenschanz lachte sie aus.Was sind das für lächer­liche Heimlichkeiten! Zahlt Herr Schönlein Ihnen etwas dafür, daß Sie ihm seine Suppe kochen? Sagen Sie ihm, er soll sich eine Magd nehmen."

Sie läßt ihn stehen.Das kapieren Sie nicht."

Oh! Ich bin gar nicht so schwer von Begriff."

Sicherlich hätte er sich auf die Dauer vergeblich bemüht, wäre da nicht dieser taubengraue Verführer, der jetzt in einer eigenen Wellblechgarage eine würdige und geräumige Unterkunft gefunden hat. Eines Nachts arbeitete Anton durch, er experimentiert mit allen möglichen chemischen Artikeln, will ein flüssiges Wachs zum Autoreinigen herausbringen, schon handelt es sich nicht mehr nur um Kosmetika. Am Morgen erstrahlte der Zweisitzer in einem noch nicht gesehenen Glanze, dieser Mann putzte im Morgen­grauen herum wie ein Früharbeiter, und als Rosemarie auf der Bildfläche erschien, wurde sie gebeten, mit Anton zum Mittagessen in den Harz zu fahren, irgendwohin, wo es mächtig staubt, sagen wir ins Vodetal.

Aber ich habe doch nicht soviel Zeit."

Hilst nichts, Fräulein Reubold. Ich muß herausbekommen, wie die Politur hält."

Sie überlegte, versuchte, ihren Peter zu benachrichtigen, und erwischte ihn endlich im Anwaltszimmer des Landgerichts.Wür­dest du mir erlauben, daß ich heute für ein paar Stunden fort bin?

Ich habe dir nichts zu erlauben oder zu verbieten, Rofe- marie, was soll's denn?"

Elli will mir ein Hauskleid schneidern, wir müssen Stoss einkaufen."

Peter wunderte sich.Hat Elli denn keine Arbeit?"

Sie zögerte.Ich glaube, in der Fabrik machten sie Nacht­schicht."

Brauchst du Geld?"

Nnein."

Er lachte gemütlich.Also zwanzig Mark dars's kosten."

Das war also die erste Lüge. Aber wie sollte man sich auch nur ein wenig aus diesen Bindungen befreien? Das einfachste ist immer sehr schwierig. Sie hätte gleich im Anfang zu ihm gehen sollen:Du, ich fahre so gern und kann mir hie und da in der Fabrik von Doktor Wagenschanz etwas verdienen, du siehst das doch sicher ein."

Die Fahrt ins Bodetal führte sie und Anton kreuz und quer über die höchsten Erhebungen des Harzgebirges, Kampf mit dem Berge und adlerhaftes Hinunterstoßen in die Schluchten. Anton saß neben dem Mädchen und betrachtete voller Ruhe Rosemaries Nase, den schmalen Mund und das aufmerksam vorgestreckte Kinn. Allen Warnungen seiner Mutter zum Trotz, aber auf eine An­deutung Fräulein Ncubolds hin, ließ er sichschon wieder" einen neuen Anzug bauen, in dem er schlanker erscheint und durchaus nicht mehr banernhaft. Eine unheimliche Macht liegt im Erfolge, irgend etwas glückt, nichts von Wichtigkeit, aber an die Stelle de« früheren Menschen tritt mehr und mehr ein gehäuteter, mit offenem Blick, der nicht mehr schräg unter den schwarzen Lidern hervorkommt. Wie viele aber mögen in dieser Zeit mit hängenden Schultern Herumlaufen, weil ihnen dieser unwichtige kleine Er­folg zum Aufmuntern versagt bleibt.

Man kann sagen, daß Anton jetzt vorwärts kommt. Ungefähr so. Seine Einnahmen steigen, aber feine Unkosten und Schulden klettern gleich ins Riesenhafte. Wenn er es aber bis jetzt schaffte,

warum soll es nicht glücklich weitergchen? Erst oben im Sattel sitzt man sicher.

Aber auf dieser Fahrt in den Harz hatten sie beide etwas von­einander, sie sein Auto und den Genuß seiner veränderten Hal­tung, er ihre Schönheit. Es kam hinzu, daß Antons Seele noch ein wenig unter der Griinkramtheke stand, jetzt bedeutete es für ihn zwar kein unerhörtes Wagnis mehr, Fräulein Reubold zu einem Ausflug einzuladen, aber dabei blieb es auch, er ging zu keinem selbstbewußten Angriff über, keine Andeutung davon, darum fühlte man seine Gegenwart angenehm kühl, aber auch ohne Hochmut. Im Stillen dachte Rosemarie, daß kaum je ein Mann einer Frau solche unerregte Gemeinsamkeit zu bereiten versteht, fischblütige Engländer vielleicht, aber wir sind ein zu hitziges Volk.

Es fügte sich abermals, daß die Seele der Klavierstimmerin Rosemarie Reubold sichtlich abstirbt, an diesem Tage wenigstens geschah es so, die Welt eröffnete sich mit leuchtenden Sommer- farben und mit einer gänzlich unbegrenzten Weite,' am Ende jener riesigen Ebene, auf die sie vom Brocken herunterblickten, rollt das Meer hinter dem braunen Luftwulst, man konnte es natürlich von hier aus nicht sehen, aber Schiffe schweben darauf, und man konnte sich unbegreiflicherweise wieder vorstellen, daß man sich vielleicht einmal eine Schiffskarte für große Fahrt lösen werde.

Nichts von Bedeutung ereignete sich an diesem Tage, es sei denn, daß Elli sich am Abend beschwerte, als die Lampen in der Mansarde schon lange ansgelöscht war.Ihr hättet mich übrigens mitnehmen können."

Ich glaube, Elli, Doktor Wagenschanz faßt diese Fahrt als Aröeit auf."

Genau so", klang es bissig aus dem Bett an der andern Wand. Gewiß, Elli besitzt nicht die anerzogcnen Eigenschaften ihrer Freundin, aber bis vor einigen Wochen war sie die erste in der Fabrik, für alles sorgend und an alles denkend und an allem beteiligt, Rosemarie dagegen drückte sich verzweifelt und arbeits­los irgendwo herum und tat die geringsten Dienste, nur um nicht so das Gefühl der Ueberflüsstgkeit zu haben.

Aber es machte sehr bald den Eindruck, diese Besuche in der neuen Fabrik würden zu einer planvollen Beschäftigung führen. Das Mädchen redet wie ein Buch", schwärmte der Kandidat,viel­mehr, es redet wie ein Inserat. Mir hat sie schon ein paar gute Stichworte geliefert."

Anton meinte bedächtiger:Wir können sie vielleicht brauchen, aber jedenfalls nur in geregelter Arbeit und nicht bloß, wenn Herr Rechtsanwalt Schönlein gelegentlich nicht Hinsicht.

Den Rest besorgte der Taubengraue.

Nun durchquert Rosemarie in sicherer Fahrt die Städte und saust über die Hügel des gesegneten Landes, in allem Sommer­glanz und unter den vom Regen herabgerissenen grauen August­wolken. Abgeerntete Stoppelfelder harren des Pfluges, Schlösser verbergen sich auf Waldkuppen, und im Westen lagert eine Nauch- maffe über dem Ruhrgebiet, an dessen Rande die uralten Städte mit gotischen Häusern und Domen ruhen. Sie fährt am frühen Morgen davon und sucht die Händler nach einem Verzeichnis auf, das Doktor Wagenschanz ihr gab, von Tür zu Tür, weiter, alles muß sehr schnell gehen, wir haben keine Zeit, Geschäftslady, die wir neuerdings sind, wir müssen fahren und viel Geld verdienen. Und wenn sie sehr lustig ist auf dieser einsamen Reise, so pfeift sie sich das lustige Allegro-Thema aus MozartsKleiner Nacht­musik".

Am Abend sucht Rosemarie eine Garage auf, zieht einen blauen Monteurkittel an und putzt ihren Wagen mit dem neuen Mittel von Doktor Wagenschanz, boshaft stehen hochherrschaftliche Chauf­feure im Kreise hemm und ärgern sich über dies forsche Fräu­lein, das ohne männliche Hilfe mit allem fertig wird, aber sie entschließen sich doch, den Wagen und die Karosserie zu bewun­dern, sie leihen sich Rosemaries Wachssprihe aus und probieren an ihren eigenen Fahrzeugen damit.Das geht ja großartig, Fräulein. Sagen Sie mal, wo gibt's denn das?"

Bei mir", erwidert sie, und von den Erstaunten notiert sie Bestellungen auf Probekauister und nimmt je eine Mark An­zahlung entgegen, als ob sie so etwas von jeher gewohnt fei. Im Hotelzimmer allerdings rechnet sie mit bedeutender Spannung zusammen, wieviel sie heute verdient hat, und zieht erstaunt ein Schnäuzchen, weil alles sich aus so ganz kleinen Beträgen zn- sarnmensetzt. Es bleibt immerhin ein Erfolg, so fürs erstemal.

Sie liegt in einem einfachen Bett und fühlt sich seit langem wieder glücklich, vielleicht war sie zu sehr dem wirklichen Leben ferngeblieben, in das sie jetzt mit verhängten Zügeln aufholt. An diesem einfachen Bett spielen heute keine Engel auf Geigen­saiten, ein traumloser Schlaf versiegelt augenblicklich die Lider.

Früh heraus und auf Tour. Und je mehr sie's in den Griff bekommt, wie man mit den Händlern zu reden hat, je bester sie die verschiedenen Arten unter ihnen kennenlernt, eine moderne Zoologin die Schwerfälligen, die Geizigen, die Smarten, die Höflichen, die Verbitterten, die Spießer und die eiligen Ge­schäftsleute, jene, die erst endlos daherreben, und die Knrzange- bnndenen desto mehr versteift sich^Rofemarie auf die Wagen­schanz-Erzeugnisse, als feien sie der Sinn der Welt.

(Fortsetzung folgt.)

'verantwortlich: Dr. Hans Thyriol. Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itäts-Duch« und Steindruckerei, L. Lange, Gießen.