burtstage hatte sich nur ein kleiner intimer Kreis um sie versammelt. Damals war sie schon schwerkrank, aber sie sprach nicht davon. Sie sprach überhaupt selten von sich. Sie lebte nur für ihren Mann. Sie hat selbst sehr feine Novellen geschrieben. „Aber mir bleibt ja dazu keine Zeit", sagte sie. Sie las seine Korrekturen, besprach seine Entwürfe mit ihm, er las ihr vor,' und wenn sie seiner Arbeit auch mehr bewundernd als kritisch gegcnüberstand, so muhte sie doch jederzeit für ihn bereit sein. Sic stellte ihre eigene Persönlichkeit ganz zurück für ihn. Und eines Tages, nachdem sie schon lange heimlich gegen ein Herzleiden gekämpft hatte, löschte sie still aus. Ich erfuhr es eines Morgens in Verdun ... Jemand rief es mir über den Tisch zu: Frau Sudermann ist tot ... Ich habe viel an ihr verloren.
Sudermann hatte sich schon seit dem Tode seiner Frau ganz von der Geselligkeit zurückgezogen. Er ging nur noch selten zu einem guten Freund zum Diner. Aber er war im letzten Jahre nervös, nicht mehr „fertig zu werden". Er kam wohl noch einmal vorbei auf einem Gang -durch den Grünewald, setzte sich und plauderte,- aber er kam nie mehr zu einem Tee-Empfang zu mir. „Die vielen Menschen, das vertrage ich nicht mehr", sagte er. Er sah dabei frisch aus wie ein Fünfziger. Er lebte sehr regelmäßig und mäßig, achtete immer auf seine Gesundheit und — auf sein Herz, das in letzter Zeit nicht mehr intakt war ... Im letzten Sommer zog er sich, statt große Reisen zu machen, auf sctn stilles Blankensee zurück, in die Mark, die er liebte wie seine ost- preußische Heimat. Aber er lud keine Gäste mehr zu sich ein, wie sonst. Nur wenige besuchten ihn noch dort ...
In Blankensee feierte er am 30. September 1928 zum letzten Male seinen Geburtstag. Aber er feierte ihn ganz still, er lud niemanden dazu ein; Privatbricfe las er kaum noch in der letzten Zeit. Er wollte nicht mehr gratuliert werde«. Kurz darauf bekam er den ersten Schlaganfall, die linke Seite war gelähmt. Er ließ sich ins Sanatorium fahren, sein Befinden besserte sich scheinbar; aber der zweite Schlag folgte bald. Nun wollte er nach Berlin zurück. Wurde ins Franziskuskrankcnhaus übergeführt, und bekam eine Lungenentzündung, an der er gestorben ist...
Ernte-Tag auf dem Gutshof.
Von Börries, Freiherrn von Münchhausen*. „Kommt wohl der Weizen rein vor Feierabend?" „Ich denke doch, wir schaffen's, Herr Baron! Das wär' doch traurig, wenn zum Erntefeste Ich meine Felder nicht ganz sauber hätte! Der Kühgründ ist schon drin, die Nelzige Mehr als dreiviertel leer — seit Mittag ist Auch Kaspar mit dem Hunger-Rechen draußen!" Ich schlendre langsam über meinen Hof...
Die Kühe kommen von der Weide heim, Schwerfällig wandelnd, als ob auf dem Rücken Sie tausendjährige Erinnerung Gemeinsam durchgelebter Menschheitstage Unsichtbar trügen. — Bei dem Haufen Klee Zögert ihr Zug, und mit dem nassen Maule Wirft eine, schlappt die an'dre, reißt die dritte Noch einen Leckerbissen sich hervor. — Wie springt der Junge — hui, die Weidenpeitsche! Hoch auf dem Klee, wie sinkt sein nacktes Bein, Das staubig-heiße, wohlig in die Kühle!
Ich fühl's ihm nach und kann's doch nicht genießen Wie er, weil ich an meinen Weizen denke, — Wir schaffen's nicht, zu dicht stand heute früh Noch auf den Feldern bis ans deutsche Holz Das unzählbare Heer der gelben Zelte. — Die Mägde treiben ihre Hühner ein Mit Rusen, Lachen, Schürzenscheuchen, Schrei'n, Und erst als siebzehn auf der Leiter wippen, Verzweiflungsvoll die kurzen Flügel schlagen, Wild gackern in Verzweiflung über die Welt, — Natürlich ist die Tür nicht aufgezogen Zum Hühnerstall!
Und als die Emma kommt,
Den Strick zu ziehn, stiebt alles auseinander, Und ganz von vorne hebt das Scheuchen an. Die Röcke wehen um die derben Waden , Und in den Blusen hüpft die Brust, wie sie Hierhin und dorthin übern weiten Mist Ihr Federvieh erneut zu Bette jagen.
So sind die Mädchen! Ja, so waren sie: Spektakulös, unvorbedacht und feixend, Solang ich denken kann!
Doch aus der Scheune,
Wo triefend unsre braunen Knechte grad Ein neues Fuder kunstgerecht verbansen, Fliegt her ein Scherz, und schnippisch kommt die Antwort, Und Necken hin und her bezeugt mir deutlich. Daß sie doch mancher gern hat, wie sic sind!
* AuS Münchhausens „Idylle n", die soeben im Verlag Albert Langen / Georg Mueller, München, neu erschienen sind lKleine Bücherei, Band 21), entnehmen wir mit freundlicher Erlaubnis des Verlages folgende Verse, die ein Bild geben von der Anmut und Lebensfreude dieser heiteren Gedichte.
Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Walker Julius B l o e m (GDS).
(Fortsetzung.)
Anton trumpft nicht auf. „Es war vielleicht ein Glück für mich, daß ich nur nach vorne Raum hatte, weil es mir früher nicht widerlicher gehen konnte."
„Andere nennen das ein Unglück."
„Soviel Sie wollen. Natürlich kann ich eine Menge falsch machen. Natürlich kann das da", er wirft seine Hand gegen den Barackenplatz, auf dem zwischen Regengetrommel und Plätschern der Dachtraufen die Hammerschläge der Zimmerleute klatschen, „natürlich kann das da eines Tages zwangsweise versteigert werden."
„Damit rechnen Sie?"
„Natürlich! Aber ich kann nicht zwangsweise versteigert werden, und wenn das hier zu Ende gehen sollte, so fängt etwas anderes von vorne an."
Diese Bereitwilligkeit, in all und jedem Fall obenauf zu bleiben, imponiert zwar, doch Schönlein kann sich eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen. „Sie haben sich auf ein eigentümliches Betätigungsfeld begeben, Doktor Wagenschanz, wo unkontrollierbare Zustände herrschen. Wenn Sie sich mit Anilinfarben oder mit photochemischen Waren beschäftigen, so wären Sie nach zwei Wochen von der Konkurrenz zerquetscht."
Nörgelei!
„Die propagandistischen Fähigkeiten werden auch für Anilinfarben und für photochemische Artikel geschätzt, Herr Schönlein. Aber wie, wenn Schönheitskremes, Rasierpillen und Eishaarwässer für mich nur ein Sprungbrett sind, und wenn in zehn Jahren hier oder anderswo eine große Fabrik steht, die sich mit der Herstellung der von Ihnen bevorzugten Artikel befaßt?"
„Mit solchen Möglichkeiten rechnen Sie also auch ..." „Jawohl, Herr Schönlein. Darum das Ganze."
Sie begeben sich in Antons Laboratorium, das einen wahrhaftigen Schreibtisch erhalten hat, und auf der Seite ertönt das Ticken einer Schreibmaschine. Schönlein glaubte Elli hier zu finden, doch zu seiner großen Verwunderung bemerkt er ein spitzes Altjungferngesicht, das horubebrillt zu ihm aufblickt. Vor einigen Monaten diktierte Peter die Schreibereien der Hausfrauenausstellung in die maschinenhaft eilenden Finger. „Fräulein Aschenbrenner? Sie sind nun hier?"
Sie nimmt seine Hand. „Seit kurzem."
Für einen Augenblick wird Anton Wagenschanz fortgerufen, Elli ist es, die ihn holt, alles in Hast, Hochbetrieb, nur ein schneller Blick an Schönlein, ach, da sind Sie, sagt der schnelle Blick, und der Mund kräuselt sich ein wenig. Schönlein richtet ein paar höfliche Frage an Fräulein Aschenbrenner. „Haben Sie sich verbessert, liebes Fräulein, sind Sie zufrieden?"
Sie läßt abgehetzt die Schultern fallen. „Es ist immer dasselbe, Herr Schönlein, es geht immer irgendwie weiter. So lebt man, aber man weiß nicht warum."
Er erwidert, es könnten doch bessere Zeiten kommen.
„Ob hier oder an einem andern Pult, Herr Schönlein, es bleibt sich gleich. Ich habe etwas gelernt, was viele können."
„Ich habe Ihre Tüchtigkeit nicht vergessen, Fräulein Aschenbrenner."
„Tüchtigkeit, ja. Aber wozu? Ist es genug, daß ich mich am Leben erhalte? Aber entschuldigen Sie, ich mutz arbeiten."
Der Anwalt mustert das Laboratorium. Auf dem befleckten, sehr großen Arbeitstisch stehen Seifenproben in Schälchen, dazu viele Flaschen mit Parfüms, und unter jeder schaut ein Zettel hervor, der mit großen selbstbewußten Schriftzügen beschrieben ist. „Finde ich nicht gut", lieft Peter aus dem einen, „die Sorte 3 gibt viel mehr Schaum und nimmt den Oelschmutz besser fort —" Es trifft ihn wie ein Stoß aufs Herz, diese Schrift stammt ohne den mindesten Zweifel von Rosemaries Hand. Erst gestern schrieben ihm die gleichen Buchstaben, Rosemarie sei krank. „Was hat denn Fräulein Reubold mit dieser Fabrik zu tun?" fragt Peter, ohne daß der Klang feiner gleichmäßigen Stimme in der Erregung zittert, die fein Gesicht verrät.
Die arbeitende Sekretärin blickt nicht auf. „Sie ist mit Doktor Wagenschanz' Auto unterwegs nach Westfalen, wo sie eine Reihe von Grossisten für unsere Fabrikate bearbeitet. Sie macht das sehr geschickt."
Bei den Grossisten und den größeren Drogerien fährt eine junge Dame vor, mit einem fabelhaften Wagen, man nimmt ihren Besuch höflich und mit einigem Erstaunen an, man wird von Reisenden überlaufen, auch wenn sie nicht so up to date aus- fehen, die Bereitwilligkeit zum Einkauf ist gering. Die junge Dame öffnet ihr Stadtköfferchen, Schächtelchen und Tuben in blauen und silbernen Farben kommen zum Vorschein, Breite modische Verschlüsse und Plomben prunken. Das sieht sehr hübsch aus, die junge Dame ist darauf sehr stolz; denn sie war es, die un Auftrag der Wagenschanz-Werke mit Kunstgewerblern Verbindung suchte, und sie wählte die Entwürfe. Wirklich sehr hübsch. Zwei oder drei Käuferinnen haben wohl auch schön danach gefragt, aber wer bürgt dafür, daß das unbekannte Zeug etwas taugt? „Wenn man so aussieht wie Sie, meine Dame, daun ist es leicht, ein Schönheitsmittel zu rühmen."
Rosemarie lächelt mit ihren weißen Zähnen. „Alles Kunst!"
„Na, na!" „, ,r
„Hier ein Prospekt mit Anerkennungsschreiben."


