nd ein größeres Wissen um die dingliche Sphäre des bäuerlichen Lebens. Sic vermögen ebensowenig das Ganze au«zuiagen wie die mythisierende, archaisierende Bauerndichtung aber itc tunöen das Bild nach der anderen Seite und treiben ans ihre Wetze den Prozeß der dichterischen Begegnung mit-der bäuerlichen Wel We®er Gesamtanblick der ländlich-bäuerlichen Dichtung ist ver­wirrend und vielfältig genug. Die Spannung zwischen Mythos und Gegenwartswelt bedingt tiefe Unterschiede in Geist und Ge­staltung und zu dieser vertikalen Spannung kommt noch die horizontale der stammhaften und landschaftlichen Gegensätze. Wi deutlich unterscheidet sich die herbe, wortkarge, grubleriWe Art öes Mecklenburgers Griese von der bildkrästigen, sinnlich-plctzti- schen Darstellung des österreichischen Bajuvaren Billinger, welche Klüfte von Fremdheit trennen die mystisch durchgluhie Ostmteußcn- welt Wicchcrts von den oberschlesischen Schelmenstreichen Kaczma­reks wie August Scholtis ste ausgezeichnet hat, und die baye­rischen Dorgeschichten von Oskar Maria Graf. Und es ist mehr als der Unterschied von katholischer und protestantischer Religiosi­tät was den Weg von den einfältig frommen ^Spielen Max Mells zu den zerquältcn Dramen von Alfred Brust so weit '"^Man kann noch viele Namen nennen, in denen ähnliche Gegen­sätze sichtbar werden: da sind Mechow und Reina ch er, Blunck und Alverdes, Kramer und Waggerl, von Aelteren Wilhelm Schäfer und Stehr. Aber die Werke dieser Dichter sind das Zeugnis einerbäuerlichen Renaissance,, die auf vielen Wegen und Ebenen doch zu demselben Ziel hinstrebt, zu einer vertieften, echteren, innigeren Darstellung der ältesten Welt unseres Dascinsraumes, zu einem neuen Verhältnis zu Blut und Boden, zu einer seelischen Verjüngung und Reinigung durch das Anknüpfen an die uranfänglichen Dinge. Und obgleich diese Be­wegung noch keineswegs abgeschlossen ist, obgleich wie vielleicht erst an ihren Anfängen stehen, müssen ihre Ergebnisse schon heute Erstaunen wachrufen: denn was bei Billinger, bei Griese, be, Mechow, bei Scholtis, Kramer, Waggerl und vielen anderen durch­bricht, steht den Ursprüngen und der Wirklichkeit des bäuerlichen Lebens näher als alles, was seit Grimmelshausen in Deutschland geschrieben wurde. ...

Diese Dichtungen werden die Zerrissenheit und Problematik der bäuerlichen Gegenwartswelt nie ganz verleugnen und über­winden können, und die natürliche Geschlossenheit der frühen ger­manisch-deutschen Schöpfungen bleibt ihr versagt. Aber es erweist bas Maß ihrer Größe und Bedeutung, daß sie uns heute in un­serem schmerzhaft wachen Jahrhundert, die verschütteten Tiefen des bäuerlichen Fühlens wieder zu erschließen vermag. Das Lob des Landes, das in diesen Dichtungen gesungen wird, entspringt keiner träumerischen Romantik ohne Verpflichtung: es kommt au« echtem Wissen und echter Erfahrung, die das Schwerste und das Schönste in gleicher Weise umfaßt.

Erinnerunaen an Sudermann.

Von Liesbct Dill.

Meine Bekanntschaft mit Sudermann liegt viele Jahre zurück. Ich ivar von Saarbrücken nach Berlin gekommen nut meinem ersten Roman. Ein großer Verlag hatte ihn abgelehnt, weil erin ein Familienblatt nicht passe". Ich sollte ihn, um­ändern und wußte nicht, wie man bas macht. Ich fuhr von einem Verlag zum anderen, keiner wollte ihn auch nur lesen. Es schreiben jetzt so viele junge Damen Romane, sagte mir ein ganz großer Verleger, und führte mich in einen Saal, wo mich hohe Bücherregale voller Bücher vorwurfsvoll anstarrten. Alles noch unverkaufte Romane, fügte er lächelnd hinzu. Ein anderer schickte mich zu einem Verlag, der sichfür junge Autoren interessiere . Das war mein Fall. Ich fuhr dorthin, aber der Herr hinter dem Schreibtisch erklärte mir, ich käme zu spät, sie lösten heute gerade ihren Verlag auf. Da war es mit meiner Fassung zu Ende; ich sank aus einen Stuhl und weinte ... Der Verleger suchte mich zu trösten. Er nannte mir Namen großer Künstler, die alle auch jahrelang gerungen hätten, bis man sie gedruckt hätte.Denken Sie an Sudermann; der hat sieben Jahre seineFrau Sorge" in seinem Schreibtisch liegen gehabt." In diesem Augenblick betrat, wie auf der Bühne, wo der Betreffende immer im rechten Augenblick erscheint, ein großer Herr das Reöaktionszimmer; es war Hermann Sudermann. Und der Verleger stellte mich ihm lächelnd vor, mit einer Handbewegungeine junge Schriftstellerin in Tränen" ... So haben wir uns kennengelernt ...

Auch Sudermann hat meinen ersten Roman nicht gelesen. Ich war damals zwanzig Jahre alt. Ich habe zwar nicht sieben Jahre warten müssen, bis der für ein Familienblatt nicht geeignete RomanLo's Ehe" gedruckt wurde; aber als ich einige Jahre später in Alexisbad Frau Klara zufällig traf, freundeten wir uns an, und seitdem kennen wir uns ...

Als Sudermann sein Stadthaus in der stillen Bettinastraße im Grünewald einweihte, gab er ein schönes Fest. Es war ein glanzvoller Abend, mit rosengeschmückten Tischen. Jeder, den man dort traf, hatte einen großen Namen, war eine Berühmtheit, eine Persönlichkeit. Was macht die Arbeit?, war Sudermanns erste Frage, wenn wir uns sahen. Er war, im Gegensatz zu anderen Kollegen, immer interessiert an der Arbeit anderer. Nur durfte man ihn nicht damit belästigen ... Als ich ihm einmal mein fünfaktiges SaardramaDie Grenze" vorlegte, sagte er:Sehen Sie, beim fünften Akt hätten Sie anfangen müssen ..." Erarbeitete eigentlich immer. Er kam wohl auf eine halbe Stunde herunter zum Tee, dann entschuldigte er sich und kehrte zu seiner Arbeit

zurück. Er arbeitete gewiffenhaft, fleißig, unermüdlich, regelmäßig, ohne Pausen. Ich warnte ihn einmal:Weshalb machen Sie keine Pause?"Das kann ich nicht mehr", sagte er,das ist ein Luxus, den ich mir nicht mehr gestatte, sonst wird nicht alles fertig, was ich noch zu sagen habe ..."

Ist nun alles fertig geworden? Hat er alles, was er sagen wollte, gesagt? Man weiß es nicht ... Das Buch desSteffen Tromhold" war ein Bekenntnis, mit dem er sich frei ge­schrieben hat. Für die, die ihm fern standen, brachte es Ueber- raschungen, den anderen war es erschütternd zu lesen ... Mit eurer fast grausamen Offenheit hat er ein Stück seines Lebens prei«- gegeben, ohne Schminke, ohne Retusche ... DieErinnerun­gen a u s m e i n e m L e b e n" schließen leider bereits mit seinem 26. Jahre.Weshalb geht es nicht weiter?" fragte ich ihn. - Weil die meisten, die später in meinem Leben vorkamen, heute noch leben", sagte er.Sie würden vielleicht gekrankt sein, daß ihr Porträt so ähnlich ist ..." Der zweite Band soll 80 Jahre nach seinem Tode erscheinen. , o. ,, . .

Ich las das Buch noch in denFahnen", im Liegestuhl in der Sonne, umduftet von Rosen und umschwebt von Schmetterlingen, unter den alten Bäumen seines Parks ... Wie waren die Abend­stunden schön auf S ch l o tz V l a n k e n s e e, seinem Sonnen chlotz in der Mark, wenn der Herbstwind draußen die letzten Blatter zusammenfegte, der Regen gegen die Scheiben prasselte, in der Halle das Kaminfener brannte und Sudermann etwas vorla«, einen Akt aus einem neuen Schauspiel, ein ungcdrucktes Stuck Roman im Manuskript. Vor Tisch pflegte er eine Stunde in seinem Kahn nach dem stillen, schilfumstandcnenSchwarzen See hinauszurudern. Dann erzählte er ans seinem Leben, und sagte. Das ist etwas für Sie. Daraus können Sie eine Novelle machen. Ich fragte, warum er das nicht selbst täte?Ach, das liegt mir nicht", meinte er.Ich schenke sie Ihnen." Er konnte reizend er­zählen, mit soviel Humor. Einmal gingen wir abend« spazieren, gleich hinter seinem Park begann der Kiefernwald, die sandige Ebene, die das Haus umstand ... Eine Geschichte aus seinem Leben begann:Als ich dreiundzwanzig Jahre alt war, hatte ich eine Geliebte, die mochte ich nicht. Man mag seine Geliebten ja meistens nicht ..." Ich habe diese Novelle später ziemlich genau so niedergeschrieben, wie er sie erzählt hat, an jenem stillen abcnb= liehen Gang durch die violettschimmernden Walder ... Er hatte einen KanarienvogelHänschen", der immer.neben ihm saß. ..sor­gens stand sein Käfig neben dem Fruhstucksttzch; Punkt halb neun Uhr mußten wir alle unten sein, in dem großen Spcisesaal mit dem alten grünen Kachelofen und den dünnen Beinen und der grünen Flämme. Manchmal war Hänschen feinem Käfig ent­flohen, dann mußten wir ihn fangen. Einmal im Sommer kam ich an und fand den Käfig leer. Hänschen war gestorben und lag begraben im Park. Sudermann war sehr traurig darüber.So verläßt uns ein Freund nach dem anderen." .

Seine Gattin Klara, die blonde Königsbergerin, hat er als Witwe geheiratet. Sie brachte drei Kinder mit in die Ehe: eine Tochter, die sich später verheiratete, einen Sohn, den Dramatiker Rolf Lauckner, der mit einer Malerin verheiratet ist; das dritte Kind verunglückte ganz jung in Dresden. Sudermann hat nur eine eigene Tochter, die mit einem Major Frentz ver-

Fra,/Klara verstand es, ein großes Hans zu machen und Kameradin eines berühmten Dichters zu sein. Es war nicht immer leicht. Mit Schwierigkeiten, wie mancher andere Künstler, hatte sie nicht zu kämpfen; aber sie hatte einen Mann, der gefeiert, ost nervös, ein Künstler war, von Stimmungen abhängig ... Wenn er sich in sein Studierzimmer zurückzog, durfte keine Störung ihn davon abhalten. Und alles hielt sie ihm fern, seine Frau.

Er hatte das Gut Blankensee vom Herrenhaus und dem Park abgetreunt und bewohnte nur das alte Haus während des som­mers. Manchmal verbrachte er auch ein paar Winterwochen in verschneiter Einsamkeit dort.Einsamkeitsrausch, wissen Sie, wc>« das ist?" sagte er einmal ...Wenn alle Lampen brennen, alle Feuer flackern und man allein ist, ganz allein, in einem großen, todstillen Aaufe, um das der Schnee weht ..." Er hatte den ver­wilderten Park mit Plastiken und blumengefüllten Vasen, die er von seinen italienischen Reisen mitbrachte, geschmückt; die Allee schloß ein wundervolles Alt-Würzburger Tor ab; er sammelte Bilder, antike Möbel; er hatte Kunstsinn und Geschmack; in sein" klmgebung war nichts unschön oder wertlos ... Der Park hatte so viel Stimmung, so viel Poesie ... Er führte ein Tagebuch, worin er peinlich genau jeden Tag einschrieb, was sich ereignet hatte. Er las uns öfter daraus vor. Es war sehr amüsant ... Wozu Sie alles Zeit haben", sagte ich. Aber ermachte sich Beit". Er las wenig. Wenigstens keine moderne Literatur. Das lenkt mich ab, meinte er. Er hattet dieRheingrenze", stellten wir einmal fest. Da, wo meinStoffgebiet" beginnt Frankfurt am Main, amTor zu dem Westen", endete das seine. Ihre welt­lichen Stoffe liegen mir nicht, sagte er.

Er lebte pünktlich, war Frühaufsteher, lebte ganz pedanttlch, arbeitete regelmäßig nach der Uhr und ging früh schlafen, um zehn Uhr mußten die Lampen im Salon ausgedreht werden m Blankensee. Das Schloß hatte kein Gas und kein elektrisches Licht- Nur Spiritiislampen. Im Kriege, als es an Licht mangelte, lua er mich nach Blankensee ein. Ich antwortete:Ich tarne gern fürchte mich aber sehr im Dunkeln."Keine Angst", schrieb er au« Heiligendamm,kommen Sie nur, ich spare schon Kerzen für ®te.

Seine Gesellschaften waren immer reizend und anregend. C- war das gastfreieste Haus, das ich kenne. Sudermann war anspruchsvoll in jeder Beziehung; er war nobel, ritterlich, um­gänglich und liebenswürdig. Frau Klara war eine großartige Hausfrau, von der man nur lernen konnte. An ihrem letzten u